(Neue) Kita-Fachkräfte-Verbände: „Viele Kinder auf zu engem Raum überwiegend traurige Realität“

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BERLIN. Die (neuen) Verbände der Kita-Fachkräfte in Deutschland fordern, dass Bund und Länder nach der Bundestagswahl massiv mehr Geld in die Betreuung von kleineren Kindern stecken. Schon jetzt fehlten für ein kindgerechtes Bildungsangebot in Kitas etwa 100.000 Fachkräfte, warnten sie in einem jetzt veröffentlichten Positionspapier mit zwölf Forderungen. «Viele Kinder auf zu engem Raum ist leider überwiegend die traurige Realität in Kitas», heißt es darin. Auch der unzureichende Corona-Schutz in den Einrichtungen wird kritisiert.

Corona-Schutz? Gibt es in Kitas praktisch nicht. Foto: Shutterstock

Oft müssten Erzieherinnen tage- und zum Teil wochenlang allein Kindergruppen von 15 und mehr Kinder betreuen, was physisch und psychisch sehr belastend sei sowie auch haftungsrechtlich problematisch. «Im Ergebnis führt das unter anderem zu einem hohen Krankenstand, einer hohen Fluktuation, der Reduzierung der Arbeitszeit oder eben auch in letzter Konsequenz zur Kündigung.»

Ein weiterer Grund für die schwierige Situation sind nach Einschätzung der Verbände auch die bescheidenen Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten. «Trotz der Anpassung der Gehälter von pädagogischen Fachkräften liegen die Gehälter weiterhin 15 bis 20 Prozent unter dem Durchschnitt der bundesdeutschen Verdienste», heißt es weiter. «Für die später zu erwartende Rente bedeutet dies, dass selbst nach 40 Jahren Vollzeitbeschäftigung Altersarmut droht.»

Die Situation werde noch verschärft, dass zwar der Kitaausbau politisch forciert werde, die Ausbildung und Qualifizierung der Fachkräfte aber hinterherhinke. Auch mit dem aktuell beschlossenen Gesetz zur Förderung der Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern würden zwar Milliarden Euro für Investitionen bereitgestellt, «die Förderung einer begleitenden Fachkräfteoffensive ist aber nicht vorgesehen», beklagten sie.

Die Verbände kritisierten auch, dass das sogenannte Gute-Kita-Gesetz der Bundesregierung kaum Wirkung entfalte, da die Länder die 5,5 Milliarden Euro Bundesmittel überwiegend für eine Beitragsentlastung der Eltern verwendeten, aber die Qualität des Bildungsangebotes nur punktuell gefördert worden sei. Nötig sei eine «Investitionsoffensive» in Neubauten und Sanierungen. Ferner müssten der Neu- und Ausbau von Kindertagesstätten vorrangig bei der Stadtplanung berücksichtigt werden – auch mit ausreichenden Außenflächen.

Moniert wird auch der unzureichende Gesundheitsschutz für die Beschäfigten – nicht nur in der Corona-Krise: «Pädagogische Fachkräfte gehören zu den Berufsgruppen, die am stärksten von Covid195 betroffen sind. Es ist außerdem seit langem bekannt, dass pädagogisches Fachpersonal verstärkt unter psychischen Beeinträchtigungen, Atemwegs sowie Muskel und Skeletterkrankungen leidet. Deshalb müssen Gesundheitsförderungsprogramme der Berufsgenossenschaften und Krankenkassen sowie der Förderung von gesundheitsgerechten Arbeitsbedingungen zukünftig mehr Aufmerksamkeit in Kitas gewidmet werden.»

«Für den Herbst/Winter 2021/22 ist es notwendig, alle Kitas mit Raumluftfiltern auszustatten»

Um auf die Herausforderungen durch die Pandemie zu reagieren, werden (endlich) schnelle Maßnahmen gefordert – konkret: «Für den Herbst/Winter 2021/22 ist es notwendig, alle Kitas mit Raumluftfiltern auszustatten und regelmäßig PCRLollipooltests o. ä. neben den bereits üblichen AHARegeln in allen Kitas einzuführen. Außerdem sollten pädagogische Fachkräfte für die anstehende Auffrischungsimpfung aufgrund ihres hohen arbeitsbedingten SARSCoV2Expositionsrisikos weiterhin eine „hohe Priorität“ bei einer Impfung haben. Die Einberufung einer PandemieForce für den Kitabereich unter Einbeziehung von Kommunen, Trägern und KitaLeitungen auf Bundesebene ist erforderlich, damit deutschlandweite durchführbare Regelungen getroffen werden können.»

