Immer mehr Lehrer psychisch überlastet: Zerrieben zwischen Anspruch und Wirklichkeit

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BERLIN. Das deutsche Schulsystem befindet sich derzeit in einem Teufelskreis: Es herrscht akuter Lehrermangel, der durch krankheitsbedingte Ausfälle noch verschlimmert wird – dadurch werden die aktiven Lehrerinnen und Lehrer zusätzlich belastet, was wiederum zu mehr stressbedingten Krankheitsfällen führt. Verschiedene Studien zeigen, dass der Lehrerberuf seit langem zu den Spitzenreitern zählt, wenn es um psychische und psychosomatische Leiden geht – und eine Besserung der Verhältnisse ist nicht in Sicht. Ein betroffener Lehrer erzählt, wie ihn vor allem der Stress mit Eltern und Schulleitung krank gemacht hat.

Immer mehr Lehrer fühlen sich überlastet. Foto: pixabay
Immer mehr Lehrer fühlen sich überlastet. Foto: pixabay

Es ist kein Geheimnis mehr: Der Druck an Schulen wächst. Es ist vor allem dieser Druck, der permanente Stress, der immer mehr Lehrer erkranken lässt. „Lustlose und unverschämte Schüler, garstige Eltern mit überzogenen Erwartungen, wachsende Klassenverbände und Aufgabenbereiche“, macht Dr. Gerhard Hildenbrand, Klinikdirektor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Lüdenscheid, unter anderem als Belastungsfaktoren aus. In einem Interview mit der Westfalenpost erklärt er: „Lehrer leiden immer öfter unter sogenannten Stressfolgeerkrankungen wie hohem Blutdruck und Schmerzerkrankungen, aber auch unter seelischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen.“ Vor allem die seelischen Erkrankungen würden laut Hildenbrand häufig längere Arbeitsunfähigkeitszeiten begründen und könnten zudem zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Erwerbsleben führen.

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Durch die extremen Belastungen im Beruf werden jedes Jahr Tausende von Lehrerinnen und Lehrer frühzeitig pensioniert. Das komplizierte Verfahren wirft viele Fragen auf. News4teachers hat deshalb jetzt einen 36-seitigen Ratgeber herausgegeben, der Antworten liefert und Lösungen für mögliche Probleme aufzeigt, die Betroffenen drohen können – verfasst vom Fachanwalt Michael Else.

Hier lässt sich das Dossier herunterladen (kostenpflichtig).

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„Wir sind doch Freiwild“

Der Lehrer Bernd W. ist inzwischen 63 Jahre alt und zu 80 Prozent schwerbehindert – vor allem bedingt durch psychische Belastungen und Mobbing am Arbeitsplatz. Er hat uns seinen Leidensweg aus seiner Sicht geschildert. Für ihn ist vor allem der Einfluss, den Eltern inzwischen auf die Schule ausüben, zum Problem geworden. „Wir sind doch Freiwild für die Eltern“, sagt Bernd W. und nimmt damit auch Bezug auf seine eigenen Erfahrungen. Bereits 2004 hatte das Gesundheitsamt bei ihm eine „psychoreaktive Symptomatik im Sinne eines Erschöpfungssyndroms“ diagnostiziert. 2006 verstärkten sich die Erkrankungssymptome, nachdem ein Konflikt mit einer Elterngruppe eskalierte.

Die Eltern hätten ihre Kinder gegen ihn aufgehetzt, sodass die Kinder irgendwann den Unterricht boykottierten. „Die Eltern haben massiv versucht Einfluss auf den Unterricht zu nehmen“, erinnert sich Bernd W. Die Eltern warfen ihm vor, der Unterricht falle zu häufig aus, er schaffe es nicht, die Klasse zu bändigen und den Stoff zügig zu vermitteln. Besonders Eltern, deren Kinder schlechte Noten schrieben, beschwerten sich. Der News4teachers-Redaktion liegen Briefe der Elternvertretung vor, in der sie andere Eltern auffordert, Kritik der Kinder bezüglich Herrn W. an sie zu schicken. Wortwörtlich heißt in den E-Mails: „Ich brauche diese Kommentare als ‚Munition‘ bei meinem Gespräch mit der Schulleitung.“ Das explizit erklärte Ziel: Möglichst einen Lehrerwechsel erzwingen.

