Zehn Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden: Ein Lehrer, eine Mutter und ein Polizist berichten

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WINNENDEN. Genau zehn Jahre liegt der Amoklauf von Winnenden zurück. Doch manche Menschen haben die Bilder noch so klar vor Augen wie damals. Die Gewalttat des 17-jährigen Schützen hat ihr Leben radikal verändert. Ein Besuch an der Schule und Eindrücke von Betroffenen.

Unmittelbar nach der Tat: Schülerinnen und Schüler drücken am Schulgebäude ihre Trauer und Betroffenheit aus. Foto: Ra Boe / Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Gisela Mayer will gerade einkaufen gehen, da spricht sie der Freund ihrer Tochter Nina vor dem Laden an. Ob sie wisse, fragt Martin, dass es an der Albertville-Realschule in Winnenden einen Amoklauf gebe. Das ist die Schule, an der ihre Tochter als Referendarin unterrichtet. Sie denkt in diesem Augenblick an einen randalierenden Schüler, nicht an einen Mörder.

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Sven Kubick, Konrektor in Tamm bei Ludwigsburg, erfährt von dem Geschehen durch andere Lehrer. Später hört er Details über die Tat an der etwa 25 Kilometer entfernten Realschule aus dem Radio.

Erwin Hetger, Polizeipräsident des Landes Baden-Württemberg, trifft sich mit Kollegen im Präsidium zur üblichen Lagebesprechung um 9 Uhr. Alles scheint ruhig. Eine Stunde später ändert sich das schlagartig. Hetger erhält einen Anruf des Lagezentrums: «Wir haben in Baden-Württemberg einen Amoklauf in Winnenden in einer Realschule. Die Lage ist kritisch. Offenbar gibt es auch Tote.»

Diese drei Menschen ahnen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass dieser Tag, der 11. März 2009, ihr Leben radikal verändern wird.

Am Morgen jenes Tages setzt sich der 17-jährige Tim K. zu seiner Mutter an den Frühstückstisch. Er isst ein Stück Rührkuchen und trinkt Kakao. Sein letztes Mahl. In viereinhalb Stunden wird er nicht mehr leben – wie 15 andere Menschen auch. Er nimmt die Pistole aus dem Schlafzimmerschrank seines Vaters, eines Sportschützen. Munition aus dem Nachttisch: 285 Kugeln. Er verlässt das elterliche Haus in der 11 000-Einwohner-Gemeinde Leutenbach mit der Waffe und steuert seine ehemalige Schule an, die Albertville-Realschule. Um 9.30 Uhr dringt der junge Mann in das Gebäude ein und erschießt acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen sowie auf der Flucht weitere drei Menschen. Um 12.30 Uhr erschießt Tim K. auch sich.

Die lange vorbereitete Tat des Jungen aus bürgerlichem Hause jährt sich am Montag – am 11. März – zum zehnten Mal.

GISELA MAYER – DIE MUTTER

Sicherheitshalber ruft die Mutter ihre Tochter Nina an in der Gewissheit, sie werde sich wie immer gleich melden. Dieses Mal nimmt niemand ab. Gisela Mayer wird unruhig. Doch sie vertraut der Aussage des Regierungspräsidiums, es habe eine Schießerei gegeben, bei der Schüler, aber keine Lehrer verletzt worden seien. Dennoch fahren sie und ihre jüngere Tochter zur Schule. Sie werden hingehalten. Bis die jüngere Schwester es zuerst begreift. Nina ist tot.

Mayer kennt nur einen Gedanken: Sie will zu ihrer Tochter. «Es war der ganz natürliche Impuls einer Mutter, ihr Kind zu umarmen und es festzuhalten – als könne man es noch vor dem Tod beschützen.» Da beginnt, was Mayer ihre persönliche Katastrophe nennt: Ihr Wunsch wird nicht erfüllt, wahrscheinlich um ihr den Anblick der Leiche zu ersparen. «Das war in bester Absicht die größtmögliche Verletzung», sagt die Frau in Blazer und Jeans, die gefasst dieses Trauma schildert.

Ihr Kind sieht sie erst wieder im Sarg liegend. Sie appelliert an Helfer, in solchen Extremsituationen die Wünsche der Angehörigen anzuhören und diese ernst zu nehmen.

