Pädagogin: Unaufmerksamkeit im Unterricht ist nicht per se schlecht

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WÜRZBURG. Die Aufmerksamkeit ihrer Schüler hoch zu halten, ist für Lehrer heutzutage eine stetig zunehmende Herausforderung. Die meisten Kinder und Jugendlichen leben in einem Umfeld, das wenig angetan ist, Konzentration und Ausdauer zu fördern. Doch steht Unaufmerksamkeit tatsächlich dem Lernerfolg im Weg? Nicht grundsätzlich, findet die Würzburger Pädagogin Josephine Geisler.

Sitzbälle, Laufbänder, Ergometer, Trainingsraum – was ist nicht alles bereits versucht worden, um die Konzentration von Schülern zu fördern. Auch jenseits von spektakulären Maßnahmen ist die „Aufmerksamkeitssteuerung“ im Schulalltag ein wesentlicher Gelingensaspekt für den Unterricht. Wenn ein Lehrer es schafft, die Schüler aktiv in den Unterricht einzubinden und ihr Selbstvertrauen zu stärken, so Experten, gestaltet sich die Arbeit für alle angenehmer und produktiver, im Idealfall stellt sich ein „Flow“ ein, der alle Beteiligten mitnimmt.

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Sitzendes Zuhören ist keine Idealsituation um die Aufmerksamkeit hoch zu halten. Foto: U.S. Marine Corps / Wikimedia Commons (PD)

Auf der anderen Seite drohen Störungen, Zeit- und Qualitätsverluste, wenn es nicht gelingt, die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen zu binden. Ein anspruchsvoller Lernprozess, wie er in jeder Schulstunde stattfindet, erfordert es, dass sich Schüler aktiv und mit allen Sinnen mit dem Unterrichtsgegenstand auseinandersetzen.

Dass es dabei wesentlich auf den Lehrer ankommt, ist eine Binsenweisheit. Ungeachtet der schier unüberschaubaren Vielfalt an Methoden nennt die OECD drei wesentliche Faktoren, welche die Aufmerksamkeit von Schülern im Unterricht bestimmen. Wesentlich ist demnach ein schülerorientiertes Unterrichten, mit strukturierten Methoden. Außerdem komme es darauf an, das Selbstvertrauen der Schüler zu stärken, denn daraus entstehe eine disziplinierte und positive Stimmung im Klassenzimmer. Drittens schließlich komme es auf das Selbstvertrauen der Lehrperson an. Lehrer mit unsicheren oder befristeten Dienstverträgen klagten Studien zufolge weitaus öfter über ein negatives Klima im Klassenzimmer als solche mit einer dauerhaften Anstellung.

Nicht alle Faktoren sind mithin für Lehrer beeinflussbar. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche heute schon früh in eine Mediengesellschaft hineinwachsen, die Konzentration und Aufmerksamkeit zuwider läuft. Schon 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich, ergab beispielsweise die BLIKK-Studie 2017. Das Steuern der eigenen Aufmerksamkeit zwischen Reizen, die Aufmerksamkeit anziehen und ihrer disziplinierten Fokussierung und schließlich der Konzentration auf aktuelles Vorgehen im Unterricht fällt vielen Kindern zunehmend schwer.

Junge Menschen würden heute unvermeidlich mit den digitalen Techniken groß, und das präge sie sehr, befindet auch der bekannte Bildungsforscher Klaus Hurrelmann. Heute sei es so wichtig, wie nie zuvor, dass Jugendliche lernen, Informationen zu filtern, auf die persönlichen Bedürfnisse auszurichten, auszusortieren, sich abzuschirmen. Sonst bestehe das Risiko, so Hurrelmann, dass „Kinder sich nicht mehr dauerhaft konzentrieren können, weil sie minütlich oder sogar sekündlich mit neuen Impulsen umgehen, sich irritieren und zerreißen lassen“. Doch Struktur in die eigene Wahrnehmung zu bringen müsse trainiert werden. Ebenso die Ausdauer, etwas über einen längeren Zeitraum durchzuhalten und sich auf einen Inhalt zu konzentrieren. Das alles kann Unterricht allein kaum leisten, Zeit dafür bleibt meist kaum

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Die aktuell angestrebte Digitalisierung des Unterrichts tut ein Übriges. Das Lesen von Texten angemessener Länge und Schwierigkeit bei Schülern könne zwar dazu beitragen, Eigenschaften wie Konzentrationsfähigkeit, Geduld und Disziplin zu festigen, stellen über 130 Forscher des europäischen Netzwerks E-Read in einer gemeinsamen Erklärung fest. Beim überfliegenden Scannen von Texten, wie es für das Lesen am Bildschirm typisch sei, würden solche Effekte allerdings nicht eintreten.

Einen grundsätzlich anderen Blick auf das Phänomen „Unaufmerksameit“ wirft die Tübinger Pädagogin Josephine Geisler. Die verbreitete Meinung „Unaufmerksamkeit steht dem Lernen im Weg und ist zu vermeiden!“, zieht die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Systematische Bildungswissenschaft der Uni Würzburg in Zweifel.

