Start Themenmonate Guter Ganztag Viele Akteure, ein Ziel: Wie guter Ganztag durch Zusammenarbeit entsteht

Viele Akteure, ein Ziel: Wie guter Ganztag durch Zusammenarbeit entsteht

0
Anzeige

LEIPZIG. Ganztagsschulen werden häufig an Ausstattung, Personal oder Öffnungszeiten gemessen. Doch die Qualität eines Ganztags entscheidet sich ebenso daran, wie die unterschiedlichen Menschen zusammenwirken, die den Alltag der Kinder gestalten. Im Mittelpunkt stehen dabei die Perspektiven der Kinder selbst, aber auch die Zusammenarbeit von Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften, Schulleitungen, außerschulischen Partnern und weiteren Beschäftigten. Warum Qualitätsentwicklung nur gelingen kann, wenn alle diese Akteursgruppen in den Blick genommen werden, erläutern Anna-Maria Seemann und Volker Titel – Vorstandsmitglieder des Ganztagsschulverbandes – im folgenden Gastbeitrag, einem Auszug aus ihrem Buch „Guter Ganztag“. 

Gruppenbild. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Akteursgruppen im Ganztag

Im Ganztag treffen viele verschiedene Beteiligte mit unterschiedlichen Perspektiven aufeinander. Was ein guter Ganztag ist, das wird jede Gruppe wohl auch verschieden beantworten – je nachdem, ob man die Kinder selbst, die Lehr- und Fachkräfte oder andere Akteure befragt. Dies muss bei der Qualitätsentwicklung beachtet und einbezogen werden. Dieses Kapitel macht deshalb die Vielfalt der am Ganztag beteiligten Akteur:innen sichtbar. Das Ziel ist es, ihre unterschiedlichen Perspektiven und Ansprüche aufzuzeigen und die Bedeutung ihrer Zusammenarbeit für eine gelingende Qualitätsentwicklung zu verdeutlichen.

Kinder und Jugendliche

Kinder und Jugendliche stehen im Zentrum der Qualitätsentwicklung ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote, und zwar nicht nur mit Blick auf messbare Wirkungen wie schulische Leistungen oder die Entwicklung personaler Kompetenzen. Im Mittelpunkt stehen auch ihre Perspektiven, Wünsche und ihr subjektives Erleben. Wenn Kinder einen großen Teil ihres Tages im Ganztag verbringen, verändert sich ihr Alltag grundlegend: Es bleibt weniger Zeit für Familie, selbstbestimmte Freizeit oder spontane Begegnungen. Umso wichtiger ist es, dass Ganztagsangebote nicht nur an Bildungszielen ausgerichtet sind, sondern auch die ganzheitlichen Entwicklungsbedürfnisse von Kindern ernst nehmen.

Ganztag muss daher mehr bieten als Betreuung und Hausaufgabenhilfe. Er sollte Raum für Begegnung, Bewegung, Beteiligung und Beziehungsaufbau schaffen. Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten mit Rechten auf Bildung, Förderung und Mitgestaltung. Ihre Stimme muss gehört werden– auch und gerade in Fragen der Qualität.

Aus Sicht der Kinder sind vor allem folgende Aspekte wichtig (vgl. Walther et al. 2021):

  • Freundschaften: Zeit mit anderen Kindern, gemeinsame Aktivitäten und stabile Beziehungen sind für sie essenziell.
  • Spiel und Bewegung: Freies Spielen, Toben und körperliche Aktivität sind zentrale Elemente eines gelungenen Tages.
  • Mitbestimmung: Kinder möchten ihre Umgebung mitgestalten, ihre Meinung einbringen und ernst genommen werden – was im Ganztag oft noch zu wenig gelingt.
  • Bezugspersonen: Kinder wünschen sich verlässliche, zugewandte, gerechte und humorvolle Erwachsene, die sie begleiten.
  • Lernen und Hausaufgaben: Hausaufgabenzeiten werden unterschiedlich erlebt – je nach Atmosphäre, Unterstützung und Gestaltung. Besonders beliebt sind kreative und freiwillige Angebote wie AGs, Ausflüge oder Projekte.

