Lehrermangel: Minister schaltet Agenturen ein, die Bewerber finden sollen

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MAGDEBURG. Alle Bundesländer suchen händeringend Lehrkräfte zum neuen Schuljahr – und viele Stellen bleiben ohne Bewerber. In Sachsen-Anhalt werden jetzt erstmals Agenturen eingeschaltet, um Personal für die Schulen zu aquirieren. Es ist aber noch nicht klar, wieviel das bringt.

Lässt sich von Agenturen helfen: Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner. Foto: Steffen Prößdorf / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Auf die Ausschreibung von 1000 Stellen für Lehrkräfte sind laut Bildungsministerium zahlreiche Bewerbungen von insgesamt 787 Bewerberinnen und Bewerbern eingegangen. Für 331 Stellen habe es keinen Bewerber gegeben, teilte das Ministerium auf Nachfrage in Magdeburg mit. Diese Stellen seien direkt im Anschluss an die Bewerbungsfrist am 14. März erneut ausgeschrieben worden. Inzwischen lägen 65 Bewerbungen vor.

Mit den Ausschreibungen sucht das Land zum neuen Schuljahr 1000 neue Lehrerinnen und Lehrer in allen Schulformen. Inzwischen seien mehr als 700 Angebote verschickt worden, hieß es weiter. Etwa 250 positive Rückmeldungen der Bewerber lägen schon vor. Diese Zahl ändere sich täglich.

Für die Ausschreibungsrunde von Mitte Februar bis März wurden laut Ministerium erstmals Agenturen eingeschaltet, die gezielt nach Lehrkräften aus dem Ausland sowie Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern suchen. Derzeit seien auf diesem Weg etwa 100 Bewerberinnen und Bewerber ins Spiel gekommen. Teilweise müssten Abschlüsse über die Kultusministerkonferenz überprüft werden. Rund 40 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber kämen aus dem Ausland.

Das Ministerium betonte, das Projekt mit den Agenturen sei langfristig angedacht. In einem ersten Schritt sei die Resonanz sehr positiv und vor allem für das Land risikoarm. Kosten für die Agenturen entstünden lediglich, wenn es zu Vertragsabschlüssen beziehungsweise zur Aufnahme der Lehrtätigkeit komme. Die großen Ausschreibungsrunden ergänzen laut dem Ministerium die Dauerausschreibungen, die zu Beginn und zur Mitte eines jeden Monats veröffentlicht werden.

Ein Expertenbericht sieht den Angaben zufolge einen Einstellungsbedarf von 620 Lehrkräften, um altersbedingt ausscheidende Lehrkräfte zu ersetzen. Allerdings sei dieser Wert eher als untere Grenze zu betrachten. Es verließen über die altersbedingten Abgänge hinaus auch Lehrkräfte das System. «Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, das ein durchschnittlicher Bedarf von ca. 1000 Lehrkräften besteht», teilte das Ministerium weiter mit. dpa

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29 KOMMENTARE

  1. „Es verließen über die altersbedingten Abgänge hinaus auch Lehrkräfte das System.“
    Eine durchaus überlegenswerte Option. In meinem direkten Freundeskreis gibt es bereits zwei ehemalige (verbeamtetete) Lehrkräfte, 32 und 34 Jahre alt. Viele andere flüchten in die Teilzeit. Auch ich halte immer die Augen nach Alternativen auf.
    Fürsorgepflicht ist ein Fremdwort in den Ministerien und es gibt Strukturen, die doch stark an Diktatur erinnern. Zu allem soll man Ja und Amen sagen, wenn nicht, gibt’s auf den Deckel.
    Der Beruf ist aus unzähligen Gründen nicht mehr attraktiv!

