Wie Bildungsreformen auch wirken: Oberstufengestaltung beeinflusst die erzielten Kursnoten stark

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TÜBINGEN. Nahezu alle Bundesländer haben mit unterschiedlichen Zielen in der Vergangenheit Oberstufenreformen vorgenommen. Wie sich solche Reformen auf die von Schülern erzielten Leistungen auswirken, haben Wissenschaftler aus Tübingen, St. Gallen und Frankfurt untersucht.

Allerorten treibt Bildungspolitiker die Sorge um die Qualität des „heimischen“ Abiturs um. Dass es in einigen Ländern leichter sei, gute Abinoten zu bekommen als in anderen, ist – unter Verweis auf gefürchtete Niveauverluste – ein zentrales Argument von Gegnern einer bundesweiten Harmonisierung des Schulsystems. Einzelne Parteien gehen gar soweit, nur noch das landeseigene Abitur anerkennen zu wollen. Wissenschaftler haben nun den Einfluss von Oberstufenreformen auf die Schulnoten untersucht.

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Oberstufenreformen können die Vergleichbarkeit von Schulnoten vor und nach der Reform erschweren, zeigt ein Team von Forschern aus Tübingen, St. Gallen Frankfurt in einer gemeinsamen Studie. Ändert sich im Zuge einer Reform die leistungsbezogene Zusammensetzung von Kursen, beispielsweise durch die Einführung oder Abschaffung von obligatorischen Kernfächern, erhalten demnach Schüler trotz gleicher Leistungen andere Noten als in den Kursen vor der Reform.

Für die einen geht’s nach oben, für die anderen nach unten. Reformen beeinflussen die Noten wenn sich die leistungsbezogene Zusammensetzung in Kursen ändert. Foto: Rudy and Peter Skitterians / Pixabay (P.L.)

Die Wissenschaftler verglichen die Mathematik- und Englischnoten von Oberstufenschülern mit deren Leistungen, die anhand standardisierter Tests ermittelt wurden – vor und nach Oberstufenreformen in Baden-Württemberg und Thüringen.

In den meisten Bundesländern können Oberstufenschüler in diesem Schuljahr wieder zwischen Grund- und Leistungskursen wählen. Müssen nur zwei Leistungskurse belegt werden, werden diese mindestens fünf Stunden pro Woche unterrichtet. Stehen mehr als zwei Leistungskurse zur Auswahl, müssen sie mindestens vierstündig unterrichtet werden. Mit diesen Vorgaben setzen die Länder einen Beschluss der Kultusministerkonferenz um, um die Abiturnoten in Deutschland vergleichbarer zu machen.

Auch in Baden-Württemberg (2002) und Thüringen (2010) ist die Oberstufe bereits grundlegend reformiert worden. Vor den Reformen konnten diese zwischen Grund- und Leistungskursen wählen, die zwei bis vier bzw. fünf oder sechs Stunden pro Woche unterrichtet wurden. Nach den Reformen mussten in beiden Bundesländern Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache als Kernfächer mit jeweils vier Wochenstunden belegt werden. Für die Studie wurden die Oberstufennoten sowie die Leistungen in standardisierten Tests in Mathematik und Englisch von insgesamt rund 7.800 Schülern aus beiden Bundesländern vor und nach den Reformen herangezogen.

Erwartungsgemäß schnitten Schüler mit besseren Noten auch in den Leistungstests besser ab. Allerdings zeigten sich bei Schülern, die in einem Kurs die gleichen Noten erhalten hatten, erstaunliche Leistungsunterschiede, je nachdem ob sie – wie vor der Reform – ein Fach als Grund- oder Leistungskurs oder – wie nach der Reform – ein Fach als Kernfach belegt hatten. So erreichten Schüler aus dem Grundkurs vor der Oberstufenreform weniger Punkte im Leistungstest als diejenigen im Kernfach nach der Oberstufenreform. Analog dazu waren Schüler, die vor der Reform den Leistungskurs besucht hatten, im Leistungstest besser als diejenigen aus dem Kernfach. Die Leistungsunterschiede bei gleicher Note fanden sich in Baden-Württemberg für Mathematik und Englisch und ließen sich auch für Mathematik und teilweise für Englisch in Thüringen nachweisen.

Die Ergebnisse wiesen darauf hin, so die Forscher, dass Reformen, welche die leistungsbezogene Zusammensetzung von Schülern in Kursen der Sekundarstufe II verändern, auch die von Lehrkräften vergebenen Noten verändern können. Das liege besonders daran, dass Lehrkräfte häufig die Leistungen innerhalb einer Klasse oder eines Kurses miteinander verglichen. Sind diese eher hoch, wie in einem Leistungskurs, erhielten durchschnittliche Schüler schwerer eine gute Note als in einem leistungsschwächeren Kurs. Deshalb sei es nicht nur schwierig, die Noten zwischen Bundesländern mit unterschiedlichen Oberstufensystemen zu vergleichen, sondern auch die Noten innerhalb eines Bundeslandes, besonders vor und nach Oberstufenreformen.

Die Bedeutung ihrer Erkenntnisse sehen die Wissenschaftler insbesondere im Hinblick auf die Selektionsfunktion von Oberstufennoten, besonders bei der Vergabe von Studienplätzen oder bei Bewerbungen um Ausbildungsplatz oder Job. Denn hier würden einzelne Fachnoten, beispielsweise in Mathematik, oft als zentrales Kriterium zur Beurteilung des Leistungspotenzials herangezogen. „Wie die Studie zeigt, haben Bewerberinnen und Bewerber mit einer identischen Note in Mathematik nicht unbedingt die gleichen Kenntnisse in Mathematik. Dass auch strukturelle Veränderungen im Schulsystem diesen Zusammenhang systematisch beeinflussen können, ist bisher weitgehend ignoriert worden“, stellt etwa Erstautor Nicolas Hübner fest.

Diejenigen, die die Personalauswahl treffen, müssten sich dieser Problematik bewusst sein. Doch auch die Schulpolitik müsste nach Hübners Meinung Konsequenzen ziehen. Da Reformen die Bedeutung von Noten verändern können, sollten derartige Reformeffekte zukünftig routinemäßig untersucht werden. Darüber hinaus sollten Möglichkeiten zur stärkeren Standardisierung von Benotungsprozessen diskutiert werden“, so der Tübinger Bildungsforscher. (zab, pm)

• Die Ergebnisse sind im Journal of Educational Psychology erschienen.

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1 KOMMENTAR

  1. Mit einer Reform der Oberstufe geht ja normalerweise auch eine Reform der Abiturprüfungen und damit meist auch eine Änderung der Ansprüche bzw. des Niveaus einher.

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