Diese Perspektiven machen deutlich: Qualität im Ganztag beginnt mit dem Blick der jungen Menschen. Ihre Bedürfnisse und Erfahrungen sind eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung pädagogischer Konzepte.

Mehr Informationen hierzu unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/ganztag-aus-der-perspektive-von-kindern-im-grundschulalter-all

Spannend ist, dass die Aspekte, die die Kinder selbst als wichtig für einen guten Ganztag benennen, gut zu dem passen, was aus der Forschung zu guter Bildung bekannt ist und was wir mit unseren heutigen Bildungszielen anstreben. Die Betonung positiver Beziehungen sowohl zu den Erwachsenen als auch unter den Kindern entspricht den Qualitätskriterien guten Unterrichts, guter Kindertageseinrichtungen und außerunterrichtlicher Angebote. Der Aufbau guter Beziehungen sollte daher mit besonderem Nachdruck verfolgt werden. Bedürfnisse nach Erfahrungen im Sozialraum und in der Natur schließen an ein weites Bildungsverständnis, neue Bildungsorte und die Öffnung der Schule an. Die größte Herausforderung dürften Wünsche darstellen, die mit Risiken und der Lust auf Verbotenes verbunden sind, aber auch mit Rückzugsmöglichkeiten mit einzelnen Freund:innen oder in der Gruppe. Hier treffen rechtliche Aspekte (Aufsichtspflicht, Haftung) auf wichtige altersspezifische Entwicklungsthemen, denen aber für die Erreichung der Bildungsziele – Selbstständigkeit, Mündigkeit, Verantwortungsbewusstsein – unbedingt Raum gegeben werden sollte. Eine Verbindung und möglichst auch Vermittlung zwischen den definierten Bildungs- und Erziehungszielen und den Bedürfnissen der Kinder müssen sich in Konzepten und Qualitätszielen wiederfinden.

Der Ganztagsschulverband: Vernetzung und Expertise

Der Ganztagsschulverband e.V. ist der zentrale Fachverband für den Ganztag in Deutschland. Wir unterstützen alle Akteure im Ganztag auf Bundes- und auf Länderebene. Dabei verfolgen wir zwei Ziele: ein zukunftsfähiges Bildungssystem und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Im hochaktuellen Feld der Ganztagsbildung möchten wir Ideen vermitteln und Vernetzung z. B. durch Fachtage, Kongresse sowie Online-Veranstaltungen ermöglichen. Unsere vielfältige Expertise zeigt sich in unserer Fachzeitschrift „Die Ganztagsschule“ sowie in Veröffentlichungen, Seminaren und Vorträgen der Vorstandsmitglieder.

Aktuell mischen wir uns politisch ein, damit der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ab August 2026 bestmöglich umgesetzt wird. Jährlich veranstalten wir einen dreitägigen Bundeskongress, der in diesem Jahr vom 25. bis 27. November 2026 in Kiel stattfinden wird. Wir freuen uns über neue Mitglieder (Schulen, Institutionen, Privatpersonen), die mit uns für einen hochwertigen Ganztag arbeiten!

Kontakt: Christoph Bülau, Geschäftsführer
buelau@ganztagsschulverband.de 
Kochstraße 113, 04277 Leipzig
www.ganztagsschulverband.de

Pädagogische Akteure

Pädagogische Akteure sind all jene im Ganztag, die für die Konzeption und Durchführung von Unterricht und außerunterrichtlichen Elementen verantwortlich sind: Lehrkräfte, pädagogische Fach- und weitere Kräfte, Honorarkräfte, Tutorinnen und Tutoren und viele mehr. Die Qualität von Ganztagsangeboten ist stark abhängig von den Kompetenzen, von Haltungen und vom Engagement dieser Menschen sowie ihrer Kooperation miteinander. Diese Personengruppen unterscheiden sich teils deutlich voneinander, was ihre Qualifikationen und Anstellungsverhältnisse betrifft (vgl. Stöbe Blossey 2025):

→ Lehrkräfte: Menschen mit akademischer Lehramtsausbildung, die meist verbeamtet werden und den Beruf dauerhaft ausüben möchten. Hinzu kommen heute aber auch viele Quereinsteigende in den Lehrberuf.