  2. Wie wäre es, wenn man sich um Lehrkräfte sichtlich bemüht:
    – A13 für alle im Eingangsamt
    – gleichmäßige Verteilung von Funktionsstellen auf alle Schulformen
    – umgesetzter Arbeitsschutz am Arbeitsplatz Schule
    – Anrechnung sämtlicher Überstunden
    – Entlastung von außerunterrichtlichen Aufgaben
    – Entlastung für Fortbildungszeiten
    – Aufbau einer festen Vertretungsreserve
    – feste Ausstattung mit Stunden für Inklusion, DaZ, Intergation
    – Anrechnung von Schulentwicklungsarbeit
    – Bonus für die Unterkunft
    – Krippe und KiTa mit Zeiten, die dem Arbeitsaufwand der Lehrkräfte entsprechen
    – zusätzliches Personal für weiter in Schulen anfallende Aufgaben
    – ein zusätzliches, groß angelegtes Programm zur Sanierung von Schulen
    – Sozialräume am Arbeitsplatz
    – Digitalisierung des Arbeitsplatzes, Administration durch IT-Kräfte
    – Bereitstellung von Arbeitsmaterial und -Geräten

    Das alles umgesetzt und nicht allein versprochen oder schöngeredet.
    Dann klappt es vielleicht auch wieder mit dem Nachwuchs bei Lehrkräften.

    • Palim, Sie zählen auf, was bei anderen Arbeitsstellen selbstverständlich ist. Zudem sei noch zu erwähnen: Kein anderer Arbeitnehmer muss sein Arbeitsmaterial, Computerausstattung und seine Reisekosten selbst tragen, Fortbildungen selbst finanzieren. in der Referendarzeit mussten wir sogar Kreide und Kopierpapier selbst stellen. Dazu kommt noch die herablassende Behandlung seitens der Regierung, die keinerlei Kritik verträgt und Mittel und Wege findet, unliebsame und ungehorsame Lehrkräfte zu bestrafen. Wären da nicht die Schüler, die man in diesem Beruf in den Mittelpunkt stellt, würde kaum ein Arbeitnehmer lange bleiben. Trotz all dieser Widrigkeiten werden die Lehrer noch von den „hohen Damen und Herren“ als faule Säcke betitelt, obwohl sie immer mehr Aufgaben stemmen müssen, auch war schon angedacht, das private Arbeitszimmer nicht mehr steuerlich absetzen zu können …. Die Widersprüche waren eklatant und berechtigt, schnell wurde ein Rückzieher gemacht. Und aus genau diesen Gründen wird der Lehrerberuf sehr bald Mangelware sein. Man lässt sich ungern so behandeln. Bin mal gespannt, ob sich dann was ändert an dieser lieblosen Arbeitgeber-Arbeitnehmer Situation.

    • Kann ich dir direkt sagen woran es liegt:
      …“Geld“.
      Direkt dein erster Punkt A13 wird in NRW nicht kommen, da die Kosten mit 600 Mio Euro dem Land zu viel sind.
      Gerechte Besoldung kann man sich nicht leisten.

  3. „In Sachsen-Anhalt werden jetzt erstmals Agenturen eingeschaltet, um Personal für die Schulen zu aquirieren. Es ist aber noch nicht klar, wieviel das bringt.“
    Doch, ist klar! Genauso nullkommanichts. Das ist pure Geldverschwendung.

    Wenn es keine qualifizierten Lehrkräfte im eigenen Bundesland gibt, ist Folgendes zu tun:
    – gezielt Abiturienten auf Berufswahlmessen werben lassen
    – NC herabsetzen (in Chemnitz z.B. etwa 1,2; da kann man sich ausrechnen, wie viel Bewerber vom Studium abgehalten werden
    – A13 für alle (damit der Anteil der Studierenden über die Schulformen hinweg ausgeglichener ist)
    – Lehrkräften und Lehramtsstudierenden auch verbal in der Öffentlichkeit den Rücken stärken (statt das vielschichtige Studium, die anspruchsvolle Arbeit o.Ä. infrage zu stellen)

    Fazit: Es wäre so einfach mit ein wenig Verstand.

