„Bildungsmonitor“ stellt der Schulpolitik in Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus: Rückschritte bei Integration und Schulqualität

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BERLIN. Der Bildungsmonitor der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) attestiert der deutschen Bildungspolitik in den acht vergangenen Jahren „nur noch sehr geringe Fortschritte“. Die Studie, die regelmäßig umfassende Daten der Bundesländer wie Schülerleistungsvergleiche, Abbrecherquoten und  Bildungsausgaben miteinander vergleicht, kommt für ganz Deutschland auf triste Befunde: Bei der Schulqualität, die insbesondere an Schülerleistungsvergleichen wie PISA festgemacht wird, bei der Integration und bei der Reduzierung von Bildungsarmut, die sich in einem nach wie vor engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ausdrückt, gab es zwischen 2013 und 2021 sogar Rückschritte.

Die einst von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgerufene „Bildungsrepublik“ Deutschland hat Schrammen. Illustration: Shtterstock

Die Corona-Pandemie hat den Studienautoren zufolge in allen Bundesländern Schwachpunkte der Bildungssysteme offengelegt. Der 18. Bildungsmonitor der von den Arbeitgeberverbänden getragenen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) soll allerdings nicht nur aufzeigen, wo die Landesregierungen vor besonders großen Aufgaben stehen, sondern auch, welche Länder als positive Beispiele und Vorbilder dienen können. Die besten Ergebnisse erzielen danach Sachsen (1.) und Bayern (2.). Auf Platz drei landet Hamburg, das sich wie das Saarland (5.) verglichen mit dem Bildungsmonitor 2011 deutlich verbessert hat: Seinerzeit lag Hamburg auf Platz 14 und das Saarland auf Platz 11. Abgestiegen ist dagegen Baden-Württemberg: von Platz drei 2011 auf Platz sechs 2021.

Jetzt reicht das Mittelfeld von Hessen (7.) bis Brandenburg (15.). Mit Abstand Letzter ist Bremen. Der Grund: Der kleine Stadtstaat ist Schlusslicht bei den Bereichen Schulqualität, Bildungsarmut und Integration, was sich negativ auf die Gesamtbewertung auswirkt.

Hamburg punktet mit wenigen Sitzenbleibern – und vielen Ganztagsplätzen in den Grundschulen

In der Studie wird nach INSM-Angaben «explizit eine bildungsökonomische Sichtweise eingenommen.» Es geht zum Beispiel darum, inwieweit das jeweilige Bildungssystem zur Fachkräftesicherung beiträgt, aber auch um Bildungsgerechtigkeit, also den Zugang zu Bildung. Verglichen werden Ergebnisse aus Vergleichstests von Schülerinnen und Schülern sowie statistische Daten, etwa wie viel Geld ein Land pro Schüler ausgibt, wie das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern oder wie hoch der Anteil jüngerer Lehrer ist. Auch Schul- und Azubi-Abbrecherquoten werden untersucht. Die Daten für die aktuelle Erhebung stammen aus den Jahren 2018 bis 2020.

Was macht Sachsen zum Primus? Der Freistaat wird vor allem für sein gutes Ganztagsangebot gelobt, für viele gut ausgebildete Kita-Beschäftigte mit Hochschulabschluss und starke Leistungen der Schülerinnen und Schüler bei Vergleichsarbeiten. Probleme sieht der Bildungsmonitor bei der Digitalisierung der Schulen. Wie wird der Aufstieg Hamburgs begründet? Die Hansestadt wird unter anderem dafür gelobt, dass fast alle Grundschüler eine Ganztagseinrichtung besuchen und nur wenige Schüler in der Sekundarstufe 1 eine Klasse wiederholen. Außerdem seien das Angebot an Ausbildungsplätzen und die Erfolgsquote in der dualen Ausbildung hoch.

Und was läuft in Baden-Württemberg schlecht? Verbesserungsbedarf sehen die Bildungsexperten vor allem bei der Förderinfrastruktur des Landes. So sei der Anteil der Kinder zwischen drei und sechs Jahren in einer Ganztagsbetreuung in Baden-Württemberg (25,2 Prozent) der niedrigste in ganz Deutschland (Bundesschnitt: 47,6 Prozent). Entwicklungsbedarf hat der Südwesten demnach auch beim Fremdsprachenunterricht für Berufsschüler. Deren Anteil lag zuletzt mit 21,2 Prozent deutlich unter dem bundesweiten Schnitt von 35,3 Prozent.

Neben der umfangreichen Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) enthält der INSM-Bildungsmonitor dieses Jahr auch zwei repräsentative Umfragen unter den vorrangigen Bildungsverantwortlichen: Eltern und Lehrkräften. In der vom Meinungsforschungsinstituts Civey durchgeführten Umfrage sagen bundesweit 56 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder, dass sie mit den Lernangeboten der Schulen während des vergangenen Schuljahres unzufrieden bzw. sehr unzufrieden waren. 22 Prozent waren zufrieden und lediglich knapp 8 Prozent sehr zufrieden.