In einer weiteren Mail an die Schulleitung heißt es dann: „Die Eltern der Klasse fordern für ihre Kinder einen qualifizierten regelmäßigen Unterricht. Sollte der Schulleitung nicht möglich sein, dafür zu sorgen, wenden wir uns an das Schulamt.“ Für Bernd W. war besonders schlimm, dass er sich von der Schulleitung nicht unterstützt fühlte. „Aber natürlich stehen Schulleitungen und Schulämter auch selbst unter Druck“, räumt er ein. Eine vertrackte Situation.

Höllenjob Lehrer?

Dr. Gerhard Hildebrand zeichnet im Interview mit der Westfalenpost ein düsteres Bild des Lehrerjobs: „Manchmal herrscht in Schulen ein Lärm, der unter industriellen Bedingungen nicht tolerabel wäre. Zudem wachsen die Aufgaben.“ Arbeitswochen von über 50 Stunden seien keine Ausnahme und im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen haben Lehrer kaum störungsfreie Pausenzeiten. Erholungszeiten sind auch deshalb gar nicht umzusetzen, weil Lehrkräfte in den Freistunden ihre Kollegen vertreten müssen, die auf Exkursion sind – oder eben krank.

Laut der Studie „Lehrergesundheit“ der DAK-Krankenkassen aus dem Jahr 2011 leiden mehr als die Hälfte der Lehrer gesundheitlich stark und Stress und emotionaler Beanspruchung. Jeder fünfte Lehrer glaubt sogar laut der repräsentativen Befragung, dass er aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit vorzeitig in den Ruhestand gehen muss – Tendenz steigend. Eine aktuellere Studie der DAK aus dem Jahr 2017 lässt sich so zusammen: Lehrkräfte sind körperlich eigentlich fit, sie sind sportlicher als der Durchschnitt der Bevölkerung, haben seltener Übergewicht und rauchen nur halb so häufig wie die Allgemeinbevölkerung. Allerdings erkranken Pädagogen häufig an Burnout und psychischen Krankheiten als der Rest der Bevölkerung.

Für viel Wirbel hatte 2014 das Gutachten des Aktionsrates Bildung im Auftrag der Bayerischen Wirtschaft gesorgt, nach dem 30 Prozent der Beschäftigten im Bildungswesen unter psychischen Problemen leiden und von Burnout bedroht sind. „Höllenjob Lehrer“ titelte dazu die Süddeutsche Zeitung. Burnout sei zwar keine eigenständige Diagnose, erklärten die Experten der Studie zur Veröffentlichung, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Risikofaktoren, dennoch sei die Zunahme an festgestellter Erschöpfung besorgniserregend. Insgesamt hatte sich die Zahl der Krankheitstage laut dem Gutachten vom Jahr 2000 bis 2014 fast verdoppelt. Ein Fazit: Den Lehrern fehlt es an Unterstützung. Sie erlebten im Alltag eine Vielzahl von Attacken und könnten sich kaum wehren.

Eskalierter Konflikt

Genau dieses Gefühl hat Bernd W. weiter erkranken lassen. Er berichtet, wie die Eltern seiner damaligen achten Klasse ein mögliches Alkoholproblem ins Spiel brachten und ihre Kinder fragten, ob ihnen an ihrem Lehrer etwas aufgefallen sei. Bei einem Elternabend einigten sich die Eltern außerdem darauf, dass die Kinder geschlossen den Raum verlassen sollten, wenn der Unterricht ihrer Meinung nach mal wieder nicht gut lief – alles wurde in schriftlichen Protokollen festgehalten. „Ich habe das als Angriff gegen mich verstanden“, so Bernd W. Seinen Schülerinnen und Schüler blieb die Ablehnung seitens der Eltern natürlich nicht verborgen und auch sie äußerten sich zunehmend offen negativ im Unterricht oder verweigerten die Mitarbeit.

