Chaos in der NRW-Landesregierung: Gebauer lässt per Schulmail Grundschul-Öffnung ankündigen – Laschet kündigt „Korrektur“ an

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DÜSSELDORF. Die Schulpolitik führt zu einem handfesten Streit in der schwarz-gelben Regierungskoalition von Nordrhein-Westfalen. Das FDP-geführte Schulministerium macht Tempo – und kündigt per Schulmail an, alle Grundschüler schon bald tageweise zurück in die Klassen holen. Doch Ministerpräsident Laschet (CDU) kassiert die Ankündigung und kündigt seinerseits eine „Korrektur“ an.

Düpiert „seine“ Schulministerin: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Foto: Olaf Kosinsky (kosinsky.eu) Licence: CC BY-SA 3.0-de / Wikimedia Commons

In der Diskussion über die Öffnung der Grundschulen in NRW hat Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) das Schulministerium öffentlich ausgebremst. Am Donnerstagabend relativierte der Regierungschef eine Ankündigung, dass die Grundschulen am 11. Mai wieder in einem rollierenden System für alle vier Jahrgangsstufen öffnen sollten. Eine entsprechende Mail an die Schulen werde «korrigiert», kündigte Laschet in Düsseldorf an.

Der Staatssekretär im Schulministerium, Mathias Richter (FDP), hatte zuvor in einer Mail an die Schulen geschrieben: «Ab dem 11. Mai 2020 sollen in einem tageweise „rollierenden“ System die Kinder aller Jahrgangsstufen wieder in „ihre“ Schulen gehen können.» Den Anfang sollten danach die Viertklässler schon am 7. Mai machen. Ab dem 11. Mai hätte demnach an jedem Werktag ein anderer Jahrgang in die Schule gehen können – nach wochenlanger coronabedingter Zwangspause.

„Schulmail beschreibt denkbaren Plan“

Ein Sprecher des Schulministeriums schob als Klarstellung noch hinterher: «Die heutige Schulmail beschreibt einen für Nordrhein-Westfalen denkbaren Plan.» Die genannten Schritte nach dem 7. Mai seien «vorbehaltlich der Beratungen zwischen den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin».

Von einem „denkbaren Plan“ ist in der Mail an alle 5.500 Schulen im Land allerdings keine Rede. Wörtlich heißt es darin: „Wir haben auf dieser Grundlage entschieden, in Nordrhein-Westfalen nicht von der Möglichkeit des Unterrichtsstarts bereits direkt am 4. Mai 2020 Gebrauch zu machen, sondern die Wiederaufnahme des Unterrichts an den Grundschulen und den Primarstufen der Förderschulen für Donnerstag, den 7. Mai 2020 vorzusehen. An den ersten beiden Tagen, also am 7. und 8. Mai 2020, soll zunächst nur Unterricht für Schülerinnen und Schüler der 4. Klassen stattfinden. Ab dem 11. Mai 2020 sollen in einem tageweise ‚rollierenden‘ System die Kinder aller Jahrgangsstufen wieder in ‚ihre‘ Schulen gehen können.“

Kurz darauf dann die deutliche Ansage des Regierungschefs: Die weiteren Schritte würden erst am 6. Mai mit Bund und Ländern besprochen – wie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute besprochen. Seine Botschaft: Im Kreis der Länder vorpreschen will NRW nicht. Nicht schon wieder.

Das Gezerre unter den Koalitionspartnern dürfte für weitere Unruhe bei Schulen, Schulträgern, Lehrern, Eltern und Schülern sorgen. Auf die Frage einer dpa-Journalistin, was denn nun die Schulen denken sollten, sagte Laschet: «Die Schulen können das denken, was der Ministerpräsident ihnen jetzt sagt: Nämlich dass am 6. Mai der nächste Beschluss fällt. Und diese Schulmail wird auch korrigiert.» Das sitzt. Er fügte aber hinzu: «Gedanklich ist es einem Schulministerium ja auch nicht zu verübeln, schonmal über den nächsten Schritt zumindest Vorbereitungen zu treffen und nachzudenken.»