In Ostdeutschland sind Eltern mit der Schulbildung besonders unzufrieden

Die Antworten korrelieren dabei mit der Schulbildung: umso geringer die Schulbildung der Eltern, desto größer deren Unzufriedenheit. Differenziert nach Bundesländern sind Eltern in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Brandenburg besonders unzufrieden. Im Mittelfeld liegen Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und Berlin. Deutlich zufriedener als der Durchschnitt waren Eltern in Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Bayern und Niedersachsen.

In einer weiteren Befragung wurden die Lehrkräfte um eine Einschätzung des gegenwärtigen Leistungsstands der Schülerinnen und Schüler gebeten. Rund 47 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sehen bei mehr als der Hälfte oder gar bei fast allen Schülerinnen und Schülern gravierende Lernrückstände durch die besonderen Umstände des letzten Schuljahrs. Etwa 44 Prozent stellen das bei weniger als der Hälfte oder nur bei sehr wenigen fest. Diese sehr heterogenen Ergebnisse zeigen den Studienautoren zufolge, wie wichtig eine genaue und möglichst individuelle Überprüfung der Lernstände ist. Statt pauschaler Maßnahmen müssten zielgerichtete Angebote erarbeitet werden.

Der Studienleiter des IW, Prof. Dr. Axel Plünnecke, warnt vor den sich verschärfenden Problemen bei der Bildungsarmut und zunehmender Ungleichheit der Bildungschancen und betont die Bedeutung digitaler Kompetenzen für die künftigen Herausforderungen von Digitalisierung und Klimaschutz. Er betont: „Mehr Investitionen in hochwertige Kitas und Ganztagsschulen, zusätzliche gezielte Mittel zur individuellen Förderung und eine Stärkung von MINT- Kompetenzen sichern Bildungs- und Teilhabechancen des Einzelnen und den nachhaltigen Wohlstand der Gesellschaft.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier lässt sich der vollständige Studienbericht herunterladen.

Zeugnistag für die Kultusminister: Sachsen ist spitze, Berlin ist am Ende – und zwei Bundesländer gelten als große Aufsteiger

 

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11 KOMMENTARE

  1. Man vergleiche mal die Gründe für das Abschneiden von Sachsen und Hamburg miteinander:

    Sachsen: Gut ausgebildete Lehrer und Erzieher, gute Leistungen in Vergleichsarbeiten
    Hamburg: Ganztagsquote, wenig Sitzenbleiber

    Beobachtung: Bildungssozialismus hat einen guten Ruf. Sitzenbleiber kann man auch durch geringere Anforderungen vermeiden.

    • @Marc: Genau darum geht es doch: Den Eltern soll die Kompetenz zur Erziehung der eigenen Kinder aus den Händen genommen werden, denn nur das bestehende System ist der Bewahrer der „richtigen“ und für das System notwendigen Erziehung und Bildung. Alle sollen (möglichst hart) arbeiten, um das Rentensystem durch den vorschnellen Tod (siehe Studie diese Woche) möglichst schnell zu entlasten. Die Bedürfnisse der Kinder spielen eine Neben- bis gar keine Rolle. Sind doch eh nur Blagen… Das System nimmt durch Dauerverwahrung einem Teil der Kinder und Jugendlichen aus meiner Sicht die Chance auf eine gesunde kognitive und psychische Entwicklung in einem Umfeld, in dem Eltern ihre Erziehungsverantwortung wahrnehmen und nicht nur auf Gewinnmaximierung und Konsum jeglicher Art fixiert sind.

    • Ich konnte auf die Schnelle nichts finden. Lehnen die nicht alle Arten von solchen Vergleichen ab? Was die GEW sagt, ist ja wohl bekannt.: Sie sieht alles unter dem Aspekt von Gesellschaftspolitik in einem bestimmten Sinne. Da sind die Schulsysteme der Stadtstaaten bestimmt favorisiert, und Bayern ist natürlich ganz schlecht, sozusagen der „Bildungshinterhof“ der Nation.

  2. Und wieder mal eine tendenziöse Auftragsstudie, juchu!

    Die ‚dt. Wirtschaft‘ urteilt also mal wieder über das ‚dt. Schulwesen‘ und weder der Zeitpunkt der Veröffentlichung (Schulstartphase), noch das zentrale Ergebnis (Ganztagsbetreuung) verwundern.

    Apropos: Wie genau trägt Ganztagsbetreuung zur „Fachkräftesicherung“ bei?

    Sind Beschäftigte in der Ganztagsbetreuung Fachkräfte? In den Augen der Wirtschaft bestimmt nicht!
    Die Ganztagsbetreuung stellt doch wenn überhaupt dann sicher, dass Fachkräfte ihre Nachwuchs verwahrt wissen!

    Oder kann man nur irgendwann mal Top-Manager werden, wenn man als Kind jeden Tag von 8 Uhr bis 18 Uhr fremdbetreut wird? Okay, so wird man bereits als Kind an einen min. 10-Stunden-Tag herangeführt (…).

