BERLIN. Der Digitalpakt stößt vielerorts an strukturelle Grenzen – doch es gibt auch Beispiele, die zeigen, dass es anders geht. In seinem Buch „Hummel sein – Digital Pakt Schule“ beschreibt der leitende Kommunalbeamte Norman Jahn, wie Kommunen und Schulträger trotz schwieriger Rahmenbedingungen Lösungen finden. Der folgende Auszug, den wir im Vorfeld der Bildungsmesse Learntec (nächste Woche in Karlsruhe) bringen, zeigt konkrete, erfolgversprechende Ansätze aus der Praxis: von Kooperationen über klare Standards bis hin zu neuen Rollenverständnissen.

So groß die Probleme des DigitalPakts auch sind – es gibt Kommunen und Landkreise, die gezeigt haben, dass Digitalisierung gelingen kann, ohne dabei an den eigenen Grenzen zu zerbrechen. Auffällig ist dabei: Es sind selten die mit den meisten Fördermitteln, sondern die mit den klarsten Entscheidungen, dem größten Pragmatismus und dem Mut, Verantwortung zu übernehmen.
Diese Akteure haben gemeinsam: Sie haben aufgehört, auf perfekte Rahmenbedingungen zu warten. Sie haben akzeptiert, dass nicht alles bis ins letzte Detail geregelt sein kann – und einfach angefangen. Die folgenden Beispiele zeigen, dass es Wege aus der Sackgasse gibt, wenn Strukturen neu gedacht werden.
Best Practices – Erfolgsbeispiele aus der Praxis
Interkommunale Zusammenarbeit Gerade kleine Kommunen stoßen bei der Digitalisierung schnell an ihre Grenzen. Auf sich allein gestellt fehlt es an Personal, Fachwissen und Verhandlungsmacht gegenüber Dienstleistern. Erfolgreiche Regionen haben erkannt: Zusammenarbeit ist kein Verlust von Autonomie, sondern ein Gewinn an Handlungsfähigkeit. Durch interkommunale Kooperationen lassen sich: IT-Administrator:innen gemeinsam finanzieren, zentrale Ausschreibungen organisieren, einheitliche Standards etablieren, Support professionalisieren.
Beispiel 1: Gemeinsames Medienzentrum in Bayern Mehrere Nachbarkommunen in Bayern gründeten ein gemeinsames Medienzentrum. Dieses übernimmt für alle Schulen: Geräteverwaltung, Nutzerkonten und Support bei Störungen. Für die einzelnen Gemeinden bedeutet das: geringere Kosten, klare Zuständigkeiten und spürbare Entlastung der Schulen. Lehrkräfte wissen, an wen sie sich wenden können – und bekommen Hilfe.
Beispiel 2: Kleine Kommunen treffen großen Kreis Zwei kleinere Kommunen (jeweils rund 30 Schulen) schlossen sich mit einem großen Landkreis (rund 100 Schulen) zusammen und schrieben gemeinsam Präsentationsmedien aus. Ergebnisse: deutlich günstigere Preise, hochwertige, einheitliche Ausstattung, identische Hardware an allen Schule. Ein zusätzlicher Vorteil zeigte sich im Alltag: Lehrkräfte, die die Schule wechselten, fanden dieselbe Technik vor. Einarbeitungszeiten entfielen, Frust sank, Akzeptanz stieg.
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Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Professionalisierung des IT-Supports. Statt IT „nebenbei“ mitlaufen zu lassen, haben einige Landkreise eigene IT-Servicegesellschaften oder zentrale Schul-IT-Abteilungen gegründet. Diese übernehmen dauerhaft: Benutzer- und Rechteverwaltung, Wartung und Monitoring der Netzwerke, Rollout neuer Geräte, First- und Second-Level-Support. Der entscheidende Unterschied: IT wird nicht mehr als Projekt, sondern als Betriebsaufgabe verstanden.
Beispiel: Landkreis mit eigener Schul-IT Ein Landkreis gründete eine eigene IT-Serviceeinheit ausschließlich für Schulen. Schulleitungen berichten seitdem: weniger Ausfälle, klare Ansprechpartner, keine Abhängigkeit mehr von einzelnen Lehrkräften – Digitalisierung wurde vom Störfaktor zum verlässlichen Werkzeug.