Doch einige Eltern hielten auch zu Bernd W. und leiteten ihm die entsprechenden Mails der Elternbeiratsvorsitzenden weiter. „Hetz- und Brandschriften“ nennt Bernd W. diese Briefe. Die Ankündigung seines Schulleiters, seinen Unterricht aufgrund der Kritik besuchen zu wollen, verstand er dann auch nicht mehr als konstruktive Lösung, um eine „Verbesserung des Unterrichts zu erreichen“, wie der Schulleiter es ausdrückte, sondern als weitere Demütigung – nun auch vor den Schülern. Die Situation spitzte sich über ein Schuljahr lang immer weiter zu, bis an eine Deeskalation nicht mehr zu denken war – und Bernd W. erneut erkrankte. Es folgten Klinikaufenthalte. 2009 erlitt der Mittelstufenlehrer einen Bandscheibenvorfall, 2010 einen Schlaganfall. Alles Folgen der Überlastung. 2012 erfasste das Gesundheitsamt einen Behinderungsgrad von 60 Prozent. Mit einbezogen wurden unter anderem folgende Beeinträchtigungen: Schwerhörigkeit, Depressive Störungen, Funktionsstörung der Wirbelsäule und Herzrhythmusstörungen. Daraufhin stellte Bernd W. 2011 einen Versetzungsantrag.

Burnout als ernst zu nehmende Problem

Immer wieder berichten Lehrer von ihrem täglichen Klassenkampf. Normaler Unterricht sei häufig gar nicht mehr möglich. In Nordrhein-Westfalen waren Lehrer rund 1,8 Millionen Tage im Jahr 2016 krank. Das geht aus dem neuen Krankenstandbericht des NRW-Innenministeriums hervor. Damit liegt die Krankenstandsquote an den Schulen bei 6,3 Prozent. Im Schnitt war jeder Lehrer an fast 9,5 Tagen im Jahr 2016 krank, berichtet die Rheinische Post. Besonders hoch war der Krankenstand an Hauptschulen, bei den verbeamteten Lehrern fielen die meisten Tage an Grundschulen an. Wissenschaftler sehen laut Rheinischer Post einen direkten Zusammenhang zwischen Arbeitsklima und Fehltagen: Je wohler Mitarbeiter sich fühlen, desto seltener werden sie krank.

Insgesamt seien vor allem Menschen in helfenden Berufen von Burnout betroffen, wie Peter-Michael Roth, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin-Brandenburg, in einem Interview mit der Berliner Morgenpost  erklärt: „Diese Menschen erhoffen sich vor allem über ihren Beruf Anerkennung und Zuwendung.“ Doch die gesellschaftlichen Bedingungen hätten sich verändert: „Kinder wie Eltern werden immer schwieriger. Die Kinder werden nicht mehr zur Disziplin erzogen. Die Eltern erwarten von den Lehrern, dass sie alles in Ordnung bringen, was sie selbst nicht geschafft haben in der Erziehung. Es ist wirklich hart geworden für Lehrer.“

Als Symptome für Burnout nett Roth beispielsweise Ein- und Durchschlafstörungen, Antriebsarmut und das Gefühl, dass man alles nicht mehr schafft. Andere Experten nennen darüber hinaus das Gefühl der Hilflosigkeit, Arbeitsunlust, Distanzierungswünsche von Schülern oder Kompetenzzweifel als Anzeichen. Als der auslösende Faktor für das Burnout wird vor allem die Diskrepanz zwischen den selbst gestellten Zielen und der Konfrontation mit der schulischen Realität angesehen.

Arbeiten trotz Krankheit

Schaut man auf die Hauptgründe für Frühpensionierungen stehen psychische und psychosomatische Erkrankungen ganz oben. Sie werden je nach Erhebung in 32 bis 50 Prozent aller Fälle als Grund angeführt (vgl. hierzu auch das N4T-Dossier “Streitfall Dienstunfähigkeit”). Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich viele Lehrer trotz gesundheitlicher oder psychischer Probleme noch bis zu ihrem gesetzlichen Pensionsalter krank zur Schule schleppen. Denn: Die meisten können sich eine Dienstunfähigkeit und den vorzeitigen Ruhestand einfach nicht leisten.

