„An unserer Schule nehmen es mehrere“: Wenn Aufputschmittel zu mehr Leistung führen sollen

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TRIER. Schüler tun es, Studenten auch – und viele Erwachsene machen es ihnen vor, um im Alltag bestehen zu können: Sie nehmen Mittel ein, um mehr Leistung bringen zu können. Darüber geredet werde kaum, sagt Experte Franke. «Hirndoping» habe ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen.

Medikamente wie Ritalin dürfen heute nur noch von Spezialisten verordnet werden. Das hat unter anderem zu einem Rückgang der Verschreibung geführt. Foto: Sponge / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Medikamente wie Ritalin dürfen heute nur noch von Spezialisten verordnet werden. Das hat unter anderem zu einem Rückgang der Verschreibung geführt. Foto: Sponge / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Vor den Abiturarbeiten ist der Lernstress für Schüler besonders groß. Und Studenten an Hochschulen und Universitäten stehen vor Klausuren ebenfalls extrem unter Strom. In solch stressigen Zeiten komme es vor, dass junge Menschen verstärkt zu leistungssteigernden Medikamenten wie Ritalin griffen, sagt der Mediziner und Soziologe Andreas G. Franke. Sie nutzten verschreibungspflichtige und illegale Mittel gezielt bei der Prüfungsvorbereitung zum «Hirndoping». Eindeutige Zahlen darüber, wie viele Schüler und Studenten ihre Leistungen per Pille steigerten, gebe es nicht. «Es ist ein Tabuthema», sagt der Professor an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim.

„Es wird nicht offen über das Thema gesprochen“

Franke forscht schon seit vielen Jahren an dem Thema. In seinen Studien, die er unter anderem bei Studenten, Chirurgen und Managern gemacht hat, zeigte sich: Rund 20 Prozent aus jeder Zielgruppe gaben an, schon mindestens einmal ein illegales oder verschreibungspflichtiges Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben. In die Befragungen seien mehrere Tausend Schüler und Studierende, aber auch Arbeitnehmer bundesweit eingebunden gewesen, sagt er.

Überall habe sich gezeigt: «Es wird nicht offen über das Thema gesprochen», sagt der Psychiater. Auch gegenüber Mitschülern oder Kommilitonen werde verborgen, wenn man etwas Derartiges einnehme. Ausnahme: «Bei den illegalen Dingen spricht man darüber, aber nur in kleinen Zirkeln.» Der amphetaminartige Wirkstoff Methylphenidat, der in Ritalin enthalten ist, wird in der Regel für Patienten mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) verschrieben. Wer sich das Arzneimittel anderweitig besorgt, schluckt es illegal.

Der Einstieg ins Hirndoping wirkt oft harmlos: Laut Experte Franke greifen viele zunächst einmal zu Koffeintabletten oder Energy-Drinks. Am Ende stehen mitunter harte Drogen wie Amphetamine, das sogenannte „Speed“. Selbst solche Mittel würden von Konsumenten vor der Arbeit eingenommen, um die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Dabei machten sie «sehr abhängig», wie Andreas Stamm, Leiter der Trierer Suchtberatung «Die Tür» weiß. Ein häufiges Muster bei Abhängigen sei dann, dass sie abends wiederum beruhigende Drogen bräuchten, um von den Aufputschmitteln «runterzukommen» – zum Beispiel Cannabis. «Also morgens einen Upper und abends einen Downer.» Ein Teufelskreis.

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Kleine Stichprobe im eigentlich beschaulichen Trier: Ein Student berichtet, er sei im Oktober schon vor dem Start des Semesters von einer Gruppe angesprochen worden, ob er Ritalin für die Zeit der Prüfungen haben wolle. Es sei nicht schwer, es zu besorgen, ob über Bekannte, die das Medikament verschrieben bekämen, oder übers Internet, erzählt er. Und ein Gymnasiast berichtet, er wisse sofort, wie er an das Medikament kommen könne. «Bei uns an der Schule nehmen es mehrere.» Eine Schulsozialarbeiterin sagt: «Dass Kinder hier Medikamente zur Leistungssteigerung nehmen, habe ich noch nicht mitbekommen. Aber das heißt nicht, dass es nicht stattfindet.» Das Thema sei «mit viel Scham» besetzt.

„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“

Wer «Hirndoping» macht, riskiert erhebliche Nebenwirkungen. Nach Angaben der Krankenkasse DAK können missbräuchlich eingesetzte Medikamente zu Persönlichkeitsveränderungen, Abhängigkeiten oder auch zum Verlust der Leistungsfähigkeit führen. Am Arbeitsplatz griffen schon Hunderttausende Menschen in Deutschland wegen Stress und Leistungsdruck regelmäßig zu Dopingmitteln und betrieben «Hirndoping». Der Trend sei in der Arbeitswelt seit 2008 erkennbar, sagt der Sprecher der DAK in Mainz. Verbreitet seien Betablocker, Antidepressiva, Wachmacher und ADHS-Pillen – für mehr Leistung oder für eine bessere Stimmung.

Es sei insgesamt ein Trend mit «besorgniserregenden Ausmaßen», sagt Franke, der vor kurzem das Buch «Hirndoping & Co. – Die optimierte Gesellschaft» (Springer) herausgebracht hat. «Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der immer mehr Leistung gefordert wird und man immer besser werden muss», sagt er. Es komme aber ein Punkt, an dem gehe es nicht mehr besser. «Ich behaupte, diese Grenze ist allmählich erreicht.» Und da glaubten Konsumenten: «Diese Grenze kann ich nur überschreiten, zumindest eine Zeit lang, wenn ich etwas einwerfe.»

Junge Menschen müssen stets präsent sein und gut rüberkommen

Hinzu komme, dass man heute auch neben der Arbeit was «leisten» wolle: in der Familie, bei Freunden, ja sogar im Urlaub: «Wenn Sie ein richtiger Mann sind, dann müssen Sie den Marathon schon mal gelaufen sein. Und Sie müssen im Urlaub gepostet haben, an welch abgefahrenen Locations Sie waren.» Und Fitness machen. «Das sind Dinge, die das menschliche Wesen irgendwann überfordern.» Den jungen Menschen gehe es ähnlich: Sie müssten neben Schule und Uni auf den Social-Media-Kanälen stets präsent sein und dabei möglichst gut rüberkommen. «Das ist ein enormer Druck.» Von Birgit Reichert, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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