Bildung wirkt! Der Nachteil der sozialen Herkunft verflüchtigt sich mit steigendem Bildungsgrad

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KÖLN. Nach wie vor ist der schulische Erfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft abhängig. Doch wie sieht es nach dem Berufseinstieg aus? Reicht es, um die soziale Kluft zu schließen, sozial benachteiligte Kinder zu höheren Bildungsabschlüssen zu führen, um ihnen angesehene Berufe zu öffnen? Wissenschaftler aus Köln und Glasgow haben die Karrieren von Hochschulabsolventen im Hinblick auf ihr Berufsprestige in den Blick genommen.

Soziale Herkunft und Schulerfolg sind eng miteinander gekoppelt. Das ist mittlerweile beinahe eine Binsenweisheit, die jeder reformwillige Bildungspolitiker im Schlaf aufsagen kann. Dass sich unterschiedliche Bildungsabschlüsse auf die berufliche Karriere auswirken, ist naheliegend: In einem „angesehenen“ Beruf zu landen ist mit einem niedrigen Bildungsabschluss unwahrscheinlich. Die intergenerationelle Bildungsbenachteiligung setzt sich so über das ganze Leben fort.

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Doktorhut und alles gut? Kann man noch nicht sagen, aber im Hinblick auf das Berufsprestige scheint die soziale Benachteiligung für Hochschulabsolventen nach dem Abschluss weitgehend überwunden. Foto: Gillian Callison / Pixabay (P. L.)

Dieser Logik folgend setzen viele Initiativen an, junge Menschen mit schlechteren Startchancen zu möglichst hohen Bildungsabschlüssen zu führen, um die Situation zu verbessern. Doch selbst nach einem Universitätsabschluss könnten es Absolventen mit niedrigem Herkunftsstatus schwerer haben. Gleichen sich die beruflichen Laufbahnen von Absolventen mit gleichartigen akademischen Abschlüssen aber unterschiedlicher sozioökonomischer Herkunft im Laufe der Zeit an, oder verstärken sich Unterschiede in den Karrieren, die aus unterschiedlichen Startbedingungen resultieren? Ist der elterliche Hintergrund auch nach einem Universitätsabschluss wichtig, um einen angesehenen Job zu bekommen? Angesichts des zunehmenden Anteils an Hochschulabsolventen unter den jungen Menschen in den modernen Gesellschaften Fragen, die an Bedeutung gewinnen.

Ob und wie sich soziale Ungleichheit auch nach dem Eintritt ins Berufsleben auf die Karriere auswirkt, ist wissenschaftlich bislang erstaunlich wenig untersucht. Es lohnt sich mithin, bei der Untersuchung der langfristigen Effekte sozialer Ungleichheiten den gesamten Lebenslauf in den Blick zu nehmen und die auch die Laufbahn der Hochqualifizierten zu betrachten.

Die soziale Herkunft entscheidet immer noch über Chancen in der Bildungskarriere – aber: Die Situation bessert sich (langsam)

Eine solche Betrachtung im Hinblick auf das erreichte Berufsprestige von Absolventen haben nun Marita Jacob vom Kölner Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) und Markus Klein von der University of Strathclyde unternommen. Um langfristig wirksame soziale Ungleichheiten in der beruflichen Laufbahn von Absolventen zu beleuchten, analysierten sie Daten der 1970 Britsh Cohort Study des UCL, die rund 17.000 Menschen aus England, Schottland und Wales umfasst, die in einer einzigen Woche des Jahres 1970 geboren wurden. Auf dieser Basis verfolgten sie die berufliche Entwicklung von Absolventen über einen Zeitraum von zehn Jahren seit dem Eintritt in den Arbeitsmarkt.

Ausgehend von der Annahme, dass sich Herkunftsfaktoren in verschiedenen Berufsfeldern unterschiedlich auf die Karriere auswirken, unterschieden Jacob und Klein in ihrer Studie zwischen verschiedenen akademischen Feldern. Absolventen mit begünstigtem sozialem Hintergrund hätten in ihrer Erziehung häufiger Sozial- und Soft Skills erworben, die besonders in höheren Dienstleistungs- und Führungspositionen wertvoll sein können. Für Absolventen in MINT-Fächern spielten dagegen im Studium erworbene, berufsspezifische Kompetenzen eine größere Rolle.

