Startseite ::: Thema des Tages ::: Was müssen wir da eigentlich schaffen? Vorsitzender des Aktionsrats Bildung warnt: Geringes Bildungsniveau der Flüchtlinge gefährdet Integration

Was müssen wir da eigentlich schaffen? Vorsitzender des Aktionsrats Bildung warnt: Geringes Bildungsniveau der Flüchtlinge gefährdet Integration

HAMBURG. Flüchtlinge bereichern unseren Arbeitsmarkt. Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Zwei oft gehörte Schlagworte in der Flüchtlingsdebatte. Doch wie es um den Bildungsgrad der Flüchtlinge wirklich bestellt ist, weiß so recht niemand. Rund zwei Drittel von Ihnen seien im Grunde Analphabeten, vermutet der Vorsitzende des Aktionsrates Bildung, Dieter Lenzen. Nach Meinung Lenzens kommen auf Deutschland erhebliche Integrationsprobleme zu. Auch Integrationsprogramme an Hochschulen verliefen bislang ernüchternd.

Der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung, Hamburgs Uni-Präsident Prof. Dieter Lenzen, sieht wegen des Bildungsniveaus vieler Flüchtlinge erhebliche Integrationsprobleme auf Deutschland zukommen. Der Anteil von Hochschulabgängern etwa in Syrien sei innerhalb eines Altersjahrgangs mit 15 Prozent zwar annähernd gleich hoch wie in Deutschland mit 19 Prozent, sagte Lenzen. «Das Problem sind die 65 Prozent eines Altersjahrgangs, die nach den Pisa-Tests nur auf Stufe eins des Leseverstehens operieren können.»

Sie seien im Grunde Analphabeten und könnten keinen Busfahrplan lesen. Lenzen verwies dabei auch auf eine Studie des Volkswirtschafts-Professors Ludger Wößmann. Gleichzeitig kündigte er für Mai ein Gutachten des Aktionsrats zum Thema «Integration durch Bildung» an.

Für Sprachkurse im Hochschulbereich kommen auf Deutschland Kosten von rund zwei Milliarden Euro pro Jahr zu, rechnet Hamburgs Uni-Präsident Dieter Lenzen vor. Bild: Simon Fraser University / flickr (CC BY 2.0)

Für Sprachkurse im Hochschulbereich kommen auf Deutschland Kosten von rund zwei Milliarden Euro pro Jahr zu, rechnet Hamburgs Uni-Präsident Dieter Lenzen vor. Bild: Simon Fraser University / flickr (CC BY 2.0)

Der tatsächliche Bildungsgrad der nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge sei bislang weitgehend unbekannt. Allerdings ergäben Hinweise aus verschiedenen Quellen ein recht einheitliches Bild, heißt es in dem Beitrag des Leiters des Zentrums für Bildungsökonomik am Münchner ifo Institut, Wößmann, für die hochschul- und wissenschaftspolitische Zeitschrift «Forschung & Lehre».

Danach sei davon auszugehen, dass etwa zwei Drittel der Flüchtlinge aus den Hauptherkunftsländern keinen berufsqualifizierenden Bildungsabschluss haben. In Deutschland seien dies 14 Prozent, schreibt Wößmann, der ebenfalls Mitglied im Aktionsrat Bildung ist.

Zu anderen Ergebnissen war allerdings das Flüchtlingshilfswerk UNHCR gekommen. Während sich Wößmann im Auftrag der OECD PISA-Ergebnisse anschaute – und damit eine Betrachtung des durchschnittlichen Bildungsniveaus der syrischen Gesamtbevölkerung vor dem Krieg liefern konnte, hat das UNHCR Flüchtlinge selbst direkt an der türkisch-griechischen Grenze befragt. Mehr als vier Fünftel gaben dabei an, über ein Abitur zu verfügen, die Hälfte davon sogar über einen Hochschulabschluss.