„Unaufmerksamkeit ist heute eigentlich immer pathologisch konnotiert und wird schnell mit ADHS in Verbindung gebracht. Wer unaufmerksam ist, der ist verträumt oder hibbelig und zeigt definitiv ein unerwünschtes Verhalten“, sagt Geisler. Der Tenor in Schule und Gesellschaft sei deshalb klar: Unaufmerksamkeit gilt es zu vermeiden; Aufmerksamkeit ist das erwünschte Ziel.

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Wissenschaftlich fundiert ist diese Haltung nach Geislers Meinung allerdings nicht – zumindest nicht aus Sicht der Pädagogik. „Eine gehaltvolle Notation der Unaufmerksamkeit existiert heute nicht“, so die Pädagogin. Dementsprechend bestimme ein rein psychologischer Blickwinkel die gesamte Diskussion über Unaufmerksamkeit, eine spezifisch pädagogische Stellungnahme fehle. Dieses Defizit will Geisler mit einen auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekt beheben.

Unaufmerksamkeit sei nicht per se ein negatives Verhalten. Schließlich bilde sie zwangsläufig den Anfang und das Ende jeder Aufmerksamkeitsspanne. Es handele sich dabei um zwei Punkte eines Kontinuums und jegliche graduelle Verschiebung sei ein völlig normaler Prozess. Konsequent zu Ende gedacht, könnte man sogar sagen: Aufmerksamkeit sei das eigentlich störende Ereignis, das den Zustand der Unaufmerksamkeit unterbreche. „Die Unaufmerksamkeit war schließlich zuerst da.“, so Geisler.

Mit einem eindeutigen Ja beantwortet die Pädagogin die Frage, ob sie mit ihrem Forschungsprojekt an einer Ehrenrettung der Unaufmerksamkeit arbeite. Natürlich gebe es Ausprägungen, die nicht lernförderlich seien. Sie fordert jedoch eine differenzierte Betrachtung. Denn in bestimmten Bereichen unterstütze Unaufmerksamkeit den Lernprozess.

Im Anschluss unter anderem an den französischen Philosophen und Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, sowie an den deutschen Philosophen Bernhard Waldenfels. entwickelt Geisler für ihre Arbeit eine „leibphänomenologische Perspektive“. „Man muss in einer solchen Untersuchung den Körper einbeziehen“, sagt sie. Eine ganzheitliche Perspektive sei unerlässlich, denn vom Körper gingen wichtige Impulse aus, ohne ihn sei Denken nicht möglich.

Der Zusammenhang zwischen Leib und Aufmerksamkeit beziehungsweise Unaufmerksamkeit lässt sich nach Geislers Worten an einem simplen Beispiel nachvollziehen: Beim Gehen oder Laufen könnten Menschen ihre Gedanken treiben lassen. Nicht umsonst spreche man auch davon, „die Gedanken gehen spazieren“. Unproduktiv sei dieser Prozess deshalb beileibe nicht. „Häufig wird beim Gehen etwas zurechtgerüttelt, bislang ungeordnete Gedanken können sich setzen. Und häufig kommt es in solchen Situationen zu besonders kreativen Einfällen“, sagt sie. „Ein defokussiertes, gelassenes Bei-sich-Sein des Subjektes ist dessen Grundstimmung und leibfundierter, unverfügbarer Ursprung jeder aufmerksamen Hinwendung zu einem Gegenstand“, heißt es in ihrem Forschungsantrag.

Können derartige Überlegungen für einen geplagten Lehrer fruchtbar sein, etwa im Matheunterricht der sechsten Stunde an einem heißen Tag? Als rein philosophisch-theoretische Arbeit will Geisler ihr Forschungsprojekt jedenfalls nicht verstanden wissen – ganz im Gegenteil. „Die Ergebnisse dieser Untersuchung können für die Praxis entscheidend sein“, sagt sie. Möglicherweise verändert sich mit einem anderen Blick auf Unaufmerksamkeit auch das Bild vom Lehren und Lernen, vom didaktischen Zugriff. Wenn Unaufmerksamkeit nicht mehr als unerwünschtes Abweichen vom richtigen Weg betrachtet wird, könne dies einen Prozess in Gang setzen, der zu einer verstärkten Achtung der subjektiven Lernzeit und der individuellen Lernbewegung führe. Schulen könnten dann Raum geben für ein tieferes Verstehen, das sich eventuell in Episoden des Abschweifens bildet – vorausgesetzt sie vermeiden eine übergroße Stoffmenge. (zab, pm)

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16 KOMMENTARE

  1. Mit Unaufmerksamkeit, die nur den unaufmerksamen Schüler selbst betrifft, kann ich notfalls noch leben. Meistens artet Unaufmerksamkeit aber in Gequatsche aus, was auch den lernwilligen Schülern die Konzentration nimmt. Das funktioniert nicht.

  2. Man kann in der Pädagogik offenbar an allem was Gutes finden. Freches Mundwerk ist ein Zeichen von Selbstbewusstsein und Mündigwerden. Mangelnder Gehorsam ein Zeichen von Selbstständigkeit und besserer Einsicht. Oder Missachtung von Gesprächsregeln ein Zeichen von Diskutierfähigkeit und -freude.

