Von Schülern zu „Lernenden“: Wie viel geschlechtergerechte Sprache braucht die Schule?

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STUTTGART. Soll die geschlechtergerechte Sprache an den Schulen eine größere Rolle spielen? Ja, denn Sprache schafft Realitäten, sagen die einen. Nein, denn das bringt die Gleichstellung nicht voran, sagen die anderen. Manche führen sogar einen Kulturkampf darum. Die Debatte, die aktuell in Baden-Württemberg hochkocht, zeigt: Ein Aufreger ist das Thema in jedem Fall.

Sprache ist nicht so leicht, wenn sie allen Menschen gerecht werden soll. Foto: Shutterstock

«Schülerinnen und Schüler», «Schüler*innen», «Schüler_innen» oder einfach nur «Lernende»? Geschlechtergerechte Sprache kann kompliziert sein und erregt die Gemüter. Soll das «Gendern» stärker im Unterricht thematisiert werden? Darüber gehen die Ansichten auseinander.

«Die gendergerechte Sprache allein ist ein Placebo», findet Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). «Die Frage, ob ein Wort jetzt mit einem Sternchen oder einem Unterstrich geschrieben wird, bringt uns beim Thema Gleichstellung nicht weiter.» Viel wichtiger sei ihr, dass die Menschen danach leben, als nur formal richtig zu schreiben. Diversität spiele in vielen Bereichen eine entscheidende Rolle, betont die Ministerin. Gerade bei Unternehmen seien unterschiedlich zusammengesetzte Gruppen immer wichtiger, «weil es eine Bereicherung ist».

Nicht nur Lernende (= Schüler) sollen sensibilisiert werden

Christoph Alms vom Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg sieht dagegen Handlungsbedarf in Schule und Unterricht: Nicht nur Lernende, sondern auch Lehrkräfte und Schulleitungen sollten für vielfältige Lebensweisen und diskriminierungsarme Sprache sensibilisiert werden. «Sprache bildet nicht nur die gelebte Realität ab, sie schafft auch Realitäten.»

LSBTTIQ steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen. Das Netzwerk ist ein Dachverband von mehr als 110 queeren Gruppen im Südwesten. «Queer» ist ein Überbegriff für Menschen, die in der Geschlechtsidentität von einer gesellschaftlich verbreiteten heterosexuellen Norm abweichen. Alms hält konkrete Regelungen für sinnvoll. Geschlechtergerechte Sprache berge durchaus Stolperfallen – wie Sprache allgemein mit ihren zahlreichen Regeln zu Rechtschreibung und Grammatik.

An den Schulen in Baden-Württemberg gibt es keine Vorgaben an die Lehrkräfte, wie mit Schreibweisen wie Genderstern oder –gap umzugehen ist. Laut Eisenmann braucht es die auch nicht: «Ich habe nie Problemanzeigen oder Rückmeldungen bekommen, wonach es da Handlungsbedarf gibt.»

Philologen: Vorbehalte gegen „sprachentstellendes“ Gendern

Der Philologenverband Baden-Württemberg hält tendenziell wenig vom «Gendern». Es gebe zwar bisher keine einheitliche Position des Verbandes dazu, sagt der Vorsitzende Ralf Scholl. Aber: «Es gibt bei vielen (insbesondere älteren) Mitgliedern ganz erhebliche Vorbehalte gegen ein „sprachentstellendes“ Gendern, sei es mit Gender-Stern, oder –gap oder Binnen-I.» Wichtiger als ein «rein formal-sprachliches Gendern» sei es, gegen Geschlechterstereotype und Rollenzuschreibungen anzugehen.

Der Landesschülerbeirat wäre hingegen offen für Neuerungen. «Beim Thema gendergerechte Sprache im Unterricht ist uns extrem wichtig, dass das Behandeln von Sprache einen größeren Raum bekommt. Dabei geht es grundsätzlich darum, aufzuklären, was Sprache anrichten kann und wie Sprache verwendet werden kann», sagt Pressesprecher Roman Jauch. Auch er hält Stereotype hinter nicht gendergerechten Ausdrücken für das Hauptproblem – etwa welche Vorurteile Ausdrücke wie «Krankenschwester» oder «Putzfrau» oder Sätze wie «fünf starke Jungs zum Tische tragen» beinhalten.

