Computerspiele im Unterricht? Auf die Lehrer der nächsten Generation kommt’s an

13

KÖLN. Für viele Lehrerinnen und Lehrer sind Computerspiele noch immer quasi des Teufels, dabei hätten sie auch im Unterricht einiges didaktisches Potenzial, sind Forscherinnen und Forscher der Universität zu Köln überzeugt. Im Lehramtsstudium sollten sie daher einen zentralen Stellenwert bekommen.

Computerspiel motivieren – auch zum Lernen? Illustration: Shutterstock

Computerspiele spielen eine große Rolle in der Lebens- und Medienwelt von Kindern und Jugendlichen. Im Hinblick auf Bildung und schulischen Erfolg gelten Sie allerdings den meisten Erwachsenen vorsichtig gesprochen, als zumindest hinderlich. „Computerspiele haben für den Unterricht großes Potenzial“, ist dagegen der Kölner Psychologe Marco Rüth überzeugt. Studien hätten bereits gezeigt, dass Computerspiele als Lernwerkzeug im Schulunterricht den Kompetenzaufbau von Schülerinnen und Schülern unterstützen können. Auch seien Schülerinnen und Schüler nach der Nutzung von Computerspielen im Unterricht in der Lage gewesen, ihre Erfahrungen mit dem Medium kritisch und konstruktiv zu reflektieren.

Der Schulunterricht nehme dieses Medium jedoch kaum in den Blick. Insbesondere die zukünftige Generation von Lehrkräften, die aktuell an Hochschulen ausgebildet wird, könnte dies ändern, so Rüth. In einer aktuellen Studie befragte Rüth gemeinsam mit seinen Kölner Kollegen Adrian Birke und Kai Kaspar online 402 Lehramtsstudierende von deutschsprachigen Hochschulen zu ihrer Absicht, Computerspiele als Lernwerkzeuge und als Reflexionsgegenstand in ihren zukünftigen Schulunterricht zu integrieren. Dessen, dass dies nicht im luftleeren Raum geschehen könne, sind sich indes auch die Kölner Wissenschaftler bewusst. „In der aktuellen Studie haben wir den Fokus auf die Lehrkräfte von morgen gelegt und darauf, wie man sie besser auf den Einsatz von Computerspielen im Unterricht vorbereiten kann“, beschreibt Marco Rüth.

Das Forschungsteam untersuchte in der Studie insgesamt 21 Personenmerkmale, darunter die wahrgenommene Wirksamkeit von Computerspielen, das Wissen zu Computerspielen und die Angst vor dem Einsatz von Computerspielen im Unterricht. „Vor allem die wahrgenommene Wirksamkeit von Computerspielen und wahrgenommene Bezüge von Computerspielen zu Lehrplänen sind für die Absicht der Lehramtsstudierenden, Computerspiele im eigenen Schulunterricht tatsächlich einsetzen zu wollen, entscheidend“, erläutert Rüths Kollege Professor Kai Kaspar die Ergebnisse.

In der Befragung zeigten sich darüber hinaus Unterschiede zwischen den Einsatzszenarien von Computerspielen: „Möchten Lehramtsstudierende durch Computerspiele Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern fördern, achten sie besonders auf ihre eigene Angst vor der Nutzung von Computerspielen und inwiefern für sie wichtige Personen denken, dass sie Computerspiele nutzen sollten“, führt Marco Rüth aus. „Wenn sie dagegen Computerspiele für medienkritische Diskussionen nutzen möchten, stand stattdessen der für sie damit verbundene Aufwand im Fokus.“

Da Computerspiele als Medium aktuell kaum im Lehramtsstudium vorkommen, empfehlen die Forscher, dass vor allem Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Computerspielen und Bezüge von Computerspielen zu Lehrplänen einen zentralen Stellenwert im Lehramtsstudium einnehmen sollten. Ebenso sollten Lehramtsstudierende mögliche Fallstricke bei der praktischen Umsetzung kennen und damit umgehen können, sodass langfristig Lehrkompetenzen mit Computerspielen gefördert werden. „Dazu erscheinen nicht nur Anpassungen am Curriculum des Lehramtsstudiums notwendig, sondern auch weitere Unterstützungsangebote und Forschungsergebnisse, damit Lehrkräfte in ihrer späteren Schulpraxis genau wissen, wann und wie sie Computerspiele im Unterricht effektiv einsetzen können“, so Professor Kaspar. (zab, pm)