Für Bernd W. wäre eine frühzeitige Pensionierung ebenfalls finanziell nicht möglich gewesen. „Ich musste also krank zur Schule gehen, dabei wollte ich nur noch weg.“ Außerdem sieht er es als gesellschaftliches Problem an, dass zwar viel über psychische Probleme im Allgemeinen geredet wird, aber im Einzelfall einfach keine Akzeptanz zu erwarten ist. „Man wird zur ‚Persona non grata‘. Die Karriere ist damit beendet“, so Bernd W.

Sein Leidensweg ging also weiter. Nach seinem Versetzungsantrag folgten verschiedene Abordnungen an andere Schulen für begrenzte Zeiträume. Am Ende bekam er immer wieder den Bescheid, sich wieder an seiner ursprünglichen Schule zu melden – obwohl der Arzt vor einem Einsatz dort gewarnt hatte, da es die Krankheit wieder verschlimmern könnte. „Aber niemanden interessiert Ihre Psyche“, meint Bernd W. leicht verbittert. Er beschreibt seine Depression wie einen Marsch über ein Minenfeld. „Und der Schulleiter und das Schulamt fliegen zusätzlich wie Drohnen darüber“.

2017 wurde ihm nach mehreren Anträgen endlich seine Versetzung an eine andere Schule mitgeteilt. Doch der ursprüngliche Konflikt lässt ihn bis heute nicht richtig los. Kurz nachdem er seinen Dienst an der neuen Schule angetreten hatte, erfuhr er von einem Brief, den eine Elternvertreterin an die Schulleitung geschrieben hatte. Darin stand: „Ich habe viele Jahre in der Schulelternarbeit in verschiedenen Funktionen gearbeitet. Nun erfahre ich, dass Herr W. an Ihre Schule versetzt werden soll. Da stellt sich mir doch die Frage, ob Ihnen tatsächlich alle nötigen Informationen über diesen Lehrer vorliegen und ob Ihnen die Vorfälle und Entgleisungen, die sich an seiner früheren Dienststelle ereignet haben, bekannt sich?“ Und weiter heißt es: „Es geht nicht darum, Herrn W. zu schaden, es geht lediglich um das Wohl der Schüler, der Lehrer und der Eltern.“ Dass Bernd W. zu den Lehrern zählt, um dessen Wohl sich die Schule kümmern sollte, scheint die Verfasserin nicht zu interessieren. Agentur für Bildungsjournalismus

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27 KOMMENTARE

  1. Jede ältere Lehrkraft, die ich kenne, versucht sich frühzeitig pensionieren zu lassen ( 2 Jahre früher mit 63, bald aber mit 64) oder macht das Altersteilzeitmodell, wo man früher gehen kann. Das müsste doch zu denken geben. Der Beruf ist kaum bis zum Ende durchhaltbar mit der Leistungskraft, die man dafür braucht um alles noch einigermaßen wegstecken zu können. Noch ein paar Jahre, dann ist das reguläre Pensionsalter 67 Jahre. Da kann man nach heutigem Stand frühestens mit 65 aufhören. Wenn es so weitergeht, sind die Leute schon mit 55 plus minus kaputt.

    • Stimmt, da kann man als ehemaliger A12er sogar noch eher gehen, da die Abzüge von einem höheren Gehaltsniveau leichter zu ertragen sind. Bei 28 WS, die ja für Lehrkräfte an GS, RS und HS bleiben, muss man ja schon Teilzeit beantragen, um so paradisische Zustände wie die Studienratsfraktion zu haben
      10% abgesenktes Wochenstundendeputat bedeutet eben auch 10% weniger Entgelt.

      Um an einer deutschen Schule zu arbeiten, muss man nicht verrückt sein. – Aber es erleichtert den täglichen Wahnsinn ganz ungmein.