Wie tückisch das Thema in der Praxis ist, zeigt allerdings die Tatsache, dass der «Landesschülerbeirat» selbst nicht zum Beispiel «Landesschülerinnen- und schülerbeirat» oder gar «Landesschüler*innenbeirat» heißt. Das Sternchen gibt es nur im Untertitel: «Die Vertretung aller Schüler*innen in Baden-Württemberg».

«Wer immer nur von Ärzten, Politikern und Ingenieuren redet, erzeugt Bilder von Männern», findet trotzdem Grünen-Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch. Frauen und alle anderen Geschlechter blieben so ausgeschlossen. «Sprache zementiert dadurch auch einen längst überholten gesellschaftlichen Status.» Schule sei kein geschlechtsneutraler Raum. «Ob gewollt oder ungewollt, werden auch hier Geschlechterstereotype vermittelt und gelebt», sagt Lösch. Es sei Genderkompetenz angesagt, etwa bei der Lehrerausbildung, aber auch in Unterrichtseinheiten zu dem Thema.

Berechtigter Wunsch nach Sichtbarkeit aller anderen Geschlechter

Der SPD-Landtagsabgeordnete Daniel Born sagte, die Formen des Genderns mögen beim Schreiben nervig sein, Zeit kosten, Texte verlängern und für manche sogar hässlicher machen. «Aber sie spiegeln auch immer den Stand der Diskussion wider. Wer „“Schüler“, „Schülerinnen und Schüler“ oder „Schüler*innen“ schreibt, zeigt auch, wie sehr er oder sie oder divers sich mit der Welt auseinandersetzt.» Ausschließlich männliche Schreibweisen würden den berechtigten Wunsch nach Sichtbarkeit aller anderen Geschlechter ignorieren. Gendern sei eine Kompetenz, die in der Schule gut aufgehoben sei. Sprache habe sehr wohl eine Wirkung, sogar eine ganz gewaltige. «Diese zu ignorieren, steht einer Kultusministerin gar nicht gut zu Gesicht», sagte Born.

Die FDP-Fraktion unterstützt dagegen Eisenmann. «Es gibt keine schlimmere Sprachverhunzung als diese unsäglichen Gender-Sternchen», sagte der Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke. Diversität sei ein inhaltliches Thema, kein sprachformales. «Als solches sollte es auch behandelt werden.» dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Wie sehr der wachsende Druck zur gendergerechten Sprache in der Schule nervt – ein Lehrer berichtet. Brauchen wir sie trotzdem?

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21 KOMMENTARE

  1. Wenn das die wirklich wichtigen Fragen sind, dann haben wir derzeit keine anderen Probleme. Corona, Integration, Inklusion usw. sind nichts dagegen – zumindest aus Sicht des Netzwerks LSBTTIQ, den Grünen usw.

    • Eine Welt, die 50 Jahre lang keine nennenswerten Probleme, Kriege, Krankheiten, Versorgungsnöte usw. kennt, kann solche Blüten hervorbringen …

      • In der Historie waren dies oft erste Anzeichen des Untergangs von Hochkulturen……Bevor das Abendland zu Grunde geht, ist das geistliche Erbe untergegangen. So wie dem wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung das geistliche Erwachen vorausging, also folgt dem geistliche Tod der wirtschaftliche, soziale, kulturelle und moralische Abstieg ………… Eine Zeitenwende, deren Zeugen wir täglich sein dürfen. In den nächsten Jahren stehen wir vor epochalen Veränderungen in fast allen Bereichen, wir erleben allmähliche Veränderungen aller gesellschaftlichen relevanten Parameter…Für mich sind die Zeichen eindeutig, weshalb mich mein historisches Bewusstsein zur Wachsamkeit auffordert.

        • Moralischer Abstieg? Äh – wo kommt die Bundesrepublik nochmal her? Aus den Ruinen der Nazi-Diktatur, wenn ich mich recht entsinnne…

          Propheten, die das Ende das Abendlands herbeischwadroniert haben, gab’s auch schon immer.

          • Geistiger Abstieg im Sinne von weniger Pluralismus, weniger Meinungsfreiheit. Im Übrigen erwuchs die Nazi-Diktatur bzw. das Aufkeimen solcher politischer Strömungen auch aus einem misslungenen Versuch, den Kommunismus bzw. Sozialismus einzuführen.

