Beauftragter beklagt: Kitas und Schulen tun zu wenig gegen Missbrauch – er fordert Fachkräfte, die die Signale erkennen

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BERLIN. Immer wieder werden in Deutschland schlimme Fälle von Kindesmissbrauch bekannt – wie der von Lügde. Eine Untersuchung der Frage, ob und inwieweit Schutzkonzepte in Kitas und Schulen existieren, zeigt nun, dass immer noch viel getan werden muss. Der Missbrauchsbeauftragte fordert klare gesetzliche Regelungen – und mehr finanzielle und personelle Unterstützung für die Einrichtungen.

Stellt klare Forderungen: Der “Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs”, Johannes-Wilhelm Rörig. Foto: Christine Fenzl / UBSKM

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat die Bundesländer aufgefordert, deutlich mehr in den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch zu investieren. Kitas, Schulen, Sportvereine und andere Einrichtungen bräuchten dringend mehr Unterstützung für ihr Engagement gegen sexuelle Gewalt, sagte Rörig am Mittwoch in Berlin. «Von alleine und zum Minimaltarif werden maximaler Schutz von Jungen und Mädchen und optimale Hilfe nicht erreicht werden.»

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Rörig legte einen Bericht über Vorkehrungen gegen Missbrauch in Kinder- und Jugendeinrichtungen vor, zu denen Kitas, Schulen, Heime, kirchliche Einrichtungen, Sportvereine, Kliniken und Internate zählen. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hatte dafür fast 5000 Einrichtungen gefragt, welche Maßnahmen sie bisher umgesetzt haben. Das Ergebnis: Es gibt zwar Fortschritte, aber viele Einrichtungen sind selbst nicht der Meinung, dass sie ausreichende Konzepte haben.

Immerhin: Die Mehrheit der Kitas und Schulen hat einzelne Maßnahmen ergriffen

Die Mehrheit der Kitas oder Schulen gab in der Befragung an, einzelne Maßnahmen ergriffen zu haben. Bei der Selbsteinschätzung, ob sie ein umfassendes Schutzkonzept hätten, stimmten aber nur 13 Prozent der Schulen und 22 Prozent der Kitas zu. Etwas besser schätzen sich Heime (33 Prozent) und Internate (28 Prozent) ein. Mögliche Präventions- und Schutzmaßnahmen sind etwa Fortbildungen der Mitarbeiter, geregelte Beschwerdeverfahren bei Auffälligkeiten, festgelegte Handlungspläne bei Verdachtsfällen oder direkte Ansprechpartner.

Als hemmende Faktoren an Schulen machten die Studienautoren folgende Punkte aus:

  • „Es fehlt an kontinuierlicher Unterstützung bei der Entwicklung bzw. Implementierung eines  gut durchdachten schriftlichen Schutzkonzepts.“
  • „Es gibt nur eine mangelnde Bereitschaft, Expertise von außen einzubeziehen, zum Beispiel  mit Einrichtungen der Jugendhilfe zu kooperieren.“
  • „Es gibt eine konzeptionelle und personelle Unterversorgung, um die Prävention von sexueller Gewalt mit qualifizierter Sexual- und Medienpädagogik verknüpfen zu können.“

Rörig forderte gesetzliche Regelungen. Die Einrichtungen müssten zu Schutzkonzepten verpflichtet werden. Die Bundesländer sollten zudem eigene Missbrauchsbeauftragte einstellen und mehr Personal und Geld bereitstellen. Nötig seien Investitionen im dreistelligen Millionenbereich. Wörtlich sagte er mit Blick auf Schulen und Kitas: „Hier müssen Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt in ihrer Familie, durch Gleichaltrige oder zum Beispiel bei der Nutzung digitaler Medien erleiden, Hilfe finden können. Schutz und Hilfe hängen aber noch viel zu oft vom Zufall oder Engagement Einzelner ab und werden zu wenig als Qualitätsmerkmal einer Einrichtung gesehen. Träger und Leitungen von Einrichtungen und Organisationen, aber auch Bund, Länder und Kommunen müssen sich noch viel konsequenter für den Kampf gegen sexuelle Gewalt und ihre Folgen einsetzen, auch durch die Bereitstellung zusätzlicher personeller und finanzieller Ressourcen.“

