Startseite ::: Politik ::: G8/G9-Streit: Diskussion um Löhrmanns Vorschlag voll entbrannt – Bayerische Lehrer setzen ebenfalls auf individuelle Lernzeit

G8/G9-Streit: Diskussion um Löhrmanns Vorschlag voll entbrannt – Bayerische Lehrer setzen ebenfalls auf individuelle Lernzeit

DÜSSELDORF. Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann, designierte Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl im kommenden Jahr, stößt mit ihrem Vorschlag zur Lösung des verfahrenen G8/G9-Streits im eigenen Bundesland auf breite Ablehnung – auch bei Lehrerverbänden. Aus Süddeutschland allerdings kommt Unterstützung: Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband hat heute ein Modell angekündigt, dass ebenfalls auf individuelle Lernzeiten setzt – und dem Löhrmann’schen  Vorstoß offenbar erstaunlich nahe kommt.

Mischt gerade mal die Debatte um G8 auf: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann. Foto: Maik Meid / flickr (CC BY-SA 2.0)

Mischt gerade mal die Debatte um G8 auf: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann. Foto: Maik Meid / flickr (CC BY-SA 2.0)

Sowohl in Bayern, wo die Landesregierung die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 ab 2017 angekündigt hat, und in Nordrhein-Westfalen, wo ein hitziger Streit entbrannt ist, steht das „Turbo-Abitur“ auf der Kippe. Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, hat sich heute in München dafür ausgesprochen, der Entscheidung über die Reform der Gymnasien ausreichend Zeit zu geben und einen breit angelegten Dialogprozess zu führen. Es wäre fatal, eine so grundlegende Reform übers Knie zu brechen. Der geltende Lehrplan („LehrplanPlus“) müsse unabhängig von der Dauer grundlegend für das Gymnasium bleiben, betonte sie. „Eine Ausweitung des Lernstoffes lehnen wir ab.“

Die BLLV-Präsidentin kündigte an, Mitte Oktober ein Konzept für ein modulares System vorzulegen. „Es erlaubt eine echte Individualisierung und bietet ein möglichst flexibles und für jeden Schüler passgenaues Angebot.“ Die einzelnen Gymnasien müssten sich beim modularen System des BLLV auch nicht zwischen einer acht- oder neunjährigen Variante entscheiden.

Löhrmann hatte gestern ebenfalls vorgeschlagen, „jedem Kind eine an seine individuellen Voraussetzungen angepasste flexible Schulzeit zu ermöglichen“. Ihr Vorstoß baue auf den guten Erfahrungen mit der flexiblen Eingangsphase an den Grundschulen auf. Dort könnten die Schüler die ersten beiden Schuljahre, je nach Leistungsfähigkeit, in ein, zwei oder drei Jahren durchlaufen. Der Ansatz, „dass Schüler unterschiedlich schnell lernen“, müsse konsequent auf die Sekundarstufe I und II übertragen werden – „und zwar nicht nur am Gymnasium, sondern in allen Schulformen und für alle Schulabschlüsse“.

GEW: „Problematisch“

Die CDU äußerte sich ablehnend. „Gestern war G 9 scheinbar noch unmöglich. Heute soll plötzlich alles flexibilisiert werden, und zwar an allen Schulen“, teilte der stellvertretende Fraktions-Vorsitzende Klaus Kaiser mit. Löhrmann werfe als Spitzenkandidatin ihrer Partei alles über den Haufen, was sie als Ministerin angekündigt habe. Wichtiger wäre Kaiser zufolge, sich dem Unterrichtsausfall, Inklusion und der Unterichtung der Flüchtlinge zu kümmern.

Die GEW in Nordrhein-Westfalen zeigt sich skeptisch. „Vom Kind her zu denken ist grundsätzlich positiv. Die GEW  hat bereits am Runden Tisch 2014 vorgeschlagen, dass eine Reform der gymnasialen Oberstufe erforderlich ist und die Zeitdauer dafür flexibel gestaltet werden muss. Eine Flexibilisierung der Schulzeit in der Sekundarstufe I über alle Schulformen hinweg halten wir allerdings für problematisch“, so erklärte die GEW-Landeschefin Dorothea Schäfer.

