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VBE-Umfrage zur Inklusion: Fast jeder Lehrer ist gegen die Schließung der Förderschulen

BERLIN. Die Mehrheit der Lehrer in Deutschland, genauer: 57 Prozent, hält die Inklusion, den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung also, grundsätzlich für sinnvoll – jedenfalls dann, wenn die finanzielle und personelle Ausstattung der Schulen in Deutschland dafür sichergestellt wäre. Immerhin 41 Prozent der Lehrer allerdings halten es selbst im Fall angemessener Rahmenbedingungen für besser, wenn Kinder mit einer Behinderung in speziellen Förderschulen unterrichtet werden. Die Schließung sämtlicher Förderschulen, wie von Inklusionsbefürwortern gefordert, lehnen sogar fast alle Lehrer in Deutschland (98 Prozent) ab. Eine Mehrheit (55 Prozent) plädiert im Gegenteil dafür, alle Förderschulen zu erhalten; der Rest ist für einen teilweisen Erhalt. Dies sind Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Instituts forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) – der ersten, die das Stimmungsbild unter Pädagogen zur Inklusion erfasst. Die Ergebnisse seien ein Alarmsignal an die Politik, so erklärte VBE-Vorsitzender Udo Beckmann.

Wird ein Kind mit Down-Syndrom an einer Regelschule genauso gut gefördert wie an einer Förderschule? Foto: Rich Johnson / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wird ein Kind mit Down-Syndrom an einer Regelschule genauso gut gefördert wie an einer Förderschule? Foto: Rich Johnson / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Tatsächlich lässt sich aus den Antworten eine harsche Kritik daran herauslesen, wie die Inklusion an den Schulen eingeführt wird. Beklagt wird insbesondere …

… eine schlechte Vorbereitung:

Die Mehrzahl der Lehrer, die an Schulen mit inklusiven Lerngruppen unterrichten, gibt an, dass die Lehrkräfte nur wenige Wochen (55 Prozent) oder weniger (5 Prozent) Zeit hatten, um sich auf das inklusive Unterrichten vorzubereiten. 22 Prozent geben an, dass die Lehrkräfte mehrere Monate (16 Prozent) oder länger (7 Prozent) dafür Zeit hatten. Nur 13 Prozent beurteilen das Fortbildungsangebot in ihrem Bundesland, um sich auf die Arbeit mit inklusiven Schulklassen vorzubereiten, als (sehr) gut. 77 Prozent der Lehrer beurteilen das Fortbildungsangebot hingegen als weniger (41 Prozent) oder überhaupt nicht gut (36 Prozent).

… zu große Klassen:

29 Prozent der Lehrer, die an Schulen unterrichten, in denen bereits inklusive Lerngruppen bestehen, geben an, dass die Klassengröße von inklusiven Klassen im Vergleich zu nicht inklusiven Klassen verkleinert worden sei. 65 Prozent geben dagegen an, dass die Klassengröße beibehalten wurde, 4 Prozent, dass die Klasse sogar vergrößert wurde.

… zu wenig Personal:

Fast alle Lehrkräfte (98 Prozent) halten eine  Doppelbesetzung aus Lehrer und Sozialpädagoge im Unterricht von inklusiven Klassen für erforderlich. Tatsächlich ist eine solche Doppelbesetzung schulrechtlich nicht zwingend vorgesehen.

… zu wenig Unterstützung:

Zwar geben 58 Prozent der Lehrer an Schulen mit inklusiven Lerngruppen geben, dass für Lehrkräfte an ihrer Schule, die in inklusiven Klassen unterrichten, Ansprechpartner zur Verfügung stehen, um fachlichen Rat einzuholen – aber immerhin fast ein Drittel, 32 Prozent, geben an, dass dies nicht der Fall ist. Als Ansprechpartner werden dabei vor allem Sonderpädagogen (60 Prozent) genannt. Nur wenige der Lehrer an Schulen mit inklusiven Lerngruppen geben an, dass es an ihrer Schule Maßnahmen zur Unterstützung bei der Bewältigung von möglichen physischen oder psychischen Belastungen durch die inklusive Unterrichtung gebe (7 Prozent).

… unzureichende Ausstattung der Schulen:

Eine knappe Mehrheit der Lehrer (52 Prozent) meint, ihre Schule sei überhaupt nicht barrierefrei. „Nahezu barrierefrei“, dies sagen 31 Prozent von ihrer Schule – und „vollständig barrierefrei“ lediglich 15 Prozent.

