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Auffällige Schüler – ein Schulpsychologe zieht Bilanz: „Die Fälle werden schwieriger und komplexer“

BERLIN. In seinem Büro haben ungezählte Schüler gesessen und über ihre Probleme gesprochen: Der renommierte Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried geht in den Ruhestand – und zieht Bilanz. Eine wichtige Botschaft: Die Schwierigkeiten in der Schule nehmen zu. Viele Eltern schaffen es nicht, ihre Kinder vernünftig zu erziehen – was die Lehrkräfte immer stärker zu spüren bekommen. Die Wiener Psychotherapeutin und Buchautorin Prof. Martina Leibovici-Mühlberger („Wenn die Tyrannen-Kinder erwachsen werden“) hatte unlängst in einem Interview mit News4teachers eine ähnliche These vertreten und damit eine rege Debatte unter unseren Lesern ausgelöst.

Lehrkräfte stehen zunehmend unter Druck. Foto: greg westfall / flickr (CC BY 2.0)

Lehrkräfte stehen zunehmend unter Druck. Foto: greg westfall / flickr (CC BY 2.0)

Schätzungen zufolge ist jeder fünfte Schüler in Deutschland psychisch auffällig, jeder 20. ist behandlungsbedürftig. „Wir stellen fest, dass die Fälle schwieriger und komplexer werden“, sagt Seifried in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“. Die Ursache? „Oft fehlt es an Halt. Die soziale Binde- und Haltefunktion der Familien hat abgenommen“, antwortet der Experte gegenüber dem Blatt. Das wiederum habe vielfältige, zum Teil deutlich unterschiedliche Gründe. Auf der einen Seite gebe es Eltern, deren Erwartungen angesichts wachsender Leistungsanforderungen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt stiegen – und die entsprechend mehr Druck auf ihre Kinder ausübten. Auf der anderen Seite gebe es Eltern, so Seifried, „die nur wenige Anforderungen an ihre Kinder stellen, Eltern, die nur noch wenig Erziehungsarbeit leisten“.

Vor allem Alleinerziehende sind unsicher

Vielen fehle die Kraft dafür, sie müssten von morgens bis abends arbeiten, erklärt der Schülpsychologe gegenüber der „Berliner Morgenpost“. „Viele Eltern trauen sich auch nicht mehr, mal Nein zu sagen und den Kindern Grenzen zu setzen.“ Vor allem Alleinerziehende seien häufig unsicher, weil ihnen der Partner fehle, mit dem sie über Erziehungsfragen sprechen könnten.

Ohnehin komme es häufig zu Schwierigkeiten, wenn Eltern sich trennen, sagt Seifried. In Berlin sind ihm zufolge davon jährlich 100.000 Kinder betroffen. Viele Eltern würden sich dann streiten und an den Kindern zerren. „Für die Kinder ist das eine große emotionale Belastung“, betont der Schulpsychologe im Interview.“ Sie lieben beide Elternteile und wollen, dass diese zusammenbleiben.“ Viele Kinder würden sehr darunter leiden und in der Schule mit Lernschwäche oder Verhaltensauffälligkeiten reagieren. Die Väter und Mütter könnten dem oft wenig entgegensetzen.

Ein anderes Problem sei, dass immer mehr Familien in Armut lebten. In Berlin seien bereits mehr als 20 Prozent der Kinder davon betroffen. Häufig seien diese Familien bildungsfern. „Oder die Eltern arbeiten in Niedriglohnjobs und im Schichtdienst. Sie können ihre Kinder nur wenig in ihrem Schulerfolg unterstützen, und die Schule kann das nur teilweise ausgleichen. Schulversagen, schlechte oder keine Schulabschlüsse sind die Folge.“ Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen seien in armen Familien doppelt so häufig anzutreffen wie in wohlhabenderen Familien.

Und was bekommen dann die Lehrer zu spüren? „Stellen Sie sich vor, Sie fahren Taxi und die Fahrgäste greifen ihnen ins Lenkrad. Solche Situationen gibt es im Unterricht immer wieder. Schüler provozieren und stören“, erklärt Seifried gegenüber dem „Tagesspiegel“. „Es ist schwer, da immer drüber zu stehen und diese Konflikte zu bearbeiten. Schulen sollen zudem immer mehr Erziehungsarbeit leisten und den Kindern Grenzen setzen, die sie zu Hause nicht bekommen.“

Auch die Wiener Ärztin und Psychotherapeutin Prof. Martina Leibovici-Mühlberger sieht die Schulen zunehmend unter Druck, Versäumnisse der Eltern ausbaden zu müssen. „So viele Kinder wie noch nie zuvor verfügen mit dem Eintritt in die sogenannte Schulreife noch nicht einmal über ausreichendes Selbstmanagement, um überhaupt einem Unterricht folgen zu können, sind also schwer beschulbar“, sagt sie. Damit werde der Schule „klamm und heimlich“ eine zusätzliche Erziehungsverantwortung aufgebürdet. Leibovici-Mühlberger: „Doch Schule erhält weder Anerkennung dafür, noch Ressourcen. Pädagogen werden mit diesem unausgesprochenen Zusatzauftrag unbedankt alleine gelassen, müssen oft ganz nebenbei noch Bezugsperson, Sozialarbeiter oder Mediator sein.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Zum Interview: Immer mehr „Tyrannenkinder“: Warum viele Eltern bei der Erziehung versagen – eine Streitschrift

2 Kommentare

  1. Ich sehe die Unsicherheit zu erziehen auch darin, dass Erziehung (die Grenzen aufweist und durchsetzt) oftmal schon als Gängelung verschrien ist. Das Ergebnis ist dann der Burnout vieler Kollegen und die Unattraktivität des Lehrerberufs. Da helfen auch keine Gehaltserhöhungen.

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