Studie: Frühe Förderung erreicht zu wenig arme Kinder

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GÜTERSLOH. NRW hat viele neue U3-Plätze geschaffen. Werden auch benachteiligte Kinder, die von früher Förderung besonders profitieren könnten, zunehmend erreicht? Eine Analyse kommt zu einem ernüchternden Ergebnis.

NRW hat bei Betreuungsplätzen für Unterdreijährige zwar stark aufgeholt, benachteiligte Kinder profitieren aber einer Studie zufolge zu wenig. Kinderarmut sei in Nordrhein-Westfalen im Bundesvergleich besonders hoch – jedes fünfte Kind wachse hier in einem Haushalt auf, in dem Hartz IV bezogen werde, heißt es in einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Frühkindliche Bildung und ein früher Kita-Besuch seien nicht «Allheilmittel», aber Teil einer wirkungsvollen Strategie gegen Kinderarmut. Allerdings: «Gerade dort, wo die Kinderarmut hoch ist (…), sind die Betreuungsquoten eher niedrig und steigen tendenziell schwächer an.»

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Rein rechnerisch ist es schon nicht möglich, allen benachteiligten Kindern einen Platz anzubieten. Wo viele benachteiligte Kinder leben, sei die Quote oft besonders schlecht. Foto: Marco Verch / flickr (CC BY 2.0) (Ausschnitt)

Die Autoren sehen eine «insgesamt unbefriedigende Situation mit regional unterschiedlicher Schärfe». Seit Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Unterdreijährige 2013 sei der Ausbau in NRW deutlich vorangekommen, die Betreuungsquote gewachsen. Der Bedarf sei aber landesweit nicht gedeckt.

Rund 41 Prozent aller Eltern von Unterdreijährigen wünschten sich einen Betreuungsplatz, wie die Stiftung unter Berufung aus das Deutsche Jugendinstitut schilderte. «Dies bedeutet, dass in Nordrhein-Westfalen rechnerisch im Frühjahr 2018 etwa 70 000 Kinder im Alter von unter drei Jahren trotz entsprechenden Bedarfs ohne Betreuungsplatz geblieben sind», schreiben die Autoren. Fast 140 000 Jungen und Mädchen unter drei Jahren seien in Kita oder Tagespflege betreut worden.

Die Betreuungsquoten variieren laut Studie regional erheblich. Die geringste Quote habe Duisburg mit 17 Prozent. Auf gut das Doppelte kämen hingegen Münster, Düsseldorf oder der Kreis Coesfeld. In den Rheinregionen auch mit Bonn oder Köln liegen die U3-Betreuungsquoten demnach vergleichsweise hoch, im Bergischen Land und nördlichen Ruhrgebiet dagegen auffallend niedrig.

Wo mehr benachteiligte Kinder lebten, sollten frühkindliche Förderangebote besonders präsent sein, hieß es in der Untersuchung. Vielerorts sei aber das Gegenteil festzustellen. In 13 der insgesamt 53 Kreise und kreisfreien Städte in NRW übersteige die Zahl der unter dreijährigen Kinder aus einkommensarmen Familien die Zahl aller betreuten Kinder in dieser Altersgruppe. Es sei also schon rechnerisch nicht möglich, allen benachteiligten Kindern einen Platz anzubieten. Bei Konkurrenz um die Plätze seien arme und arbeitslose Familien zudem strukturell im Nachteil gegenüber besser situierten Haushalten.

Land, Kommunen und Träger müssten mehr in frühkindliche Bildung investieren und dabei auch die Qualität im Blick halten. «Ein “schlechter” Kita-Platz hilft keinem Kind.»

Nach Angaben des NRW-Familienministeriums gibt es im laufenden Kindergartenjahr 2018/19 für Unterdreijährige rund 134 200 Plätze in Kitas und 57 100 Plätze in der Tagespflege, was eine Versorgungsquote von 58 Prozent bedeute. (dpa)

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4 KOMMENTARE

  1. U3-Plätze wurden nicht zur Frühförderung geschaffen, sondern zur Schaffung von Doppelverdienern. Bei geringem Einkommen übernimmt im Zweifel der Arbeitgeber nicht die Kosten und die Eltern können sich die Kita nicht leisten. Wie das bei Hartz IV aussieht, weiß ich nicht. Allerdings finde ich Kita U3 bei Arbeitslosigkeit sinnlos.

    • Wenn die U3 allein den Zweck hat, Doppelverdienen zu ermöglich, mag sie bei Arbeitslosigkeit sinnlos erscheinen.

      Wenn die U3 dafür eingesetzt wäre, Kindern, die zu Hause viel zu wenig Anregungen bekommen, eine Förderung zu bieten, sie frühzeitig in staatlichen Einrichtungen zu sehen, sprachliche, soziale, kognitive und kreative Fähigkeiten zu fördern, ist sie sinnvoll, WENN diese Kinder dort auch landen UND die Qualität entsprechend ist.
      Für den Kindergarten gilt dies entsprechend. Alternativ entdeckt man mit der Einschulung, dass diese Kinder weit früher Förderung benötigt hätten.

    • Die Doppelverdiener sind notwendig geworden, weil die Löhne und Gehälter seit mindestens 20 Jahren nicht mehr so gestiegen sind, wie sie sollten. Die Alleinverdienerhaushalte sind seltener, dazu kommen mehr Alleinerzieherinnenhaushalte, die keine Möglichkeit haben, länger als unbedingt notwendig nach der Geburt zuhause zubleiben. Insofern ist der Wunsch nach U3-Plätzen eine logische Konsequenz von der Lohnzurückhaltung und eine Bestätigung für viele Firmen, ihre Niedriglohnpolitik fortzusetzen.

      • Der Doppelverdienst ist weniger dem mäßig gestiegenen Lohnniveau als der Rentengesetzgebung und der Angst vor dem ALG II geschuldet. Vollzeitarbeit für beide Ehepartner bedeutet nämlich in erster Linie Risikominimierung. Und da die wenigsten Paare Eltern oder Großeltrn vor der Haustüre – quasie um’s Eck – haben, bleibt nichts Anderes als die Fremdbetreuung, selbst wenn dabei ein Gehalt komplett für die Betreuung aufgewandt werden muss.

        War in den 90ern des letzten Jahrhunderts schon nicht anders – nur gab es damals noch keinen Rechtsanspruch oder Elterngeld. Das Erziehungsjahr respektive die Elternzeit war exakt auf 12 Kalendermonate begrenzt, Erziehungsgeld gab es nicht. Kindergarten war von 8:00 bis 12:30 Uhr und von 14:00 bis 16:00 Uhr.

        Manches ist Klagen auf hohem Niveau. Solange es in ein und derselben Stadt Kindergärten mit zig freien Plätzen und angesagte Kindergärten mit Wartelisten gibt und Eltern sich gegen die Zuweisung durch die Gemeinde wehren, kann es nicht so schlimm sein.

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