          • Ach ja, Stefan und ich bezogen uns beide auf die vergangenen 50-60 Jahre, die zumindest in Westdeutschland weitestgehend frei von Krieg und Krankheit und voll von Wohlstand und Aufschwung waren. Soweit ich mich erinnere, war die Nazi-Diktatur zeitlich davor angesiedelt.

          • Genau vor diesen unsäglichen 12 Jahren deutscher Geschichte gab es warnende „Propheten“, die die Zeichen der Zeit erkannt hatten, aber ihre Mahnung wurden ähnlich dümmlich kommentiert. Leider hatten sie kein Gehör gefunden und Deutschland versank in einer nie gekannten moralischen Tiefe eines staatlich organisierten Massenmords an Juden.

          • Weniger Meinungsfreiheit, hä? Das Netz, das es früher bekanntlich nicht gab, transportiert täglich millionenfach Meinungen von Leuten, die den ganzen Tag lang „meinen“ (leider nicht immer wissen) – wie hier im Forum.

            Und die geschlechtergerechte Sprache ist jetzt auch an den Nazis schuld? Vielleicht auch am Untergang Roms? Am Zusammenbruch von Atlantis?

          • Wenn Sie das meinen, ist die gendergerechte Sprache schuld an den Nazis und dem Untergang Roms. Ich würde eher sagen, dass Ideologien wie die, die die gendergerechte Sprache fordern, Schuld für eine Abkehr der Bevölkerung von der aktuellen Politik sind und dann ab 1933 leider in das Gegenteil umschwenkten.

            Warum freuen Sie sich eigentlich nicht mit mir, dass in allen aktuellen Meinungsumfragen die Parteien an beiden Rändern massiv (1/3 der Anteile von vor Corona) an Zuspruch eingebüßt haben?

  2. Bernd…..

    Genau vor diesen unsäglichen 12 Jahren deutscher Geschichte gab es warnende „Propheten“, die die Zeichen der Zeit erkannt hatten, aber ihre Mahnung wurden ähnlich dümmlich kommentiert. Leider hatten sie kein Gehör gefunden und Deutschland versank in einer nie gekannten moralischen Tiefe eines staatlich organisierten Massenmords an Juden.

  3. Wegen ein paar Menschen, deren (!!) Problem es ist, nicht zu wissen, ob sie m oder w sind, können eigentlich nur geistesgestörte auf eine solche Idee kommen.

    • So sehe ich das auch. Leider gibt es viele Menschen, die sich ein solches Problem einbilden, einreden, denen so etwas so lange eingeredet wurde, bis sie selbst dran glauben oder deren Lebensunterhalt von solchen Problemen und ggf. ihrer Einbildung abhängt. Wie ich oben bereits schrieb, muss es einer Zivilisation lange Zeit sehr gut gehen, bis sie sich solche „Probleme“ finanziell, wirtschaftlich und kulturell leisten kann.

  4. Ihr Lieben, das ist voraussichtlich eine vorübergehende Mode.
    In 25 Jahren sprechen wir uns zu dem Thema nochmal?
    Die Demographie wird das „Problem“ bis dahin lösen.

  5. Einmal im Ernst! Seit Corona begonnen hat wird immer deutlicher das Familien und Kinder keine Lobby besitzen. Sie sind die Verlierer dieser Krise. Die Schulen sind die Verlierer!
    Wer jetzt ernsthaft eine Solche Diskussion beginnt zeigt, das er/sie/divers/was auch immer, so weit von jeglicher Realität entfernt, dass sich eine weitere Diskussionen eigentlich erübrigt.

    • … besonders wenn nur die N…keule geachwungen werden kann, um Argumente für die Relevanz gendergerechter Sprache zu finden.

  6. Also ich sehe die Geschlechtergerechtigkeit gerade momentan. Frau verdienen weniger und bleiben deshalb eher daheim. Die armen Kassiererinnen, Pflegerinnen und auch Grundschullehrerinnen. Warum also sowas unwesentliche wie Sprache ändern. Wo soll man Anfangen? Lassen wir es doch einfach wie es ist, wenn es schon bei so kleinen Worten so schwer ist.

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