„Ich brauche einen Blick dafür, was in der Klasse passiert“: Wie Lehrer für Disziplin sorgen können – ein Schulpsychologe gibt Rat

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DÜSSELDORF. Befragt man Lehrer, was sie am meisten in ihrem Beruf belastet, liegt ein Punkt stets mit vorne in der Liste der Herausforderungen: Unterrichtsstörungen. Dabei können Lehrkräfte durchaus steuern, wie sich Schüler im Unterricht verhalten – zum großen Teil jedenfalls. Wie sich Lehrerhandeln auf Schüler auswirkt, darüber spricht der Diplom-Psychologe Carsten Joiko im Interview. Mit sozial schwierigen Rahmenbedingungen kennt er sich aus:  Carsten Joiko ist Leiter der Regionalen Schulberatungsstelle Gelsenkirchen. Die Stadt gilt als ärmste Stadt Deutschlands.

Disziplin heißt, dass Schüler aufmerksam und motiviert lernen und zivilisiert miteinander umgehen. Wie erreicht eine Lehrkraft das? Illustration: Shutterstock

News4teachers: Wie definieren Sie in Ihrer Schulberatungsstelle Disziplin im Schulkontext?

Joiko: Wenn wir von Disziplin reden, dann heißt das im Prinzip, dass Schule so gestaltet ist, dass Unterricht so gestaltet ist, dass die Interaktion mit den Schülerinnen und Schülern so gestaltet ist, dass dies dazu führt, dass sie aufmerksam, konzentriert bei der Sache sind, motiviert lernen und einen gepflegten Umgang in der Schule miteinander führen. Im Allgemeinen würde man das als Höflichkeit und Respekt bezeichnen.

News4teachers: Wie reagieren Lehrkräfte auf diese Definition, wenn sie aufgrund von Disziplinproblemen Hilfe suchend zu Ihnen kommen?

Joiko: Lehrkräfte, die vielleicht schon soweit sind, dass sie was ändern wollen, die verstanden haben, dass ihr Handeln was verändern kann, ihre Unterrichtsplanung was verändern kann, die können sehr gut mit diesem Ansatz umgehen. Die wissenschaftliche Theorie, die sich dahinter verbirgt, die aus dem Bereich Klassenführung, Classroom Management kommt, die sagt ja ganz klar, dass man mit gutem Unterricht, motivierendem Unterricht und über eine gute Führung genau zu dieser gewünschten Disziplin kommen kann. Aber für eine Lehrerin, die gerade unter absolutem Leidensdruck steht, für die ist es vielleicht nicht gerade Selbstwert aufbauend, wenn sie hört: Naja, vielleicht könntest du auch was ändern? Eins will ich aber an dieser Stelle vorwegnehmen: Es geht hier nicht um Schuld, sondern um die Frage: Wer hat Einfluss? Wer kann was verändern?

News4teachers: Und was können Lehrkräfte konkret verändern?

Joiko: Nehmen wir als Beispiel mal die Klassenführung. Eine gute Klassenführung braucht Rahmenbedingungen. Dazu gehören beispielsweise klare Konsequenzen und Regeln, die für die Klasse, aber auch die gesamte Schule gelten, über die Einigkeit im Kollegium herrscht, an deren Entwicklung Schüler und Eltern beteiligt gewesen sind. Wenn dies nicht der Fall ist, wird es schwierig, eine klare Erziehungsstruktur aufzubauen.

Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: das Trinken im Unterricht. Stellen Sie sich vor, die ersten vier Stunden ist das Trinken im Unterricht erlaubt und dann kommt ein Fachlehrer, der nicht will, dass in seinem Unterricht getrunken wird. Da kommt es zum Strukturenbruch: Eine Regel, die bisher klar war, wird auf einmal gebrochen. Der Lehrer hat jetzt Mühe, das Ganze zu ändern und nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Das kann erstmal nur zu einem Konflikt führen, außer das Lehrkollegium hat es im Vorfeld geschafft, ganz klar und transparent zu vermitteln, in welchen Stunden getrunken werden darf und in welchen nicht.