  2. Bei A13 kann ich mir immerhin für zu Hause Putzfrau und Gärtner leisten, aber die Herren der Schöpfung haben das ja sowieso, nehme ich an. Ironie meine Lieben.

  3. Es ist schleierhaft, wie heutzutage noch jemand Lehrer werden möchte. Da kann der Verdienst noch so hoch sein, er ist kein Gegengewicht zu dem, was im Berufsalltag alles im Argen liegt und dem Lehrer täglich schwer zu schaffen macht.
    Immer in Angst und Schrecken vor möglichen Nörgeleien und Aggressionen von Eltern und Schülern zu leben, obendrein oft keinen Rückhalt bei Vorgesetzten zu haben, muss für ständige Angst sorgen, am Selbstwertgefühl nagen und seelische Störungen hervorrufen.
    Es steht zu befürchten, dass mit fortschreitender Inklusion und Beschulung von Migrationskindern die Schwierigkeiten noch wachsen werden.

  4. @ Mississippi
    Genau! Sie treffen genau ins Schwarze :-)!

    @ ein Vater
    Auch Sie haben recht. Das traurige ist eigentlich, dass gerade Menschen, die mit Leib und Seele Grundschullehrer sind (ich zähle mich dazu) durch das System gnadenlos kaputt gemacht werden. Die, die von vornherein Dienst nach Vorschrift gemacht haben, die werden nicht krank! Und oftmals ist es reine Glücks- oder Pechsache, welche Eltern man so bekommt. Es gibt tolle Eltern, aber eben auch die, deren Hobby es ist, Anderen das Leben zur Hölle zu machen.
    Und die Kinder stehen mal wieder zwischen allen Fronten und leiden mit. Daran denken diese Eltern natürlich nicht!!

    • Genau mein Gedanke. Ich bin jetzt seit 4 Jahren im “System” und muss sagen, dass man sich selbst Grenzen setzen muss. Ergo künstlicher Egoismus hilft um gröberen Schaden abzuwehren. Das geht auch ohne, dass die Kinder darunter leiden. Ich vertrete auch gegenüber der SL ganz klar meinen Standpunkt und zeige Grenzen auf. Das klappt aber nur, wenn man ehrliche Arbeit und mehr als normalen Einsatz zeigt. Dann wird man auch seitens der Führungsetage respektiert.

  5. Dazu kommt, dass Sie nach vier Jahren so ziemlich jede Unterrichtsreihe mehrfach in der Praxis erprobt haben (Ausnahme eventuell Leistungskurs in der Oberstufe), und so auch aufgrund der Erfahrung nicht mehr jede Unterrichtsstunde von Null auf vorbereiten müssen. Sie können sich folglich auf weniger Neues beschränken und insgesamt entspannter arbeiten.

    • Das ist ein absoluter Trugschluss: davon abgesehen, dass doch niemand nach 4 Jahren “so ziemlich jede Unterrichtsreihe MEHRFACH erprobt” hat, sind die Lehrkräfte entweder in Klasse 5-10/12/13 in mindestens 2 Fächern eingesetzt oder in Klasse 1-4 in so ziemlich jedem Fach.

      Die Anforderungen und Curricula ändern sich ständig, die Schulbücher müssen fortwährend ausgetauscht werden (Schulbuch-Wechsel-Zwang dank Vorgaben zur Schulbuch-Vermietung) und die Differenzierung fordert in jeder Klasse neue Zugangsweisen. Natürlich hat man nach den ersten Jahren einen Fundus an Materialien, aber ich kenne kaum jemanden, der diese immer wieder gleich einsetzen kann. Dazu sind die Klassen viel zu unterschiedlich.