Studie: Mehr Computerspiel-süchtige Kinder (genauer: Jungen) seit Beginn der Corona-Krise

Anzeige


Abonnieren
Benachrichtige mich bei
13 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Palim
2 Monate zuvor

Warum wurden aktuelle Lehrkräfte nicht einbezogen?
Wie sollen Studierende die Möglichkeiten an den Schulen einschätzen können? Da erfasst man doch eher Träume und Wünsche, als reelle Möglichkeiten.
Wie qualifiziert sind Lehramtsstudierende hinsichtlich Methodik und Didaktik in Theorie und Praxis?
Befragt man auch Auszubildende im Handwerk hinsichtlich ihrer Einschätzung neuer Möglichkeiten im Handwerk?

Die Computerspiele der vergangenen 20 Jahre werden abgelöst durch Apps, da die Anschaffung von Geräten von Desktop-PCs auf mobile Varianten und Tablets verlagert wird, was an den Vorgaben zur Ausschüttung der Gelder zum Digitalpakt liegt.
Ich nehme gerne die bisherigen Möglichkeiten an Lernspielen, wenn es sie als App geben würde, da sie sich bewährt haben und ich um die Möglichkeiten der Differenzierung wie auch der Dokumentation über diese Programme weiß.

Seit 20 Jahren frage ich auch, warum die Fachrichtung „Pädagogische Informatik“ nicht verbreitet ist.
Zudem machen sich Lehrkräfte durch den Einsatz von online-Spielen abhängig von Systemen, es müsste Vorgaben geben, was einzuhalten ist (gibt es) und für jedes Spiel und jede App seitens des Anbieters leicht abrufbare, überprüfbare Informationen zum Datenschutz innerhalb der eingesetzten Programme. Dazu dann ähnlich zur Schulbuch-Sichtung der Länder (ja, z.T. auch schlecht umgesetzt) Personen, die Apps und Datenschutz regelmäßig kontrollieren und veröffentlichen, wer sich an die Vorgaben hält.

Jede Lehrkraft wird letztlich bei jedem Spiel, wie auch bei anderen eingesetzten Medien, entscheiden, worin der Nutzen oder Mehrwert besteht, wo anderes besser geeignet ist oder wo der Spielfaktor den Lerneffekt überlagert oder schlicht Werbung verbreitet wird.

Eine breite Diskussion um Fluch und Segen von Gamification in Unterricht und Erziehung (z.B. Für und Wider von Token-Systemen) braucht es zusätzlich.

GriasDi
2 Monate zuvor

Wo sind all die Spiele, die für den Unterricht geeignet sind? Wer programmiert all diese Spiele, mit denen man nicht mal was verdienen kann?

Pet_Teachers
2 Monate zuvor
Antwortet  GriasDi

Hier ist nicht von speziellen Lernspielen die Rede, sondern von Computer- bzw. Konsolenspielen (ab hier vereinfacht „Computerspiele“ genannt) an sich.
Wer sich etwas damit beschäftigt, sieht schnell, dass Computerspiele viele schwierige Themen altersangemessen verarbeiten können. Zudem bieten sie die Möglichkeit, durch Abstraktion Abstand zu den Themen zu gewinnen. Hier können Kinder sich mit unbekannten Themen befassen und dabei noch Spaß haben. Außerdem arbeiten Computerspiele mit Metaphern, sodass SuS hier interpretieren müssen – etwas, das sie sonst nur abstrakt im Deutschunterricht anwenden. Es gibt jetzt schon Computerspiele, die sofort angewendet werden können. Zum Beispiel vermittelt das Spiel „Human Resource Machine“ spielerisch die Grundlagen von Programmier-Befehlen.