Absolventen in den Geistes- und Kunstwissenschaften stießen etwa auf eher veränderliche Arbeitsmärkte mit vagen Berufsbildern, für die eher unspezifische Qualitäten gefragt seien und in denen zumindest anfänglich ein Job-Hopping typisch sei. MINT-Absolventen hätten dagegen in der Regel stabilere berufliche Laufbahnen vor sich, in denen der Aufstieg innerhalb des einmal gewählten Berufs erfolge.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen der elterlichen Klasse und der Berufsposition beim Arbeitsmarkteinstieg gebe, der allerdings gering sei und zudem im Laufe der beruflichen Karriere verschwinde. Sei es grundsätzlich zu erwarten gewesen, dass sich die soziale Abkunft im Kunst- und geisteswissenschaftlichen Bereich stärker auf die berufliche Laufbahn der Absolventen auswirkt, zeigten die Ergebnisse keine signifikanten Ungleichheiten im Karriereerfolg bei den Absolventen entsprechender Fächer zu demjenigen von MINT-Studenten im Vergleich mit ihren Kommilitonen.

Zwar scheine für Absolventen der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften die soziale Herkunft eine Rolle beim Berufseinstieg und für die frühe Karriere zu spielen Doch auch die Absolventen der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften aus weniger privilegierten Elternhäusern überwänden die anfänglichen sozialen Nachteile und holten ihre ehemaligen Kommilitonen mit höherem sozialen Hintergrund acht Jahre nach dem Abschluss ein.

Hinsichtlich des Sozialprestiges, das sie über ihren Beruf erwerben, scheinen also die Benachteiligungen, die Hochschulabsolventen aufgrund ihrer unterprivilegierten sozialen Herkunft erleben, als relativ gering. Denn auch wenn sich die Frage die nach dem Einfluss des sozialen Hintergrunds auf das Berufsprestige mit „Nein“ beantworten lasse, betonen Jacob und Klein, gelte es weitere Fragen zu Unterschieden innerhalb von Berufen zu untersuchen, zum Beispiel hinsichtlich des Einkommens oder dem Erreichen von Elite-Positionen. (news4teachers)

• Die Studie ist im British Journal of Sociology veröffentlicht.

Wie gerecht ist das Schulsystem? Kinder aus armen Familien werden nach wie vor benachteiligt – ein Debattenbeitrag

 

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4 KOMMENTARE

  1. Es ist wichtig, dass alle Kinder die gleichen Chancen bekommen. (Würde hier dicke bank auch von Neid sprechen, wenn manche klagen, dass andere bessere Chancen haben?)

    Ist denn aber so, dass bei gleichen Chancen auch wirklich alle gleich “intelligent und fähig gemacht werden können”?

  2. Fazit: Die Personaler interessiert nicht, wo und wie die Nachwuchsakademiker aufgewachsen sind, solange sie die passenden Kenntnisse und Fertigkeiten aufweisen. Mir fällt jetzt spontan kein Grund ein, weshalb Personaler bei Gesellen anders vorgehen sollten. Bei der Auswahl der Azubis entscheiden Zeugnisnoten und Auftreten beim Vorstellungsgespräch, wobei hierbei die Haltung der Personaler zumindest indirekt Einfluss haben kann.

    Die Übertragbarkeit von Großbritannien 1970 auf Deutschland 2019 ist natürlich nur sehr eingeschränkt möglich. Grundsätzlich liegt es damals wie heute überwiegend an den Menschen selbst, sich die Kenntnisse und Fertigkeiten für den Wunschberuf selbst anzueignen, was eine gehörige Portion Disziplin erfordert.

  3. Die Studien aus dem Soziologiebereich kommen mir oft genauso spanisch vor wie die aus dem Pädagogikbereich. Sie bestätigen vorgefasste Meinungen und weltanschauliche Thesen, die man die man mit einer “Studie” im Rücken noch besser verkaufen kann.

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