Tag der Handschrift: So können Lehrkräfte das Handschreiben fördern

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HEROLDSBERG. Am 23. Januar ist der internationale Tag der Handschrift – ein guter Anlass, um auf die Bedeutung des Handschreibens für den Bildungsprozess hinzuweisen. Meint jedenfalls Dr. Marianela Diaz Meyer, Ergonomie-Expertin und Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts. Das hat ein von der EU gefördertes Forschungsprojekt zur Handschreib-Förderung koordiniert, in dessen Rahmen an Grund- und Mittelschulen in Bayern Lehrkräfte spezielle Übungen entwickelten und testeten. Fazit: Im Endeffekt profitiert der gesamte Unterricht.

Bei der Übung „Berglandschaft“ erkennen Schüler, dass sie auch mit wenig Druck etwas zu Papier bringen können. Foto: Schreibmotorik Institut

Wenn Melanie Hiergeist über das Thema Handschreiben spricht, geht es nicht um Schönschrift. Das ist der Rektorin der Grundschule im niederbayerischen Hengersberg wichtig, zu betonen. Ihr geht es um Leichtigkeit und beschwerdefreies Schreiben – was auch deutlich wird, wenn man beobachtet, wie mit den Kindern der Grundschule Hengersberg an ihrer Handschrift gearbeitet wird.

Eine Übung heißt beispielsweise „Stifterennen“. Dabei fahren die Kinder auf einem Blatt Papier so schnell es geht mit einem Stift eine große Buchstabenform nach, die wie kleine Rennstrecken gestaltet sind. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler merken, dass man ganz viel Schwung und Geschwindigkeit in seine Schreibbewegung legen kann und die Buchstaben am Ende immer noch lesbar sind. „So können sie einen eigenen Rhythmus finden und zum flüssigen Schreiben kommen“, erklärt Melanie Hiergeist. Sie selbst setzt in ihrer zweiten Klasse außerdem auf kleine Finger- und Lockerungsübungen zwischendurch, damit niemand auf die Idee kommen kann, sich verkrampft an seinen Stift zu klammern.

Fokus auf Bewegungen

Natürlich ist es für die Schülerinnen und Schüler in Hengersberg – wie an jeder anderen Grundschule auch – obligatorisch, die korrekten Buchstabenformen zu erlernen und zu üben. In Bayern in der ersten Klasse zunächst die Buchstaben der Druckschrift und ab der zweiten Klasse dann die Vereinfachte Ausgangsschrift (Schreibschrift). Darüber hinaus jedoch legt die Grundschule Hengersberg einen besonderen Fokus auf den Aspekt der Bewegungsökonomie – seitdem sie sich 2018 dazu entschieden hat, am Erasmusprojekt „Handschrifterwerb Tutorials“ (HS-Tutorials) teilzunehmen. Ziel dieses europäischen Projekts war es, ein höheres Bewusstsein für die Bedeutung einer effizienten Handschrift zu fördern und gezielte Übungen dafür zu entwickeln.

Schlechte Stifthaltung vs. gute Stifthaltung. Fotos: Schreibmotorik Institut

Im Rahmen des Erasmusplus-Projekts hat Melanie Hiergeist zusammen mit ihrer Kollegin Kerstin Detto angefangen, sich eine Wochenstunde für das Thema Handschrift Zeit zu nehmen. „In meiner ersten und zweiten Klasse muss es natürlich nicht immer eine komplette Stunde sein, aber ich baue regelmäßig Übungen ein, die sich gut mit den normalen Schreibübungen ergänzen lassen“, sagt Melanie Hiergeist. Die Bedenken, dass diese „Stunde für die Schrift“ bei einem eh schon vollen Stundenplan zur Belastung würde, haben sich schnell aufgelöst. „Nach spätestens acht Wochen haben sich erste Erfolge gezeigt und man hat schnell gemerkt, dass der restliche Unterricht dann auch flüssiger läuft, dass die Kinder zum Beispiel Hefteinträge viel schneller abschreiben können. Dadurch spare ich dann schon wieder Zeit ein“, berichtet die Schulleiterin Kerstin Detto der Grundschule Ruhmannsfelden.

Übungen gegen zu viel Druck

Insgesamt geht es um Übungen, die die Aspekte Form, Rhythmus, Tempo und Druck abdecken. Vor allem am letzten Thema, der Druckstärke, müsse man in der Grundschule konsequent arbeiten, erzählt Melanie Hiergeist. Dafür fordert sie die Kinder beispielsweise auf, sich vorzustellen, wie wohl ein Nashorn oder ein Schmetterling schreiben würde und dafür unterschiedlich viel Druck aufzuwenden. Und noch zwei andere Übungen kann Melanie Hiergeist empfehlen:

  • Die Berglandschaft: Dazu zerknüllen die Schülerinnen und Schüler ein Blatt Papier und entfalten es wieder. Mit der Schreibhand spüren sie die „Bergrücken“ nach und schreibt in die „Täler“ Buchstaben – ohne die Berglandschaft platt zu drücken. Dabei erkennen die Schüler, dass sie auch mit wenig Druck etwas zu Papier bringen können.
  • Der lachende Smiley: Um die Schülerinnen und Schüler dafür zu sensibilisieren, nicht zu viel Druck auszuüben, kann man ihnen einen Smiley auf das unterste Fingergelenk malen. Kann man das lachende Gesicht gut erkennen, ist die Stifthaltung richtig; schaut das Gesicht grimmig, dann wird der Finger zu stark durchgedrückt und zu viel Druck ausgeübt.

