Start Praxis Besonderer Arbeitsdruck? Extrem viele langzeiterkrankte Lehrkräfte in Berlin (im Vergleich)

Besonderer Arbeitsdruck? Extrem viele langzeiterkrankte Lehrkräfte in Berlin (im Vergleich)

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BERLIN. Fast 400 Lehrerinnen und Lehrer in Berlin sind seit mindestens einem Jahr krankgeschrieben. Gemessen an der Größe der Lehrerschaft ist der Anteil damit mehr als dreimal so hoch wie in Hessen, wo zuletzt 225 Langzeiterkrankte unter rund 67.000 Lehrkräften gemeldet wurden. Auffällig sind auch die sehr langen Ausfälle: In Berlin sind 23 Lehrkräfte seit mindestens zehn Jahren krankgeschrieben. Warum? Das ist unklar. Allerdings gibt es eine Vermutung.  

Burnout? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

225 verbeamtete und 155 angestellte Lehrkräfte in Berlin sind seit mindestens zwölf Monaten krankgeschrieben. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage des BSW-Abgeordneten Alexander King hervor. Bei insgesamt rund 35.000 Lehrerinnen und Lehrern in der Hauptstadt betrifft die Langzeiterkrankung damit knapp 1,1 Prozent des Kollegiums.

Zum Vergleich: In Hessen waren nach Angaben des Kultusministeriums Ende 2025 rund 225 von etwa 67.000 Lehrkräften seit mindestens einem Jahr krankgeschrieben. Das entsprach rund 0,34 Prozent (News4teachers berichtete). Gemessen an der Größe des jeweiligen Kollegiums ist der Anteil der Langzeiterkrankten in Berlin damit mehr als dreimal so hoch wie in Hessen.

Die Berliner Daten zeigen zudem, dass sich hinter der Kategorie „mindestens ein Jahr krank“ sehr unterschiedliche Fälle verbergen. Von den 225 langzeiterkrankten verbeamteten Lehrkräften sind nach Angaben der Bildungsverwaltung 143 seit mindestens einem Jahr und weitere 50 seit mindestens zwei Jahren krankgeschrieben. 18 Lehrkräfte fallen demnach sogar seit mindestens zehn Jahren aus. Bei den angestellten Lehrkräften sind 16 seit mindestens fünf Jahren krankgeschrieben, fünf davon seit mindestens zehn Jahren.

Damit sind in Berlin insgesamt mindestens 23 Lehrkräfte seit zehn Jahren oder länger krankgeschrieben. Solche extrem langen Krankheitszeiten sind nach den Vergleichszahlen aus Hessen außergewöhnlich. Dort waren Ende 2025 nach Angaben des Kultusministeriums lediglich 16 Lehrkräfte seit fünf Jahren oder länger krankgeschrieben.

Wie stark Langzeiterkrankungen einzelne Schularten treffen, lässt sich aus den Berliner Zahlen allerdings nur begrenzt ableiten. Die meisten dauerhaft erkrankten Lehrkräfte finden sich an Grundschulen: Dort sind es 98. An Sekundarschulen werden 54 Fälle ausgewiesen, an Gymnasien 34 und an berufsbildenden Schulen 27. Auch regional verteilen sich die Fälle ungleich. In Marzahn-Hellersdorf werden mit 41 die meisten langfristig erkrankten Lehrkräfte gezählt, gefolgt von Pankow mit 39 und Lichtenberg mit 33. Die niedrigsten absoluten Zahlen weist die Bildungsverwaltung für Mitte mit 17 sowie für Spandau und Tempelhof-Schöneberg mit jeweils 22 aus.

„Diese Lehrkräfte sind häufig durch die psychischen Belastungen des Berufs erkrankt oder zeigen physische Auswirkungen zum Beispiel durch eine erhöhte und dauerhafte Lärmbelastung wie Tinnitus oder Hörstürze“

Für den BSW-Abgeordneten Alexander King weisen die Zahlen auf ein grundsätzliches Problem hin. Er führt die Entwicklung vor allem auf die „mangelhafte Personalausstattung“ zurück. Diese erhöhe die Belastung der vorhandenen Lehrkräfte und begünstige weitere krankheitsbedingte Ausfälle, erklärte King.

Welche Erkrankungen hinter den Berliner Langzeitausfällen stehen, geht aus den vorliegenden Angaben des Senats nicht hervor. Erfahrungen aus Hessen geben zumindest einen Hinweis darauf, welche gesundheitlichen Belastungen bei länger erkrankten Lehrkräften eine Rolle spielen können.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen geht für Lehrkräfte insgesamt von einer durchschnittlichen Krankheitsquote von etwa sechs Prozent aus. Über die häufigsten Diagnosen speziell bei Langzeiterkrankten liegen ihr nach eigenen Angaben keine Daten vor. In der Rechtsberatung der Gewerkschaft zeigten sich jedoch bestimmte Muster.

„Diese Lehrkräfte sind häufig durch die psychischen Belastungen des Berufs erkrankt oder zeigen physische Auswirkungen zum Beispiel durch eine erhöhte und dauerhafte Lärmbelastung wie Tinnitus oder Hörstürze, die sich wiederum auf ihre Dienstfähigkeit auswirken können“, erklärte der hessische GEW-Vorsitzende Thilo Hartmann Ende 2025.