In jeder Schulklasse sitzen statistisch ein bis zwei betroffene Kinder

10.000 Mädchen und Jungen in Deutschland werden Rörig zufolge jedes Jahr Opfer sexueller Gewalt. „Es ist bedenklich, dass gerade in Schulen, in denen wir alle Kinder erreichen können, die Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten noch so wenig fortgeschritten ist“, so Rörig. „Rein statistisch sind ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse in verschiedenen Kontexten von sexueller Gewalt betroffen. Sie brauchen sensibilisierte Fachkräfte, die ihre Signale erkennen und wissen, an wen sie sich bei Vermutung und Verdacht wenden können.“

Erfreulich sei, dass sich inzwischen alle Bundesländer der Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ angeschlossen haben. Rörig appellierte an die Kultusministerien, jetzt weitere Schritte zu gehen: „In die Schulgesetze sollte die Verpflichtung der Schulen aufgenommen werden, Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt einzuführen.“ Die Länder sollten sich zudem gesetzlich verpflichten, ihren Schulen die dafür notwendigen Ressourcen bereit zu stellen, zum Beispiel für Fortbildungen, Zeitkapazitäten für das Personal oder externe fachliche Begleitung bei Prävention und Intervention“, sagte er.

Kitas und Schulen wollen wissen, was sie tun können

Prof. Sabine Walper, Forschungsdirektorin des DJI, erklärte: „Ziel aller Anstrengungen muss es sein, dass unsere Institutionen keine Tatorte sind, sondern Orte, an denen Kinder kompetente Hilfe finden, wenn sie – wo auch immer – mit sexueller Gewalt konfrontiert sind. Schutzkonzepte sind ein wesentliches Instrument, um dieses Ziel zu erreichen.“ Das Monitoring habe gezeigt: „Einrichtungen wollen wissen, wie sie Schutzkonzepte am besten ausgestalten, damit sexuelle Gewalt zurückgedrängt wird und betroffene Kinder eher den Mut fassen, Hilfe zu suchen. Deshalb wäre es für die Praxis jetzt der nächste wichtige Schritt zu untersuchen, welche Elemente von Schutzkonzepten besonders erfolgversprechend sind und wie diese am effektivsten zusammenspielen, und hierbei auch geeignete Befragungsformen und Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche zu entwickeln.“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sagte, man sei vor allem dort vorangekommen, wo es verbindliche Vorgaben gebe, aber von flächendeckenden Schutzkonzepten gegen sexuelle Gewalt und ihrer Umsetzung noch weit entfernt. Sie kündigte für den Herbst die Einberufung eines «Nationalen Rats gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen» an. News4teachers / mit Material der dpa

Aus dem Monitoring

Zum Thema „Schutzkonzepte im Bereich Bildung und Erziehung“ stellt der Bericht fest:

„Im Vergleich zu den Erhebungen 2013 sind erkennbare Fortschritte festzustellen: In mehr als der Hälfte aller Einrichtungen und Organisationen gibt es inzwischen mehrere Bestandteile eines Schutzkonzepts. Umfassende Konzepte sind aber nach wie vor nur in wenigen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen zu finden. Den Anstoß zur Schutzkonzeptentwicklung geben in fast allen Handlungsfeldern häufig gesetzliche Bestimmungen oder Vorgaben des Trägers, daneben spielen auch (Verdachts-)Fälle in der Einrichtung/Organisation bzw. in deren Umgebung eine Rolle.

Eine Ausnahme stellt das Handlungsfeld Schule dar. Hier scheinen übergeordnete Strukturen deutlich weniger oft den Anstoß zur Entwicklung eines Schutzkonzepts zu geben. Positiv zu bewerten ist, dass es in einem beträchtlichen Anteil der Einrichtungen und Organisationen einen Handlungsplan für konkrete Fälle gibt. Bei der Ausgestaltung der Pläne zeigt sich aber eine große Varianz. Nur in einer Minderheit der Einrichtungen werden alle verschiedenen Konstellationen sexueller Gewalt (innerhalb der Einrichtung, außerhalb der Einrichtung, Übergriffe durch Erwachsene, Übergriffe durch Gleichaltrige) im Handlungsplan abgedeckt.“

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Schule soll stärker gegen sexuellen Missbrauch vorgehen – Philologen: Wichtige Initiative. Aber nicht von Lehrern zu leisten

 

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1 KOMMENTAR

  1. Sorry, aber das braucht die Welt nicht. Was geschieht denn, wenn Schulen die zuständigen Stellen über Verdachtsmomente informiert? Was gibt es an prof. Hilfen für Kinder, Familien und Schulen, wenn traumatisierte Kinder wieder versuchen, in Leben und Welt zurückzufinden?
    Einmal eine verpflichtende Realfortbildung für den Herren im deutschen Behördenalltag bitte buchen.

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