  4. An die Redaktion: Das Verb heißt „akquirieren“, nicht „aquirieren“ (vgl. engl. „acquire“ oder franz. acquérir). Ansonsten interessanter Artikel!

  5. Echt jetzt?
    Lehrermangel?

    In diesem exorbitant überbezahlten Halbtagsjob mit unverschämt vielen Ferien (= Urlaub)?

    Wo doch gerade im letzten Jahr auch dem letzten Zweifler deutlich geworden ist, was Lehrer wert sind und ihnen von allen Seiten so viel Wertschätzung entgegengebracht wurde!

    Unvorstellbar!
    Irre, wie unbescheiden die Leute werden….

    • Sorry, hab die spitzenmäßige und hochwertige Arbeitsplatzausstattung in der Schule und im „Homeoffice“ vergessen!
      Man übersieht so Vieles, dem kniefällige Dankbarkeit gebührt, wenn man auf derart hohem Niveau arbeitet und alles als Selbstverständlichkeit hinnimmt!

      • Ich dachte mir auch schon: Sollen sie doch mal hier in der Kommentarfunktion suchen, nach den Leuten, die der Meinung sind, man kann so faul sein für diesen sicheren Job, hat vormittags recht und nachmittags frei. Da würden sie fündig werden 😉

  6. Sachsen-Anhalt ist das letzte Ost-Bundesland, das Grundschullehrer noch immer nach A12 bezahlt. Es wird in Zukunft sehr schwer werden, Junglehrer zu bekommen, wenn Sachsen, Thüringen, Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern eine gerechtere Bezahlung anbieten. Da wird auch keine Agentur helfen können. Die Gratifikation erfolgt durch die Bezahlung.

    • Seit wann bietet Berlin eine gerechte Bezahlung? Du steigst in Berlin fast in der höchsten Stufe in E13(!!) ein, da hat jeder verbeamtete Grundschullehrer mehr.

  7. Ein Schritt wäre schonmal gleiche Bezahlung bei Angestellten und Beamten.
    Aber man darf doch mal träumen dürfen.

  8. Es werden zu wenige neue LehrerInnen ausgebildet. Wen sollen die Agenturen anwerben – Quereinsteiger des Quereinsteigens? Wer will den Job bei den unzumutbaren Arbeitsbedingungen und dem Hohn, der uns entgegenschlägt, denn noch machen?

    • @Rabe
      So sympathisch ich ihren Kommentar finde, so halbwahr ist er leider auch.

      1.) In Deutschland werden genügend Lehrer ausgebildet, der bestehende NC ist ja nicht umsonst in manchen Fächern bei 1,x. Was bedeutet das denn? Doch nichts anderes als dass es viel mehr Bewerber als freie Plätze gibt.

      2.) Und in welchen Fächern werden denn die „Quereinsteiger des Quereinsteigens“ eingestellt?: In den Fächern, wo es nicht genügend Absolventen gibt und das sind in der Regel die Fächer, wo es nicht einmal einen NC gibt.

      Und da muss ich ihnen auch ganz ehrlich sagen, dass ich für einen Informatikunterricht lieber einen studierten Informatiker und für den Mathematikunterricht lieber einen studierten Mathematiker (natürlich nur mit entsprechender Weiterqualifikation) hätte als eine Deutsch- oder Geschichtslehrerin.

      3.) Die Arbeitsbedingungen spielen da vermutlich erst einmal eine untergeordnete Rolle. Viel mehr zählen da knallharte kapitalistische Interessen (wobei Lehrer ja nicht gerade für ihre Liebe zum Kapitalismus bekannt sind) eine Rolle: bekomm ich in der Schulform A genauso viel wie in der Schulform B? Werde ich verbeamtet?

      4.) Ein großer Teil des Lehrermangels kommt ja auch dadurch zu Stande, dass in bestimmten Regionen die Lehrer überaltert sind, weil die Bundesländer es nicht für relevant hielten für Nachwuchs zu sorgen, oder weil Junglehrer nicht aufs Land und lieber in die Städte (wo es bereits genug Lehrer gibt u. dadurch bestenfalls befristete Verträge bekommen) ziehen wollen.

      Aufgrund von Punkt 1 und 2 sollte man vielleicht eher überlegen, dünnes Eis, ob es für den Beruf nicht besser wäre für eine Geschlechterparität zu sorgen oder knallhart nur die Fächerkombinationen für ein Studium freigeben, die auch gesucht werden.

      Für Punkt 4 lösen das andere Länder wie Russland und Türkei dadurch, dass Junglehrer während einer festgelegten Anfangszeit nach Bedarf landesweit (also bei uns bundesweit) versetzbar sind.

      Ich stelle das jetzt einmal zur Diskussion.

      • Es stimmt nicht, dass der Lehrkräftemangel so gering ist oder nur auf wenige Fächer begrenzt.

        Zum einen wird der Bedarf mal so, mal anders ausgelegt und schon über diese Zahlen lässt sich trefflich streiten, wie auch über die Unterrichtsversorgung und was man dazu zählen möchte.
        In manchen Ländern sind Kollegien überaltert, in anderen BL (zeitgleich NRW und SH) steht in den kommenden Jahren die Rückkehr zu G9 an, wofür es zusätzliche Lehrende braucht. Sicher hätte man den Bedarf vorhersehen können, nun hat man ihn aber, vielleicht auch, weil seit Jahren zu wenig neue Lehrkräfte eingestellt wurden oder gefunden wurden, und man muss an den Schulen ohne Lehrkräfte auskommen.

        Dass es einen Mangel gibt, kann man auch daran erkennen, dass seit Jahren auf Quereinsteigende und Vertretungen zurückgegriffen wird. Dazu müsste man mal die Zahlen erfragen:
        Wie viel Geld wird jährlich für den Lohn der Vertretungskräfte gezahlt?
        Wie viele Stunden generiert das? (bedeutet auch: Zu welchem Verdienst werden die Vertretungen eingestellt und übernehmen Unterricht?)
        Wie viel Unterricht wird durch diese erteilt oder durch Erzieher oder pädagogische Mitarbeiterinnen aufgefangen?
        Wie viele Stunden fallen aus, einschließlich der Stunden, die für Förderung, Inklusion u.a. angesetzt sind, aber gestrichen werden müssen?
        Daraus könnte man auch einen Bedarf ableiten, über den eine Vertretungsreserve mit Lehrkräften aufgebaut werden müsste, sodass zusätzliche Vertretungen die Ausnahme und nicht die Regel wären.

        Seit etlichen Jahren können ausgeschriebene Stellen nicht besetzt werden.
        Dabei gibt es z.B. in Niedersachsen zwar zwei große Ausschreibungsrunden, letztlich wird aber über das gesamte Jahr auf die offen gebliebenen Stellen eingestellt. Das ist schon lange so. Nds hat inzwischen auf G9 umgestellt. Zuvor wurden über mehrere Jahre vermehrt Gymnasiallehrkräfte eingestellt und an andere Schulformen abgeordnet. Der Mangel konnte aber nicht allein darauf zurückgeführt werden, auch davor und auch im laufenden Schuljahr sind freie Stellen im Angebot und man kann sich direkt darauf bewerben.
        Dazu gehören inzwischen auch Stellen Deutsch-beliebig (beliebig-beliebig darf man nicht ausschreiben), um überhaupt eine Lehrkraft zu finden. Man kann also deutlich sehen, dass das Problem nicht auf Mangelfächer begrenzt ist.
        Und nicht jede Schule, die Bedarf hat, kann einfach ausschreiben. Das wird durch das Ministerium gesteuert.
        Schulen, die schwieriges Klientel haben, trifft der Mangel häufiger, sodass man die herausfordernde Arbeit mit weniger Personal und mit weniger ausgebildetem Personal stemmen muss.

        Vertretungskräfte (ohne vollständige Lehramtsausbildung), die man häufig zum Überbrücken einsetzt, findet man auch nicht immer einfach, da werden zum Teil gar keine Fächer vorgegeben, der Aufwand der Stellenbesetzung ist immens, die Liste der Bewerbenden zwar lang, meist aber veraltet und nicht schul- oder stellenspezifisch und stets wird erst zum Schluss die Eignung überprüft, sodass der Vertrag manchmal nicht geschlossen werden kann und die Schule erneut suchen muss und bis dahin irgendwie überbrückt.

        Wenn es mehr StudienbewerberInnen auf die verfügbaren Plätze gibt, hat man zwar Andrang und besetzte Studienplätze, das ist aber kein Beleg dafür, dass
        a) die verfügbaren Plätze auch für die Versorgung der Schulen ausreichen,
        b) die Absolvierenden letztlich wirklich in den Schulen arbeiten werden. Sie können sich auch anderweitig orientieren.

        Wenn man sich die Liste der offenen Stellen und die Liste der Schulen, die Vertretungskräfte suchen, anschaut, bekommt man einen ersten Eindruck, wie viele Schulen täglich den Mangel verwalten. Darunter sind jedoch nur die Schulen, deren Lehrkräftemangel anerkannt wurde und zu einer Ausschreibung geführt hat.

      • 1) Da der NC sich in aller Regel auf das Studienfach, nicht den angestrebten Abschluss bezieht, glaube ich nicht, dass da so viele Lehrämtler bei rumkommen.

        2) Quereinsteiger können gute Lehrer sein, scheitern aber genauso oft leider auch. Denn gerade die Mangelfächer aus den Naturwissenschaften zeichnen sich nunmal nicht durch ein Anforderungsprofil im Studium aus, das Leute anzieht, die gern „was mit Menschen machen“ wollen. Vielleicht auch der Grund dafür, warum aus diesen Mangelfächern noch weniger Lehramtsanwärter kommen.

        3) Ich denke, dass die Arbeitsbedingungen der entscheidende Punkt sind. Anderenfalls gäbe es ja z.B. den dramatischen Unterschied zwischen Großstädten und ländlichen Regionen nicht. Ein Beispiel: für meine Frau und mich standen nach dem Studium diverse Bundesländer zur Auswahl, aber in einem gab es eines der beiden Fächer meiner Frau nicht im regulären Fächerkanon, in anderen wollte ich mein Fach Politik nicht unterrichten, da man dort je nach Region schon mit gewaltigen Problemen rechnen muss, wenn man sich allzu deutlich für den demokratischen Rechtsstaat einsetzt. Ein weiteres Flächenbundesland schied für uns aus, da man dort als Referendar keinerlei Einfluss auf den Ausbildungsort nehmen konnte und dann auch nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der LAA pro Jahr übernommen wurde, was für uns als angehendes Ehepaar zwei Jahre Fernbeziehung mit ungewissem beruflichem Ausgang bedeutet hätte. Ein befreundetes Lehrerpaar ist von NRW nach Sachsen gezogen und bereut diese Entscheidung seit Jahren, weil sich die Arbeitsbedingungen sowohl von der Infrastruktur her, als auch im Kollegium, der hierarchischen Führung und selbst didaktisch so dramatisch verschlechtert haben. Die drastische Zunahme an Teilzeitarbeitsverhältnissen in den letzten Jahren zeigt ja, wohin das führt.
        Und letztlich halte ich auch die Frage der Bezahlung und sozialen Absicherung nicht für eine rein kapitalistische. Denn wenn die sonstigen Arbeitsbedingungen und die Zugangsvoraussetzungen zu einem Job weitestgehend gleich sind, warum sollte ich die schlechter bezahlte oder schlechter versorgte Stelle beim selben Arbeitgeber anstreben? Das hat ja auch viel mit Gerechtigkeitsempfinden und einer vernünftigen Kosten-Nutzen-Abwägung zu tun.

        4) Wie Geschlechterquoten das Problem lösen sollen, kann ich nicht erkennen. Eher fürchte ich, dass dadurch der Mangel noch verschärft wird, wenn nun noch vorhandene KanditatInnen durch Quote ausgesiebt werden.
        Eine kategorische Studienplatzbeschränkung in bestimmten Fächern, um Lehramtsstudenten in anderen zu gewinnen, das gab es in der DDR so ähnlich schon. Mit dem Erfolg, dass viele fertige Lehrer am Ende keinen Bock auf ihren Job hatten. Wäre wohl auch nicht GG-konform.
        Und gerade die beliebige Versetzbarkeit würde wohl zu den größten Abschreckungsfaktoren zählen (siehe Punkt 3).

        5) Gegenvorschlag: Wer mehr Lehrer will, sollte zunächst mal genügend Plätze für LAA und eine berechenbare Perspektive für die Übernahme schaffen. Derzeit haben wir fast überall einen künstlich produzierten Schweinezyklus und viele Bundesländer haben einfach jahrzehntelang nicht eingestellt und wundern sich jetzt, warum niemand sich bei so einem Arbeitgeber bewerben will.
        Außerdem entsteht die beste Werbung für den Lehrerberuf im Klassenzimmer. Anders als bei vielen anderen Jobs können sich gerade die frisch gebackenen Abiturienten jeden Tag hautnah informieren, was da auf sie zukäme. Und wenn die Hälfte meiner Lehrer täglich über die Arbeitsbelastung schimpft und bei jeder kreativen Unterrichtsidee müde abwinkend auf die zu vollen Lehrpläne verweist, wenn ich in ranzigen Klassenzimmern auf dem technischen Stand der 70er Jahre meine Zukunft sehen soll und dann auch noch jede Woche aufs Neue mit dem Irrsinn einer völlig verfehlten Bildungspolitik konfrontiert werde, die ständig halbgare Reformen ausspuckt, aber seit Jahrzehnten bekannte Missstände nicht aufräumt, und wenn noch dazu meine Eltern und die Medien ständig die Geschichte von den faulen, anmaßenden und inkompetenten Lehrern reproduzieren, was sollte mich dann noch dazu bewegen, Lehrer werden zu wollen?

        • @Tacheles

          Top-Beitrag, danke dafür.
          (Der erspart mir selbst viel Schreiberei.)

          Ergänzung:
          Seit etwa 4 Jahren habe ich SuS, die überlegten selber eine Lehrerlaufbahn einzuschlagen, ehrlich dahingehend beraten, sich das SEHR gut zu überlegen.

          Vor den Sommerferien 2020 haben 2 SuS direkt gefragt und ich habe SEHR ehrlich geantwortet.
          Warum sollte ich sie anlügen?

          Da zitiere ich dann gerne mal Wolfgang Petry:
          „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?
          Eiskalt lässt du meine Seele erfrier’n!
          Das ist Wahnsinn, du spielst mit meinen Gefühlen
          und mein Stolz liegt längst schon auf dem Müll …“

          DA schicke ICH niemanden sehenden Auges hin!

          Lieber so:
          https://www.youtube.com/watch?v=bm5nDtb4UPg
          „TraumMANN“ ersetzen durch „TraumJOB“.

          NIEMAND soll/muss/kann BERUFLICH ein „Held“ sein, nicht 24/7.
          NIE.
          Und nie auf die bek(n)ackten Werbe-Aktionen der Kultus- und Schulministerien hereinfallen.

      • Ehm nochmal für dich:
        NC und Bewerber heißt nicht, dass du am Ende die gleiche Menge Absolventen rausbekommst. Besonders bei Grundschullehramt landen erstmal viele Frauen aus Mangel an Ideen nach dem Abi und der angeblich guten Verträglichkeit mit Familie.
        Angefangen habe ich damals mit 250 Leuten. Viele auch auf der Warteliste. Abgeschlossen habe ich mit knapp 50 Leuten.
        Viele haben dann doch gemerkt, dass Lehrer sein nicht so toll ist wie es sich anhört und man schon dafür gemacht sein muss

      • @Max Kleine: „ob es für den Beruf nicht besser wäre für eine Geschlechterparität zu sorgen“ – a) Aus pädagogischer Sicht: Ja. b) Als Mittel, um mehr Lehrkräfte zu gewinnen: klares Nein. Der Beruf ist für Frauen so attraktiv, weil man relativ unproblematisch (und jedenfalls besser als in der freien Wirtschaft) Kinder und Job vereinbaren kann: Elternzeit kann in Anspruch genommen werden, ohne größere Nachteile befürchten zu müssen, und Teilzeit während der Kindererziehung ist in aller Regel problemlos möglich.

        „oder knallhart nur die Fächerkombinationen für ein Studium freigeben, die auch gesucht werden“ – Zwei Probleme: 1. Finden Sie genügend Bewerber für „ungeliebte“ Fächer? 2. Treffen Sie den Bedarf durch entsprechend präzise Prognosen wirklich genau? Übrigens: Die Fächerkombinationen, die Sie nicht freigegeben haben – das sind unter Umständen die Mangelfächer von übermorgen… Oder wollen Sie die zulässigen Fächerkombinationen jedes Jahr neu festlegen? Möglichkeit A: Ihre Lehramtsstudierende migrieren in ein Bundesland, welches ein Studium der gewünschten Fächerkombination zulässt. Möglichkeit B: Lehramtsstudierende drehen eine Warteschleife (anderer Job, freiwilliges soziales Jahr oder anderes Studium), bis die gewünschte Fächerkombination im eigenen Bundesland „mal wieder“ zulässig ist.

        „Für Punkt 4 lösen das andere Länder wie Russland und Türkei dadurch, dass Junglehrer während einer festgelegten Anfangszeit nach Bedarf landesweit (also bei uns bundesweit) versetzbar sind.“ – Au ja, das wird im Bildungsföderalismus genau so toll funktionieren wie in einem zentralisierten, dirigistischen Staatsgebilde! Vor allem kommt das gut an bei jungen Frauen, die nach einer langen akademischen Ausbildungsphase plus zusätzlichem Referendariat endlich ortsfest werden und eine Familie gründen möchten. Damit steigert man die Zahl der Lehramtsabsolventen enorm!

  9. „Men and women wanted for hazardous job. Low protection, bitter cold, long months of complete overload. Safe return doubtful. Honour and recognition in the event of success unlikely.“

    (frei nach ERNEST H. SHACKLETON)

  10. Hi, also während der Seminare für Seiteneinsteiger lernte ich schon den Frust vieler anderer Lehrer im Seiteneinstieg kennen. Es gab einen Seiteneinsteigerkurs für alle Neuen. Viele bereuten den Einstieg und suchten nach neuen Möglichkeiten. Auch viele regulär ausgebildeten Lehrer merkte man deren Unzufriedenheit an. Da wurde ich sogar beneidet, immerhin könnte ich relativ leicht in meinen alten Job zurück.

    Regulär ausgebildete Lehrer (zumindest die mit guten Noten) können sich das aussuchen was Sie wollen. Und die gehen meisten an keine Brennpunktschulen oder in verwahrloste Städte. Ich war Lehrer im eher ländlich geprägten Teil Deutschlands und da ist es doch schwer gerade als junger Mensch neue Leute kennen zu lernen. Junge Menschen und vor allem Frauen zieht es eher in die Städte, wird schwierig die aufs Land zu schicken.