  3. Interessant ist es, einen Blick auf das Curriculum vitae zu werfen. http://www.bildungswissenschaft.uni-wuerzburg.de/mitarbeiterinnen/team/dr-josephine-geisler/
    Die “Pädagogin” (würde ich übrigens als solche nicht bezeichnen, weil sie keine Praxiserfahrung hat) kommt von einer ziemlich theoretisierenden Ecke. Ihre Schwerpunkte sind Musik, Psychologie und Philosophie. Von daher verstehe ich schon den Ansatz. Allerdings ist er auf den ersten Blick praxisfern. Vielleicht gewinnt man eher philosophische Erkenntnisse?

    ADHS und ADS sind Phänomene, die die Kinder wirklich darin hindern, grundsätzlich aufmerksam zu sein und sich zu fokussieren. Eine Forschung über die Ursachen gibt es.
    Etwas anderes sind kurze Abschweifungen, das ist normal und das ergeht selbst mir so, wenn ich in Fortbildungen bin.

  4. Die Unterbrechung der Aufmerksamkeit durch eine sportliche Bewegungseinheit mit einer motorischen Ablenkung, ermöglicht es den Schülern wieder, sich anschließend besser auf die vorher erarbeiteten Lerninhalte konzentrieren zu können.
    Wenn man größere Wissensmengen sich über einen längeren Zeitraum strukturiert aneignen will, ist diese Methode der Sportlichen Lernunterbrechung vor dem mittäglichen Essen eine gute Möglichkeit, um nach der Mittagspause weiter den Stoff verarbeiten und vertiefen zu können.
    Vor dem 2. Staatsexamen entsprach es einer guten Strategie sich das gesamte Wissen so strukturiert anzueignen und zudem noch genügend Ablenkung zu haben.
    Abends ging es dann mit Freunden an einen Baggersee , um auszuspannen und das Erlernte sackken zu lassen.

    • Neurophysiologisch kann man sich diese wichtige, erforderliche und vorbereitende Phase der Ablenkung vom konzentrierten Lernen so in ihrer Wirkung erklären, dass nach dieser Phase der Erholung, die Synapsen wieder in der Lage versetzt werden, um sich anschließend anders und nachhaltiger verknüpfen zu können, damit die Lerninhalte im Langzeitspeicher besser und nachhaltiger neuronal abgespeichert werden.

    • Und die dritte hier …

      Die ganzen Konjunktive hier im Artikel stimmen mich auch sehr skeptisch, weil kaum mit brauchbaren Daten hinterlegt.

    • Ach ja: Eine davon ist ihre Doktorarbeit (2016), die zweite vier Jahre vorher Mitarbeit an einem Artikel (2012). Nach der Doktorarbeit hat sie nichts mehr veröffentlicht. In den Naturwissenschaften würde das nicht für Vertragsverlängerungen ausreichen.

  5. In der Theorie geht Vieles. Ist doch aber alles nicht so neu….Episoden des Abschweifens baut jeder (GS)Lehrer ein. Dafür 3 Jahre noch forschen? Dann doch hoffentlich in der Schule mit echten Schülern.

  6. Die ganzen Pädagogikprofessoren, die realitätsferne Vorschläge machen und kaum umsetzbare Theorien entwickeln, berufen sich immer auf die (angebliche) Wissenschaft, um ihren Unsinn zu begründen. Immer gut zu beobachten bei Inklusionsfanatikern, die Schwierigkeiten in dem Umsetzung schlicht leugnen, kleinreden oder gar den faulen Lehrern die Schuld am Scheitern der Inklusion geben.

    Hier wird die Sache noch abenteuerlicher: Die gute Frau gibt selbst zu, dass ihr für ihre Ausführungen jede wissenschaftliche Grundlage fehlt. Da stellt sich doch die Frage nach dem Sinn ihrer beruflichen Existenz!

    • Es gibt wohl einen Grund, weshalb sie in sieben Jahren nur 1,5 Veröffentlichungen in ihrem Lebenslauf vorzuweisen hat …

  7. Die Forschungsschwerpunkte ( Erziehungs- und Bildungstheorie, Ästhetik (Musikphilosophie), Anthropologie, pädagogische Handlungstheorie) scheinen mir insgesamt sehr theorielastig zu sein. Da wird man dann in einem solchen Fall als Lehrer misstrauisch, wenn dann von der Theorie heraus irgendetwas auf die Praxis projeziert wird und die Lehrer angeblich sooo voller Vorurteile sind .

    Vielleicht sollte man erst einmal einen Ist- Zustand feststellen. Es ist ja nicht so, dass Lehrer alle Schüler, die mit den Gedanken abschweifen, als “krank” einstufen. Für mich ist das eine Verkennung von Tatsachen. ADHS und ADS sind schon die harten Fälle und die kann man deutlich herausdifferenzieren. Und dazu machen wir Fortbildungen bei Experten, die darüber geforscht haben.

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