In immer mehr Bundesländern konstituieren sich Kita-Fachkräfteverbände. „Wir verstehen uns als Stimme aus der Praxis, da wir den Alltag vor Ort kennen und wissen, welche Rahmenbedingungen für eine kindgerechte Bildung und Betreuung in unseren KiTas notwendig sind“, so heißt es beispielsweise beim Kita-Fachkräfteverband Rheinland-Pfalz, der im vergangenen Jahr gegründet wurde. „In Rheinland-Pfalz fehlte bis jetzt eine Organisation, die den Blickwinkel der KiTa-Fachkräfte aus der Praxis in gesellschaftliche und politische Diskurse mit einbringt. Mit unserem Verband möchten wir diese Lücke schließen und dabei deine und unsere Beobachtungen und Erfahrungen einbringen. Als gemeinsame und laute Stimme aus der Praxis können wir zusammen die so dringend notwendigen Verbesserungen einfordern.“ Erzieherinnen und Erzieher sind bislang vorwiegend im Verband Bildung und Erziehung (VBE) sowie in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) organisiert. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zu dem vollständigen Positionspapier.

Lücke mittelfristig nicht zu schließen: Studien sehen dramatische Personalnot in Kitas

 

 

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4 KOMMENTARE

  1. Eine Frage: Sind wirklich mehr Erzieherinnen im VBE oder in der GEW organisiert als in verdi? Auf Demos sah man über viele Jahre mehr Symbole und rote Kleidung von verdi. – Diese für meinen Geschmack megapeinlichen Hemden mit dem Spruch „Zukunftsgestalterin fordert Anerkennung!“ zum Beispiel…

    Der GEW haben es viele ältere Erzieherinnen richtig übel genommen, dass sie vor anderen gefordert hat, dass Erzieher und Erzieherinnen studieren sollten.
    Interessant wäre es, auch mal zu erfahren, wie es sich mit den Austritten und Wiedereintritten in die Gewerkschaften verhält.
    Bei uns scheinen junge Erzieherteams die Komba zu bevorzugen.

  2. Zum Glück hat „die Wissenschaft“ bewiesen, dass es komplett egal ist, ob 2 oder 200 Kinder in einem Raum sind.

    Sonst würde ich mir Sorgen machen.

    Aber so….

    • Da haben die Kinder ja auch besonders viele Freunde… Und die Kita ist ein immunologisches Trainingslager der Spitzenklasse! Das ist – laut unserherrschender Meinung – nur gut für das Immunssystem. – Blöd wäre es natürlich, wenn Autoimmunerkrankungen zunehmen würden und die Ärzteverbände eine andere Meinung verkünden müssten.

      Für die Kinder ist es natürlich nicht besonders schön, dass ihr Immunssystem im zarten Alter immer wieder stimuliert wird und sie in übergroßen Kruppen von „kleinen Freunden“ umgeschubst, gekratzt oder gebissen werden. – Okay, auch das mag eine sinnvolle Vorbereitung auf das spätere Arbeitsleben sein.

  3. Ehrlich gesagt fände ich es besser, wenn die neuen Kita-Fachkräfte-Verbände sich gar nicht erst mit Forderungen an die Politiker wenden würden, sondern an ihre Mitglieder. Nur weil Erzieher und Erzieherinnen so vieles bereitwillig mitgemacht haben, war es langfristig möglich Kinder über viele Jahre unter eklatantem Personalmangel zu betreuen. Und so haben Eltern und Erzieherinnen gelernt, dass die Masse der Erzieherinnen sich immer noch mit dem arrangieren kann, was ihnen und den Kindern zugemutet wird.

    Einfach einen Ehrenkodex entwickeln, ihn verkünden und eine Frist setzen, ab der Vereinsmitglieder nicht mehr unter bestimmten Konditionen arbeiten werden. Dann mit Vorfreude abwarten, was alles möglich ist.

    Um diese Chuzpe zu haben, müsste man allerdings Vertrauen in die eigene Berufsgruppe haben – und wer hat das?

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