„Das zeigt, wie sehr die Politik die Lehrer im Regen stehen lässt. Die Rahmenbedingungen entsprechen nicht im Mindesten den Auflagen des Artikels 24 der UN-Behindertenrechtskonvention“, erklärte VBE-Chef Beckmann. Deutschland als Vertragsstaat sei verpflichtet zu wirksamen individuell angepassten Unterstützungsmaßnahmen, zur Einstellung von Lehrkräften und zur Schulung von Fachkräften auf allen Ebenen des Bildungswesens. „Von der Politik wird billigend in Kauf genommen, dass Inklusion vor die Wand gefahren wird. Die Schulwirklichkeit ist bestimmt durch fehlendes Fachpersonal an Regelschulen, zu große Lerngruppen, Mangel an passenden Klassenräumen, nicht vorhandene Barrierefreiheit, ungenügende Vorbereitung der Lehrer auf inklusives Unterrichten“, erklärte Beckmann.

Die Lehrer wurden offen und ohne Vorgaben danach gefragt, was aus ihrer Sicht für die gemeinsame Unterrichtung von allen Kindern mit und ohne Behinderung spricht. Am häufigsten genannt werden dabei die Förderung sozialer Kompetenzen der Schüler bzw. ein „Voneinanderlernen“ und die Förderung von Toleranz gegenüber Kindern mit einer Behinderung. Auch wird von einer gemeinsamen Unterrichtung die (bessere) Integration von Kindern mit einer Behinderung erwartet. Eine Zahl von Lehrern weist aber bereits bei dieser Frage nach den Argumenten für eine gemeinsame Unterrichtung auf mögliche Probleme hin wie zum Beispiel die Art der Behinderung, die Mittelausstattung der Schulen oder die Ausbildung der Lehrer.

Bei der – ebenfalls offen und ohne jede Vorgabe gestellten – Frage nach den Argumenten, die gegen eine gemeinsame Unterrichtung sprechen, werden sowohl grundsätzliche (pädagogische) Argumente genannt als auch solche, die sich auf die Ausstattung der Schulen und die Qualifizierung des Personals beziehen. Der häufigste grundsätzliche Einwand betrifft das Argument, dass eine individuelle Förderung beider Gruppen bei einer gemeinsamen Unterrichtung nicht möglich sei. Weitere Argumente sind eine Überforderung der Kinder mit einer Behinderung beziehungsweise die Benachteiligung der Kinder ohne eine Behinderung. Auch die Überforderung der Lehrkräfte wird als Gegenargument genannt. Unter den Gründen gegen eine gemeinsame Unterrichtung, die sich auf die Rahmenbedingungen beziehen, wird vor allem das fehlende Fachpersonal an Regelschulen und die dafür unzureichende Ausbildung der Lehrer genannt. Dann folgen die materielle und finanzielle Ausstattung der Schulen, die aus Sicht der Lehrer gegen eine gemeinsame Unterrichtung von Kindern mit und ohne Behinderung sprechen. Auch bei dieser Frage wird von einem Teil der Lehrer angemerkt, dass das Für und Wider einer gemeinsamen Unterrichtung auch abhängig ist von der Art beziehungsweise der Schwere der Behinderung eines Kindes.

Als Konsequenz aus der Lehrerrepräsentativbefragung fordert Beckmann: „Bund, Länder und Kommunen müssen Inklusion gemeinsam und mit tragfähigen Finanzierungskonzepten anpacken. Es muss Schluss sein mit der Praxis, die für Inklusion notwendigen personellen, sächlichen und räumlichen Ressourcen zu verweigern beziehungsweise unter Finanzierungsvorbehalt zu stellen. Bei der Inklusion darf es keine Verlierer geben.“ News4teachers

Zum Bericht: CDU und SPD streiten sich um Sinn von Förderschulen

Zum Bericht: Sprechverbot von der Bezirksregierung – Lehrerräte dürfen über Probleme mit der Inklusion nicht reden

8 Kommentare

  1. Ob das wohl gehört wird?

    • warum auch, der kämmerer hat die gesparten millionen berwits verplant …

    • Natürlich wird das nicht gehört. Seit wann bitteschön werden die gefragt, die wirklich Ahnung haben, also diejenigen, die die täglichen Probleme sehen und ausbaden, die die tägliche Arbeit machen?

