Studie: Viele Jugendliche fühlen sich in einer datengetriebenen Welt ausgeliefert

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BERLIN. Künstliche Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Egal ob die Entwicklung als Bedrohung oder Chance wahrgenommen wird: Die Vorbereitung junger Menschen auf eine von datenbasierter Künstlicher Intelligenz geprägten Welt ist eine zentrale Aufgabe digitaler Bildung. Wie Jugendliche selbst die Situation einschätzen, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer internationalen Studie untersucht.

Die Digitalisierung hat Schattenseiten – das spüren Jugendliche durchaus. Foto: Shutterstock

Künstliche Intelligenz (KI) gilt vielen als das „große Ding“ der künftigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Bereits heute durchdringen datenbasierte KI-Anwendungen viele Bereiche des alltäglichen Lebens, darunter nicht zuletzt die Schule. Damit verbunden sind zugleich Hoffnungen und Ängste, Potenziale und Risiken. Die Technik schreitet rasant voran. Trotz heftiger Diskussionen werden viele Menschen mittlerweile an vielen Stellen überrascht vom Einsatz künstlicher Intelligenz, etwa von lernenden Chatbots in Telefonschleifen. „Ob KI in Zukunft so gestaltet wird, dass sie dem gesellschaftlichen Fortschritt dient, ist auch davon abhängig, inwieweit Menschen in der Lage sind, diese Technologien im Hinblick auf ihre sozialen und demokratischen Konsequenzen kritisch zu bewerten.“ Ist Emilija Gagrčin, Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin am Berliner Weizenbaum Institut, überzeugt.

Viele junge Menschen in Europa verfügen allerdings nur über rudimentäres Wissen darüber, wie KI-Anwendungen Daten im Netz sammeln, auswerten und verarbeiten, zeigen jetzt die Ergebnisse einer internationalen Studie der Emilija Gagrčin mit sechs anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern untersucht hat, welche Einstellungen Jugendliche in Europa gegenüber dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) haben. Befragt wurden 3.000 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren in Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Polen und Schweden.

„Das Ziel unserer Studie war es herauszufinden, wie die Jugend in Europa KI wahrnimmt“, so Gagrčin. „Da junge Menschen sich neue Technologien am schnellsten zu eigen machen, ist es wichtig zu verstehen, wie sich ihre Einstellungen dazu entwickeln.“

„Datafizierung“ und Privatsphäre

Die befragten Jugendlichen gaben an, dass ihnen die zunehmende Datafizierung aller Lebensbereiche Sorge bereite. Die überwiegende Mehrheit (70 Prozent) fürchtet, dass ihre Daten im Netz missbraucht und unrechtmäßig zwischen Unternehmen weitergegeben werden könnten. Gleichzeitig sind 40 Prozent der Meinung, dass Nutzerinnen und Nutzer wenig Einfluss darauf haben, was mit ihren Daten im Netz geschieht. 63 Prozent sind der Ansicht, dass die Art und Weise, wie soziale Medien Daten erfassen, der Demokratie zumindest teilweise Schaden zufügen kann.

Die Studie zeigt außerdem, dass vielen jungen Menschen nicht bewusst ist, wie Daten im Netz erhoben, verarbeitet und weitergegeben werden. Die Mehrheit der Befragten (57 bzw. 68 Prozent) glaubt, dass Unternehmen keine Informationen über ihre politische Gesinnung oder religiöse Überzeugung haben. „Unsere Befunde unterstreichen, dass junge Menschen die Reichweite moderner Datenerhebungspraktiken unterschätzen“, so die Co-Autorin Nadja Schaetz. „Damit fehlt ihnen auch das Wissen, die Folgen und potenziellen Gefahren der Datafizierung richtig einschätzen zu können.“

Bildung und Arbeit

Den Einsatz von KI-Systemen in der Bildung bewerteten die Jugendlichen überwiegend positiv. Mehr als die Hälfte (60 Prozent) ist der Meinung, dass die Integration von KI in den Unterricht Lernprozesse individualisieren und damit auch optimieren wird. Ein ebenso großer Anteil glaubt, dass Lehrkräfte künftig nicht von einer KI ersetzt werden. Vielmehr wird erwartet, dass die Technologie Lehrkräfte unterstützt und ihnen Hilfestellung gibt.

Junge Erwachsene in Europa erwarten, dass sich die Arbeitswelt aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung in den kommenden Jahren wandeln wird. 47 Prozent der Befragten gaben an, dass durch den Einsatz von KI-Systemen Arbeitsplätze verloren gehen werden, lediglich 26 Prozent glauben, dass mithilfe der Technologie neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Mit Skepsis begegnen Jugendliche dem Einsatz von KI am Arbeitsplatz: Die Mehrheit (59 Prozent) ist der Ansicht, dass eine digitale Kontrolle des Verhaltens von Beschäftigten zu deren Ausbeutung führt.

Misstrauen gegenüber staatlichen Einrichtungen

Unter jungen Europäerinnen und Europäern herrscht ein erhebliches Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen ihrer Länder. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) äußerte sich besorgt, dass Daten über ihr Online-Verhalten an ihre Regierungen weitergegeben werden könnten. 36 Prozent glauben nicht, dass ihre Regierungen KI zum Wohle der Gesellschaft einsetzen.

Angesichts der kritischen Ergebnisse fordern die Autorinnen und Autoren der Studie von politischen Entscheidungsträgern ebenso wie von Pädagoginnen und Pädagogen mehr Unterstützung, damit junge Menschen ein umfassendes Verständnis von den Mechanismen und Implikationen von KI-Anwendungen erlangen. Der Rechtwissenschaftler und Co-Autor Niklas Rakowski erklärt: „Um eine verantwortungsvolle und nachhaltige Entwicklung und Nutzung von KI sicherzustellen, müssen wir junge Menschen mit den entsprechenden Fähigkeiten ausstatten, selbstbestimmt mit der Technologie umgehen zu können. Deshalb sollten in schulischen und außerschulischen Bildungsbereichen algorithmische Kompetenzen vermittelt und die kritische Auseinandersetzung mit KI gefördert werden.“ News4teachers

News4teachers Bildungs-Podcast: KI im Unterricht – intelligente Tutorsysteme

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2 KOMMENTARE

  1. „Zunehmende Datafizierung aller Lebensbereiche“
    Das ist doch aber von der „Digitalisierung“ aller Lebensbereiche gar nicht zu trennen, man denke nur an die Unsitte der Cookies im Internet („Big Brother is watching you“). Und wer propagiert hier und anderswo ständig diese Digitalisierung als große Errungenschaft, womöglich schon im Kindergarten, auf jeden Fall aber in der Grundschule? Es sind zumindest diejenigen, die davon (finanziell) profitieren.

  2. Nicht jeder ist von Natur aus technikbegeistert und ein Nerd, auch nicht die digital natives.

    Manche haben einfach kein Interesse, sich permanent mit immer neuen „tollen Errungenschaften“ der Technik auseinandersetzen zu müssen, bei denen sie keinen Nutzen für sich selber sehen und bei denen andere bestimmen, dass sie das gefälligst lernen, zu kapieren und einzusetzen haben.

    Das ist so, als ob man einem hüftsteifen Bewegungsmuffel mit 2 linken Füßen sagen würde, er müsse jetzt aber für den Rest seines Lebens ständig Tanzkurse besuchen und wenn er das nicht anständig lernt, dann ist er ewiggestrig und sein Leben schon von vorneherein zum scheitern verurteilt.

    Dass das (Zukunfts)Ängste auslöst, kann ich voll und ganz nachvollziehen.

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