In Tim K., dem Schützen, sieht Mayer heute nicht mehr das Monster, sondern einen armseligen und bedauernswerten Jungen. Jemanden, «der alle diejenigen gehasst hat, die leben konnten, die Freude am Leben hatten und die das Leben geliebt haben, und der sie auch in gewisser Weise verantwortlich gemacht hat für seine eigene Unfähigkeit zu leben».

Nina besaß diese Freude. Sie ist eine hübsche junge Frau, fürsorglich, wenn jemand sie braucht. Diese Hilfsbereitschaft wird der angehenden Lehrerin für Kunst, Deutsch und Religion zum Verhängnis. Sie und eine Kollegin stehen im Kopierraum, als ein Poltern sie aufhorchen lässt. Die beiden gehen ins darüber liegende Stockwerk, um nach dem Rechten zu sehen. Sie klopfen an die Klassenzimmertür, hinter der sich eine Kollegin und ihre Schüler mit umgekippten Schreibtischen verschanzt haben. Dann fallen die tödlichen Schüsse aus der Pistole von Tim K.

Die Mutter, Philosophin und Psychologin, tritt danach an die Öffentlichkeit. Sie gründet das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden mit, setzt sich für das Verbot gewaltverherrlichender Videos und striktere Waffengesetze ein. Sie leitet die aus dem Aktionsbündnis hervorgegangene Stiftung gegen Gewalt an Schulen. Sie nimmt das Gespräch mit Jugendlichen auf, die Amoktaten angedroht oder vorbereitet haben. Sie unterrichtet das Fach Ethik. «Der Amoklauf hat mich in meinem lebenslangen Einsatz für Mitmenschlichkeit auf furchtbare Weise eingeholt», sagt die heute 62-Jährige.

Das Bündnis setzt sich erfolgreich für unangemeldete Kontrollen ein, bei denen die sichere Aufbewahrung von Waffen in Privathaushalten überprüft wird. Doch mancherorts fehle dafür das Personal, kritisiert Mayer. Der Prozess gegen den Vater hätte ein Signal sein können, sagt sie. Doch ein Jahr und sechs Monate auf Bewährung wegen 15-facher fahrlässiger Tötung seien kein Urteil, das Waffenbesitzer aufrüttele und sie für die Gefahren ungesichert herumliegender Waffen sensibilisiere: «Das ist keine Strafe für folgenschwere Nachlässigkeit. Der Vater geht nach Hause und trinkt Kaffee.»

Mayer bedauert, dass sich die Eltern des Schützen nach der Tat in Stillschweigen gehüllt hätten, dass sie keinen Kontakt zu ihnen bekam. «Denn die Eltern wissen von diesem Jungen mehr als jeder andere, die Eltern wissen heute vielleicht, was schief gelaufen ist in dieser Zeit, und sie könnten mit diesem Wissen anderen helfen.» Sie wolle nicht richten, sondern verstehen.

Privat hat der 11. März 2009 für die Frau mit braunem, leicht lockigem Haar alles verändert. «Es ist einfach ein neues Leben», sagt sie. Die Familie ist noch zusammen; das ist nicht selbstverständlich, zerstören doch Schicksalsschläge wie dieser auch intakte Beziehungen. Sie lebt jetzt in Hessen in der Nähe der zweiten Tochter, die zehn Jahre jünger als die Schwester ist. «Ich habe meine zweite Tochter begleiten dürfen im ihrem schweren Kampf mit dem Unglück.» Über ein Jahr lang habe sie keine Schule mehr betreten können. Mittlerweile hat die junge Frau ihr Abitur gemacht und studiert.

Woher nimmt Mayer die Energie für ihr unermüdliches Engagement? «Ich denke, ein großer Teil meiner Kraft kommt auch aus der Liebe zu meiner Tochter und vor allem aber auch aus der Liebe von ihr zu mir.» Nach der offiziellen Gedenkfeier in Winnenden will Mayer einige Zeit in Stille und Ruhe verbringen. Für sie persönlich sind ein Datum und ein spezieller Ort nicht so wichtig: «Ich brauche keine Gedenktage oder anders gesagt: Jeder Tag ist ein Gedenktag.»

