Referendariat kürzen? Bildungspläne der künftigen rot-roten Koalition sorgen für Kritik

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SCHWERIN. Das Thema Bildung war ein zentraler Teil im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern. Die Schwachstellen wurden aufgezeigt. Die künftige Koalition aus SPD und den Linken will in ihrem Programm die Weichen für Verbesserungen stellen. Doch viele sind enttäuscht.

SPD und Linke erwägen, die Schwere beim Referendariat anzusetzen. Foto: Shutterstock

Mehr Lehrer, eine Reform des Lehramtsstudiums, mehr Studienplätze – mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen will die künftige rot-rote Koalition die Lehrerknappheit in Mecklenburg-Vorpommern bekämpfen und den Unterricht verbessern. Doch die Details, die nach der Koalitionsrunde zum Thema Bildung am Samstag in Schwerin bekanntgegeben wurden, sorgten für lange Gesichter bei Experten. Von den anfangs angekündigten 1000 zusätzlichen Lehrer-Stellen blieben nun weniger als 500 übrig, stellte der Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Franz-Robert Liskow, am Sonntag fest.

Nach Worten der Fraktionsvorsitzenden der Linken im Landtag, Simone Oldenburg, die als kommende Bildungsministerin gehandelt wird, gehören zu den 1000 angekündigten Stellen 250, die es bereits gibt, die aber aktuell nicht besetzt sind. Weitere 280 existieren demnach ebenfalls bereits befristet bis 2024. Sie sollen entfristet werden. Weitere 270 Stellen sollen aufgrund steigender Schülerzahlen geschaffen werden.

«Abschließend bleibt die zentrale Frage, wie wir den Arbeitsplatz Schule für Pädagog*innen deutlich attraktiver machen»

Nach einer ersten Analyse der Lehrergewerkschaft GEW bringen die Pläne von Rot-Rot nicht wie erhofft mehr Zeit für Unterricht und für das pädagogisch begleitete Lernen. Wirklich zusätzlich entstünden demnach 50 Stellen für Vertretungslehrer sowie 150 für Berufsschullehrer, erklärten die beiden Landesvorsitzenden Annett Lindner und Maik Walm. Dies werde von der GEW begrüßt. «Abschließend bleibt die zentrale Frage, wie wir den Arbeitsplatz Schule für tarifbeschäftigte und verbeamtete Pädagog*innen deutlich attraktiver machen, auch um offene Stellen tatsächlich besetzen zu können.»

Oldenburg kündigte an, das Lehramtsstudium für eine bessere Studierbarkeit reformieren sowie mehr Studienplätze für Pädagogen in Greifswald schaffen zu wollen. Zudem soll eine Verkürzung des Referendariats für angehende Lehrer in MV geprüft werden. Der Deutsche Realschullehrerverband kritisierte Letzteres heftig. Die sei eine «verkappte Sparmaßnahme» und werde dem Lehrermangel nicht entgegenwirken, erklärte der Bundesvorsitzende Jürgen Böhm. Das Referendariat sei die zweite wichtige Phase der Lehrerausbildung und bereite die angehenden Lehrkräfte intensiv auf ihre spätere Tätigkeit vor. Dies bilde die Grundlage für einen qualitativ hochwertigen Unterricht.

Der CDU-Politiker Liskow hat zudem Zweifel bei den von Oldenburg genannten Kosten von 84 Millionen Euro für das Lehrer-Paket angemeldet. Diesen Kosten mangele es an Ehrlichkeit, meinte er. «Womöglich ein erster Fingerzeig, dass Rot-Rot sich damit abgefunden hat, dass der Corona-Schutzfonds als Finanzierungsquelle ausfallen könnte.»

Anlass ist, dass der Staatsgerichtshof in Hessen das dortige Corona-Sondervermögen des Landes als verfassungswidrig eingestuft hat. Die Konstruktion des hessischen Corona-Sondervermögens und des Sondervermögens MV-Schutzfonds sind nach Einschätzung der Union «relativ ähnlich». Liskow mahnte, dass die Kreditermächtigungen im MV-Schutzfonds nur für Maßnahmen ausgegeben werden dürften, die einen eindeutigen Bezug zur Bewältigung der Pandemie haben. Zudem dürften sie nur im zwingend erforderlichen Maße genutzt werden.

Der MV-Schutzfonds, für den laut Landtagsbeschluss Kredite bis zu einer Höhe von 2,85 Milliarden Euro aufgenommen dürfen, ist Gegenstand einer Klage der AfD-Fraktion vor dem Landesverfassungsgericht in Greifswald. Die AfD bezweifelt, dass solch eine große Summe nötig ist. Kritik an der hohen Neuverschuldung hatte zudem der Landesrechnungshof geübt.

