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Immer mehr „Tyrannenkinder“ sprengen den Unterricht – Teil 2 des Interviews mit Prof. Leibovici

WIEN. „So viele Kinder wie noch nie zuvor verfügen mit dem Eintritt in die sogenannte Schulreife noch nicht einmal über ausreichendes Selbstmanagement, um überhaupt einem Unterricht folgen zu können, sind also schwer beschulbar“, sagt die Wiener Ärztin und Psychotherapeutin Prof. Martina Leibovici-Mühlberger – und sie macht als Ursache für die wachsenden Probleme ein Erziehungsversagen vieler Eltern aus. In ihrem neuen Buch „Wenn die Tyrannen-Kinder erwachsen werden“ beschreibt die Mutter von vier Kindern die Folgen für unsere Gesellschaft, wenn sich an der Einstellung der Erwachsenen nichts ändert. News4teachers sprach mit der renommierten Expertin. Teil zwei des  großen Interviews.

Hier geht es zu Teil eins des Interviews.

Immer mehr "verhaltensoriginelle" Schüler - versagen die Eltern?. Foto: Greg Westfall / flickr (CC BY 2.0)

Immer mehr „verhaltensoriginelle“ Schüler – versagen die Eltern?. Foto: Greg Westfall / flickr (CC BY 2.0)

Wie sind die „Tyrannenkinder“ von heute als Erwachsene drauf?

Leibovici-Mühlberger: Wie sie als Erwachsene „drauf sein werden“ ist leicht hochzurechnen und an vielen Beispielen auch aus meiner Praxis jetzt schon belegbar. Und wenn sie sich mit etwas Aufmerksamkeit umsehen, werden sie sicher auch in ihrem eigenen Umfeld an Hand der biographischen Entwicklungen der bereits halberwachsenen Kinder mancher Bekannter oder Arbeitskollegen ins Stirnrunzeln kommen. Da muss man nicht unbedingt in die Psychotherapeutische Praxis gehen. Dort sieht man einfach die Feinmechanik, die Systematik des Geschehens und den Entwicklungsweg im Längsschnitt und mit dem Scheinwerfer kritischer Reflexion angestrahlt.

Wie werden sie also drauf sein als Erwachsene? Frustriert zu werden und einen erlittenen Betrug zu realisieren, indem man spätestens als Jugendlicher und dann als junger Erwachsener in der harten Realität einer unbarmherzigen Konkurrenzgesellschaft aufschlägt, die sich einen Dreck um den früher zelebrierten Prinzen-/Prinzessinnenstatus schert, wenn es um Performance und Lohnauszahlung geht, tut weh und macht äußerst wütend. Wie würden Sie sich fühlen, wenn ihnen beharrlich Schilder aufgestellt werden, die sie in die falsche Richtung laufen lassen und sie kommen erst nach Jahren dahinter, dass die Streckenwärter ihren Job nicht richtig gemacht haben?

Grundsätzlich zeichnen sich dann verschiedene Muster in der Bewältigung dieser Situation ab: Manche geben einfach auf, sind wie ich es nenne „existenziell frustriert“, bunkern sich auf einem niedrigen Selbstanspruchsniveau was ihre eigene tatsächliche Selbstrealisation betrifft ein und warten im besten Fall darauf, die Eltern beerben zu können. Träume, Ziele existieren für sie nicht. Andere versuchen gänzlich aus dem System in oft sehr extremer Form auszusteigen und sich der Gesellschaft rebellisch zu verweigern, nach dem Motto: Von mir bekommt ihr gar nichts! Manche werden als Spiegelung des Systems zu extrem inhumanen Karrieristen als wollten sie sagen: Ihr habt uns instrumentalisiert und jetzt werden wir euch zeigen, was emotionale Kälte und Gewinnmaximierung bedeuten kann. Vor diesen wird man sich fürchten müssen. Und dann gibt es auch noch  einige, die sehr empfänglich für Führung werden, sei sie  extremer politischer oder religiöser Prägung, hauptsächlich es sagt endlich wer, wo es lang geht. Auf jeden Fall sind die meisten utilitaristisch in ihren Werten und weitab vom Kurs ihres wirklich Potenzials und vor allem davon, „leistungsstarke Beitragsproduzenten“ werden zu wollen, wie es sich die Politik immer so wünscht.

Welche Auswirkungen hat dies auf unsere Zukunft?

Leibovici-Mühlberger: Natürlich fatale, denn es handelt sich nicht mehr um ein paar wenige in ihrer sozialen Konzeption und den Persönlichkeitspartialen problematische junge Erwachsene! Die Antwort der „Tyrannenkinder“ wenn sie erwachsen sein werden, wird ihre Abwendung von der Vorgeneration und dieser Gesellschaft sein! Wenn das in größerem Maßstab passiert, bedeutet dies die Entkopplung der Generationsverbindlichkeit! Das emotionale Band zwischen Eltern und Kindern reißt. Als Erwachsene werden sich die ehemaligen verratenen Kinder nicht um ihre Eltern kümmern wollen, die Tyrannenkinder werden zeigen, welche Lektionen von emotionaler Unverbindlichkeit und Materialismus bis narzisstischer Selbstbespiegelung und Hartherzigkeit sie wirklich gelernt haben.