Klare Standards statt Wildwuchs
Viele Probleme entstehen durch maximale Freiheit ohne Struktur. Erfolgreiche Kommunen haben deshalb bewusst auf klare Standards gesetzt: einheitliche Geräteklassen, festgelegte Plattformen, zentrale Beschaffung. Das reduziert Vielfalt – aber es schafft Stabilität. Wichtig dabei: Diese Phase ist nicht endgültig. Sie gibt Schulen zunächst Orientierung, Sicherheit und Zeit. Erst wenn der Betrieb stabil läuft, kann Vielfalt gezielt und pädagogisch sinnvoll wieder zugelassen werden. Beispiel: Standard zuerst, Vielfalt später Eine Kommune führte zunächst ein einheitliches Tablet- und Plattformmodell ein. Nach drei Jahren, als Support und Infrastruktur stabil waren, durften Schulen in begrenztem Rahmen eigene Ergänzungen einführen. Ergebnisse: weniger Chaos, höhere Akzeptan, echte pädagogische Weiterentwicklung statt Technik-Frust.
Die erfolgreichen Beispiele zeigen: Digitalisierung scheitert nicht an mangelndem Willen, sondern an fehlenden Strukturen – und an Entscheidungsangst. Dort, wo Kommunen bereit waren: Verantwortung zu bündeln, Standards zu setzen, Kooperation über Kirchturmdenken zu stellen und einfach anzufangen… dort ist Digitalisierung nicht perfekt, aber funktional. Der entscheidende Unterschied ist nicht das Geld – sondern der Mut, vom Projektdenken zur Daueraufgabe zu wechseln.
Kooperationen mit externen Partnern
Ein weiterer Weg aus der Sackgasse liegt in der bewussten Öffnung nach außen. Einige Kommunen haben erkannt, dass sie die digitale Transformation nicht allein stemmen müssen – und auch nicht sollten. Stattdessen bauen sie tragfähige Kooperationen mit externen Partnern auf: Unternehmen, Hochschulen, Start-ups und IT-Dienstleister. Diese Kooperationen folgen einem klaren Prinzip: Kompetenz teilen, Verantwortung verteilen, langfristig denken. Lokale Unternehmen bringen technisches Know-howein, Hochschulen unterstützen mit wissenschaftlicher Expertise und Studierenden, IT-Dienstleister übernehmen klar definierte Serviceleistungen. So entsteht ein Netzwerk, das die Kommune entlastet, ohne sie abhängig zu machen.
Besonders erfolgreich sind Modelle, bei denen Bildung nicht isoliert betrachtet, sondern im Sinne des lebenslangen Lernens gedacht wird: Kitas, Schulen, berufliche Bildung und Hochschulen arbeiten gemeinsam an digitalen Lösungen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie wirkungsvoll das sein kann: Eine Kommune kooperierte mit einer regionalen Hochschule. Informatik-Studierende unterstützten Schulen im Rahmen von Praxissemestern bei der Geräteverwaltung und Nutzeradministration. Die Schulen profitierten von schneller Hilfe, die Studierenden sammelten Praxiserfahrung, und die Kommune gewann wertvolle Zeit. In einer anderen Region schloss die Verwaltung langfristige Serviceverträge mit lokalen IT-Unternehmen ab. Wichtig war dabei nicht der niedrigste Preis, sondern Verlässlichkeit, regionale Nähe und Kontinuität. Die Unternehmen wurden zu festen Partnern – nicht zu reinen Problemlösern auf Abruf.
Solche Kooperationen zeigen: Wenn Wirtschaft sinnvoll beteiligt wird, profitieren alle. Schulen erhalten Unterstützung, Kommunen bauen Netzwerke auf, und Unternehmen investieren in die Zukunft ihrer Region.
Schulen stärker einbinden

Ein zentraler Fehler vieler Digitalisierungsprojekte war, Technik „von oben“ zu beschaffen. Geräte wurden ausgewählt, ohne den Schulalltag ausreichend zu kennen. Die Folge: Fehlkäufe, Frust und ungenutzte Technik. Erfolgreiche Kommunen haben daraus gelernt. Sie binden Schulleitungen und Lehrkräfte frühzeitig und verbindlich in Entscheidungsprozesse ein. Nicht als Alibi, sondern als gleichberechtigte Partner. Kern dieser Modelle sind digitale Steuergruppen, in denen Verwaltung, Schulleitung und Lehrkräfte gemeinsam planen: Was wird wirklich gebraucht? Was kann realistisch betrieben werden? Was passt zur pädagogischen Ausrichtung der Schule? Diese Zusammenarbeit führt zu realistischeren Erwartungen auf allen Seiten.