  2. Ich nehm die Kinder mit Down-Syndrom und die Rollstuhlfahrer mit Kusshand. Schön, dass die immer wieder als Beispiele herhalten dürfen und hier für das Bild posieren. Zweifelsohne gibt es auch hier Schwierigkeiten in Betreuung und Unterricht, aber das sind doch nicht die super-problematischen Fälle und häufig bekommt man doch für diese diagnostizierten Erkrankungen sogar eine Integrationskraft.
    Problematisch sind die Kinder, die sich mehrmals am Tag dazu entscheiden, sich schreiend und um sich tretend auf den Boden zu werfen oder Kinder, die -ohne erkennbare Gründe- beißen, kneifen, würgen, ihre Bücher werfen und Papas Werkzeugkasten nach waffenfähigen Schraubenziehern durchsuchen, die sich mit allem, was zu finden ist, Waffen bauen und drohen alle umzubringen. Oder Kinder, die Laternenpfähle hochklettern und wie Tarzan auf Hausdächer klettern, aus Fenstern klettern und einfach weglaufen. Kinder, die weglaufen und sich verstecken statt den Raum zu betreten. Kinder, die sich ständig die Arme aufschneiden und drohen sich selbst umzubringen und allein deshalb nicht aus den Augen gelassen werden dürfen. Für diese Kinder gibt es weder Doppelbesetzung noch eine Integrationskraft noch sonst irgendeine Unterstützung. AO-SF ist ein Witz, wenn die Förderschulen geschlossen sind.

    • Gut und danke, dass Sie auf die Realität hinweisen. Das müsste viel häufiger geschehen. Nur so kapieren vielleicht die letzten, wie die verherrlichte Inklusionstheorie in der Praxis aussieht.
      Ist immer mehr Personal die Lösung? Kann es wirklich für ungestörten Unterricht sorgen?
      Eine Bekannte unterrichtet mit dem „Luxus“einer Doppelbestzung plus Sozialarbeiterin. Trotzdem herrscht Lärm, Unruhe und Chaos. „Noch mehr Hilfskräfte würden die Lage nicht entscheidend verbessern“, sagt sie.

      • Genau das sage ich auch immer. Natürlich geht zuvörderst der Ressourcenmangel ordentlich an die Substanz der Lehrkräfte. Aber selbst mit paradiesischem Personalbestand kann ich der Hardcore-Inklusion nichts abgewinnen. Die Berliner Philharmoniker üben auch nicht in einem unter Volllast laufendem Sägewerk, in dem zugleich auch noch Stahl gekocht wird. Im Klassenzimmer sollen aber zwei und nochmehr parallele Unterrichtsgespräche, Beruhigungen, Einwirkungen etc. keinen Einfluss auf die Arbeitsatmosphäre haben? Absurd.

    • Zitat: AO-SF ist ein Witz, wenn …

      Ist es doch jetzt schon, da die durchführung des feststellungsverfahrens nur mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten durchgeführt werden kann. Warum sollen Eltern den sonderpädagogischen Förderbedarf feststellen laassen, wenn sie ihr Kind im Nachhinein an einer Regelschule anmelden wollen?

      Verzichten sie auf die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs kommt ihr Kind automatisch auf eine Regelschule.

      Wer Spaß im unterricht erleben möchte, der nimmt 2 bis 3 Kinder mit festgestelltem oder nicht festgestelltem „Entwicklungsrschwerpunkt“ ESE in der Klasse auf …

  3. Zu der Umfrage las ich diesen Zeitungskommentar (kein Link):
    „Lehrer fühlen sich mit der Integration behinderter Schüler in Regelschulen massiv überfordert. Das war abzusehen…Die Befragten kritisieren vor allem zu große Klassen, nicht genügend Sonderpädagogen und mangelnde Fortbildungen.(…)
    Unterm Strich zeigt die Studie, was Pädagogen sich nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen trauen: Inklusion klingt in der Theorie zwar gut, kann in der Praxis so aber nicht gelingen. Es wäre schön gewesen, wenn die Befragten das einmal deutlich ausgesprochen hätten. Stattdessen schieben sie das misslungene Chaosprojekt Inklusion auf mangelnde Fortbildung, Überarbeitung oder fehlende Mittel.
    Kinder mit Behinderung sind keine Versuchsobjekte, an denen nichtbehinderte Kinder Mitgefühl üben dürfen. Und Mitgefühl und Anteilnahme werden auch nicht gefördert, wenn Kinder sehen, wie sich ihr Lehrer nur noch um „das besondere Kind“ kümmern kann. Dann enstehen höchstens Groll und Ablehnung.“

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