Und wie gesagt, wenn diese Haltung „mit den Alten wollen wir nichts zu tun haben“, dann von einer größeren Zahl von Menschen, die bereits in den Altersrang von Entscheidungsträgern aufgestiegenen sein werden, geteilt wird, entwickelt das gesellschaftsbildende, normierende Kraft. Da geht es dann handfest um die Verteilung von Ressourcen, den Umgang mit alten Menschen, Pflegeleistungen. Wie stellen sie sich eine Gesellschaft vor in der es keine unmittelbar gefühlte emotionale Verbindung zur Elterngeneration mehr gibt, in der Achtung und Respekt, die auf erlebten Liebesgefühlen basieren, nicht mehr selbstverständlich sind und das Wohlergehen der Alten kein persönliches Anliegen der Jungen mehr ist?

Was ist die Lösung dieses Problems? Was raten Sie Eltern?

Leibovici-Mühlberger: Endlich Verantwortung für unsere Kinder zu übernehmen! Das ist natürlich ein sehr einfach dahin geplauderter Satz. Was dahinter steckt, ist dann schon weit anfordernder, vor allem wenn man sich die gängigen gesellschaftlichen „Behinderungen von Elternschaft“ vor Auge führt. Es ist ein verdammt harter Job heute, Vater oder Mutter zu sein und den universellen Elternschaftsauftrag „fit for life“, erfüllen zu wollen. Dies bedeutet konsequente Begleitung in den jungen Lebensjahren hinein in die eigenständige, selbstverantwortete Lebenskompetenz als junger Erwachsener. Das ehrlich erfüllen zu wollen, ist ein hartes Brot, da es auf vielen Seiten Gegenspieler gibt und Profiteure, die am Kind verdienen wollen.

Was ich also Eltern raten würde? Wenn ihr Eltern werdet, dann seid euch dessen bewusst, dass dies eine neue Rolle in eurem Leben ist, die ihr nun ausfüllen können müsst! Wenn ich stationsführende Oberärztin wäre, würde es ja auch nicht gerade vertrauenserweckend auf meine Patientinnen wirken, wenn ich mich wie eine Berufsjugendliche benehmen würde, die medizinisch unernst und outlookverliebt auf der Station herumtänzeln würde. Glauben Sie, dass sich da irgendein Patient aufgehoben fühlen würde? Also nehmt und erfüllt eure Rolle als verantwortliche Eltern!

Sonst würde ich Eltern raten, Selbstvertrauen und Instinkt für ihre Elternschaft auf der Basis ihrer Liebe zu ihrem Kind zu entwickeln. Dazu ist es wesentlich zu begreifen, dass ein Kind vom ersten Moment an eine hochspezielle Person ist, und vor allem ein Geschenk. Ein Geschenk wird einem gegeben, man kann es sich nicht unbedingt aussuchen und sollte es auch nicht zu etwas „machen wollen“ oder „hinbiegen“. Man nimmt es an und freut sich an der einem damit geschenkten Möglichkeit zu gemeinsamer Lebensgestaltung. Das kann manchmal auch durchwegs hart oder zumindest anfordernd sein. Deswegen sollten Eltern ja selber bereits selber erwachsen sein und Kinder nicht für ihr eigenes Ego benötigen. Wenn ihr es so macht, besteht auch kein Grund, dass ihr euch eure Kompetenz von äußeren Experten oder Besserwissern absprechen lasst!

Ich sage zu Eltern immer. Prüft jeden, der meint, Experte für EURE Situation zu sein. Ich halte EUCH für die eigentlichen Experten, ich kann nur einen Außenblick beisteuern und mit euch Strukturen, Ziele und mögliche Methoden diese zu erreichen bearbeiten. Der Job bleibt bei Euch! Lasst euch nicht von den materiellen Vorgaben dieser Gesellschaft vernebeln und fühlt euch nicht schuldig, wenn ihr irgendein Konsumgut für eure Kinder nicht zur Verfügung stellen könnt. Setzt viel mehr auf gemeinsames Erleben von Alltag und Lebensmomenten, die den Strom eurer Biographie als Familie formen! Das ist zwar unspektakulär und wirkt fad in einer Gesellschaft, die auf permanenter Reizsuche ausgerichtet ist, ist aber wirkungsvoll, lässt Wurzeln gemeinsamer Identität wachsen und kostet weitaus weniger, weswegen es ja auch nicht beworben wird.

Macht euer Kind nicht wehleidig, sondern tröstet es, wenn euer Kind hinfällt und klopft den Dreck ab, aber richtet nicht den Fokus auf die Verschuldensfrage, sondern darauf was es aus diesem Erlebnis stärkendes in seine Zukunft mitnehmen kann. Seid konsequent, in aller erster Linie mit euch selber, rate ich Eltern noch, und tretet überall für die wirklichen Bedürfnisse eurer Kinder ein. Werdet also laut in einer Gesellschaft, die eure Elternarbeit grob behindert, die lieber Spielplätze niederzertifiziert statt Freiräume zu gewähren, die Kinder kaum, dass sie sich auf den Beinen halten können, zu Konsumenten dressiert und falsche Wünsche als Bedürfnisse oder Förderung verkauft und tretet dafür ein, dass die Wichtigkeit der Schule als Lebensraum eurer Kinder erkannt wird und Schule entsprechende Mittel erhält. Und tretet dafür ein, dass Kinder nicht immer früher als erwachsen erklärt werden, um wiederum an ihnen verdienen zu können.