SVEN KUBICK – DER PÄDAGOGE

Als Sven Kubick hört, dass die Rektorin Astrid Hahn die Albertville-Realschule verlässt und zunächst kein geeigneter Nachfolger gefunden wurde, liebäugelt er sofort mit dem Posten. Wochen später fragt ihn das Kultusministerium, ob er sich die Leitung der Realschule in Winnenden vorstellen könne. Er sagt zu. «Ich habe dies auch als Zeichen gesehen.» Es gebe keinen Rektor, der geschult wäre, mit traumatisierten Menschen umzugehen. «Ich habe aber die Energie in mir gefühlt, die Aufgabe anzugehen, obwohl es schon ein Sprung ins kalte Wasser war.»

Im November 2010 wird er in den Containern begrüßt, in die die Schüler während des Umbaus des beschädigten Schulhauses umziehen mussten. «Die Jahre seitdem haben mein Leben schon verändert», bilanziert der Lehrer für Englisch, Erdkunde und Biologie.

Schwierig sei die Arbeit mit betroffenen Eltern wie Schülern schon allein deshalb, weil der Amoklauf unumkehrbare Tatsachen geschaffen hat. Als Pädagoge denke man immer, es lasse sich noch etwas ins Positive wenden. «So etwas Endgültiges wie ein Amoklauf, das ist nicht begreifbar.» Es habe Augenblicke der Hilflosigkeit gegeben und solche der Hoffnung, etwa als Eltern einer getöteten Schülerin Geschwisterkinder an der Schule anmeldeten.

Ein Viertel seines derzeitigen Kollegiums mit 40 Leuten hat den Amoklauf erlebt und überlebt. «Viele waren stabil und sind couragiert und mutig an die Dinge herangegangen. Einzelne haben vor dem Umzug aus den Containern in die renovierte Schule die Dienststelle gewechselt.» Manche hätten eigene Wege gefunden, wieder positiv in die Zukunft zu sehen, etwa den kleinen Fair-Trade-Laden in der Schule oder das Projekt zu Geschichten gegen Gewalt ins Leben gerufen.

Der Beliebtheit der Schule bei den Eltern der Umgebung hat der Amoklauf keinen Abbruch getan. Damals besuchten 590 Kinder und Jugendliche die Schule, heute sind es über 650. Jeder Fünftklässler bekommt ein T-Shirt mit der Aufschrift: «Ich lebe meinen Traum.»

Hat die Schule bei Tim K. versagt? Kubick will diese Frage nicht nur an seine Schule gestellt wissen, sondern an die ganze Gesellschaft. «Im Moment werden gerne sehr viele Probleme bei den Schulen abgeladen, die dann die Dinge lösen sollen.» Tim K. habe die Tat drei Jahre im Geheimen geplant, sich täglich am Computer mit Hinrichtungen, Erschießungen und vor allem Gewalt gegen Frauen beschäftigt. Das kombiniert mit dem leichten Zugang zu Waffen habe schließlich zur Katastrophe geführt. «Da kamen schon viele verschiedene Dinge zusammen, die eine Schule unmöglich erkennen oder unter Kontrolle haben kann.»

Kubick hat in den vergangenen zehn Jahren beobachtet, dass die Schüler mit einem Bündel an Schwierigkeiten kommen. «Viele bringen einen Rucksack von psychischen Problemen, von schwierigen Scheidungssituationen, von Gewalterfahrungen mit.» Eltern müssten sich schon fragen: «Werden wir unseren Kindern noch gerecht? Haben wir genügend Zeit? Und was machen meine Kinder allein zu Hause?»

Seine Schule versuche dagegen anzusteuern. «Wir bieten trotz Lehrermangel und Einschnitten im Pflichtunterricht zahlreiche AGs an – Bewegung, Sport, Musik, Theater.» Nicht in Mathe, Deutsch, Englisch öffneten sich die Kinder, sondern in solchen Angeboten außerhalb des Unterrichts. Da könnten Lehrer am ehesten Kontakt zu den Schülern knüpfen und sie dafür sensibilisieren, achtsam zu sein, aufeinander zu schauen und Verhaltensauffälligkeiten von Mitschülern zu melden.

Vieles sei nur möglich, weil Lehrer sich über die reguläre Arbeitszeit hinaus engagierten, erzählt der blonde 48-Jährige im legeren blau-weiß karierten Hemd und schwarzer Jeans.

