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Kolumne: Frau Weh war aus und trifft den Schulzahnarzt

DÜSSELDORF. Ich war auf einer Party! Allein diese Tatsache wäre es bereits wert, in einem Beitrag gefeiert zu werden. Aber nicht nur, dass ich dort war, nein, ich wurde auch noch bestens unterhalten!

Anlass:

Ein 50. Geburtstag.

Anwesende:

Die Gastgeberin und neun Gäste. Darunter die unvermeidlichen Lehrer, alle mit Musik als Studienfach, eine Konzertpianistin mit ihrem Gatten und ein paar Freunde unterschiedlichster Berufe und Berufungen.

Ort des Geschehens:

Zwanzig Quadratmeter zwischen Konzertflügel und reichhaltigem Buffet.

Ein Auszug:

Ich unterhalte mich ganz zwanglos mit der Konzertpianistin über die beengte Raumsituation in unserer Schule und schildere, dass alle Aktivitäten, die außer der Reihe stattfinden, in den Musikraum gelegt werden: Elternabende, Anmeldungstermine, der Besuch des Schulzahnarztes. Da erwacht ihr zuvor völlig regungsloser Gatte plötzlich zum Leben und ruft:

„Ich bin auch Schulzahnarzt! Ich bin auch Schulzahnarzt!“

Im 16. Jahrhundert hießen die Vorgänger der heutigen Zahnärzte noch Zahnbrecher - hier Darstellung von 1568. (Bild: Wikipedia Gemeinfrei)

Im 16. Jahrhundert hießen die Vorgänger der heutigen Zahnärzte noch Zahnbrecher – hier Darstellung von 1568. (Bild: Wikipedia Gemeinfrei)

„Ach!“, entgegne ich ein wenig erschreckt ob des plötzlichen Zuspruchs.

„Jaaaa!“, erwidert der Zahnarzt enthusiastisch, „Welcher Kollege kommt denn immer zu euch?“

Ich überlege. „Hmm, so ein Netter mit schwierigem Namen.“ Ich kann mir Nachnamen wirklich schlecht merken. Aber der Zahnarzt ist schon mit Vorschlägen zur Stelle:

„Herr Yildirim? Herr Montblanc? Herr Prämolar?“

„Ja“, sage ich, „Herr Prämolar!“

Sofort gerät der Zahnarzt ins Schwärmen: „Oh, der ist super! Der ist sogar Vorsitzender unserer schulzahnärztlichen Gesellschaft.“

Was es nicht alles gibt!

„Und da trefft ihr euch regelmäßig?“, frage ich höflich und stelle mir einen Haufen Zahnmediziner beim leidenschaftlichen Austausch über den Zustand kariöser Gebisse vor. Es will mir nicht recht gelingen.

„Genau. Und dabei besprechen wir aktuelle Forschungstendenzen und Entwicklungen. Wir haben sogar eine eigene Zeitschrift, das MbdGfschE und Forschung!“, erklärt mir mein Gegenüber bereitwillig.

„Das Md … Bee …?“, hake ich nach. Abkürzungen kann ich mir noch schlechter merken als Nachnamen. Eigentlich kann ich mir recht wenig merken, wenn ich so drüber nachdenke.

„Ja, das MbdGfschE und Forschung! Monatsblatt der Gesellschaft für schulzahnärztliche Entwicklung und Forschung! Da ist der Herr Prämolar Herausgeber, der hat es wirklich drauf! Also ehrlich, so ein Tausendsassa!“

Ich schaue mich verstohlen zur Konzertpianistin um, die die Ausführungen des Gatten genutzt und sich zum Nachtisch geschlichen hat. Zwischen Mousse au chocolat und Brownies macht sie nicht den Eindruck, als käme sie so bald zurück. „Jaaa“, nehme ich das Gespräch wieder auf, „der Herr Prämolar wirkt auch immer sehr kompetent!“ Prompt ergeht sich mein Gesprächspartner schwärmerisch in den vielen Vorzügen unseres Herrn Prämolars, der seine E-Mails mal um 5.30 Uhr in der Früh, dann wieder um 00.15 Uhr in der Nacht schickt. Ein von der Arbeit Getriebener ohne Schlafbedürfnis offenbar. Seine letzte Veröffentlichung war – hassenichgesehn! – 450 Seiten lang! Die musste auf mehrere Ausgaben der Zeitschrift verteilt werden, so lang war die! Ich meine, wir finden Herrn Prämolar alle nett, aber ich hatte ja keine Ahnung! Der eruptive, kollegiale Gefühlsausbruch ängstigt mich etwas. Gerade überlege ich, wie ich mich unverfänglich und ohne mein Gegenüber zu kränken der vielversprechenden Nachbarunterhaltung zuwenden kann, die sich darum dreht, ob regional das neue bio ist und was das mit uns macht, da rückt der Zahnarzt verschwörerisch zu mir herüber und raunt mir ins Ohr: „Wie macht es denn der Herr Prämolar so?“