Computerspiele bieten viele Vorteile! Es gibt ganze Essays über Computerspiele und ihre Interpretation. Wer sich dafür interessiert, findet auf Youtube eine große Auswahl.
Da geht es beispielsweise um die Darstellung einer psychischen Erkrankung im Spiel „Hellblade – Senua’s Sacrifice“, die Überwindung einer Depression bei „Celest“ oder auch des Prinzips Der-Weg-ist-das-Ziel im Spiel „Journey“. Kinder können viel über Kooperation und Kommunikation bei Spielen wie „Overcooked“ oder „It takes two“ lernen. Ganz nebenbei haben Kinder hier die Gelegenheit, ihre englischen Fremdsprachenkenntnisse anzuwenden, da viele Spiele nicht synchronisiert werden. Das ist doch ganzheitliches Lernen! Oder mithilfe des Spiels „Red Dead Redemption“ kann unsere Vorstellung vom Wilden Westen besprochen und dann mit historischen Quellen verglichen werden. Medienkritik vom Feinsten!

ABER! Das wäre eher etwas für eine AG bzw. ein eigenes Fach, im normalen Unterricht ist dies oft schlicht nicht umsetzbar. Dazu sind viele Spiele zu zeitaufwändig – und einige Kinder werden aufgrund der anspruchsvollen Steuerung die Spiele auch gar nicht schaffen bzw. weit genug kommen! Diese Spiele müssen pädagogisch fundiert ausgewählt, vor- und nachbereitet und begleitet werden. Dafür muss die Lehrkraft schon sehr versiert mit der Materie umgehen können.

Das Problem ist auch die technische und rechtliche Umsetzung… Für die Spiele braucht man PCs bzw. Konsolen in ausreichender Anzahl und natürlich dann noch das Spiel bzw. eine Lizenz. Viele sind nur online z.B. auf Steam zu erhalten – muss dann jeder Schüler einen Steam-Account haben? Diese Spiele sind oft auch nicht billig! Zahlt die Schule dafür? Was passiert mit den Spielen, wenn die Schüler damit fertig sind – werden sie wieder gelöscht? Fällt dies unter „Lehrmittelfreiheit“? Das sind zu viele offene Fragen, als dass dies derzeit umsetzbar wäre.

(Ich persönlich befasse mich privat viel mit Computer- und Konsolenspielen und kenne mich – dank der Verbindung zu einem sehr aktiven Spieler – relativ gut aus. Ich habe auch schon mehrfach meiner Schulleitung angeboten, so etwas in einer AG umzusetzen. Der Vorschlag wurde leider nicht aufgenommen…)

Digital Teacher
2 Monate zuvor
Antwortet  Pet_Teachers

Sehr typisch für die Schulen/Lehrer und Behörden hier lieber wieder als Bedenkenträger anstatt lösungsorientiert aufzutreten. Neue Wege und unkonventionelle / flexible Umsetzung anstatt sich im Mindset des willfährigen Beamten alles vorgeben und diktieren zu lassen (oder die Referendare und Praktikanten zu Lösungen zu nötigen) ist angebracht. Ich weiß ihr habt sowas nicht gelernt und selbstständige Mindsets sind der Teufel, so bleibt aber auch das gesellschaftliche Bild von Lehrern erhalten.

Carsten60
2 Monate zuvor

Und natürlich ist es ein Markt, an dem diverse Unternehmen verdienen können, auch durch die Hardware. Mit den Kosten soll dann der Bildungsetat belastet werden. Man wird es woanders abzwacken. Großer Applaus.
Oder die Eltern sollen alles bezahlen, und für arme Kinder wird es vom Etat der Sozialämter abgezwackt. Auch nicht besser.

Berufsschul-Lehrer NRW
2 Monate zuvor
Antwortet  Carsten60

Wieder so ein gemecker ohne relevante Lösung und Idee. Wie wäre es mit unterschulischen und städtischen Projektgruppen oder den Käse einfach mal im Unterricht aus zu probieren, so ganz ungezwungen oder glaubst du dein Fachleiter sitzt noch unter dem Schreibtisch und beobachtet/ bewertet dich?