Der Philologenverband zeigt sich sogar entsetzt: „Ich weiß gar nicht, wie diese Flexibilisierung gelingen kann. Den Schulen droht das organisatorische Chaos, wenn Frau Löhrmann alles umkrempelt“, sagte dessen Landesvorsitzender Peter Silbernagel der „Rheinischen Post“. Die Ministerin schiebe die Verantwortung auf die Schulen ab, was zur „Atomisierung der Schullandschaft“ führen werde.

Auch vom Verband „lehrer nrw“ kommen harsche Töne: „Der Vorschlag von Schulministerin Sylvia Löhrmann für eine flexible Schulzeit ist inhaltlich unverantwortlich und vom Zeitpunkt her stillos. Der Runde Tisch zum Turbo-Abitur ist schon entwertet, bevor er das erste Mal zusammentritt. Das ist Scheindemokratie“, kritisiert Vorsitzende Brigitte Balbach. „In die Schulen, die derzeit mit den drei Großbaustellen Inklusion, Integration und Umbau der Schulstruktur ohnehin hoffnungslos überlastet sind, trägt dieser abenteuerliche Vorstoß erneut massive Unruhe.“ Hintergrund: Löhrmann hatte vor drei Tagen angekündigt, erneut einen Runden Tisch mit allen beteiligten Parteien und Verbänden einzuberufen, um über die Zukunft von G8 zu beraten.

Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung NRW, findet die grundsätzliche Individualisierung der Bildungswege aus pädagogischer Sicht hingegen „sicherlich interessant“, wie er gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ erklärte. Löhrmanns Vorschlag bedeute allerdings einen Umbau des Schulsystems in eine Schule für alle von Klasse eins bis zum Ende der Sekundarstufe II. Individualisierung und Differenzierung scheiterten jedoch heute schon oft an Personalmangel und vorgegebenen Raumkonzepten. Agentur für Bildungsjournalismus / mit Material der dpa

Zum Bericht: Elternverband kommt mit neuem Vorschlag: Gymnasium bietet individuelle Lernzeit – statt starr G8 oder G9

Ein Kommentar

  1. Diese individuelle Lernzeit am Gymnasium ist doch genau das, was in Bayern in den letzten beiden Jahren grandios gescheitert ist. Wie jetzt in NRW hat vor drei Jahren der Bayerische Kultusminister Spaenle wegen des Widerstands der Eltern und Lehrer gegen das G 8 den Vorschlag eines Flexijahres gemacht, mit dem Gymnasiasten ihre Lernzeit individuell verlängern konnten, ohne dass das als Wiederholungsjahr zählte. Es gab nach- und vorgeholte Flexijahre, teilweise sogar mit Wechsel zum Halbjahr. Das Ergebnis war angesichts des riesigen Marketingaufwands der Politik für diese individuelle Lernzeit ein Desaster. An vielen Gymnasien fand sich kein einziger Schüler, an den meisten anderen maximal einer oder zwei, die dieses Angebot wahrnahmen. Die Bereitschaft, aus der bisherigen Klassengemeinschaft rauszugehen, war einfach zu gering.
    Frau Löhrmann möchte einfach Zeit gewinnen,- es wird aber das Gleiche passieren wie in Bayern. Wenn die Eltern und Schüler erkannt haben, dass es sich bei der versprochenen individuellen Lernzeit um eine Mogelpackung handelt, werden sie um so vehementer für G9 kämpfen.
    Dass der BLLV sich in Bayern jetzt angesichts der viel zu spät erfolgten Entscheidung der Staatsregierung, eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 zuzulassen, so einem bereits gescheiterten Vorschlag anschließt, ist typisch für einen Verband, der sich laufend hinter abgefahrene Züge wirft.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*