Der Gedenktag ist für seine Schule eine Gratwanderung zwischen Rückschau und Blick in die Zukunft. Nur eines ist klar: Die Opfer dürfen nie in Vergessenheit geraten. Deshalb werden Schüler ihre Namen verlesen. Kubick: «Bei diesem Tag gilt die Aussage nicht “Die Zeit heilt alle Wunden”. Die Narben können immer wieder aufbrechen.»

ERWIN HETGER – LOBBYIST FÜR OPFER

Polizeipräsident Erwin Hetger informiert CDU-Innenminister Heribert Rech. Dann fahren er und der Inspekteur der Polizei, Dieter Schneider, nach Winnenden. In einem Nebengebäude der Schule lässt Hetger sich auf den aktuellen Stand bringen. Dabei erfährt er, dass drei Streifenbeamte sofort nach dem Alarm in die Schule reingingen und sich einen Schusswechsel mit dem Todesschützen lieferten. «Bei dem ganzen Elend war das ein kleiner Lichtblick.» Sein gegen interne Widerstände durchgedrücktes Konzept, in solchen Lagen nicht auf Spezialeinsatzkommandos zu warten, habe sich bewährt. Das sei eine Konsequenz aus dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit 17 Toten im Jahr 2002, wo man auf Spezialisten gewartet habe. Ohne das rasche Eingreifen der Polizisten hätte es in Winnenden noch viel mehr Tote gegeben, ist Hetger überzeugt. «Da hatte Tim K. noch 200 Patronen. Der war noch voll dabei.»

Die Bilder aus den Klassenzimmern wird der 74-Jährige nie mehr los. «Die sind eingebrannt.» Die Schüler saßen noch in ihren Bänken, durch Kopfschüsse getötet. Die Szenen seien mit nichts vergleichbar, was er in seinen Jahren als Polizeibeamter sah. «Es gibt Nächte, in denen ich wach werde und ich bin in Winnenden», sagt der elegant gekleidete Mann mit braunem Jackett über weißem Hemd.

Am Tatort wollen Journalisten Informationen von ihm. Doch es schnürt ihm den Hals zu, er bekommt kein Wort mehr heraus. Später in der Turnhalle stehen er und Minister Rech den Medien erneut Rede und Antwort – unter Tränen.

Tränen fließen auch in der Gesprächsrunde, zu der Hetger wenige Tage später involvierte Kollegen einlädt. Rund 40 Beamte kommen und reden über ihre Gefühle. «Diese zweieinhalb Stunden haben mir wahnsinnig viel gebracht – das Wir-Gefühl war entscheidend.»

Drei Monate nach dem Amoklauf geht Hetger regulär in den Ruhestand. Durch eine zufällige Begegnung erfährt er, dass die Opferschutzorganisation Weißer Ring in Baden-Württemberg einen Landeschef sucht. Eine ehrenamtliche Aufgabe, die ihm passend erscheint. «Ich habe mich mein ganzes Berufsleben mit den Tätern beschäftigt. Dabei sei die Opferperspektive arg im Hintergrund geblieben.» Er fügt hinzu: «Ohne Winnenden wäre ich nie zum Weißen Ring gegangen.»

Als Opferlobbyist kämpft Hetger auch gegen die Flut von Waffen in Privatbesitz. Die Schuld des Vaters von Tim K. relativiert er: «Ich habe Mitleid mit ihm. Der Sohn hat nicht nur getötet, sondern auch seine eigene Familie zerstört.» Natürlich müsse der Mann für seine Nachlässigkeit gerade stehen. Die Bewährungsstrafe finde er angemessen.

Mit der Politik geht Hetger schärfer ins Gericht: «Wir haben beispielsweise in Baden-Württemberg nach wie vor rund 700.000 verfügbare legale Waffen, darunter viele halbautomatische und großkalibrige. Dieses Waffendepot ist mir zu groß.» Er sehe keinen Grund, dass Sportschützen mit großkalibrigen Waffen trainieren müssen. Dass Handlungsbedarf bestehe, zeigten die jüngsten Ereignisse bei den Reichsbürgern. «Es ist nur schwer zu ertragen, dass Menschen mit dieser radikalen Gesinnung Waffen besitzen.» Hetger klingt resigniert: «Es wird wieder derartige Taten geben, dann wird wieder über schärfere Waffengesetze diskutiert und dann ebbt es wieder ab.» Von Julia Giertz, dpa

Zehn Jahre nach der Tat von Winnenden: Sind Schulen heute besser vorbereitet?

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