Wegen Corona sucht Bayern nun auch Lehrkräfte ohne Lehramtsstudium

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MÜNCHEN. Um die Unterrichtsversorgung im in Bayern in der Corona-Pandemie sicherzustellen, sollen zum neuen Schuljahr auch Lehrkräfte ohne Lehramtsstudium eingesetzt werden. Zur Unterstützung jener Stammlehrkräfte, die zu den Corona-Risikogruppen gehörten und deshalb keinen Präsenzunterricht geben könnten, suche das Kultusministerium ab sofort 800 sogenannte Teamlehrkräfte, sagte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) am heutigen Mittwoch in München. Neben ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern könnten sich auch Menschen mit anderen Hochschulabschlüssen für diese Stellen bewerben.

Zur Unterstützung der Stammlehrkräfte, die zu den Corona-Risikogruppen gehören, sucht das bayerische Kultusministerium ab sofort 800 sogenannte Teamlehrkräfte. Foto: shutterstock/Andrey_Popov

„Für das neue Schuljahr stehen wir vor strukturellen Herausforderungen und haben dazu noch eine Sondersituation wegen der Corona-Krise“, sagte der Kultusminister. Um den strukturellen Bedarf für den Regelbetrieb an den Schulen zu decken, werden außerdem 4600 neue Lehrkräfte für das kommende Schuljahr eingestellt. 1000 zusätzlich beschlossene Lehrerstellen sollen darüber hinaus zukünftig für Verbesserungen in bestimmten Fachbereichen und beim Ganztagesangebot sorgen. Im Freistaat unterrichten etwa 150 000 Lehrer an rund 6000 Schulen insgesamt rund 1,7 Millionen Schüler.

Opposition fordert, Problem strukturell anzugehen

Kritik an den dargelegten Maßnahmen zur Bekämpfung des akuten Lehrermangels äußerte etwa die oppositionelle SPD. „Die Schulen zwei Tage vor den Sommerferien mit der Suche nach Teamlehrkräften zu beauftragen, die in gut sechs Wochen eingesetzt werden sollen, ist aberwitzig. Das ist sicherlich keine seriöse Personalplanung“, sagte Simone Strohmayr, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, laut einer Mitteilung. Auf ein Jahr befristete Verträge schafften zudem keinen großen Anreiz für die potenziellen Aushilfslehrkräfte. Die SPD forderte, das Problem des Lehrermangels strukturell anzugehen, bessere Anreize für angehende Lehrer zu schaffen und die Berufsausbildung zu reformieren.

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Thomas Gehring, bildungspolitischer Sprecher der Landtags-Grünen, kritisierte die „Last-Minute-Suche nach“ Teamlehrkräften und bezeichnete Piazolo als „schlechten Krisenmanager“. Um „die eklatante Lehrerlücke“ aufzuheben, brauche es zusätzliche Qualifizierungsangebote für Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger sowie ein Schulbudget zur freien Verfügung, mit dem zusätzliches pädagogisches Personal angestellt werden könne, sagte Gehring. Auch dem Bayerischen Philologenverband (bpv) zufolge seien die 800 Teamlehrkräfte „nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Piazolo: „Wir sind gut vorbereitet“

Piazolo zufolge sei Bayern für das nächste Schuljahr gewappnet, auch wenn die Pandemie hundertprozentige Planungen verhindere. „Wir sind, soweit das in Corona-Zeiten noch möglich ist, gut vorbereitet.“ Durch die Personalplanung und ein Anfang des Jahres angeordnetes Maßnahmenpaket zur Sicherstellung der Unterrichtsversorgung könne laut Piazolo der zum kommenden Schuljahr erwartete Lehrermangel im Umfang von etwa 1400 Vollzeitstellen an Grund-, Mittel- und Förderschulen abgefangen werden. Die Maßnahmen der Staatsregierung, zu denen unter anderem Mehrarbeit für viele Lehrer und spätere Rente zählen, hatten Pädagogen und Verbände als ungerecht und belastend kritisiert. dpa

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5 KOMMENTARE

  1. Die Idee mit den Teamlehrern ist im Gunde nicht schlecht. In den USA gibt es ebenfalls so genannte „substitutes“, die in der Schule einspringen, wenn Lehrer krankheitsbedingt ausfallen und im Tandem mit unterrichten. Sie sind keine ausgebildeten Lehrer, haben aber meist eine pädagogische Ausbildung. Zur Betreuungsabsicherung wäre das auch in Deutschland sinnvoll.

