Prognose widerspricht Senat: Lehrkräftemangel in Berlin wird noch dramatischer als ohnehin schon erwartet

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BERLIN. Die Berliner Schulverwaltung geht bis zum Jahr 2030 von einem massiven Lehrkräftemangel aus. Nach der Hochrechnung relevanter Ausbildungs- und Pensionszahlen fehlen in 12 Jahren rund 7.000 Pädagogen. In seiner neuesten Bildungsprognose kommt das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie zu noch dramatischeren Zahlen. Das Schulsystem werde zur „Achillesferse der Wirtschaft“, mahnt Institutsdirektor Dieter Dohmen.

Um das Berliner Bildungssystem scheint es nicht zum Besten zu stehen. Wegen Personalmangels hat eine Berliner Kita zum kommenden März über 100 Betreuungsverträge gekündigt. Auch Markus Söders, im Rahmen der Digitalpakt-Verhandlungen geäußerte Meinung deutet zumindest auf ein gefühlt bereits bestehendes Problem: „Das kann nicht Sinn und Zweck sein, dass am Ende aus Berlin Einheitsschulen geplant werden auf Berliner Niveau für ganz Deutschland – das wollen wir nicht“, hatte Bayerns Ministerpräsident gesagt.

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Auch das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) macht sich Sorgen um das Leistungsniveau der Hauptstadtschüler. In den kommenden Jahren werde der Lehrkräftemangel noch stärker wachsen, als von der Schulverwaltung angenommen, schließen die Forscher auf Basis einer eigenen Prognose zur Entwicklung der Bevölkerung und der Bildungsbeteiligung bis zum Jahr 2030.

Nach FiBS-Berechnung bildet Berlin nicht genug neue Lehrer aus, um den eigenen Bedarf zu decken. Foto: Tulane Public Relations, AlbertHerring / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
Nach FiBS-Berechnung bildet Berlin nicht genug neue Lehrer aus, um den eigenen Bedarf zu decken. Foto: Tulane Public Relations, AlbertHerring / Wikimedia Commons (Ausschnitt) (CC BY 2.0)

Schon bei der Bevölkerungsentwicklung kommt das FiBS zu anderen Ergebnissen als die Senatsverwaltung. Geht die Landesregierung von rund 3,8 Millionen Einwohnern im Jahr 2030 aus, rechnen die Wissenschaftler mit einem Anstieg auf 4,1 Millionen. Entsprechend steige die Zahl der Kinder im Kita-, Schul- und Hochschulalter um 300.000 auf insgesamt 1,1 Millionen.

Demnach müsse Berlin in den kommenden gut zehn Jahren bis zu 35.000 Lehrkräfte und 20.000 Erzieher ausbilden und einstellen. Da die Schulverwaltung bereits bei deutlich geringeren Kinder- und Schülerzahlen von einem beträchtlichen Mangel an Erziehern und Lehrern ausgehe, bedeutet die FiBS-Prognose, dass sich der Mangel noch einmal dramatisch verschärft.

Im Einzelnen steige die Zahl der Kinder im Kita-Alter um 40.000 auf 255.000, die der Schüler an allgemeinbildenden Schulen um 140.000 auf 482.000 und an Berufsschulen um über 30.000 auf 122.000. Demgegenüber geht die Berliner Schulverwaltung von einem Anstieg auf 440.000 Schüler an allgemein- und 109.000 an berufsbildenden Schulen aus. Bei den null- bis fünfjährigen Kindern geht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen von einem Rückgang auf etwa 200.000 Kinder aus. Die FiBS-Prognose kommt somit in allen Bildungsbereichen zu deutlich höheren Zahlen als der Berliner Senat.

Der Anstieg führe zu einem Einstellungsbedarf von über 12.000 zusätzlichen Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen gegenüber der heutigen Zahl. Unter Berücksichtigung der altersbedingt sowie vorzeitig ausscheidenden Lehrer ergebe sich ein Einstellungsbedarf von mindestens 32.500 Personen, sofern die Zahl der abwandernden oder vorzeitig wegen Berufsunfähigkeit aus dem Dienst ausscheidenden Lehrkräfte nicht weiter ansteige. Allein zwischen 2014 und 2016 habe sich hier eine Verdopplung gezeigt und es schieden zuletzt fast so viele Lehrkräfte wegen Berufsunfähigkeit vorzeitig aus dem Dienst aus, wie in Pension gingen.

Auch an den Berufsschulen zeigte sich in der FiBS-Voraussage ein Mehrbedarf von über zehn Prozent gegenüber der Prognose der Senatsschulverwaltung. Bei einem von dieser erwarteten Mangel von 2.160 bedeute das einen weiteren Anstieg des Mangels auf etwa 2.500.

Schwieriger vorherzusagen ist, so die FIBS-Statistiker der zusätzliche Bedarf an Fachkräften für den Kita-Bereich: hier fehlen derzeit bereits rund 1.500 Kräfte, um allein die Versorgung der rund 9.000 genehmigten, aber unbelegten Kita-Plätze gewährleisten zu können. Darüber hinaus hängt der Einstellungsbedarf davon ab, wie viele Kinder zusätzlich aufgenommen werden sollen, also davon, wie hoch die Betreuungsquoten werden sollen. Allein um die derzeitigen Betreuungsquoten aufrechtzuerhalten, müssen bis 2030 mindestens 40.000 Plätze geschaffen werden, wofür ca. 8.000 zusätzliche Fachkräfte ausgebildet werden müssten. Unter Berücksichtigung der altersbedingt oder vorzeitig ausscheidenden beläuft sich der gesamte Ausbildungsbedarf auf mindestens 15.000. Unter Umständen können es auch bis zu 20.000 werden, wenn die Betreuungsquote für die unter Dreijährigen auf 60 Prozent erhöht werden soll.