Eine Rückkehr zum normalen Schulbetrieb ist erstmal nicht möglich

Im Detail hieß es in der Schulmail des Staatssekretärs, eine Rückkehr zum normalen Schulbetrieb sei vor den Sommerferien nicht möglich. Die Schüler aller vier Jahrgangsstufen sollten aber möglichst den gleichen Zugang zu Schulen und Unterricht haben. Je nach Raumgröße und Klassenstärke müssten viele Lerngruppen wohl mindestens halbiert werden. Präsenzunterricht werde für die Lerngruppen jeweils nur an einzelnen Tagen möglich sein. Daher das rollierende System und ein Mix aus Präsenzunterricht und aus Lernen daheim. Es solle aber «an einem Tag so viel Unterricht und Betreuung wie möglich» geben.

Ein «Schichtbetrieb» soll nach den Vorstellungen des Ministeriums nicht eingeführt werden. Dass also unterschiedliche Klassen an ein und demselben Tag zu verschiedenen Uhrzeiten in die Klassenräume kommen, wäre demnach für NRW unwahrscheinlich. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW kritisierte, dass konkrete Rahmenvorgaben fehlten. Schulleitungen seien mit einer Mammutaufgabe konfrontiert. Die Gewerkschaft GEW bemängelte eine Zumutung für die Schulen. Die SPD-Landtagsfraktion sprach von «bildungspolitischem Roulette».

Laschet hatte Gebauer verteidigt – bis heute

Vor einer Woche hatte in NRW bereits der Unterricht für einige ältere Schüler – lediglich die Abschlussklassen – wieder begonnen. Die Jahrgangsstufen eins bis vier sollen damit die zweite Welle bilden. Bereits am Dienstag hatte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) bekanntgegeben, dass ab dem 7. Mai zunächst die Viertklässler wieder in ihre Schulen zurückkehren sollen. Schon vor zwei Wochen war Gebauer dafür kritisiert worden, dass sie einen Tag vor der angeblich entscheidenden Bund-Länder-Telefonkonferenz ihren Plan für die Öffnung der Schulen für Abschlussklassen und Abiturienten präsentierte. Diese erfolgte denn auch, wie von Gebauer angekündigt, bereits am 23. April – obwohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten vereinbarten, schrittweise Schulöffnungen erst ab dem 4. Mai vorzunehmen.

Laschet verteidigte den Schritt. Heute ist ihm aber offenbar der Kragen geplatzt. News4teachers / mit Material der dpa

NRW will alle Grundschüler ab 11. Mai in die Schule bringen – aber bis zu den Sommerferien nur für jeweils einen Tag in der Woche

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21 KOMMENTARE

  1. Ganz ehrlich, wenn Lehrer derart chaotisch arbeiten würden……
    Hoffentlich wird der Gesellschaft (und so manchem Meckerer hier) jetzt mal deutlich, dass nicht die Lehrer schuld an so manchem sind, sondern ihre chaotischen Arbeitgeber, sprich die Politik!!!

  2. Dieses ganze Vorpreschen bringt doch nichts. Man sollte mit kühlem Kopf ohne von etwas getrieben sein überlegen. Gerade bei Grundschulen muss man in Ruhe überlegen, wie man das organisiert, da im schulischen Bereich in Grundschulen die ganzen Abstandsregeln am schwersten durchzusetzen und zu verwirklichen sind. Vor allem sollte man sich mit betroffenen Lehrern bzw. Schulleitern beraten.
    Leichte Schnellschüsse hatten wir auch in Bayern, was den Übertritt betrifft, die dann aufgrund der aktuellen Lage wieder zurückgenommen werden mussten. Hier hatte man die Lage falsch eingeschätzt und ein Szenario entworfen, das man gar nicht so durchhalten konnte. (Zu dem gehört auch die Herausgabe der Notenschnitte. Man wäre da besser beraten gewesen, wenn man einmal mit Grundschullehrern, die mit Übertrittsklassen befasst sind, gesprochen hätte. Diese Aktion hatte hinterher seinen Sinn verloren und nahm uns pädagogischen Handlungsspielraum.)
    Solche Sachen verunsichern eher. Aber insgesamt ist es bei uns jetzt ruhig geworden. Das finde ich auch richtig so. In Ruhe überlegen und wenn man sicher ist, dass man es so ausprobieren kann, dann erst damit an die Öffentlichkeit.