Dann ist auch noch der Umgang der Lehrer untereinander und ihr Handeln in der Schule entscheidend: Begrüßen sich die Lehrkräfte? Sind sie selber pünktlich im Unterricht? Sagen sie „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“? Wird man mit einer guten Stimmung empfangen?

„Eine gute Klassenführung braucht Rahmenbedingungen“: Schulpsychologe Carsten Joiko. Foto: privat

News4teachers: Also ist auch die Schulkultur entscheidend?

Joiko: Auf alle Fälle. Wir lernen ja im Sinne eines sozialen Lernmodells, also das heißt, wir lernen an Vorbildern und Lehrer sind Vorbilder für Schüler, definitiv. Wie ich als Lehrer auf Schüler reagiere, so reagieren auch meine Schüler auf Mitschüler. Das ist halt keine Einbahnstraße.

News4teachers: Bislang ging es ja vor allem um Prävention. Wie können aber Lehrerinnen und Lehrer sinnvoll auf eine aktuelle Störung des Unterrichts reagieren?

Joiko: Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Ich muss, wenn ich etwas als Störung definiert habe, von Anfang an auf eine solche reagieren, sonst schaukelt sich das langsam hoch, bis ich irgendwann eingreife, dann aber wahrscheinlich bereits so genervt bin, dass ich schreie. Dann habe ich als Lehrkraft verloren, denn derjenige, der angeschrien wird, fragt natürlich, warum er jetzt der einzige ist, der Konsequenzen erfährt, wenn die anderen im gleichen Maße vorher gestört haben. Zack ist die Situation eskaliert.

Besser ist es, direkt auf eine Störung zu reagieren – am besten im Sinne eines Stufenmodells. Ich brauche also einen Blick dafür, was in der Klasse passiert. Wenn ich merke, ein Schüler stört, dann könnte ich zum Beispiel den Blick auf den Schüler fokussieren, ich könnte mich langsam auf den Schüler zubewegen und wenn das keinen Effekt hat, kann ich ihn ermahnen. Funktioniert das auch noch nicht, dann sollte mir klar sein, dass ich das nicht im Unterricht austrage, sondern im Anschluss in einem Gespräch. Dem Schüler brauche ich dann nur noch zu sagen: „Du weißt Bescheid, du hast nicht gehört, wir treffen uns nach der Stunde zum Gespräch.“ Wichtig dabei ist, dass dieses Vorgehen mir und idealerweise auch den Schülern klar ist, damit es keine Überraschung erzeugt, die wiederum eine Störung bewirkt.

News4teachers: In den Medien ließ sich in den vergangenen Jahren immer mal wieder lesen, dass Kinder zunehmend schlechter erzogen seien – gerne in Verbindung mit dem Wort Tyrannenkinder. Haben Sie in Ihrer Beratungspraxis festgestellt, dass Lehrkräfte häufiger Hilfe suchend zu Ihnen kommen?

Joiko: Ich habe eher den Eindruck, dass die Offenheit zur Beratung und die Sensibilität größer geworden sind, also die Bereitschaft, Beratung in Anspruch zu nehmen. Ob die Kinder tatsächlich schlechter erzogen sind, kann ich nicht beantworten. Im Grunde ist im Volksmund die nächste Generation ja immer die fürchterlichere. Wenn wir aber Kinder haben wollen, die sich beteiligen, die sich im demokratischen Sinne einbringen und denen wir beibringen – zum Beispiel auch im Sinne von Prävention – ,„nein“ sagen zu dürfen, dann ist eine Nebenwirkung eben auch, dass sie in anderen Kontexten „nein“ sagen, dass sie Entscheidungen von den sogenannten Autoritätspersonen infrage stellen.

Statt dies anzuprangern, sollte hier eher die Frage gestellt werden: Passt dieses Schulsystem, das eigentlich noch so organisiert ist wie in den Fünfziger-, Sechzigerjahren, überhaupt noch zu unserem Gesellschaftsbild, zu unserem Menschenbild, das wir jetzt 2019 haben? Und die Art und Weise, wie wir unterrichten wollen, wie wir erziehen wollen, passt die noch zu diesem Schulsystem? Anna Hückelheim führte das Interview  / Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

“Nicht autoritär sein, sondern Autorität zeigen”: Wie Lehrer mit schwierigen Schülern umgehen sollten

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