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Jetzt auch G8-Debatte im Norden – Flensburger Uni-Präsident hält Abiturienten für zu unreif für ein Studium

FLENSBURG. Turbo-Abi, aber unreif? Die Kritik an der Hochschulreife nach acht Jahren hält an. Nach ersten breiteren Erfahrungen mit G8-Studienanfängern im Norden schaltet sich die Flensburger Uni ein.

Kurz nach Beginn des Wintersemesters hat der Präsident der Europa-Universität Flensburg, Werner Reinhart, das Abitur nach acht Jahren scharf kritisiert. «Das war ein Versuch und wenn man den korrigiert, dann ist das keine Schande», sagte Reinhart am Donnerstag in Flensburg. Zwar habe der «Versuch» G8 in Schleswig-Holstein gerade erst begonnen, doch die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, es sei besser, darauf zu verzichten. «Wir haben nicht ohne Grund unseren Studiengang Vermittlungs- in Bildungswissenschaften umbenannt, weil der Mensch kein Trichter ist, in den man Wissen reinsteckt.»

Das Bild gibt die Stimmungslage zur verkürzten Schulzeit treffend wider (auch wenn es tatsächlich zum G8-Gipfel in Rostock 2008 aufgenommen wurde). Foto: Christian Steiner / pixelio.de

Das Bild gibt die Stimmungslage zur verkürzten Schulzeit treffend wider (auch wenn es tatsächlich zum G8-Gipfel in Rostock 2008 aufgenommen wurde). Foto: Christian Steiner / pixelio.de

Die ersten Erfahrungen mit den Erstsemestern aus G8 zeigten, dass Menschen an die Hochschulen kämen, «die ein Zeugnis der Reife mitbringen, bei allem was zu regeln ist, aber zurückgemeldet wird, dass sie nicht volljährig sind.» Er berichtete von einigen der 1050 Studienanfänger in Flensburg, die in der Einführungswoche als Minderjährige von manchen Veranstaltungen ausgeschlossen waren sowie von Eltern, die in der Studienberatung auftauchten – in einem Fall sogar ohne ihr Kind. «Das ist für die Universitäten eine neue Situation.» Ob da ein vierjähriger Bachelor hilft? «Das wäre sicherlich besser, als es ändert sich gar nichts», sagte Reinhart. Er betonte aber, es sei «im Grunde genommen nicht universitäre Aufgabe», das neunte Schuljahr zu ersetzen.

Das Bildungsministerium wies die Kritik, über die zuvor NDR1 Welle Nord berichtet hatte, zurück. Es müsse an der Qualität gearbeitet werden, «statt Energie mit einer neuen Schulstrukturdebatte zu vergeuden», teilte eine Sprecherin mit. G8 sei in Schleswig-Holstein im Rahmen des Bildungsdialogs von einer Mehrheit bestätigt worden «und hat sich bewährt». «Es gibt keinen Grund, diese Entscheidung in Frage zu stellen.» Außerdem böten Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe und einige Gymnasien die Möglichkeit zum Abi nach neun Jahren.

Reinhart argumentierte dagegen, die Hoffnung, dass die jungen Leute früher in den Beruf einstiegen, würden gar nicht verwirklicht. Viele G8-Schüler nähmen sich ein Jahr nach der Schule, um eine Entscheidung zu treffen, sagte er. Auch Schulpädagogik, Eltern, Schüler und Erziehungswissenschaften wünschten sich in überwiegender Mehrheit eine Rückkehr. «Wir haben ja faktisch eine Abstimmung mit den Füßen», sagte Reinhart und forderte einen «ergebnisoffenen Dialog» aller Beteiligten. Das Ministerium verwies darauf, dass die Initiative eines Elternvereins zu dem Thema gescheitert sei. dpa

Ein Kommentar

  1. Wolfgang Kuert fragt

    In Niedersachsen ist auf Druck der Gymnasialeltern und des Philologenverbandes die rot/grüne Landesregierung zum G9 zurückgekehrt. Eltern haben in der Lobbyarbeit einen großen Stellenwert. Bei einer Umfrage der Gymnasialeltern in NRW haben sich dort 88 % der Eltern sowie 88 % der Gymnasiallehrer für die Rückkehr zum G9 ausgesprochen. 2017 sind Landtagswahlen in NRW. Sollte auch NRW zum G9 zurückkehren?

    Antwort Prof. Dr. Jochen Krautz antwortet

    Ja! Das sollte in einer Demokratie, in der das Volk der Souverän ist, eigentlich völlig selbstverständlich sein. Politik hat den Bürgerwillen umzusetzen, nicht eine verdeckte politische Agenda gegen den Willen von Eltern und Lehrern. Gleiches gilt für die Lehrerverbände, insbesondere den Philologenverband NRW, der nicht die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt, sondern offenbar lieber mit der Landesregierung gut stehen möchte.

    Es hat nie eine pädagogische Begründung für das verkürzte Gymnasium gegeben. Daher wächst zurecht der große Unmut bei den Betroffenen, denn genau das ist spürbar. Man kann die Fehlkonstruktion G8 nicht „reparieren“, sie muss vollständig zurückgenommen werden.

    Wenn die Landesregierung sowie die anderen Parteien das weiterhin ignorieren, tragen sie selbst zu ihrem weiteren Bedeutungsverlust bei. Die Reaktion der Elternvertreter, eine Volksinitiative zu starten, ist daher genau richtig. Wenn sich die Parteien ins Abseits manövrieren, brauchen wir mehr direkte Bürgerbeteiligung. Unsere heutigen Mitbürger haben das 1989 vorgemacht: Wir sind das Volk! Und so steht es im Grundgesetz: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Insofern hat das Engagement der Eltern große Bedeutung sowohl für die Bildung der Jugend als auch für die Weiterentwicklung unserer Demokratie.

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