→ Pädagogische Fach- und Assistenzkräfte: Personen mit Hochschul-, Fachhochschulabschluss oder Berufsausbildung (Sozialassistent:innen, Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen, Kindheitspädagog:innen), die in diesem Berufsfeld verbleiben wollen. Ebenso sind hier Sonderpädagog:innen, Schulsozialarbeiter:innen etc. zu nennen.

→ Pädagogisch arbeitendes, aber nicht einschlägig qualifiziertes Personal: (Quereinsteiger:innen/pädagogische Laien): Menschen, die in der Arbeit im Ganztag oft ihre Hauptbeschäftigung haben, aber über keine pädagogische Formalqualifikation, sondern einen anderen Berufs-/Studienabschluss verfügen.

→ Personen, die nur temporär oder für spezifische Tätigkeiten eingebunden werden: Personen, die die Tätigkeit im Ganztag nicht hauptberuflich ausüben (z. B. Ehrenamtliche, Studierende, Familien und Tutor:innen). Für Übungsleitungen, Musik- und Erlebnispädagog:innen oder Kursleiter:innen handelt es sich oft um bezahlte Arbeit, aber nur um einen Teil der Erwerbstätigkeit.

Diese Unterschiede führen unter Umständen zu Abgrenzungen und (unpassenden) Hierarchiebildungen. Außerdem nehmen sie Einfluss auf die Möglichkeiten der Kooperation. Hier sind z. B. gute Kommunikationsstrukturen und gemeinsame Fortbildungen wichtig, um Fehlentwicklungen vorzubeugen. Den Gruppen sind auf der einen Seite eindeutige Verantwortlichkeiten zu zuordnen (Lehrkräfte hauptsächlich für den Unterricht, die anderen Gruppen für außerunterrichtliche Angebote), allerdings gibt es auch Überschneidungen und Verschiebungen der Zuständigkeiten. So sind vor allem in der gebundenen Ganztagsschule Lehrkräfte für außerunterrichtliche Bereiche mit zuständig. Als Unterstützungskräfte werden Ganztagspädagog:innen zu nehmend auch im Unterricht eingesetzt. Die Verantwortung für die Bereiche Bildung und Erziehung übernehmen ohnehin alle an der Schule, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung.

Eine große Chance ergibt sich durch die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern. Ihr Engagement im Ganztag kann dabei unterschiedlich ausgeprägt sein: Musikschulen, Jugendkunstschulen, Museen oder Sport vereine können einzelne Angebote durchführen. Alternativ kann ein Kooperationspartner, z. B. ein Wohlfahrtsverband oder Verein, für die Organisation und Durchführung des gesamten außerunterrichtlichen Teils zuständig ist. Das Ausmaß des Engagements hat Auswirkungen auf die Kooperationsanforderungen und -möglichkeiten und damit auf die Qualität.

Für die im Ganztag außerhalb des Unterrichts tätigen Menschen gilt, dass einige Punkte ihrer Beschäftigungsverhältnisse (Befristung, Bezahlung) oft nicht zufriedenstellend sind und es hier an gesetzlichen Regelungen fehlt (vgl. Tillmann 2025). Es ist wichtig, dass sich das ändert. So spielen z. B. für das Gelingen von Kooperation die Beschäftigungsverhältnisse, die Dauer des Engagements und die gegenseitige Wertschätzung eine zentrale Rolle.

An der Schule angestelltes Ganztagspersonal wird in vielen Fällen in Schulentwicklungsprozesse einbezogen, bei Partnern angestelltes Personal hingegen kaum. Prekäre Arbeitsverhältnisse und eine hohe Personalfluktuation sind ein gravierendes Problem – sie verhindern eine Beständigkeit des pädagogischen Wirkens und erschweren Kooperationen. Für eine gute Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen ist es förderlich, wenn sie sich kennenlernen können und sich die Kooperation über einen längeren Zeit raum entwickeln und vertiefen kann (vgl. Seemann 2022).

