Lehrer-Umfrage: Zusammenarbeit mit den Eltern wird immer schwieriger

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MÜNCHEN. Es sind die Schüler, die profitieren, wenn Eltern und Lehrer zusammenarbeiten. Darüber besteht weitgehend Einigkeit. Doch eine aktuelle Umfrage des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband zeigt: Das klappt nicht immer. Drei von vier Lehrkräften sagen, dass es mehr Konflikte mit den Vätern und Müttern gibt – allermeistens aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder.

Das Aggressionspotenzial auf Seiten der Eltern wächst – so empfinden es Lehrer. Foto: Shutterstock

Die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern ist ein heißes Eisen. Immer wieder entstehen Konflikte. Das schade dem Lernerfolg und der Entwicklung der Kinder, kritisiert die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann – und fordert eine grundlegende Debatte über die «Erziehungspartnerschaft» an Schulen. «Es ist verdammt schwer, mit einigen Eltern zusammenzuarbeiten», sagt sie im Gespräch.

Lehrer brauchen mehr Zeit für die Elternarbeit

Gerade an den Grund- und Mittelschulen seien die Klassen immer unterschiedlicher zusammengesetzt. Kinder aus allen sozialen Milieus, mit und ohne Migrationshintergrund sowie unterschiedlicher Begabung würden gemeinsam unterrichtet. Viele Lehrer bräuchten deshalb mehr Zeit, um die Eltern einbinden zu können, so Fleischmann. In einer aktuellen Umfrage des BLLV, an der sich rund 700 Lehrer aller Schularten aus ganz Bayern beteiligten, wünschen sich dies 90 Prozent der Befragten. Mehr Zeit hierfür würde aber naürlich mehr Bedarf an Lehrkräften für Unterricht bedeuten und den Lehrermangel verschärfen.

Es handelt sich dabei zwar nicht um eine repräsentative Studie, weshalb die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf alle Lehrer in Bayern übertragbar sind, trotzdem zeichnet sich ein klares Stimmungsbild ab: Mit vielen Eltern sei die Zusammenarbeit kein Problem. Gleichzeitig gab eine Mehrheit der Befragten an, dass die Erwartungen der Eltern gestiegen seien, es heute mehr Konflikte gebe und insbesondere schlechte Noten immer wieder zu Diskussionen führten.

Im Schnitt verwenden die befragten Lehrerinnen und Lehrer 2 Stunden und 21 Minuten pro Woche für Elternarbeit. Der Anteil derjenigen, die drei Stunden oder mehr investiert, liegt bei 35 Prozent. Auf die Frage, welche Veränderungen sich im Vergleich zu früher ergeben haben, antworten die Lehrerinnen und Lehrer:

  • Die Kommunikation durch digitale Medien ist leichter geworden (50%),
  • Die Erwartungen von Seiten der Eltern sind höher (86%),
  • Es gibt mehr Konflikte (75%),
  • Es gibt heute mehr Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten, was mehr Zeit für Elternarbeit notwendig macht (98%),
  • Eltern wehren sich vermehrt gegen schlechte Noten (75%),

Schwierigkeiten und Belastungen ergeben sich laut den befragten Lehrerinnen und Lehrern vor allem durch die fehlende Zeit für Absprachen mit den Eltern (69%) und einer schwierigen Zusammenarbeit mit Eltern leistungsschwächerer Kinder (68%). Auslöser für Konflikte mit den Eltern wird vor allem im Leistungsdruck gesehen (71%) und viele Probleme zwischen Lehrkräften und Eltern sind nach Meinung der Befragten dem System geschuldet (69%). Gleichzeitig bemängeln die Lehrerinnen und Lehrer, dass Eltern bildungsferner Milieus und Migranten zu wenig in Elterngremien vertreten sind (91%), Kontakte mit Eltern oft nur zustande, wenn Probleme vorhanden sind (74%) und 66 Prozent belastet die Erwartung der Eltern nach permanenter Erreichbarkeit.

Lehrer sollen vom Anwalt eingeschüchtert werden

Die Gereizheit von Vätern und Müttern reiche in Extremfällen bis zu Drohungen in Elterngesprächen und Einschüchterung per Anwaltsschreiben, berichtete der Vorsitzende des Landesverbands Bayerischer Schulpsychologen, Hans-Joachim Röthlein. «Da ist das Tischtuch dann zerschnitten.» Ihm zufolge fühlen sich viele Lehrer solchen Situationen nicht gewachsen und gehen in eine Abwehrhaltung. «Das ist Gift in der Beziehung», sagte Röthlein.

Dazu komme, dass die Schule längst nicht mehr nur ein Ort ist, an dem Stoff vermittelt wird. Im Zuge eines gesellschaftlichen Wandels würden immer mehr Erziehungsaufgaben ins Klassenzimmer verlagert, sagte Röthlein. Dabei könnten die Lehrer – gerade bei Kindern aus schwierigen Familienverhältnissen – Versäumnisse der Elternhäuser nur bedingt ausgleichen.

Dafür fehlten schlichtweg Zeit und Personal, kritisierte Fleischmann. Für die Lehrer sei der Spagat zwischen Eltern, die sich komplett abkoppeln und für die Schulen nicht erreichbar sind, und Papas und Mamas, die am liebsten auch im Unterricht neben ihrem Kind sitzen würden, kaum zu bewältigen. Laut Fleischmann bräuchte es dafür «multiprofessionelle Teams» an den Schulen, in denen Lehrer, Schulpsychologen und Sozialarbeiter Hand in Hand arbeiten.