    • „ Die Idee mit den Teamlehrern ist im Gunde nicht schlecht.“
      Ja, hätte man generell eine Zweitbesetzung, die sich in der Klasse auskennt, die Kinder und die Absprachen kennt, weiß, wie die Differenzierung erfolgt etc., hätte ich Verständnis, wenn diese Zweitkraft kurzfristige Vertretungen übernehmen könnte.

      Aber für den Unterricht über ein Jahr kann ich es mir nicht vorstellen, wenn die Zweitkraft den Unterricht erteilt und die Lehrkraft zu Hause vorbereitet und bewertet. Man müsste sich akribisch absprechen, ständig Zwischenergebnisse einsammeln und dennoch würde der Lehrkraft die Beobachtung aus dem Unterricht fehlen.

  2. Ich finde es total schade, dass die Entwicklung dahin geht und man irgendwelche Lösungen suchen muss, die Löcher mit unqualifiziertem Personal zu stopfen.
    Für die Grundschule finde ich es sehr schwer – denn eigentlich braucht man dazu eine solide pädagogische Grundausbildung um eine Klasse richtig in Griff zu haben. Schließlich steht diese Person alleine vor der Klasse und der „richtige“ Lehrer ist coronabedingt zuhause. Ich hoffe, nicht, dass wir in den Grundschule so weit kommen müssen.
    Bei älteren, vernünftigen Schülern der Oberstufe kann ich mir schon eher vorstellen, dass jemand, der das Fach studiert, aber keine Lehrerausbildung hat, als Teamlehrer agieren könnte.

    • Für Vertretungen gibt es das in Niedersachsen schon sehr lange:
      a) Pädagogisch Mitarbeitende springen ein, wenn Lehrkräfte erkranken oder aus anderen Gründen ausfallen (Klassenfahrt, OP, Fortbildung). Hierzu legen die Lehrkräfte selbst oder KollegInnen vorbereiteten Unterricht hin. Offiziell dürfen die Mitarbeitenden jedoch keinen Unterricht halten, sondern nur beaufsichtigen.

      b) Bei längerem Ausfall können Schulen nach 6 Wochen Version a) eine Vertretungskraft anfordern. Das muss dann von mehreren Stellen genehmigt werden.
      Vertretungskräfte können Studierende oder pädagogisch Vorgebildete sein, öfter auch Menschen mit abgeschlossenem Studium, die auf das Referendariat warten, inzwischen seltener pensionierte KollegInnen.
      Man kann sich dafür bewerben und wird auf eine Liste gesetzt, diese Liste erhält die Schulleitung und darf selbst telefonieren, bis jemand gefunden ist.

      Schwierigkeiten:
      1) Die ausfallenden Stunden werden nie vollständig ersetzt, sodass in der Schule andere Stunden ausfallen müssen. Darüber kann man den Stundenrahmen der Verträge kleiner halten, nachteilig für die Bewerbenden bei Versicherung, späterer Arbeitslosigkeit u.a.
      2) Die Schulleitung hat die Qual der Wahl, die Listen sind häufig nicht aktuell, nicht sortiert, sodass die Auswahl zeitintensiv ist.
      3) Findet man selbst jemanden, der zunächst nicht auf der Liste steht, dann aber eingestellt wird, kann diese Vertretungskraft an eine andere Schule mit Bedarf abgeordnet werden.
      4) Die genaue Überprüfung der Bewerbenden erfolgt erst ganz am Ende des Verfahrens vor Fertigstellung des Vertrages, sodass nach dem ganzen Aufwand die Besetzung der Stelle noch platzen kann.
      5) Zu Beginn hatten wir schon pensionierte Lehrkräfte, die dies für ein paar Stunden übernommen haben, aber die Zuverdienstgrenze ist gering, sodass nur wenige Stunden erteilt werden.

      Und immer bleibt es dem Kollegium, die zusätzlichen Leute ins Kollegium zu bringen, zuzuarbeiten, allgemeine Regeln zu erklären und auch, die vielen außerunterrichtlichen Aufgaben (Beauftragungen, Fachkonferenzen, Wettbewerbe, Klassenleitungen) untereinander zu teilen, denn die übernehmen die Vertretungen natürlich nicht.

  3. Ich frage mich, mit welcher Begründung die Kultusminister diese und andere Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel gerechtfertigt hätten, wenn es keine Pandemie gegeben hätte.

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