„Bitte!?“

Ich schaue mich hilfesuchend zum Nachtischbuffet um, aber dort ist niemand mehr, die Konzertpianistin muss den günstigen Moment genutzt haben und auf’s stille Örtchen entfleucht sein.

„Wie untersucht der Herr Prämolar denn? Da gibt es ganz unterschiedliche Methoden. Von vorne oder von der Seite.“

„Ach so“, sage ich etwas zerstreut. „Von hinten.“

„Was!?? Der Schlingel! Wie macht er das denn?“ Der Zahnarzt scheint ganz aufgeregt ob der Herangehensweise seines Kollegen.

„Ja, also, das Kind sitzt auf dem Stuhl vor ihm und legt den Kopf in den Nacken.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und öffne den Mund. „Gang gaut er halt go in gen Gung.“ Ich schließe den Mund und setze mich wieder aufrecht. Mein Gesprächspartner scheint es nicht fassen zu können.

„Nein, wirklich!?“

Ich schweige. Mir ist nicht ganz klar, was an der Vorgehensweise unseres Herrn Prämolar so revolutionär sein soll. Da schaltet sich ein älterer Gymnasialkollege ein: „Das geht aber auffe Dauer auffen Rücken!“

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

„Genau! Bei jedem anderen wäre das so. Aber der Herr Prämolar, der kann das ab, der trainiert immer!“

Bestätigend und wild mit den Augen rollend nickt uns der Zahnarzt zu. Ich denke an einen hantelstemmenden, schwitzenden Herrn Prämolar mit nacktem Oberkörper. Eigentlich möchte ich jetzt wirklich gerne Nachtisch, kann aber nicht aufstehen, weil sich unser Gesprächspartner nun die Klavierbank greift, mir mit selbiger den Weg Richtung Dessert versperrt, sich rittlings darauf niederlässt (auf der Klavierbank, nicht auf dem Nachtisch) und verkündet, dass er uns nun einmal zeigen wolle, wie er selber Untersuchungen abzuhalten pflege. In den folgenden Minuten bekommen der Gymnasialkollege und ich mehre Positionsmöglichkeiten der zahnärztlichen Kontrolluntersuchung pantomimisch vorgeführt. Endlich betritt die Konzertpianistin den Raum, nickt wissend, als sie ihren Mann wild herumfuchteln sieht und meint mitfühlend zu mir: „Ist er schon beim Einsatz der Instrumente?“

„Ahh, apropos Instrumente …“, greife ich nicht sehr galant nach dem Stichwort, „ich möchte unbedingt noch etwas vom Nachtisch, bevor es ans Musizieren geht!“, und quetsche mich fluchtartig zwischen Flügel und Zahnarzt Richtung Buffet.

Der Zahnarzt, noch ganz erschöpft von seiner eindrücklichen Darbietung, schiebt die Klavierbank zurück an den Flügel und folgt mir. „Der Herr Prämolar, der spielt auch noch super Gitarre! Ich hab‘ den da mal spielen hören …!“

Platsch.

Hoppla, jetzt ist mein Kopf ganz von alleine ins Tiramisu gefallen.

Witz, Charme und einen tiefen Blick in die Seele einer Grundschullehrerin erlaubt Frau Weh auf ihrem Blog “Kuschelpädagogik” und auf www.news4teachers.de. Frau Weh heißt im wahren Leben nicht Frau Weh, aber ihre Texte sind häufig so realitätsnah, dass sie lieber unter Pseudonym schreibt.

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