    In jedem Fall reduziert die Wirtschaft hiermit mal wieder deutlich Schule als Ort der Betreuung, aus dem dann erstaunlicherweise doch nicht so viel brauchbares Material abzuschöpfen ist.

  3. Solche Studien sollten nicht unterschätzt werden. Ihre Wirkkraft ist in Gesellschaft und Politik erheblich, da sie einfach zu deuten sind. Aufgrund solcher Ergebnisse wird indirekt Druck aufgebaut, der sich in Meinungen und Haltungen entlädt, die wiederum die Menschen vor Ort an den Schulen (zusätzlich) unter Druck setzen. Außerdem bedienen sich Politiker solcher Studien, um ihre Interessen eigenbedarfsorieniert zu stützen und durchzusetzen.

    Im Eigentlichen sind solche Studien ein Fingerzeig der wirklich Mächtigen im deutschen Bildungssystem. Da können sich andere wissenschaftliche Disziplinen, wie Bildungswissenschaftler*innen sowie Pädagog*innen noch so sehr distanzieren, die Bildungsökonomie war spätestens seit den 1950ern und bleibt Dreh- und Angelpunkt der deutschen Bildungspolitik.

    • Korrektur: es soll heißen „Dreh- und Angelpunkt der zuerst westdeutschen und nach der Wende gesamtdeutschen Bildungspolitik.“

  4. Integration in Berlin: Flüchtlingskinder, gerade mal seit 4 bis 6 Wochen in Deutschland, gerade erst 6 Jahre alt, Keine D-Kennnisse des Kindes und der Eltern, wegen Corona keine Schulreifeuntersuchung bisher. Diese Kinder müssten m. M. nach in die Kita, um erst einmal anzukommen und deutsch zu lernen. Geht nicht, da keine Kitaplätze. Diese Kinder weinen seit Tagen stundenlang in der Schule, klammern sich schreiend an ihre Mütter, wenn diese gehen. Die LuL der ersten Klasse sind mit den Nerven am Ende. Willkommensklassen gibt es wegen Personalmangels nicht mehr. Um mit den Eltern und Kindern zu zu kommunizieren haben wir schon alles rekrutiert, was an der Schule möglich ist (durch LuL und SuS decken wir Englisch, Russisch, Türkisch, Persisch, Polnisch, Griechisch zum dolmetschen ab), aber es gibt auch noch andere Sprachen. Die anderen Kinder der 1. Klassen leiden ebenfalls unter der Situation, da diese Kinder viel Zuwendung brauchen. Aus Erfahrung der letzten Jahre weiß ich, irgendwann hören die Kinder auf, zu weinen. Irgendwann im Laufe des 1. Schuljahres lernen sie die deutsche Sprache (die einen schneller, die anderen etwas langsamer). Würde man diesen Kindern das 1. Schuljahr als Vorschule anerkennen und sie beginnen im nächsten Jahr noch eimal mit der 1. Klasse, dann könnte Integration gelingen. In Berlin laut Schulgesetz aber nicht möglich – in der Schulanfangsphase kann nur die 2. Klasse wiederholt werden. Meine Erfahrung aus dem letzten Corona-Schuljahr mit solch einem Fall – Gesetz ist Gesetz! So kann Integration nicht gelingen! Wenn das 1. Schuljahr, also die Grundlagen für Lesen, Schreiben und Rechnen fehlen, haben die Kinder keine Chance das aufzuholen (bis auf vielleicht einzelne hochbegabte). Übrigens eines dieser Kinder meiner Schule kam vor 4 Wochen aus Afghanistan, ist gerade erst 6 geworden, lebt in einer Erstaufnahmeeinrichtung und erlebt dort im Moment live die Angst und Panik unter den Erwachsenen. Es ist wohl nur zu verständlich, dass er täglich Angst hat, seine Mutter nicht wiederzusehen und allein zurückzubleiben unter lauter Leuten, deren Sprache er nicht versteht. Was tut man diesen Kindern an?

    • Noch eine Ergänzung zu meinem post:
      Auf meinen Hinweis, dass man vielleicht für eine Ausnahmegenehmigung (Einzelfallprüfung) zur Aufhebung des Schulgesetzes die Traumata der Kinder berücksichtigen könnte, erhielt ich mehrfach! die Antwort: Dann müssen sich die Eltern um ein Gutachten durch einen Kinderpsychologen kümmern. Eltern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, die sowieso schon an der deutschen Bürokratie verzweifeln, um sonstige Papiere zu organisieren, sollen das schaffen, was schon für Muttersprachler mehr als kompliziert ist? Deutsche Eltern warten bei uns Monate auf Termine beim deutschsprachigen Kinderpsychologen. Wie lange braucht man dann wohl, um einen Psychologen mit entsprechenden Sprachkenntnissen zu finden, oder gibt es nonverbale Psychodiagnostik für Trauma-Patienten? Falls ja, bin ich für Adressen derartiger Psychologen sehr dankbar. – Aber ich glaube, ich muss mich jetzt erst mal um eine Psychotherapie für mich selbst kümmern. Ich bin kurz vorm Durchdrehen!

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