Schulen verstehen besser, warum Verwaltung Zeit braucht. Verwaltungen verstehen besser, was im Unterricht tatsächlich funktioniert. Entscheidend ist dabei ein Perspektivwechsel: Die Kommune verlässt den starren Pfad der formalen „Nicht-Zuständigkeit“ und erkennt an, dass Digitalisierung nur gemeinsam gelingen kann. Wo Schulen ernsthaft eingebunden sind, steigt die Akzeptanz der Technik – und ihre tatsächliche Nutzung im Unterricht.
Forderungen an Bund und Länder
Auffällig ist: Die erfolgreicheren Kommunen sind nicht still. Sie machen strukturelle Probleme sichtbar und formulieren klare Forderungen. Nicht aus Jammern, sondern aus Erfahrung. Ihre Forderungen sind eindeutig:
- Einfachere Förderverfahren. Weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, klarere Vorgaben. Digitalisierung verträgt keine jahrelangen Prüfprozesse.
- Dauerhafte Finanzierung von IT-Personal. Technik ohne Menschen istwertlos. IT-Administrator:innen müssen fest eingeplant und finanziert werden – nicht projektbezogen, sondern dauerhaft.
- Längere Förderzeiträume. Nachhaltige Planung braucht Zeit. Kurzfristige Programme erzeugen Aktionismus statt Qualität.
- Mehr Flexibilität in der Mittelverwendung. Kommunen müssen entscheiden dürfen, ob sie in Infrastruktur, Support oder Endgeräte investieren. Sie kennen ihre Bedarfe besser als jede Förderrichtlinie.
- Klare Kommunikationsplattformen. Verlässliche Aussagen, dokumentierte Entscheidungen, transparenter Austausch – statt widersprüchlicher Einzelinformationen.
- Systematische Nutzung von Best Practices. Was funktioniert, muss nicht jedes Mal neu erfunden werden. Erfolgreiche Modelle sollten übertragbar gemacht werden.
Diese Forderungen eint ein Gedanke: Vertrauen statt Misstrauen.
Die wichtigste Lehre aus allen erfolgreichen Beispielen lautet: Alleine schafft es niemand. Kommunen, die versucht haben, Digitalisierung isoliert zu bewältigen, sind an ihre Grenzen gestoßen. Erfolgreich waren jene, die Netzwerke aufgebaut haben: zwischen Kommunen, zwischen Schulen und Verwaltung, zwischen öffentlicher Hand, Wirtschaft und Wissenschaft. News4teachers
Das Buch von Norman Jahn „Hummel sein – DigitalPakt Schule“ lässt sich hier bestellen. Die Learntec findet vom 5. bis 7. Mai 2026 in der Messe Karlsruhe statt.
Hier geht es zum ersten Teil des Gastbeitrags von Norman Jahn, der darin die Probleme mit dem DigitalPakt beschreibt:









Schulträger – “träger” Steigerungsform von “träge”.
Käme es von “tragen” würden die Bildungsaffinen ja von Schulatlanten sprechen. Aber Atlanten braucht im Zeitalter digitaler Karten eh kein Mensch.
Ich LIEBE Steuergruppen. Amateure stochern im Nebel.
Dies hier liest sich wie die Anleitung zu einem sehr schlechten Produkt.
Ich kann nicht auch noch die Fehlleistungen anderer kompensieren.
Den Digitalpakt haben Bürokraten vermurkst.
Ich sehe mich daher GAR NICHT in einer “Steuer- bzw. Schlingergruppe”.
Schön, wenn man als Kommunalbeamter da die Muße hat.
Ich habe schon einen Beruf.
Tja, bei Lehrkräften ist das immer “Zusatzarbeit”. Bei den kommunalen Schulträgern würde niemand auf die Idee kommen, die entsprechenden Sitzungen zusätzlich zur normalen Arbeit also in der “Freizeit” zu machen (“Herr X, fahren Sie doch auf dem Weg nach Hause um 16:30 Uhr kurz bei Schule Y vorbei, die haben da eine IT-Sitzung, die wichtig sein könnte. Dauert bestimmt nicht länger als 2 Stunden. Morgen um 8 Uhr erstatten Sie mir dann hier pünktlich Bericht, das Protokoll können Sie ja heute abend schreiben.”)