Weitere Details der Koalitionsverhandlungen betreffen die Schaffung von Arbeitszeitkonten für die Lehrer. Mit zusätzlich geleisteten Stunden könnten sie früher in die Rente gehen oder am Ende der Lebensarbeitszeit weniger belastet werden. Weiter soll es keine Mindestschülerzahl für die Klassen 1 und 5 geben. Es werde keine Schulschließung mehr geben wegen zu geringer Schülerzahlen. «Wir haben damit eine dauerhafte Sicherung der Schulstandorte», sagte Oldenburg. dpa

Schwesig erwägt, das Referendariat zu verkürzen, um Lehrerberuf attraktiver zu machen

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8 KOMMENTARE

  1. Wenn im Referendiat gekürzt wird, verursacht das dann Mehraufwand für die dann später „aufnehmende Schule“, da diese Anwärter viele wichtige Eindrücke, Situationen nicht kennengelernt oder gewonnen haben!
    Somit viel mehr Unterstützung brauchen werden!
    Auch werden vermehrt Lehre*innen in die Schulen kommen, welche evtl. für diesen Beruf ungeeignet sind, da sie das Umfeld Schule viel zu kurz kennengelernt haben!

    • Glaube ich nicht.

      Letztlich sind Referendare auch nur Lehrer mit geringem Deputat. Sooo viel bringen die Mentoren und Seminare dann auch nicht, dass es ohne sie gar nicht ginge. Ich persönlich hätte es sogar vorgezogen, meine notwendigen Erfahrungen selbstbestimmt machen zu können statt ständig in künstlichen Reflexions- und Beratungsgesprächen meine Besserung geloben zu müssen.

      • Ging mir genauso!
        Dazu die wochenlange Dressur der Schüler (die Zeit hätte bei Gott sinnvoller, auch zum wirklichen Benefit der Schüler, genutzt werden können!) im Vorfeld einer Unterrichtsvorführung (allein schon diese Bezeichnung sollte einem zu denken geben!) sowie die Ausgabe von Unsummen für Lehr- und Anschauungsmaterial, das dann doch nur verrissen bzw., nach langen Jahren der Nicht-Wieder-Nutzung verstaubt, schweren Herzens entsorgt werden konnte.

        • Ich bin in Ihren Ausführungen voll bei Ihnen!
          Sie haben allerdings die völlige Realitäts- und Praxisferne dieser „Vorführungen“ vergessen.
          Um eine Show-Stunde in der vom Seminar geforderten Umfang abzuhalten, werden andernorts Ton-, Bühnen- und ggf. Pyrotechniker, Drehbuchautoren, Regisseure und Bühnenbildner beschäftigt.
          Zudem gäbe es im Vorfeld ein Casting.
          Das darf der Lehramtsanfänger alles alleine stemmen und, wie Sie schon treffend erwähnten: von seinem üppigen Gehalt bezahlen.
          Trotzdem wird es nie genug sein, nie gelobt werden und immer wieder verrissen werden.

    • Einer unserer Referendare brachte einmal eine herrliche Karikatur mit: Im Hintergrund sah man einen Elefanten auf einem runden Tischchen einhändig Handstand machen und zugleich mit den Hinterbeinen und dem freien Vorderbein Teller auf Stangen balancieren. Im Vordergrund stand ein kleiner, schüchterner Referendar vor seinem Fachleiter, der ihn fragte: „Warum haben Sie keinen eckigen Tisch genommen?“

  2. Den Beruf könnte man durch vieles interessanter und attraktiver machen.
    – Arbeitsumgebung die nicht nach Kriegsgebiet nach Bombardierung aussieht.
    – Verbeamtung und Bezahlung.
    – Entlastung von Verwaltung
    – Entlastung von Vertretungen
    – Sinnvolle Reformen
    – Ausbildung in Landesseminaren deren pädagogische Vorstellungen nicht aus dem Bau von potemkinschen Dörfern in Lehrproben, sondern echter Praxis besteht.
    – Aufstiegschancen nach Befähigung und nicht nach tiefe des Eindringens in das Rektum einer Partei.

    An einem halben Jahr mehr oder weniger Referendariat hängt es da wirklich nicht.
    Zumal nach meiner Erfahrung da nur die zeit und nicht der Inhalt gekürzt wird. Also noch mehr Stress.

  3. Arbeitszeitkonten für Lehrer… interessant. Und verkauft als Benefit für Lehrkräfte.

    Warm habe ich wieder das Gefühl, dass dies nicht zum Wohl der Lehrkräfte sondern zum Wohl des Finanzhaushaltes eingeführt werden soll.
    Jetzt viel arbeiten und später dann Entlastungen? Ich bin skeptisch und äusserst misstrauisch.

    Damit soll jetzt der Lehrermangel aufgefangen werden, damit Zeit geschunden wird. Was passiert, wenn der Mangel nicht behebbar ist?
    Und wer halst sich noch mehr Arbeit auf als jetzt? Ich bin so schon am Anschlag aufgrund des Lehrermangels.

    • Die Konten hatten wir hier schon mal vor etwa 20 Jahren. Nannte sich Swing.
      5 Jahre 1-2 Stunden pro Woche mehr. Machte nach 5 Jahren etwa 7 Überstunden x 40 Wochen = 280 h. Die sollten dann in den kommenden Jahren abgebaut werden.
      Problem:
      Da das Ministerium das Problem als erledigt ansah, es hatte in den 5 Swing-Jahren ja jetzt genug Lehrerstunden, hat es mal vorsichtshalber nur sehr wenig getan.
      Am Ende des Swing waren also noch immer zu wenig Lehrer da und viele Kollegen haben dann 10 Jahre gebraucht um die 280h wieder abzubauen.

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