Berufsschul-Lehrer NRW
2 Monate zuvor

*Interschulischen Projektgruppen.

Georg
2 Monate zuvor

Haben Sie denn einen Vorschlag, um die Finanzierungsfrage zu klären? Die Kommunen sind sicherlich nicht dazu bereit.

Digital Teacher
2 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Selbst den Laptop oder die Konsole anschließen, Schüler mitbringen und vorführen lassen, junge Kollegen die selbst Zocker sind involvieren.
Lernapps gibt es zu hauf, die Lizenzen nicht teuer oder gar kostenlos. Partner aus der Wirtschaft, wie Microsoft, hinzunehmen.

Digital Teacher
2 Monate zuvor

Tja leider gehen die progressiven Lehramtstudenten und Referendare in die freie Wirtschaft ab. Das Lehramtsstudium bietet inklusive Referendariat weder die Möglichkeiten noch die Zeit selbsttätig sich hier einzuarbeiten oder Dinge zu entwickeln. Ich bin einer dieser Digitalos, der schon in seinem Masterstudium an digitalen Spielen und Apps geforscht und entwickelt hat. Die Kompetenz wurde in Wuppertal (NRW) aber weder innerhalb des Kollegiums noch innerhalb des Referendariats Wert geschätzt. Teilweise wurden sie belächelt und abgekanzelt. Ich bin dann in die Digital Branche gewechselt. Es muss einen Einstieg in die Behörden, Schulen und Ministerien geben ohne das Referendariat bzw. für entsprechende Leute mit beruflicher Qualifikation. Lehrer werden aus ihrem Ökosystem heraus sozialisiert und werden von der vorletzten Generation ausgebildet und bewertet sowie gesiebt. Veränderungen sind hier nur durch Disruption möglich, wie man durch Corona sehen kann.
Bitte thematisiert doch mal die Mindsets und die Unternehmenskultur (Wertesystem) in den Schulen welche eben hier als Bremser fungieren.

Palim
2 Monate zuvor
Antwortet  Digital Teacher

Vorletzte Generation … ah ja.
Disruption? hm, ja, verstehe

Warum sollen sich Lehrkräfte, die von Beruf Pädagogen sind, auf etwas einlassen, wenn der Nutzen nicht augenscheinlich ist, um so mehr, wenn der Anbieter von den Anforderungen in der Schule nichts wissen will („Es muss einen Einsteig in die Behörden ohne das Ref geben“).
Solche Angebote gibt es immer wieder, dafür sollen Lehrkräfte dann ihr eigenes Geld und zusätzliche Arbeitszeit investieren. Schon merkwürdig.

Kaufen Sie doch ein paar Handrührgeräte oder Backautomaten oder einen Brennofen und gehen Sie damit ehrenamtlich in die Schule. Da können Sie dann der vorletzten Generation mal zeigen, wie innovativ ehrenamtliches Vergnügen doch sein kann.

GriasDi
2 Monate zuvor

Ich arbeite jeden Tag unkonventionell und lösungsorientiert. Anders könnte ich meinen Beruf gar nicht ausüben. Ohne mein finanzielles Engagement gäbe es auch keinen Wahlkurs in dem mit dem Raspberry Pi Elektronik programmiert bzw gesteuert wird (ich habe alle Kosten für das Material selbst getragen). Da muss ich mir von Ihnen kein mangelndes Mindert vorwerfen lassen. Ich kenne niemanden, der als Angestellter irgendwo arbeitet une noch für seine Arbeitsmaterialien bezahlt. Ausserdem habe ich nicht die Zeit neben meiner 50 Stunden Woche und der Jugendarbeit im Verein noch zig Computerspiele auf ihre Brauchbarkeit im Unterricht zu testen.

GriasDi
2 Monate zuvor

Es muss Mindset nicht Mindert heissen