  3. Lindner und Gebauer konnten mit ihrem ersten Vorpreschen noch so viel Aufmerksamkeit generieren, dass für Laschet scheinbar auch noch genug davon abfiel, um die teilweise massive Kritik hinnehmen zu können. Das politische Kalkül auf dem Rücken der Schüler, Eltern und Lehrer auszutragen wollte Laschet diesmal nicht mehr mitmachen. Lindner, Gebauer und Laschet bekommen hoffentlich bei den nächsten Wahlen die angemessene Quittung für ihren schändlichen Versuch aus eigennützigen Motiven um jeden Preis politisches Kapital aus der Krise zu ziehen. Verantwortungsvolle Politik sieht meiner Meinung nach ganz anders aus.

    • Der Vize-MinPrä und Kindergartenminister heißt aber Stamp. Lindner ist übergaupt nicht mehr in die NRW-Landespolitik involviert. Und Pinkwart kämpft als Digitalisierungsminister mit seinem datentechnischen Supergau bei der NRW-Soforthilfe für Unternehmen und Selbständige.

      • Es sollte doch klar sein wer bei der FDP das Sagen hat und wer nach der Pleite in Thüringen bundespolitische Aufmerksamkeit generieren muss. Gebauer ist nur eine Marionette Lindners.

  4. Was für ein Chaos … Alles völlig unüberlegt und nur vom Wunsch motiviert , bei der Schulöffnung am schnellsten zu sein .

  5. Oh, versucht sich Laschet, der Ahnungslose, jetzt über Gebauer politisch zu reparieren. Interessant.

    Naja, ich kann mir nicht vorstellen, dass die FDP in NRW gestärkt aus dieser Krise geht.

    Im Grunde wird da gerade knallhart einfach ein politischer Kampf auf dem Rücken der Schüler, Lehrer und Eltern ausgetragen. Schönen sollten sich die Protagonisten.

  6. Rechtsanwalts- und Notargehilfin – eben keine Meisterin!

    „Johann Wolfgang von Goethe
    Der Zauberlehrling

    Hat der alte Hexenmeister
    Sich doch einmal wegbegeben!
    Und nun sollen seine Geister
    Auch nach meinem Willen leben.
    Seine Wort‘ und Werke
    Merkt ich und den Brauch,
    Und mit Geistesstärke
    Tu ich Wunder auch.

    Walle! walle
    Manche Strecke,
    Daß, zum Zwecke,
    Wasser fließe
    Und mit reichem, vollem Schwalle
    Zu dem Bade sich ergieße.

    Und nun komm, du alter Besen!
    Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
    Bist schon lange Knecht gewesen:
    Nun erfülle meinen Willen!
    Auf zwei Beinen stehe,
    Oben sei ein Kopf,
    Eile nun und gehe
    Mit dem Wassertopf!

    Walle! walle
    Manche Strecke,
    Daß, zum Zwecke,
    Wasser fließe
    Und mit reichem, vollem Schwalle
    Zu dem Bade sich ergieße.

    Seht, er läuft zum Ufer nieder,
    Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
    Und mit Blitzesschnelle wieder
    Ist er hier mit raschem Gusse.
    Schon zum zweiten Male!
    Wie das Becken schwillt!
    Wie sich jede Schale
    Voll mit Wasser füllt!

    Stehe! stehe!
    Denn wir haben
    Deiner Gaben
    Vollgemessen! –
    Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
    Hab ich doch das Wort vergessen!

    Ach, das Wort, worauf am Ende
    Er das wird, was er gewesen.
    Ach, er läuft und bringt behende!
    Wärst du doch der alte Besen!
    Immer neue Güsse
    Bringt er schnell herein,
    Ach! und hundert Flüsse
    Stürzen auf mich ein.

    Nein, nicht länger
    Kann ichs lassen;
    Will ihn fassen.
    Das ist Tücke!
    Ach! nun wird mir immer bänger!
    Welche Miene! welche Blicke!

    O, du Ausgeburt der Hölle!
    Soll das ganze Haus ersaufen?
    Seh ich über jede Schwelle
    Doch schon Wasserströme laufen.
    Ein verruchter Besen,
    Der nicht hören will!
    Stock, der du gewesen,
    Steh doch wieder still!

