Nach Mordverdacht gegen Erzieherin: Debatte um Personalmangel in Kitas

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VIERSEN. Nach den Ermittlungen gegen eine Erzieherin wegen Mordverdachts und weiteren Vorfällen fragt der Kinderschutzbund, warum die 25-Jährige trotz mangelnder Eignung in ihrem Beruf arbeiten konnte. Die Frau sei nach ihrem Anerkennungsjahr als wenig geeignet eingestuft worden. «Es stellt sich die Frage, ob angesichts des andauernden Fachkräftemangels einige Kitas zögern, bei einer Nichteignung zu kündigen und Verdachtsfälle nicht melden», stellte NRW-Landesgeschäftsführerin Krista Körbes fest. Der Präsident des Kinderschutzbunds, Heinz Hilgers, forderte eine Aufwertung des Erzieherberufs.

Die Jugendhelfer bemühen sich zunächst vorrangig um eine ambulante Unterstützung der Familien, bevor ein Kind herausgenommen wird. Foto: Lauri Heikkinen / flickr (CC BY 2.0)
Die Bestürzung über den Tod des kleinen Mädchens ist groß (Symbolfoto). Foto: Lauri Heikkinen / flickr (CC BY 2.0)

Die Erzieherin steht im Verdacht, in Viersen eine Dreijährige umgebracht zu haben. Das kleine Mädchen war am 21. April von einem Notarzt wegen Atemstillstands aus dem Kindergarten ins Krankenhaus gebracht worden. Am 4. Mai starb das Kind dort.

Wie die „Rheinische Post“ berichtet, seien der 25-Jährigen in mehreren Kitas schlechte Zeugnisse ausgestellt worden. Ihr habe der Zugang zu Kindern gefehlt, sie habe keine Empathie gezeigt und bei Konflikten zwischen Kindern tatenlos zugesehen. In jedem der Kindergärten in Kempen, Tönisvorst und Krefeld, in denen sie beschäftigt war, soll es zu Vorfällen gekommen sein. Warum die Frau danach auch noch in der Viersener Kita eingestellt wurde, ist derzeit unklar. Die Stadt Viersen sucht neue Erzieher wegen des Fachkräftemangels per Dauerausschreibung, so berichtet die Zeitung.

Im falschen Beruf: keine Empathie, kein Zugang zu Kindern

Die Stadt Kempen hat nach einem früheren Dementi eingeräumt, dass es vier Vorfälle in der Kita gab, in der die Erzieherin gearbeitet hat. Vier Mal sei der Notarzt gerufen worden, weil ein Kind über Atemnot geklagt habe, berichtete ein Stadtsprecher. Es seien wie vorgeschrieben Unfallanzeigen über das Jugendamt an die Unfallkasse geleitet worden. Diese seien auch nicht zu beanstanden. «Es lagen keine Anzeichen vor, in eine andere Richtung zu denken», hieß es. Die Ermittler schließen inzwischen nicht aus, dass die Erzieherin auch in Kempen versucht haben könnte, ein Kind zu töten.

Die Stadt Krefeld teilte mit, bei ihr habe die Beschuldigte ein Berufspraktikum absolviert. Bei ihrem Anerkennungsjahr ab August 2017 in einer Krefelder Einrichtung merkte man den Angaben der Polizei nach schon in den ersten Tagen, dass das der falsche Job für die Frau war: Keine Empathie, kein Zugang zu Kindern, keine Fähigkeit, Grenzen aufzuzeigen. Am Ende bekam sie es dann schriftlich: „wenig geeignet“ stand in der Bewertung. Trotzdem machte sie am Ende ihre Prüfung zur staatlich geprüften Erzieherin.

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„Mehr Wertschätzung für Erzieherinnen ist längst überfällig“

Angesichts der Mordermittlungen hat der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, eine Gesetzesänderung angeregt. «Man sollte eine Weitergabe der Personalakte ermöglichen, wenn eine Erzieherin die Kita wechselt – wie bei den Beamten», sagte er mit Blick auf den geltenden Datenschutz. Die Arbeitszeugnisse seien ungeeignet für Hinweise, auf die ein künftiger Arbeitgeber achten sollte.

Außerdem müsse der Erzieherberuf dringend attraktiver werden, was auch heiße: besser bezahlt. «Die Erzieherinnen arbeiteten über Gebühr hart und sind in Städten wie Düsseldorf und Köln dennoch Hartz-IV-Aufstocker. Mehr Wertschätzung ist längst überfällig», sagte Hilgers. «In jedem freien Arbeitsmarkt hätte ein derartiger Mangel an Arbeitskräften längst zu höheren Löhnen geführt.» Es sei kein Wunder, dass auch schlechte Bewerberinnen eingestellt würden, wenn sich auf viele Stellenausschreibungen überhaupt niemand bewerbe.

SPD hat Sondersitzung im Landtag zu dem Fall beantragt

Ein kritischer Punkt sei auch, dass die verdächtigte Erzieherin in der Vergangenheit trotz eines schlechten Zeugnisses für ihr Berufspraktikum staatlich anerkannte Erzieherin werden konnte. «Die Praxis sollte eine größere Rolle spielen als die Theorie», sagte Hilgers. Es handele sich bei dem Fall in Viersen allerdings um einen außergewöhnlichen Vorgang. Er könne sich in 40 Jahren Arbeit in diesem Bereich an keinen Fall erinnern, bei dem eine Erzieherin unter Verdacht stand, ein ihr anvertrautes Kind ermordet zu haben.

Die SPD-Fraktion hat eine Sondersitzung des Familienausschusses im nordrhein-westfälischen Landtag beantragt. Er soll demnach am kommenden Donnerstag (4. Juni) tagen. «Wenn sich herausstellt, dass unsere Gesetze den Tod Gretas begünstigt haben, dann müssen wir auch hier zu Veränderungen kommen», sagte der SPD-Abgeordnete Dennis Maelzer am Freitag. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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1 KOMMENTAR

  1. Der Beruf „ErzieherIn“ muss aufgewertet werden. Und das nicht nur durch warme Worte, sondern auch durch ein höheres Gehalt. Der Bedarf an ErzieherInnen wird in den nächsten Jahren noch steigen. Wo sollen die den alle herkommen, wenn hier nichts unternommen wird, um die Attraktivität des Berufs zu steigern?

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