Gymnasialtag in Bonn – Kritik der Philologen: Förderung richtet sich zu oft an Leistungsschwache, begabte Schüler gehen leer aus

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BONN. Schlauere Schüler, bessere Abiturienten oder gesunkene Anforderungen? Die Diskussion um mehr Einser-Noten im Abitur, Themen wie Leistungsstärke und Begabung beschäftigen auch den Gymnasialtag in Bonn.

Sieht beim Abitur Luft nach oben: Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, hier bei der Verleihung des Deutschen Lehrerpreises. Foto: Deutscher Lehrerpreis

In der Debatte um eine steigende Zahl von Abiturienten mit der Note eins im Abitur hat der Philologenverband Qualitätseinbußen zurückgewiesen. «Geschenkt bekommt sein Abitur niemand. Abiturienten wissen viel, in der Tiefe und in der Breite». Das sagte die Bundesvorsitzende des Philologenverbands (DPhV), Susanne Lin-Klitzing, im Gespräch kurz vor Beginn des bundesweiten Gymnasialtags am Samstag in Bonn. Das Abitur sei nach wie vor ein anspruchsvoller Abschluss. In allen Schularten sei allerdings «ein politisch gewünschter Trend zu besseren Noten zu verzeichnen».

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Philologenverband kritisiert Notenverordnung der KMK von 2016

Der Hochschulverband (DHV) hatte angesichts einer deutlich steigenden Zahl von Abiturienten mit mindestens der Abschlussnote 1,9 jüngst gefordert, man solle einer «Noteninflation» Einhalt gebieten. Aus den Hochschulen kämen Klagen über das Text- und Schreibverständnis der Abiturienten und über Schwierigkeiten in Mathematik. Es sei zutreffend, dass etwa jeder vierte Abiturient 2018 eine Eins vor dem Komma hatte, während zehn Jahre zuvor «nur» etwa jeder fünfte ein «Einser-Abiturient» war, schilderte Lin-Klitzing.

Ein Faktor könne eine spezielle Notenverordnung der Kultusministerkonferenz (KMK) von 2016 sein. Sie sei mit dem begrüßenswerten Ziel geschaffen worden, eine höhere Vergleichbarkeit der Abschlüsse unter den Bundesländern zu erreichen. Es deute nun aber einiges darauf hin, dass das Niveau etwas gesenkt worden sei. Beispiel: Um eine Abi-Klausur zu bestehen, müsse ein Schüler nach der KMK-Verordnung nur noch 45 Prozent des Abgefragten wissen. In manchen Ländern seien dafür zuvor 50 Prozent nötig gewesen. Bis 2020 müsse die Umsetzung der Verordnung in allen Länder umgesetzt sein.

Der DPhV – er vertritt vor allem Gymnasiallehrer – plädierte dafür, dass Niveau anzuheben, wenn man eine bessere Vergleichbarkeit herstellen wollen. So wäre es sinnvoll, bundesweit fünf Abitur-Prüfungsfächer einzuführen, darunter verpflichtend Deutsch, Mathe und eine Fremdsprache, so wie etwa aktuell in Bayern. Tatsächlich sei das Bild hier derzeit aber unterschiedlich. Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen etwa verlange nur vier Fächer.

Zuwanderung und Inklusion binden viel Energie der Lehrer

Zu dem häufig geäußertem Vorurteil, dass NRW zu den Ländern gehöre, in denen das Abitur besonders leicht zu schaffen sei, sagte die Verbands-Vorsitzende: «Das kann man so nicht sagen. Es sieht so aus, als ob NRW solide arbeiten würde.» Bei der Abi-Durchschnittsnote liege NRW mit 2,45 (2017) knapp hinter dem Bundesmittel, bei der Durchfallerquote (2017: 3,5 Prozent) schneide NRW etwas besser ab als der Bundesschnitt.

Da auch wegen Zuwanderung und Inklusion viel Energie in die Unterstützung von Schülern mit besonderem Förderbedarf gesteckt werde, falle die Begabtenförderung oft sehr schwach aus, kritisierte Lin-Klitzing. «Der Gedanke ist: Die Guten schaffen es sowieso, die anderen muss ich stützen.» Die wichtige Förderung besonderer Talenten bei begabten Schülern – etwa in AGs oder mit zusätzlichen Fremdsprachen – habe abgenommen, hier gebe es eine größere Lücke.

Zum Gymnasialtag erwarten der Bundesverband und der Landesverband NRW mehr als hundert Gymnasiallehrer. Eine Fülle von Themen wie der Klimawandel, der gymnasiale Bildungsauftrag, aber auch die Nutzung von Social Media, Cybermobbing und Lehrergesundheit stehen an. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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1 KOMMENTAR

  1. Wie an allen Schulen besteht sicher auch für Gymnasien die Möglichkeit, über innere Differenzierung allen SchülerInnen angemessen Anforderungen zu stellen und sie zu fördern wie auch zu fordern, zumal sie ja ohnehin die begabtesten und selbstständigsten Lernenden an ihren Schulen begrüßen dürfen. Daran ändert sich nichts, wenn man mehr oder weniger Fächer als verbindlich in den Plan setzt.

    Wenn die Chefin der PhilologInnen zu der Erkenntnis kommt, dass das Fordern vernachlässigt wird, könnte sie selbst eine Qualitätsinitiative ausrufen, herausfordernde Aufgaben von Klasse 5-13 für die Arbeit mit begabten SuS auszutauschen und sich gegenseitig darin zu unterstützen. Bei länder- und schulformübergreifender Zusammenarbeit würde darüber auch die Vergleichbarkeit erhöht.

    Andernfalls könnte sie auch feststellen, dass es den Gymnasien nicht möglich ist, gute SuS zu fordern. Dann können die nächsten Eltern für ihre SuS ab Klasse 5 ggf. eine andere Schulform wählen, in der das besser gelingt, weil sich die Schule auf das Unterrichten unterschiedlicher SuS einstellt.

    Oder der Philologenverband könnte dafür eintreten, dass es an allen Schulen ausreichend Ressourcen gibt, damit das Fördern und Fordern aller SuS besser gelingen kann, und z.B. eine an Parametern orientierte Ressourcenverteilung erfolgt, sodass Zusatzbedarfe gewährt, aber im Falle des Lehrermangels auch durch Kräfte von außen (Vertretungen, Therapeuten) ersetzt werden.

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