Nicht pädagogisches Personal

Auch Mensamitarbeitende, Küchenpersonal, Hausmeister:innen, Verwaltungskräfte und Reinigungskräfte sind für den Ganztag wichtig. Als Ansprechpersonen für die Kinder, aber auch als Verantwortliche für bestimmte Aufgaben im Tagesverlauf sind sie mit dafür zuständig, dass sich alle im Ganztag wohlfühlen können. Teils sind die Grenzen zur pädagogischen Arbeit fließend: So können z. B. bei der Essensausgabe die Mensakräfte durch wertschätzende Kommunikation und Beziehungsaufbau, aber auch durch das Wissen um Gesundheits- und Nachhaltigkeitsfragen zu einer gelungenen Mittagspause und zum Alltagslernen viel beitragen.

Schul- und Institutionsleitungen

Schulleitungen tragen die Gesamtverantwortung für die Gestaltung und Qualität des Ganztags – sowohl in offener als auch in gebundener Form. Damit sind sie zentrale Akteure in der Qualitätsentwicklung. Welche Qualitätsziele dabei erreicht werden können, hängt eng mit dem pädagogischen Profil der Schule zusammen. W Bisherige Forschungen haben gezeigt, dass noch zu wenige Schulleitun gen das pädagogische Gesamtpotenzial des Ganztags erkennen und nutzen. Lange stand die verlässliche Betreuung der Kinder im Mittelpunkt, daneben auch die Stärkung der Gemeinschaft und die Förderung sozialer und personaler Kompetenzen. Die Lernkultur weiterzuentwickeln (hin zu mehr Kompetenzorientierung und individueller Förderung), wurde bislang noch nicht überall als Ziel gesehen (vgl. StEG 2019; Pfaff & Brücher 2021).

Ganztag als integraler Bestandteil eines Schulentwicklungsprozesses

Schulleitungen stehen vor der Aufgabe, Zielsetzungen für den Ganztag gemeinsam mit dem Kollegium zu klären und in ein stimmiges Konzept zu überführen. Denn Ganztag ist kein Zusatzangebot – er verändert die Schule als Ganzes. Eine ganzheitliche Bildungs- und Erziehungskultur kann sich nur dann entwickeln, wenn der Ganztag von allen als integraler Bestandteil eines Schulentwicklungsprozesses verstanden wird.

Die Schulleitung muss hier Impulse setzen, Prozesse anstoßen, koordinieren und begleiten – etwa durch Steuerungsgruppen oder ein erweitertes Leitungsteam, in das auch das Ganztagspersonal eingebunden ist. Die Entwicklung von Qualitätskriterien – etwa zur pädagogischen Zielorientierung, zur Innovationsbereitschaft oder zur Zusammenarbeit mit externen Partnern – gehört ebenfalls zu diesem Prozess (vgl. Kielblock & Kielblock 2025).

Eine Herausforderung kann in der Haltung des Kollegiums bestehen: Viele Lehrkräfte sind im Studium kaum auf den Ganztag oder die multiprofessionelle Zusammenarbeit vorbereitet worden. Entsprechend bestehen Vorbe halte, die Chancen werden weniger gesehen als die Schwierigkeiten. Umso wichtiger ist es, alle Beteiligten frühzeitig in Planung und Konzeptentwicklung einzubeziehen und gemeinsam eine neue Schulkultur zu gestalten (vgl. Zorn 2019).

Auch in kooperativen Ganztagsmodellen – etwa mit freien Trägern oder mit Horteinrichtungen – sind gute Steuerung und Zusammenarbeit entscheidend. Hier kann ein gemeinsames Gremium aus Schule, Träger und weiteren Akteure helfen, die Verantwortung zu bündeln und tragfähige Konzepte zu entwickeln – im Sinne eines kommunalen Bildungsbündnisses.

Dieser Text ist ein Auszug aus: Guter Ganztag von Anna-Maria Seemann und Volker Titel – Guter Ganztag – Klett Kita.

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Guter Ganztag”. 

Ganztag: „Es darf nicht darum gehen, eine wenig erfolgreiche Halbtagsschule einfach zu verlängern“ – ein Interview

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare