didacta-Debatte: Was macht eine gute Lehrkraft aus? Eine erfahrene Schulleiterin antwortet

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STUTTGART. Am Montag beginnt Europas größte Bildungsmesse, die didacta – erstmals, Corona-bedingt, als rein digitales Event. Ihren Wert als Leitveranstaltung für die Bildung in Deutschland mindert das keineswegs. Das belegt auch das Auftreten zahlreicher Praktikerinnen und Praktiker, die von ihren Erfahrungen aus dem Kita- und Schulbetrieb berichten. Eine davon: die Schulleiterin Petra Ferrari. Sie stellt sehr grundsätzliche Fragen – wie die: Was macht eine gute Lehrkraft aus? – und liefert natürlich auch Antworten dazu. Wir sprachen mit der Pädagogin im Vorfeld.

Seit 27 Jahren Schulleiterin: Petra Ferrari. Foto: Galileo Bildungshaus gGmbH

News4teachers: Frau Ferrari, Sie werden auf der didacta Digital an einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Keine gute Schule ohne gute Lehrkräfte“ teilnehmen. Was macht denn Ihrer Meinung nach eine gute Lehrkraft aus?

Petra Ferrari: Zunächst einmal sollten wir uns fragen: Was können wir tun, damit Menschen das Beste aus sich herausholen können? Jeder Berufsanfänger, jede Berufsanfängerin tritt doch an, um ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin zu sein. Was tun wir als Schulleitung oder Team also dafür, damit die Kollegen und Kolleginnen das auch leben können? Wir wollen an unserer Schule nicht nur die Kinder, sondern auch die Lehrkräfte als Menschen mit ihren individuellen persönlichen Stärken und Leidenschaften wahrnehmen. Neben dem klassischen Unterricht bekommen sie deshalb die Möglichkeit, sich in Projekten einzusetzen, die ihren Interessen entsprechen, ihre Kompetenzen aufzubauen. Dazu gehört auch die Fortbildung. Bei uns gibt es zum Beispiel regelmäßige Inhouse-Seminare.

Neue Kolleginnen und Kollegen bekommen für einen guten Start im Bildungshaus einen Mentor oder eine Mentorin, der oder die dafür sorgt, dass sie direkt in die Abläufe eingebunden sind. Digitale Formate helfen außerdem bei der Kollaboration.

Die didacta Digital
Die didacta sollte eigentlich in Stuttgart stattfinden – jetzt digital. Foto: Koelnmesse

Europas größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wird nach dem pandemiebedingten Ausfall im letzten Jahr nun doch vom 10. bis 12. Mai 2021 stattfinden – erstmals als Online-Veranstaltung. Dutzende von Workshops, Referate und Diskussionsrunden versprechen wichtige Informationen und Ideen für die berufliche Praxis in Kita, Schule und Ausbildungsbetrieb. 180 Aussteller haben sich angesagt. Die Teilnahme ist kostenlos.

Petra Ferrari, Leiterin des Galileo Bildungshauses in Stuttgart, ist an zwei Veranstaltungen im Rahmen der didacta beteiligt. Sie diskutiert mit beim Thema „Keine gute Schule ohne gute Lehrkräfte“ (Forum Bildungsperspektiven) 10.05., 15:00 – 15:45, und referiert zum Thema: „Zukunft lernen – geht das?“ (Forum didacta DIGITAL & Schulpraxis), 11.05., 13:00 – 13:30.

Zum vollständigen Programm und zur Anmeldung geht es hier.

News4teachers: Dann könnte man den Titel auch umstellen? „Keine guten Lehrkräfte ohne gute Schule?“

Petra Ferrari: Absolut. Es ist ein Zusammenspiel. Es geht darum eine gemeinsame Haltung, eine Vision im Team zu entwickeln, die jeder etwas unterschiedlich leben kann. So kann ich als Lehrkraft authentisch sein. Als Führung heißt das aber auch, Verantwortung abzugeben und vor allem Gestaltungsspielräume zu schaffen.

„Digitalisierung muss vor allem Kommunikation und arbeitsteiliges Arbeiten fördern und damit Entlastungen schaffen“

News4teachers: Wie kann das in Zeiten von Wechselunterricht und digitalen Unterrichtsformaten unter Pandemiebedingungen funktionieren?

Petra Ferrari: Zurzeit ist unser Pragmatismus gefordert. Generell denke ich aber, man kann in Zeiten der Digitalisierung eine gute Lehrkraft sein, wenn Bedingungen geschaffen sind, unter denen Menschen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Wenn man ein schlankes technisches System hat, ohne einen hohen persönlichen Einsatz leisten zu müssen. Zum Beispiel sich nicht laufend um Updates kümmern muss. Aus solchen ganz praktischen Gründen arbeiten wir seit 2019 zum Beispiel mit MS Teams und Tools wie Padlet.

Aber im Prinzip geht es bei der Digitalisierung nicht um die Geräte sondern um einen Mindset. Was will man mit dem Einsatz der Technologie erreichen? Das ist die Frage.

News4teachers:  Die Technik darf also nicht zur Zusatzbelastung werden?

Petra Ferrari: Richtig. Digitalisierung muss vor allem Kommunikation und arbeitsteiliges Arbeiten fördern und damit Entlastungen schaffen. Wir im Bildungshaus haben die Erfahrung gemacht, dass uns die digitale Welt dabei hilft, gemeinsamen zu arbeiten und ohne großen Zeitaufwand immer gut informiert zu sein. Sei es zum Beispiel durch eine gemeinsame Ablage für Dokumente und Lehrvideos oder kooperatives Arbeiten über ein gemeinsam erstelltes Padlet, also eine digitale Pinnwand zur Sammlung von Informationen.

News4teachers: Bedeutet das, eine Lehrkraft braucht digitales Know-how, um „gut“ arbeiten zu können? 

Petra Ferrari: Digitales Know-how ist wichtig, vieles um uns herum ist inzwischen digital. Doch hauptsächlich geht es in unserem Beruf darum, eine Beziehung herzustellen und die Persönlichkeiten der Kinder weiterzuentwickeln. Dazu ist ganz anderes Know-how wie zum Beispiel Grundwissen zum Thema Diagnostik wichtig.

Auch für den digitalen Bereich gilt wieder: Eine gute Lehrkraft braucht ein gutes Setting, damit sie das Rad nicht neu erfinden muss. Egal ob es um das Thema Ausstattung oder um ein klares, logisches System geht. Niemand sollte sich allein gelassen fühlen.

News4teachers: Wie haben Sie den Prozess der Digitalisierung an Ihrer Schule in Gang gebracht?

Petra Ferrari: Wir haben uns zunächst ausgiebig informiert, waren auf Messen und haben geschaut, wie andere Schulen bereits digitale Themen angehen. Dann haben wir eine gemeinsame Entscheidung über die Plattform und Standards, die wir einsetzen wollen, getroffen und erst auf Leitungsebene und dann in der Grundschule mit der Anwendung begonnen. Die Kinder selbst haben erst mit Beginn des Distanzunterrichts eigene Accounts bekommen. Wir hatten Startersitzungen, um uns mit dem neuen System vertraut zu machen. Ein Kollege hat dann sogenannte „Digitale Pausen“ eingerichtet. Das sind etwa 20-minütige kleine Fortbildungen, in denen sich Lehrkräfte gegenseitig quasi häppchenweise digitale Tools erklären oder sie sich gemeinsam anschauen.

Ganz wichtig, nicht nur für Schülerinnen und Schüler, ist auch für das System Schule das Feedback. Das funktioniert dank digitaler Forumsumfragen ganz unkompliziert und schnell. Was klappt gut, was nicht? Wo brauchen die Kolleginnen und Kollegen Unterstützung? Die Digitalisierung als Prozess verlangt immer wieder eine Rückkopplung.

Und auch Kooperationen nach draußen sind wichtig: Kontakte zu kulturellen Einrichtungen, Bildungsunternehmen usw.. Ein Lehrer oder eine Lehrerin muss nicht alles selbst machen, er oder sie kann Leben von draußen in die Schule holen.

„Projektorientiertes, fachübergreifendes Lernen sollte in der Lehrerausbildung verstärkt werden“

News4teachers: Ihnen sind eine offene Schulkultur und Kollaboration im (digitalen) Team wichtig. Bringen junge Lehrerinnen und Lehrer die dazu notwendige Flexibilität aus ihrer Ausbildung mit?

Petra Ferrari: Wir bilden auch Referendarinnen und Referendare aus und stellen fest, es geht häufig um Haltungsthemen. Die angehenden Lehrkräfte stehen oft sehr unter Prüfungsdruck. Wir haben beispielsweise keine Schulglocke. Das löst bei manchen einen richtigen Stress aus, denn in den Seminaren wird immer noch in 45-Minuten-Einheiten gedacht.

Projektorientiertes, fachübergreifendes Lernen sollte in der Lehrerausbildung verstärkt werden. Und natürlich könnten digitale Themen noch stärker Eingang finden. Wobei die Digitalisierung auch die Gefahr birgt, dass man wieder sehr in Kanälen, also zum Beispiel in Fächer aufgeteilt, denkt. Genau das Gegenteil von Interdisziplinarität, oder anders ausgedrückt: Alter Wein in neuen Schläuchen. Auch das ist wieder eine Haltungsfrage.

News4teachers: Sie werden auf der didacta Digital auch einen Vortag über die spannende Frage „Kann man Zukunft lernen?“ halten. Darauf wollen wir die Antwort nicht vorwegnehmen. Aber vielleicht verraten Sie uns, wie für Sie die Schule der Zukunft aussieht?

Petra Ferrari: Ich glaube, wir müssen stärker schauen, dass wir Kindern ermöglichen, Kompetenzen zu erwerben, um mit dem Ungewissen, dass wir ja jetzt gerade besonders stark spüren, gut umgehen zu können. Persönliche Kompetenzen wie Resilienz, Achtsamkeit – diese Grundkompetenzen müssen wir neben den digitalen Kompetenzen stärken.

Hier im Bildungshaus glauben wir daran, dass man Dinge teilen muss. Denn die Schule der Zukunft wird über externe Netzwerke funktionieren, sie ist offen für die Welt draußen, fächerübergreifend, sinnstiftend. Das heißt, sie bietet eine sinnvolle persönliche Erweiterung. Ich denke da an den 17-Jährigen, der hier in der Nähe von Stuttgart in seiner Freizeit eine Impftermin-Suchmaschine programmiert hat. Solche Projekte zu fördern und auch in der Schule zuzulassen, müsste Normalität werden.

Die Kinder unserer Grundschule nehmen an Kinderkonferenzen der Stadt teil und sind Kinderbeiräte in Museen. So erfahren sie: Sie können etwas bewegen, sie werden ernst genommen. Ein Mädchen hat letztens ihre Lehrerin gefragt, ob es einmal den Live-Online-Unterricht in Mathe abhalten darf. Sie hat das mit Bravour gemeistert und konnte ihre Kompetenzen zeigen. Diese Art der Teilhabe und Partizipation – die Bildung zu Bürgern, die ihre Umwelt mitgestalten – finden wir jetzt und auch für die Zukunft sehr wichtig. Dazu müssen Kinder selbst aber auch gefragt werden. Das geht über die digitalen Teams bei uns ganz schnell und einfach. Und damit wären wir wieder beim Thema Digitalität. Das Zukunftsthema schlechthin…

News4teachers: … mit dem wir uns gerade fast täglich auseinandersetzen müssen.

Petra Ferrari: Wir befinden uns in einem unglaublichen Transformationsprozess. Und das macht uns ein bisschen Angst. Themen wie künstliche Intelligenz, mögliche Kontrolle … Man weiß nicht, was in zwei Jahren sein wird. Machen die Kinder nur noch mit VR-Brillen Ausflüge? Das Wachstum im Technologiebereich wird enorm. Wir müssen die Kinder befähigen, damit flexibel umzugehen. Aber wichtig für uns alle ist es, auch mal komplett auszuschalten. Die Natur und die kleinen Dinge zu schätzen. Sonja Mankowsky führte das Interview / Agentur für Bildungsjournalismus

Zur Person

Petra Ferrari war 18 Jahre lang Schulleiterin der Deutschen Schule in Genua. Seit 2012 leitet die Grundschulpädagogin das Galileo Bildungshaus in Stuttgart. 2017 hat sie neben der pädagogischen Leitung auch die Geschäftsführung der gemeinnützigen gGmbH übernommen. Der freie Träger betreibt eine staatlich anerkannte Grundschule mit integriertem Hort und Kindertagesstätte und beschäftigt rund 40 Pädagogen und Pädagoginnen. Die Galileo Grundschule wurde ausgezeichnet als „Digitale Schule“, „MINT-freundliche Schule“ und „Smarte Schule“ sowie mit dem Nachhaltigkeitspreis der Stiftung Kinderland.

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14 KOMMENTARE

  1. Was für ein Gesülze. Die wesentlichen Punkte, dass man die Schüler wirklich von Herzen mag, versucht Vorbild zu sein und erst mal auf der menschlichen Ebene eine Beziehung herstellt, kommt mal wieder viel, viel zu kurz. Nur das typische Kompetenz-Team-blabla Gutmenschen Geschwafel.

    Wichtig ist auch noch, dass man fachlich ziemlich fit ist (ja Hintergründe und so) und vom eigenen Fach begeistert ist und Willens und in der Lage alles Schritt für Schritt zu erklären, auch wenn man manche Sachen mehrmals geduldig wiederholt. Dann noch eine Prise Humor und es läuft! Ja, Junge dat kannste auf keiner Fortbildung lernen, da hilft nur echtes Leben und so!

  2. „Neben dem klassischen Unterricht bekommen sie deshalb die Möglichkeit, sich in Projekten einzusetzen, die ihren Interessen entsprechen, ihre Kompetenzen aufzubauen.“ Neudeutsch für: ihr werdet vom Ministerium oder der SL mit immer mehr Aufgaben zugeworfen, die grundständig eigentlich nicht zu eurer Kernaufgabe, dem Unterrichten, gehören, aber eine ganz wunderbare Außenwirkung entfalten.

    • … jawoll, bei allem Neuen und Zusätzlichen – mit und ohne Virenlast – immer und allzeit schön geschmeidig, so mag man den Lehrkörper gerne.

  3. Wurde die neue Kompetenzorientierung eigentlich eingeführt, nachdem man die Meinungen von Lehrern, Schulleitern usw. eingeholt hatte, oder wurde sie „von oben nach unten“ einfach befohlen, gerade ohne dass die Praktiker etwas dazu sagen durften ???
    Und bei der allgegenwärtigen und hochgepriesenen Digitalisierung muss man immer auch fragen, stehen hier die Interessen der Schüler im Mittelpunkt oder die Geschäftsinteressen der Hersteller solcher Geräte? WARUM zeigt sich zum Beispiel die Didacta seit Jahren so begeistert von der Digitalisierung? Auch die Didacta ist eine Art von Unternehmen.

  4. „Doch hauptsächlich geht es in unserem Beruf darum, eine Beziehung herzustellen und die Persönlichkeiten der Kinder weiterzuentwickeln.“

    Hilfe! Nein!!!

    Was dabei herauskommt: Kinder, die „Museumsbeirat“ werden wollen… Junge Menschen, die Angst vor einer „Lücke im Lebenslauf“ haben und Erwachsene, die davon reden, dass sie eine „Auszeit“ brauchen würden…
    Zitat: „Aber wichtig für uns alle ist es, auch mal komplett auszuschalten.“

    Meine Antwort: Nö. Ich bin doch kein technisches Gerät.

    • Sie stellt sehr grundsätzliche Fragen – wie die: Was macht eine gute Lehrkraft aus?

      Ich stelle nur eine grundsätzliche Frage – nämlich die: Was macht eine gute Lehrkraft aus Altbackenem? – Knödel.

  5. Ich habe auch eine Vision. Wetten, dass ich die sogar mit viel, viel mehr Kolleg*innen gemeinsam habe:

    -Schüleranzahl einer Klasse x 1/2
    -und/oder Lehreranzahl einer Klasse x 2
    -Schulpsychologenanzahl je Schule x 2 (sofern aktuell nicht 0)
    … gerne auch alles zusammen.

    • @KnechtRuprecht

      Ja, wir haben etwas gemeinsam. 🙂

      Wegen der Brisanz der Idee (Stichwort Finanzen) wird das aber nie Grundlage zu einer Rechenaufgabe werden – nicht in irgendeinem Ministerium, nicht in irgendeiner Abituraufgabe, noch nicht einmal bei den Übungsaufgaben für unsere „jüngsten Rechner“.

      Schade, der Ansatz ist so einfach wie gut und erfolgversprechend.
      Womöglich ist das nur ein weiteres Problem: So etwas macht „weiter oben“ sofort misstrauisch.

      • Igitt, Pragmatismus aus Realität geformt!

        Dann sind wir schon zwei – starten wir ein Bildungsprojekt und ziehen Jahre lang durch das Land mit unserer revlutionären Idee – von Vortrag zu Vortrag!

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