    Willsts am Ende
    Gar nicht lassen?
    Will dich fassen,
    Will dich halten
    Und das alte Holz behende
    Mit dem scharfen Beile spalten.

    Seht, da kommt er schleppend wieder!
    Wie ich mich nur auf dich werfe,
    Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
    Krachend trifft die glatte Schärfe.
    Wahrlich! brav getroffen!
    Seht, er ist entzwei!
    Und nun kann ich hoffen,
    Und ich atme frei!

    Wehe! wehe!
    Beide Teile
    Stehn in Eile
    Schon als Knechte
    Völlig fertig in die Höhe!
    Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

    Und sie laufen! Naß und nässer.
    Wirds im Saal und auf den Stufen.
    Welch entsetzliches Gewässer!
    Herr und Meister! hör mich rufen! –
    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister
    Werd ich nun nicht los.

    »In die Ecke,
    Besen! Besen!
    Seids gewesen.
    Denn als Geister
    Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
    Erst hervor der alte Meister.«

    (1827)“

    • Wobei die letzte Meisterin Sylvia Löhrmann (angeblich Lehrerin) ja wohl eine totale Katastrophe war. Dann noch lieber eine wie Yvonne Gebauer.

      • Wieso, sie hat sich doch nur an die Absprachen mit der CDU bezüglich des von Frau Sommer (Vorvorgängerin von Frau Gebauer) eingeführten G8 gehalten, um den Schulfrieden zu wahren.
        Die Fortführung von G8 an den GY sowie des Schulversuches „Gemeinschaftsschule“ (schwarz-gelbe Projekte) waren doch das Kompensationsangebot für die Gründung der Gesamtschulen light – aka Sekundarschulen.
        Löhrmanns und damit Krafts Problem ist doch, dass sich die CDU unter Laschet in Kooperation mit Lindner von den Beschlüssen der vormaligen Koalitionspartner Rüttgers/Wolf weitestgehend abgewendet hatten.
        Die CDU und eingeschränkt die FDP haben doch bezüglich der Schulzeit an GY eine 180°-Wende hingelegt und sich bei der Landeselternschaft der GY angebiedert. Das neunjährige Abi hat es all-time-long unabhängig von der regierung und der amtierenden Spitze des MSB sowohl an BK als auch an GE gegeben. Nur aus ideologischer Sicht wird die eine Schulform als Einheitsschule mit geschenktem Abi für den Plebs und die andere als Feigenblatt für den beruflichen und sozialen Aufstieg instrumentalisiert. Aber ein Abi am GY ohne Lateinisch-Kenntnisse und einem Minimum an naturwissenschaftlichen Grundlagen wird gehypt, wobei der Kenntnisse in der fortgestzten zweiten Fremdsprache im Regelfall auch eher dürftig sind.

  7. Ich bin Gymnasiallehrerin, gehöre zur „Risokogruppe“ und werde im Nebensatz darauf hingewiesen, dass ich wohl arbeiten „darf“, wenn ich schriftlich erkläre, dass ich das Risiko in Kauf nehme. Ich bin mir sicher, dass dies auch von Grundschullehrer/Innen erwartet wird. Wie zynisch ist das? Im Übrigen, Masken in der Schule? Fehlanzeige.

  8. Ich bin Gymnasiallehrerin, gehöre zur „Risikogruppe“ und werde im Nebensatz darauf hingewiesen, dass ich wohl arbeiten „darf“, wenn ich schriftlich erkläre, dass ich das Risiko in Kauf nehme. Ich bin mir sicher, dass dies auch von Grundschullehrern/Innen erwartet wird. Wie zynisch ist das? Im Übrigen, Masken in der Schule? Fehlanzeige.

    • Unterschreiben Sie das nicht! Sie entbinden mit Ihrer Unterschrift den Arbeitgeber jeglicher Verantwortung. Sollten Sie erkranken und es ergeben sich Langzeitfolgen, können Sie dann keine Ansprüche geltend machen.

      • Richtig! Keiner von uns sollte unterschreiben. Man muss bedenken, dass ggf. auch die Krankenkassen dann sagen, man habe sich wissentlich in Gefahr begeben, also zahlen wir nicht.

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