      Dazu kommen unzählige Fächer, in die man sich einarbeiten muss, und immer wechselnde Inklusions-Schwerpunkte, mit denen Kinder unsere Schulen besuchen, jedes mit anderer Vorgeschichte und Ausprägung.
      Die “Unterstützung” der Landesschulbehörde besteht offenbar zu selten darin, dass tatsächliche und konkret ausgearbeitete Hilfen gegeben werden, sondern in der Regel in Auflagen, neuen Dokumentationen, Konzepte für jedes i-Tüpfelchen und noch mehr Bürokratie.
      Ist man nach 4 Jahren in der Grundschule wieder im gleichen Jahrgang angelangt, haben sich die vorherigen Vorgaben schon “überlebt” und jedes Mal erfordert es nicht nur neue Planung, neue Implementierung, sondern auch Abänderung der Klassenarbeiten und Dokumente, neue Elterinformation etc.
      Es gibt eine Menge Lehrkräfte, die sagen: “Ich möchte einfach mal Unterricht machen dürfen!”

      • Da gebe ich dir vollkommen Recht, palim. Auch wenn sich in meinem Bundesland die Curricula etwas länger halten, muss man doch immer wieder den Unterricht anders planen, auf die Bedürfnisse der Schüler zurechtschneiden und neue pädagogische Ideen adaptieren. Natürlich hat man einen gewissen Fundus nach einer Zeit. Doch man überarbeitet ihn öfter neu.
        Und ich behaupte einmal, dass sich bei einem Grundschullehrer eine Menge Material durch die unterschiedlichen Fächer und Differenzierungen im Lauf der Jahre ansammelt, wo es manchmal eine organisatorische Meisterleistung ist, alles so zu archivieren und aufzubewahren, dass man es bei Bedarf schnell wiederfindet, was auch wieder Zeit kostet.

    • Ich stimme xxx zu. Der Aufwand verringert sich, wenn man bestimmte Klassenstufen und Fächer wiederholt unterricht. Teilweise jedenfalls ist das so – auch wenn immer mal wieder was Neues hinzukommen kann.

      Auch bekommt man sehr viel Routine in der Planung einer Unterrichtsstunde. Das geht mit der Zeit einfach alles schneller von der Hand. Und viele Materialien hat man schon und muss sie nicht erst erstellen.

      • Genau das meinte ich mit meinem Kommentar. Palim hat aus der Sicht der Grundschule allerdings auch recht, weil dort aufgrund der höheren Anzahl Stunden in der eigenen Klasse die zeitliche Periode länger als vier Jahre ist, wegen mir 6-8 Jahre. Dies entspricht aber schon in etwa der Veränderung von Lehrplänen und Neueinführung von Büchern.

        • Wieso? Ein Fachlehrer muss an einer weiterführenden Schule auch 6 bzw. 8/9 Schuljahre in einem Fach durchlaufen, um alles in diesem Fach wenigstens 1 x unterrichtet zu haben.

          Klar klappt das alles nicht immer so idealtypisch. Dann hat man plötzlich ein Fach, das man noch nie hatte oder man hat jahrelang eine Klassenstufe nicht mehr usw.-usf. Aber im selbst unabhängig vom Fach oder von der Klassenstufe fallen Unterrichtsvorbereitungen mit den Jahren leichter. Man weiß, worauf es ankommt; was eher geht und was eher nicht.

  6. ZITAT: “„Manchmal herrscht in Schulen ein Lärm, der unter industriellen Bedingungen nicht tolerabel wäre. Zudem wachsen die Aufgaben.“ Arbeitswochen von über 50 Stunden seien keine Ausnahme und im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen haben Lehrer kaum störungsfreie Pausenzeiten. Erholungszeiten sind auch deshalb gar nicht umzusetzen, weil Lehrkräfte in den Freistunden ihre Kollegen vertreten müssen, die auf Exkursion sind – oder eben krank.”

    So ist es !

    • “Manchmal herrscht in Schulen ein Lärm, der unter industriellen Bedingungen nicht tolerabel wäre.”

      Das war aber nicht schon immer so. Auch nach Abschaffung des Rohrstocks war es nach meiner eigenen Erinnerung aus meiner Schulzeit zunächst ruhig im Unterricht (in der Pause nicht), auch in der Grundschule. Und Schulklassen waren früher eher größer als heute. Man hat da wohl einiges ohne Not einreißen lassen. Wie kam das eigentlich? Und wann? Kann sich noch jemand erinnern? Und muss dieser Lärm sein?