Hartmann verwies zugleich auf ein Problem, das zunächst in die entgegengesetzte Richtung weist: Lehrkräfte bleiben demnach mitunter gerade nicht zu Hause, obwohl sie krank sind. Die GEW spricht von „Präsentismus“, also dem Arbeiten trotz akuter Erkrankung. Das könne langfristig selbst zum gesundheitlichen Risiko werden. „Fortgesetzter Präsentismus kann in der Folge zu einer Verstärkung des Krankheitsbildes und zu langfristigen und schwerwiegenden Erkrankungen führen“, sagte Hartmann.

Berlin schaltet bei Langzeiterkrankungen nach Angaben der Bildungsverwaltung die Zentrale medizinische Gutachtenstelle (ZMGA) des Landesamts für Gesundheit und Soziales ein. Sie untersucht die Dienstfähigkeit der Betroffenen. „Besteht laut Gutachten der ZMGA keine Aussicht, dass die Beamtin oder Beamte innerhalb weiterer 6 Monate wieder dienstfähig wird, beginnt die Einleitung des Ruhestandsverfahrens“, erklärt die Bildungsverwaltung.

Eine Erkrankung muss dabei nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Betroffenen vollständig aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden. Können sie zwar nicht mehr als Lehrkraft arbeiten, gesundheitlich aber andere Aufgaben übernehmen, kommt eine anderweitige Verwendung infrage. Dafür existiert in Berlin ein Projekt zur beruflichen Neuorientierung, das einen „Einsatz im Projekt der beruflichen Neuorientierung durch amtsangemessene anderweitige Verwendung“ ermöglichen soll. Derzeit nehmen 29 Betroffene daran teil.

Dass Langzeiterkrankungen in der Folge tatsächlich zum Ausscheiden aus dem Schuldienst führen können, zeigen die hessischen Ruhestandszahlen. 2023 wurden dort nach Angaben des Kultusministeriums 222 verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt. Im Jahr zuvor habe die Zahl in einer ähnlichen Größenordnung gelegen. News4teachers / mit Material der dpa

Seit 2009 krankgeschrieben: Lehrerin klagt gegen Versetzung in den Ruhestand

 

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12 Kommentare
Mika BB
1 Tag zuvor

Wie soll das denn funktionieren: als angestellte Lehrkraft 5 Jahre krank zu sein und sich noch im Beschäftigungsverhältnis zu befinden? 6 Wochen Lohnfortzahlung, dann maximal 72 Wochen Krankengeld, und dann fängt man entweder wieder an zu arbeiten oder man ist raus! Bedeutet also: nach anderthalb Jahren gibt es entweder Rückkehr an den Arbeitsplatz oder ALG1/Erwerbsminderungsrente. Sorry, diese Pressemeldung ist bezüglich der Aussagen zu den angestellten Lehrkräften mehr als widersprüchlich.

Peter Parker
20 Stunden zuvor
Antwortet  Mika BB

Muss nicht sein, kommt drauf an wie das tariflich geregelt ist. Nach einer gewissen Anzahl an Arbeitsjahre im ÖD ist man meist unkündbar!

Fräulein Rottenmeier
20 Stunden zuvor
Antwortet  Mika BB

Das haben die werten Leser von „Welt“ auch schon festgestellt….

GBS-Mensch
19 Stunden zuvor
Antwortet  Mika BB

Selbstverständlich funktioniert das. Welcher Kostenträger gerade zuständig ist, sagt nichts über das Beschäftigungsverhältnis aus. Mit der Aussteuerung aus dem Krankengeld endet das Beschäftigungsverhältnis nicht.
Beschäftigungsverhältnisse enden mit Kündigung oder anderen vertraglich festgelegten Ereignissen, wie Renteneintritt oder Frist.

Wieder einmal ein beeindruckendes Beispiel, wie wenig sich (verbeamtete) Lehrer mit den Dingen der (Arbeits) Realität auskennen.

Walhai
19 Minuten zuvor
Antwortet  GBS-Mensch

Danke. Habe ich auch gedacht.

Walhai
23 Stunden zuvor

Ruhestand bedeutet Pension. Mindestens die Mindestpension. Um die 2000 Euro. Andere arbeiten dafür 45 Jahre. Und das ist nur mindestens!

Fräulein Rottenmeier
20 Stunden zuvor
Antwortet  Walhai

Quelle?

Walhai
18 Minuten zuvor

Quelle wofür? Nach der Mindestpension können Sie einfach googeln! Eine sinnvolle Anfrage = Ergebnis da. Durchschnittsrente ebenso.

Jerunda
22 Stunden zuvor

Hier der Artikel bei rbb24 – interessant, die vielen Kommentare dazu zu lesen!
Berlin: Hunderte Lehrer fallen wegen Krankheit dauerhaft aus
Ja, da sieht man, wie hoch die Lehrer in der Gesellschaft anerkannt sind. 🙂
Wundern da die Krankheitszahlen noch irgend jemanden? Wer möchte da noch Lehrer sein/ werden?

Adam
22 Stunden zuvor

Mutmaßlich leben in Berlin mehr Menschen mit einem unsteten Lebenswandel, vielleicht gibt es hier einen Zusammenhang mit bestimmten (psychischen) Symptomen?

Jerunda
21 Stunden zuvor
Antwortet  Adam

Meinen Sie, dass die Lehrer in Berlin einen „unsteten Lebenswandel“ haben? 🙂
unstet – Schreibung, Definition, Bedeutung, Synonyme, Beispiele | DWDS

Einer
21 Stunden zuvor

400 von 35.000 sind kaum mehr als 1 Prozent. 99% machen also ihr Arbeit und sind nicht langzeitkrank. Wie ist es in anderen Branchen?