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„Die Qualität des Lernniveaus kann so nicht gehalten werden“: Lehrer durch Flüchtlingskinder belastet

KREUZTAL. Unter den Hunderttausenden Flüchtlingen in Deutschland sind etliche Kinder. Sie können meistens kein Deutsch, müssen aber in den Unterricht eingebunden werden. Was tun? Lehrer bemühen sich, sind aber auch überfordert. Vieles müssen auch sie erst lernen, wie das Beispiel Nordrhein-Westfalen zeigt.

Syrisches Flüchtlingskind in der Schule. Foto: UK Department for International Development (CC BY 2.0)

Syrisches Flüchtlingskind in der Schule. Foto: UK Department for International Development (CC BY 2.0)

Die Buchstaben des Alphabets hängen auf buntem Karton in der Willkommensklasse der Hauptschule in Kreuztal-Eichen. 15 Flüchtlingskinder sitzen hier derzeit. Sechs Wochen lang. In der Zeit lernen sie erste Brocken Deutsch wie «Guten Morgen» und «Mein Name ist…» und erfahren, wie Schule funktioniert. Von Anfang an reden die Lehrer Deutsch mit ihnen, teilweise helfen sich die Kinder untereinander in ihren Landessprachen. «Das klappt gut», sagt Schulleiter Matthias Daub. «Wir nehmen jede Woche ein bis zwei Flüchtlingskinder auf und ein bis zwei EU-Migranten.»

Es ist ein Kommen und Gehen. Seine Schule ist die erste pädagogische Anlaufstelle für Kinder der Sekundarstufe I und II in Kreuztal. Danach werden sie auf die anderen weiterführenden Schulen der Stadt verteilt oder bleiben in der Hauptschule. Wo es sie auch hinführt: Dort startet die Vermittlung von Vokabeln, von Imperativ bis Plusquamperfekt, also die sprachliche und schulische Integration.

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Nach den jüngsten Zahlen des NRW-Schulministeriums aus 2016 besuchen in dem Bundesland 245.000 Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte eine Schule. Ihre Lebensläufe könnten kaum unterschiedlicher sein. In der Schulbank treffen Flüchtlinge mit Schulerfahrung auf Mädchen, die nie eine Schule besuchen durften, Jugendliche, die zwischenzeitlich schon Jahre gearbeitet haben, kommen mit denen zusammen, deren Schule zerbombt worden ist. Der Sprachunterricht startet für sie oft bei Null. Deshalb ist die Nachfrage von Lehrern nach Fortbildungen für Alphabetisierung groß. Und ob die zugewanderten Kinder nach der anfänglichen Zuteilung überhaupt die für sie passende Schulform besuchen oder wechseln müssen, zeigt oft erst die Zeit.

Maximal zwei Jahre darf die Sprachförderung «Deutsch als Zweitsprache» dauern, ehe die Kinder regulär am Unterricht teilnehmen sollen. Viele Schulen versuchen derzeit, Flüchtlingskinder Stück für Stück an die Regelklassen heranzuführen. In Sport, Kunst und Werken geht das sehr früh. Die anderen Fächer folgen dann je nach Lernstandsniveau. «Für die zugewanderten Kinder ändert sich der Stundenplan teilweise alle zwei Wochen», sagt Schulleiter Daub. Alle haben einen individuellen Lehrplan. Zwar hilft es Daub, dass es an der Schule schon seit Jahren inklusiven Unterricht und Sprachförderung gibt, trotzdem gilt im Kollegium das Learning by Doing. «Wir müssen uns da selbst fit machen.»

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Ob zwei Jahre Sprachförderung ausreichen, steht auf einem anderen Blatt. Das sei zwar so vorgesehen, sagt Daub, aber es werde Ausnahmen geben. «Das trifft etwa auf Kinder zu, deren Schulbiographie lange unterbrochen war.» Beispielsweise durch eine anderthalbjährige Flucht. Die Fälle muss die Schule aber einzeln begründen, erklärt Daub. Und auch sagen, mit welcher speziellen und intensiven Förderung das schnellstmöglich aufgefangen werden soll.

Von 2015 bis 2017 hat die nordrhein-westfälische Landesregierung über 7.300 neue Lehrerstellen geschaffen. In erster Linie wegen der gestiegenen Schülerzahlen und für die Sprachförderung. Es wird allerdings schwieriger, diese Stellen zu besetzen. «Der Lehrermarkt ist leergefegt. Wir arbeiten ja jetzt schon mit Seiten- und Quereinsteigern», sagt Udo Beckmann, der Landesvorsitzende beim Verband Bildung und Erziehung (VBE).

Dabei ist der pädagogische Anspruch an Lehrer derzeit immens, die Schulklassen sind so heterogen wie nie zuvor. Neben der Integration von Flüchtlingskindern müssen Lehrer den inklusiven Unterricht behinderter Kinder halten, individuelle Förderung gewährleisten – und den verlangten schulischen Stoff vermitteln. «Unter den gegebenen Voraussetzungen ist das nicht zu leisten», sagt Brigitte Balbach, die Vorsitzende des Verbandes Lehrer NRW. Die Qualität des Lernniveaus könne so nicht gehalten werden. Einige Lehrer seien verzweifelt. «Das ist kein Jammern auf hohem Niveau, das ist pure Verzweiflung», meint Balbach.

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So extrem formuliert es Dorothea Schäfer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nicht. «Alle bemühen sich und es ist eine große Bereitschaft da. Aber es gibt schon Lehrer, die sich melden und sagen: ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll.»

Das Schulministerium weiß um die Herausforderung, verweist aber auf die «erheblichen Anstrengungen» der Landesregierung «um die Schulen bei ihrer verantwortungsvollen Arbeit zu unterstützen». Von 2010 bis 2017 würden etwa 1,2 Milliarden Euro für Inklusion investiert.
Balbach vermisst «weiterhin ein Konzept zu Integration und Inklusion». Und der VBE-Vorsitzende Beckmann findet: «Es gibt ja weiterhin Zuwanderung. Wir brauchen also weiter Personal, Fortbildungen, die entsprechenden Raumangebote in den Schulen, Dolmetscher und Sonderpädagogen.»

In der Hauptschule Kreuztal-Eichen stehen inzwischen in der Regel zwei Personen vor der Klasse. Eine Lehrkraft, dazu ein Sonderpädagoge oder Integrationshelfer. Der organisatorische Aufwand ist gestiegen, ein Netzwerk entstanden. Absprachen mit anderen Schulen, dem Jugendamt, freien Trägern der Jugendhilfe und ehrenamtlichen Lernpaten sind in Kreuztal-Eichen inzwischen Basisarbeit. Doch davon kriegen die Schüler in der Willkommensklasse nichts mit. Von Stephan Müller, dpa

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