      • Das ist alles eine Frage des gegenseitigen Respekts und der Erziehung der Schüler.
        Wer die eigene Autorität durch einen legeren Umgang mit den Schülern untergräbt, Rituale , wie die morgentliche Begrüßung oder andere Rituale außen vor lässt und die Steuerung des Lernens den Schülern überlässt, der muss sich nicht wundern, wenn man nicht mehr ernst genommen wird.

          • Mein derzeitiger Klassenraum wurde wegen eines hörbeeinträchtigten Kindes mehrfach mit akustikdämmenden Vorrichtungen versehen um Schall zu schlucken und Nachhall zu dezimieren. Da geht es auch um Geräusche wie das Scharren der Stühle oder das Rascheln beim Umblättern.

            Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht und kommt allen SuS zu Gute. Da beim Schulträger zurzeit jemand arbeitet, dem dieses Thema wichtig ist, wurden auch die Kindergärten bereits besser ausgestattet, die Schulen sollen nun nach und nach eine bessere akustische Dämmung erhalten. Solche Initiativen bringen eine Menge! Danke Schulträger-Mitarbeiter!

            Ansonsten könnte man sagen: Wo sind die verpflichtenden Vorschriften dafür, dass Klassenräume entsprechend der Verordnungen ausgestattet werden und wer kontrolliert deren Umsetzung?

  7. Der oben geschilderte “Fall” stimmt mich sehr traurig.Ein Kollege gerät in eine Lebenssituation,die nicht so hätte enden müssen.”Wehret den Anfängen”-ja,wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen und zum eigenen Schutz ist es wichtig,zum einen für sich selber Grenzen festzulegen und zum anderen ein System an der Schule zu entwickeln und auch zu leben,in dem Fehlhandlungen der Schüler*innen Konsequenzen haben,Eltern im positiven Sinn in die Schulentwicklung aktiv einbezogen werden und Übergriffe in schulinterne Angelegenheiten deutlich gestoppt werden.Es bedarf aber auch gut vorbereiteter und engagierter Kollegen*innen,die bereit und fähig sind,den anspruchsvollen Aufgaben einer Schulleitung gerecht zu werden.Im obigen Beispiel hätten die Eltern gleich zu Beginn freundlich,aber deutlich einer Eingrenzung ihrer Aktivitäten gebraucht und der Kollege deutliche Hilfe und Unterstützung(Kollegiale Fallberatung).Mit Hilfe von Schulsozialarbeit ,Streitschlichtung ,Schulseelsorge, kann mit den betroffenen Schülern*innen an dem “Problem”gearbeitet werden.Schüler*innen können Solidarität lernen,Rücksichtnahme auch für Lehrer*innen.
    Schule ist ein Gesamtorganismus,in dem Menschen miteinander im Schullalltag leben “in guten und schlechten Zeiten”, und es bedarf von jeder/jedem viel Verständnis und Engagement,damit diese Gemeinschaft jeden Tag aufs Neue gelebt werden kann.
    Im obigen Beispiel ist viel versäumt worden ,rechtzeitig einzugreifen,doch-lernen wir daraus,machen es an unserer Schule besser und gestalten das Schulleben aktiv mit .Ich für meinen Teil lebe Schule so und gehe nach 36Dienstjahren immer noch gerne in “meine”Schule.
    Ich wünsche allen,die dies lesen ,Optimismus,Kraft und die Hoffnung,dass auch kleine Schritte die (Schul)Welt verändern können.

    • @ Uschi:
      Ja, ich stimme Ihnen unbedingt zu. Mir geht es genau so (41 Jahre im Dienst) .Aber es braucht dazu auch den Willen, “auf seine alten Tage noch neues zu lernen”, junge Kolleginnen als Bereicherung zu erleben, nicht alles neue zu verteufeln und selbst auch noch ein bisschen kindliche Freude insgesamt zu haben. Doch nicht jeder ist so veranlagt und deshalb müssen wir uns als Kollegium unterstützen. Mit allen Mitteln!
      @ g.h. : Was eine blöde und niveaulose Bemerkung ….

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