Welche Veränderungen bräuchte man Ihrer Meinung nach auf politischer Ebene?

Leibovici-Mühlberger: Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit im Bekenntnis fällt mir dazu als Antwort ein. Wir haben so eine Art romantischer Kuschelphantasie mit bunten glänzenden TÜV zertifizierten Spielgerüsten alle paar Häuserblocks, Kindersicherheitsartikel aus dem Möbelhaus und Aufklebern mit Kinderwägen in den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Thema Kindheit entwickelt. Sonst haben wir noch den MUKI Pass, den Impfpass, Babymessen, Familienbeihilfe, möglichst viele Kinderbetreuungsplätze und Ratgeberliteratur über Kilometer Bücherregale. Es steht also doch wohl alles zum Besten? Doch das Kind selber, die so wesentliche weichenstellende Phase Kindheit, wird in ihrer Einbettung in einer Hochtechnologiegesellschaft nicht wirklich reflektiert.

Ich fände die Schaffung eines „Kinderministeriums“ statt eines Familienministeriums für einen richtigen Schritt. Familie ist heute ein sehr liquider, vielgestaltiger Organismus geworden und die Erhaltung eines Netzwerks an sicheren Bindungen steht für das Kind und sein Entwicklungswohl im wirklichen Zentrum. Entsprechend wäre ein Perspektivenwechsel in den Blickwinkel des Kindes und seiner Situation ein wesentlich effektiverer und effizienterer Zugang. Gleichzeitig würde damit, wenn durch diesen Perspektivenwechsel Gesellschaft mit ihren Mechanismen, neuen Technologien, Lebensstilveränderungen aus dem Blick der Verträglichkeit für ein heranwachsendes Kind beobachtet und beurteilt würde, vieles anders laufen können und müssen. Dann ginge es um tatsächlichen Schutz des Kindes, Bewahrung seiner Intimsphäre, Ungestörtheit seiner psychosozialen Entfaltung. Das würde einigen Industrien, angefangen bei der Nahrungsmittel- und Unterhaltungsbranche allerdings gar nicht gut schmecken, wenn wir hier wirklich ernst machen würden.

Hier geht es zu Teil eins des großen Interviews.

Zur Person
Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger. Foto: Matthieu Munoz

Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger. Foto: Matthieu Munoz

Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger, Mutter von vier Kindern, ist Praktische Ärztin, Gynäkologin, Ärztin für Psychosomatik und trägt als Psychotherapeutin das European Certificate of Psychotherapy. Sie leitet die ARGE Erziehungsberatung und Fortbildung GmbH, ein Ausbildungs-, Beratungs- und Forschungsinstitut mit Fokus auf Jugend und Familie, sowie die ARGE Bildung&Management, ein Kompetenzzentrum für Personal- und Organisationsentwicklung mit Fokus auf humanistischer Unternehmensberatung. Die Wienerin ist Buchautorin und Verfasserin zahlreicher wissenschaftlicher Artikel. Ihr aktuelles Buch „Wenn die Tyrannen-Kinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können“ ist im edition a-Verlag erschienen (21,90 Euro).

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4 Kommentare

  1. Schönes Interview! Mir gefällt besonders gut, dass Frau Leibovici-Mühlberger immer wieder betont, dass die Eltern ihre Kinder am besten erziehen können und deshalb auch in der Erziehungsverantwortung stehen.
    In krassem Gegensatz steht dazu der Schwachsinn, der Eltern täglich ins Hirn geblasen wird nach dem Motto: Nur studierte Fachkräfte können Kinder richtig bilden und erziehen. Deshalb, Eltern, übergebt eure Kinder möglichst schon im Babyalter institutionellen Einrichtungen, am besten den ganzen Tag lang. Zu Hause werden sie nur von Bildung ferngehalten. Siehe „Bildungsfernhalteprämie“ anstatt „Betreuungsgeld“.
    „Ich halte EUCH für die eigentlichen Experten“, sagt Frau Leibovici-Mühlberger zu den Eltern und nimmt sie damit auch in die Verantwortung.

  2. Ich hätte ja gerne vorab Teil 1 gelesen. Da dieser hier aber nirgends verlinkt ist, lese ich jetzt einfach garnichts.

    • Lieber Herr S.,

      wir haben die im Text (oben und unten) eingefügten Links überprüft – beide führen sauber und direkt zu Teil eins.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

    • @ Jan S
      Was ist DAS denn für eine Haltung?
      Parallelen zu den Protagonisten scheinen sich abzuzeichnen….
      Wie schön die Redaktion doch meinen wichtigsten „Spruch“ in wohlfeile Worte gefasst hat: WER lesen kann ist echt im Vorteil…

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