Wieweit diese Zahlen auf die Flüchtlinge in Deutschland übertragbar sind ist fraglich. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) verfügten hier unter den Flüchtlingen 13 Prozent über ein Hochschulstudium, knapp ein Viertel über einen mittleren Bildungsabschluss und 58 Prozent über keine Berufsausbildung. Allerdings stammen die Zahlen aus dem Jahr 2013, Ergebnisse einer aktuell laufenden Erhebung will das IAB Ende 2016 vorlegen. Der Forschungsbedarf ist mithin noch immer hoch.

Doch selbst wenn man wie das UNHCR davon ausgeht, bei den Flüchtlingen handele es sich um die „Blüte ihres Landes“, besteht kein Grund, sich entspannt zurückzulehnen. (Einmal ganz davon abgesehen, was es für die Herkunftsländer der Flüchtlinge langfristig bedeutet, ihrer Bildungseliten verlustig zu gehen.)

Denn auch im Hochschulbereich selbst gebe es Schwierigkeiten bei der Integration von Flüchtlingen, führt Lenzen aus. Ein wichtiger Faktor seien die Deutschkenntnisse. Sprachkurse seien sehr teuer, kosteten für 25 Schüler rund 80 000 Euro im Jahr, sagte Lenzen. Auf ganz Deutschland umgerechnet seien dies rund zwei Milliarden Euro pro Jahr.

Und da Studierende für einen Hochschulbesuch mindestens über das zweithöchste Sprachniveau C1 des europäischen Referenzrahmens verfügen müssten – darüber gibt es nur noch die Stufe C2 mit «annähernd muttersprachlichen Kenntnissen» – «heißt das zweieinhalb Jahre Sprache lernen» – und zwar rund 20 Stunden pro Woche.

Ernüchternd ist bislang das im Oktober 2015 gestartete Programm der Universität Hamburg zur Integration von Flüchtlingen «#UHHhilft» verlaufen. «Von den 2900 (Flüchtlingen), die wir hatten, sind 60 unmittelbar immatrikulierbar gewesen», sagte Lenzen. Bei allen anderen gab es Hemmnisse, wobei Lenzen einräumte, dass die Universität daran nicht schuldlos sei.

So sei die Funktion der Hochschulen in Deutschland schlecht kommuniziert worden. Denn anders als in der Bundesrepublik folge das syrische Bildungssystem dem US-amerikanischen Muster. «Die gesamte Berufsausbildung, auch die eines Tischlers, findet im College statt», sagte Lenzen. Für die Universität Hamburg wiederum bedeutete dies, viele Flüchtlinge wieder wegschicken zu müssen.

Ebenfalls problematisch sei die Identifikation der Studierfähigkeit. Leicht sei es bei Leuten mit einem Bachelor-Abschluss oder jenen, die eine anerkannte Hochschulzulassung haben. «Da ist es einfach», sagte Lenzen. Danach werde es jedoch komplexer, etwa bei jenen, die ihre Papiere weggeworfen oder verloren haben oder einfach nur sagen, dass sie eine Hochschulzulassung hätten. «Da können wir keine Sonderregeln machen, weil die konkurrieren ja mit den anderen internationalen Bewerbern, die keine Flüchtlinge sind.»

Laut dem Gesetz über die Zulassung zum Hochschulstudium in Hamburg dürfen nach Paragraf 3, Absatz 1, maximal zehn Prozent der Studienanfänger Staatenlose oder Nicht-EU-Ausländer sein. Und das bedeutet: «Jeder Flüchtling, der einen Studienplatz hat, führt dazu, dass beispielsweise ein Chinese keinen hat», sagte Lenzen. (dpa)

• „Integration durch Bildung“ Beitrag von Ludger Wößmann in der Zeitschrift Forschung und Lehre

• zum Bericht: Jetzt doch: Syrische Flüchtlinge sind hochqualifiziert – neue Studie des UNHCR
• zum Bericht: Damit Schulen sich besser vorbereiten können: Bildungsstand von Flüchtlingskindern wird erfasst
• zum Bericht: Wegen Flüchtlingskindern: De Maizière kündigt Senkung von Bildungsstandards an

• Webseite des Aktionsrats Bildung

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*