Eine gute Handschrift zu haben bedeutet für Melanie Hiergeist: „flüssig, schmerzfrei und leserlich schreiben zu können“. Und das ist auch das Ziel all der im Projekt entwickelten und erprobten – mittlerweile frei zugänglichen – Übungen. Es könne nicht sein, so die Schulleiterin, dass Schülerinnen und Schüler häufig nur noch unter Schmerzen lange Texte und Prüfungen schreiben könnten oder ihre Texte am Ende nicht mehr zu entziffern seien – ein Trend, den sie in den vergangenen Jahren beobachten konnte.

Mangelnde Feinmotorik zu Schulbeginn

„Ich habe das Gefühl, früher war ein Großteil der Kinder feinmotorisch noch viel geschickter“, sagt Melanie Hiergeist. „Vielleicht liegt es daran, dass sie noch mehr in der Natur gespielt haben oder die Eltern mehr Zeit hatten, um zum Beispiel mit ihnen zu basteln.“ So verweisen auch Experten darauf, dass Handschreiben schon weit vor der Schule anfängt – in der Kita oder auch zu Hause am Essenstisch. Wenn Eltern beispielsweise darauf achten, wie Kinder das Besteck halten, sei dies der erste Schritt zu einer gesunden Stifthaltung. Die Hoffnung von Melanie Hiergeist und ihrer Kollegin Kerstin Detto ist es deshalb, die Kooperation von Grundschulen und Kindergärten in den kommenden Jahren weiter auszubauen.

Dass es großes Interesse an dem Thema Handschreiben gibt, konnten Melanie Hiergeist und Kerstin Detto bei ihren Besuchen an benachbarten Schulen feststellen, an denen sie bereits erste Übungen aus dem „HS-Tutorials“ Projekt vorgestellt haben.  „In der Lehrerausbildung ist es einfach viel zu wenig verankert“, so die Schulleiterin der Grundschule Hengersberg. „Deshalb brauchen Lehrerinnen und Lehrer solche Übungen, Tipps und Tricks, um Kinder zu einer flüssigen Handschrift verhelfen zu können.“ Für sie ist klar: Auch in Zeiten, in denen viel über Digitalisierung gesprochen wird, ist Handschreiben essenziell. Beim Schreiben mit der Hand würden Gedächtnisspuren gelegt, weshalb man sich notierte Dinge viel besser merken könne, als wenn man sie auf den Computer tippen würde. Deswegen kann die Schulleiterin auch nicht verstehen, warum das Handschreiben in den vergangenen Jahren scheinbar an Wert verloren hat.

Doch eine Sache habe sich zum Glück nicht verändert: Die Motivation der Kinder. Sie lieben das Handschreiben nach wie vor. „Eigentlich bringen alle Erstklässler gerne etwas zu Papier. Sie merken, dass sie sich schriftlich mitteilen können und sind unglaublich stolz darauf“, sagt Melanie Hiergeist. Die Kinder hätten den Wert der Handschrift längst erkannt. Dr. Marianela Diaz Meyer, Ergonomie-Expertin und Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts, sieht sich durch die Ergebnisse des Projekt bestätigt: „Die Erfahrungen im Unterricht bestätigen die Erkenntnisse aus der Forschung. Schon eine Stunde besonderer Handschreib-Förderung in der Woche reicht aus, um die Schreibmotorik der Kinder deutlich zu verbessern“.  Laura Millmann / Agentur für Bildungsjournalismus

Das Projekt

Das von der EU geförderte Forschungsprojekt „Handschrifterwerb-Tutorials – Praktische Module zur Förderung von Schreibfertigkeiten in Schulen und im Übergang Kita-Schule“ war 2018 gestartet und wurde Ende 2020 abgeschlossen. Es hatte sich zum Ziel gesetzt, wissenschaftlich fundierte Handreichungen zu erarbeiten, die in der Unterrichts- und Kitapraxis erprobt und reflektiert werden. Beteiligt an diesem Erasmus+ Projekt waren Partner aus Deutschland, Österreich und Italien; koordiniert wurde es vom gemeinnützigen Schreibmotorik Institut in Heroldsberg.

Hier sind die im Projekt entwickelten Materialien für Kita und Grundschule – einschließlich Videos mit Anleitungen für spielerische Übungen – zu finden und gratis herunterzuladen: www.hs-tutorials.eu/lehr-und-lernmaterialien

Lehrer-Umfrage: Jede 3. Schülerin und jeder 2. Schüler hat Probleme mit dem Handschreiben – Zeit für Förderung fehlt

 

 

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2 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank für diesen äußerst informativen Artikel! Eine Förderung der Handschrift ist gerade in den heutigen Zeiten essentiell, da so viel am Computer getippt wird. Leider sind die Schriftbilder doch qualitativ sehr unterschiedlich gut entwickelt. Ergänzend kann ich „Die Allianz für die Handschrift“ von der Uni Siegen (von Schulze Brüning et al.) empfehlen. Dort wird sehr eindrücklich dargelegt, weshalb die Schulausgangsschrift der VA und GS deutlich überlegen ist.

  2. Noch besser sind übrigens Schiefertafeln, welche ihrerseits nur noch von Granitplatten übertroffen werden. Denn wie wir ja alle wissen, ist das Medium Massage und nicht nicht der Inhalt zählt, sondern die Kunstfertigkeit, ihn zu manifestieren.

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