    Ich habe mit einer Seiteneinsteigerin (junge Frau) geredet, die aus dem Westen nach Sachsen zog und dort stark diskriminiert wurde und keinen Anschluss gefunden hat (einfach nur weil Sie aus dem Westen kam). Die hat mir auch gesagt als SE kommt man in die Orte wo sonst keiner hin will. Dresden,Leipzig, da will jeder hin und die nehmen die Besten. Könnte mir vorstellen, dass es in Sachsen-Anhalt ähnlich sein könnte.

    Und gerade jetzt mit Corona denke ich mal, dass der Lehrer Beruf noch weniger anziehend wirkt. Auch ich habe gemerkt, IT in unserer Schule ging nicht. Streaming oder sowas konnte man vergessen. Hab immer zuhause videos runtergeladen und dort vom USB Stick gesendet. Ich wills gar nicht wissen, wie es an einer Brennpunktschule in Duisburg oder Berlin aussieht. Die könnten mir 1000€ extra pro Monat zahlen, kein Interesse (alleine schon wegen teuren Mieten).

  11. „Aufgrund von Punkt 1 und 2 sollte man vielleicht eher überlegen, dünnes Eis, ob es für den Beruf nicht besser wäre für eine Geschlechterparität zu sorgen“ – das bedeutet, dass man mehr zahlen muss als A12. Der Grund dafür, dass zu wenig Männer den Lehrerjob einschlagen, ist die gemessen an der tatsächlichen Arbeitszeit schlechte Bezahlung. Und: Wer sich für Naturwissenschaften interessiert, überlegt sich gut, ob er nicht in die Wirtschaft geht, um dort mehr als das am Gymnasium übliche A13 zu bekommen. So ist das nun mal. Das Angebot bestimmt die Nachfrage.

  12. @Max Kleine,
    Zu Punkt 1.) Fakt ist, es wird planlos ausgebildet, auf einen Mangel in bestimmten Fächern folgt eine Schwemme, kann man immer wieder beobachten, und in den Mint-Fächern bekommen die absolventen in der freien Wirtschaft sehr viel lukrativere Angebote.
    Zu Puunkt2.) Quereinsteiger sind natürlich nicht die Lösung, un sicher ein Schlag ins Gesicht von Lehrern z.A., die keine Stelle bekommen haben. Aber es ist billiger und man kann sie leicht wieder los werden, ein Plus fürs Budget.
    Zu Punkt 3.) Knallharte kapitalistische Interessen? Da muss ich aber lachen. Die Bezüge im Lehrerberuf sinken immer mehr gegenüber den Gehältern in der freien Wirtschaft (mit vergleichbarer Ausbildung) zurück. Daran kann es nicht liegen, eher an der Jobsicherheit und Verbeamtung.
    Zu Punkt 4.) Ehrlich gesagt, die meisten Lehrer unterrichten lieber Schüler aus dem ländlichen Raum, aus nachvollziehbaren Gründen. Der Überalterung kann man rechtzeitig gegensteuern, aber wie bereits erwähnt, das bedarf einer kompetenten Planung …..
    Was hier Geschlechterparität bewirken soll, ist mir ein Rätsel.
    Und nur bsteimmte Fächerkombinationen freigeben, nun, da sind wir wieder bei der allseits beliebten Planung, die so gut wie nicht vorhanden ist, da das Budget bremst.
    Durch die ZVS ist/war man bundesweit einsetzbar, allerdings wurden auch hier die Referendare planlos umhergeschickt und als angestellter Lehrer war es durchaus möglich, dass man alle 1-2 Jahre umziehen musste oder 2 Wohnsitze finanzieren. Alles sehr einfach, und gar nicht teuer! Würde man diese Vorgehensweise wieder vermehrt anwenden, wäre der Lehrerberuf noch unattraktiver. Ich nehme an, dass die Türkei oder Russland (wo immer Sie diese Fakten herhaben) die Wechseleinsätze finanziert und unterstützt.
    Also Sie sehen, alles nicht so einfach.

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