Über ihre Rollen sprechen Eltern und Lehrer zu selten

Auch der Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands, Martin Löwe, sieht das hohe Konfliktpotenzial. «In der Schule arbeiten pädagogische Vollprofis, bei den Eltern ist Erziehung häufig Bauchsache», erklärte er. Doch über diese unterschiedlichen Rollen werde zu wenig gesprochen – auch weil viele Elternbeiräte daran gar kein Interesse hätten. «Da ist die Organisation des Schulfest dann teilweise wichtiger», so Löwe.

Die Idee der Erziehungspartnerschaft entstand ursprünglich Anfang der 2000er-Jahre mit ersten Schulversuchen. 2013 schaffte es der Begriff schließlich ins Erziehungs- und Unterrichtsgesetz, woraufhin die einzelnen Schulen eigene Konzepte entwickeln sollten. Das sei allerdings zäh verlaufen, berichtete Löwe. Es bräuchte deshalb einen neuen Anlauf, um die Eltern-Lehrer-Konflikte zu überwinden – und zwar nicht nur an einigen Leuchtturmschulen sondern flächendeckend.

Hier sieht er vor allem die Schulleiter in der Verantwortung. «Ich denke, mit Druck des Ministeriums kommt man nicht weiter», sagte Löwe. «Wir brauchen keine Konzepte, die dann wieder in der Schublade verschwinden», betonte auch Fleischmann. Von Moritz Baumann, dpa

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7 KOMMENTARE

  1. Die Kommunikationswege und Strukturen sind falsch angelegt. Eltern haben einen Anspruch auf Information, wobei zu trennen ist zwschen organisatorischen Dingen und Rechtsfragen im Zusammenhang mit Schule im Allgemeinen sowie dem Leistungsstand des eigenen Kindes und seinem verhalten im Unterricht und in sonstigem Schulleben. Auch wenn die eltern das Recht haben, solche Anfragen während der üblichen Geschäftszeiten zu stellen, so haben sie keinen Anspruch darauf „auf die Schnelle“ und „aus dem Stand heraus“ verbindliche Auskünfte zu bekommen. Des Weiteren muss klar geregelt sein, über welche Kommunikationswege die Erreichbarkeit von Lehrkräften zu erfolgen hat.

    Das jeweilige Rollenverständnis und geklärte Zuständigkeiten setze ich erst einmal voraus.

  2. Warum bilden sich kritische Elterngremien? Warum wird mit Anwälten gedroht? Warum steigt der Wunsch nach Kontrolle des Schulbetriebs und sinkt das Vertrauen seitens der Eltern? Warum ist das wichtiger geworden als früher?

    Ich weiß, dass wird vielen nicht gefallen, aber neben Bildung, Erziehung und Sozialisation, hat die Schule ganz klar eine Selektionsfunktion. Das schmeckt vielen Eltern nicht. Die Reaktion ist dann oft, „mein Kind kann aber mehr!“ Jeder Mensch kann mehr wenn er will oder gefördert wird. Der Anspruch auf letzteres ist Kern der Diskussion.

    Ein anderer Aspekt ist, dass es früher einen besseren inneren Deal mit dem Schul- und Arbeitssystem gab. Absolviere ich die Schule halbwegs ok, dann habe ich eine normale Zukunft. Das zählt nicht mehr ganz so. Es entwickelt sich mehr zu einer Hochleistungsgesellschaft mit zwei Gruppen. Auf welcher Seite landet mein Kind? Qualifiziert und chancenreich oder risikobehaftet?

    • Und wann begreifen Eltern endlich, nicht auf den Lehrer einzuschlagen, sondern ihre Energie endlich in oder gegen die Schulpolitik zu richten?

  3. Ich bin bisher mit den meisten Eltern gut bis sehr gut klargekommen. Es gibt immer einige, wenige, mit denen man Schwierigkeiten hat. Meist geht es da um Noten.

  4. So viel Ich weiß und auch basierend auf meine eigene Erfahrungen, die Lehrers machen viele wenige Arbeite in Deutschland als in Asiatische Lände und Die Lehrer machen auch viele wenige Verantwortungen als die in Asiatische Lände. Ich weiß nicht das ist wegen des Kultur-Unterschieds oder nicht. Während meiner Schulung in meinem Land, mein Lehrer hat fast nie mit unseren Eltern gesprochen oder kontaktiert außerdem wenn etwas wirklich schlimmes passiert. Über die schlechte Noten der Kindern, fast nie Eltern werden darüber beschweren weil die gute oder schlechte Noten nur von den Kindern selbst abhängen und die hat fast nicht zu tun mit den Lehrern weil in derselbe Klasse mit demselben Lehrern gibt immer die, die gute Noten bekommen haben.

  5. Ich musste auch einen Anwalt beautragen, weil die Schule bei einem Gehbehinderten Schüler keinen Grund für Aussetzung der Sportnote gesehen hat.
    Und nochmal, weil er vom Unterricht nicht befreit wurde um medizinisch notwendige Therapie zu absolvieren.

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