„Der Lehrkräftemangel an den Berliner Schulen wird dramatisch sein, wenn die Politik nicht kurzfristig und entschlossen gegensteuert,“ fasst Dieter Dohmen, Direktor des FiBS und neuer Leiter der Initiative Bildung der Stiftung Zukunft Berlin, die Ergebnisse zusammen. „Alleine in den Klassen 1 bis 10 werden an die 20.000 Lehrkräfte fehlen, wenn weiterhin so viele Lehrer wegen Berufsunfähigkeit vorzeitig ausscheiden, wie zuletzt. Dies ist etwa ein Drittel mehr als die Berliner Schulverwaltung erwartet.“

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Bei allen Zahlen sei zudem zu berücksichtigten, dass die Zahlen der Senatsschulverwaltung zum Lehrkräfteangebot davon ausgehen, dass alle, die ein Lehramtsstudium erfolgreich abschließen, hinterher auch Lehrer an einer Berliner Schule werden. Dies sei aber erfahrungsgemäß nicht der Fall und gelte umso mehr, als auch alle anderen Bundesländer zu wenig Lehrer für die Grundschulen und die Sekundarstufe I ausbildeten. „Hier werden sich die Lehrer die besten Stellen deutschlandweit aussuchen können,“ hält Dohmen fest. „Diese Situation wird zu einer Gefahr für das Bildungsniveau kommender Jahrgänge und zwar nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. In Berlin ist die Lage aber besonders problematisch, da das Leistungsniveau der Schüler bundesweit am unteren Ende liegt.“

Im Bereich der Hochschulen ist laut FiBS-Prognose mit einem weiteren Anstieg der Studienanfängerzahlen auf bis zu 42.000 zu rechnen. „Das sind noch einmal 20 Prozent mehr als derzeit ein Studium aufnehmen,“ sagt Dohmen. „Dabei kommt über die Hälfte der Erstsemester aus anderen Bundesländern oder dem Ausland. Dies zeigt, wie attraktiv die Berliner Hochschulen sind.“

„Im Ergebnis ist festzuhalten,“ sagt der FiBS-Direktor, „dass das Berliner Schulsystem zur Achillesferse für die Wirtschaft werden kann, wenn nicht schnellstmöglich und umfassend gegengesteuert wird. Vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass unser Szenario nie Realität werden wird, sondern einen weiteren Anstoß gibt, dass der Senat nunmehr entschlossen handelt und die notwendigen Maßnahmen ergreift.“ Hierzu müssten nicht nur die Ausbildungskapazitäten der Berliner Universitäten gerade für Grund- und Sekundarschullehrer „drastisch“ weiter ausgebautwerden. Außerdem bedürfe es neuer und attraktiver Wege, um Quereinsteiger angemessen auf die Herausforderungen des Unterrichts vorzubereiten. „Das derzeitige Vorgehen“, so Dohmen führe „zur Entprofessionalisierung des Lehramts und wird auf dem Rücken der qualifizierten Kollegen und Schüler ausgetragen.“

Belege für seine Befürchtungen sieht Dohmen etwa in den Ergebnissen der letztjährigen Prüfungen zum mittleren Schulabschluss. „Darüber hinaus muss der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung weiter verbessert und auch die Weiterbildung ausgebaut werden,“ fährt er fort. „Berlin hat hier die zweitniedrigste Weiterbildungsquote aller Länder und gerade Personen ohne Berufsausbildung bzw. mit Lehrabschluss beteiligen sich unterdurchschnittlich.“ Abgesehen von der Bundesagentur und dem Bildungsurlaub gebe es keine nennenswert genutzten Finanzierungsinstrumente und auch die Weiterbildungsstrukturen seien unzureichend ausgebaut. (zab, pm)

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4 KOMMENTARE

  1. Der Lehrkräftemangel steigt weiter? Das heißt, alle bisherigen rein monetären Maßnahmen (Erfahrungsstufe 5 bei Neueinstellung, A 13 für alle …) haben nichts gebracht, weil es ja gar nicht am Gehalt liegt.

    Hier kann man einen Grund erkennen:
    “Allein zwischen 2014 und 2016 habe sich hier eine Verdopplung gezeigt und es schieden zuletzt fast so viele Lehrkräfte wegen Berufsunfähigkeit vorzeitig aus dem Dienst aus, wie in Pension gingen.”

    • Zitat: “Auch an den Berufsschulen zeigte sich in der FiBS-Voraussage ein Mehrbedarf von über zehn Prozent gegenüber der Prognose der Senatsschulverwaltung. Bei einem von dieser erwarteten Mangel von 2.160 bedeute das einen weiteren Anstieg des Mangels auf etwa 2.500.”

      Auch hier zeigt sich, dass es gar nicht am Gehalt liegt und dass die Politik die falschen Maßnahmen ergreift und die Berufsverbände einfach nur “die Gelegenheit beim Schopfe” ergreifen, um mehr Geld/Gehalt für ihre Klientel herauszuschlagen.

      • Die bösen, bösen Gewerkschaften. Da machen die doch einfach das, wofür sie da sind, nämlich Interessenvertreter ihrer Mitglieder zu sein. Unerhört…

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