Suche nach Kita-Fachkräften: Hapert’s an der Ausbildung? Oder schlicht am Gehalt?

24

ERFURT. In nahezu allen Kindergärten wird händeringend Personal gesucht. An Vorschlägen, wie sich die Nachwuchssituation verbessern ließe, mangelt es nicht. Doch nicht jede Idee kommt bei den Praktikern an, wie das Beispiel Thüringen zeigt. Ein besonderes Manko auf dem Arbeitsmarkt für Kita-Fachkräfte: Es lassen sich zu wenige Männer für den Beruf gewinnen. 

ErzieherInnen werden händeringend gesucht. Foto: Shutterstock

Kita-Träger in Thüringen haben eine dauerhafte Fortführung der vergüteten praxisintegrierten Ausbildung für Erzieher gefordert. Es sei nötig, dass noch viel mehr Menschen und Träger als in der Vergangenheit davon profitieren könnten, erklärten Vertreter mehrerer Kindergartenträger bei einer Anhörung im Bildungsausschuss in Erfurt.

Das Modellprojekt Praxisintegrierte Ausbildung (PIA) gibt es im Freistaat seit 2019. Darüber erhalten angehende Erzieherinnen und Erzieher eine Vergütung, während viele andere, die diesen Beruf erlernen, sogar Schulgeld zahlen müssen. Ein Tropfen auf den heißen Stein: Im Ausbildungsjahr 2021/22 waren über PIA in Thüringen nach Angaben des Bildungsministeriums 120 Plätze an fünf verschiedenen Fachschulstandorten gefördert worden.

Dass es derzeit so wenige PIA-Plätze gebe, frustriere viele Bewerber und Träger regelrecht, erklärte eine Vertreterin der Liga der Freien Wohlfahrtspflege. «Wenn wir 15 bis 20 Bewerber haben und im Losverfahren nur drei Stellen zugelost bekommen, war das eine Arbeit, die sich für uns nicht ausgezahlt hat.»

Während der Anhörung schilderten Kindergartenträger und Gewerkschaften die Personalsituation in den Einrichtungen im Freistaat mit dramatischen Worten. «95 Prozent der Kindergärten verfügen nicht über einen kindgerechten Personalschlüssel», sagte die Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Kathrin Vitzthum. Nicht nur, dass nach den gesetzlichen Vorgaben zu viele Kinder auf eine Erzieherin oder einen Erzieher kämen. Selbst dieser schlechte Schlüssel werde vielerorts gar nicht eingehalten.

«Wir befinden uns in Deutschland weiter auf dem Weg, um mehr Geschlechtervielfalt in den Kindergärten zu erreichen»

Die Idee von Rot-Rot-Grün, ein Zentrum für frühe Bildung in Thüringen zu schaffen, um die Ausbildung von Nachwuchs für die Kindergärten zu unterstützen, wurde bei der Anhörung unterschiedlich bewertet. Während Vitzthum sich dafür aussprach, erklärte ein Vertreter der Evangelischen Kirchen, es fehle in Thüringen nicht an Input, um bei der Aus- und Weiterbildung von Personal besser zu werden – es mangele daran, diesen Input umzusetzen.

Eine Vertreterin der Liga der Freien Wohlfahrtspflege mahnte verlässlichere Daten zum Personalbedarf in den Kindergärten an. «Wir brauchen eine fundierte und systematische Statistik.» Diese müsse etwa berücksichtigen, wie viele Kinder in den vergangenen Jahren geboren wurden, wann Erzieherinnen und Erzieher in Rente gingen und wie viele Menschen zuletzt eine Ausbildung in diesem Berufsfeld gemacht hätten.

Ein Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums verwies darauf, dass es vorrangig Aufgabe der Kommunen und auch der Träger selbst sei, den eigenen Personalbedarf für die kommenden Jahre zu ermitteln. Unabhängig davon seien besonders die Träger selbst gefordert, durch attraktive Arbeitsbedingungen dafür zu sorgen, dass sie ausreichend Nachwuchs bei Erzieherinnen und Erziehern hätten.

Diese Einschätzung teilte auch Vitzthum. Es sei «eine Schutzbehauptung», wenn Kommunen und Träger argumentierten, es gebe auf dem Markt nicht ausreichend Menschen, die in Kindergärten arbeiten wollten. Sie werde überall dort widerlegt, wo sich durch bessere Bezahlung und die Ausschreibung von unbefristeten Stellen tatsächlich Erzieherinnen und Erzieher finden ließen.

Dabei wird vor allem ein Manko deutlich: Männer lassen sich kaum für den Beruf begeistern. Nur rund sechs Prozent des pädagogischen, Leitungs- und Verwaltungspersonals an Thüringer Kitas waren im vergangenen Jahr Männer. Von den 15.983 Beschäftigten in dieser Berufsgruppe waren zum Stichtag Anfang März 2021 gerade einmal 966 Männer, wie das Thüringer Bildungsministerium auf Anfrage mitteilte. Es bezieht sich dabei auf Zahlen des Landesamtes für Statistik.

Dabei gibt es seit mehr als zehn Jahren Bestrebungen, den Anteil männlicher Erzieher in ganz Deutschland deutlich zu erhöhen. «Wir befinden uns in Deutschland weiter auf dem Weg, um mehr Geschlechtervielfalt in den Kindergärten zu erreichen», erklärte ein Sprecher des Bildungsministeriums. Dafür sei aber vor allem ein gesellschaftlicher Wandel nötig. Auch mehrere staatliche Programme konnten den Männeranteil in den Kindergärten nicht sprunghaft deutlich erhöhen. Thüringen nahm unter anderem an dem EU-Modellprogramm «Mehr Männer in Kitas» teil, das zwischen 2011 und 2013 lief. Auch am Projekt der Arbeiterwohlfahrt «juniorExperten – Kinder brauchen Männer» beteiligte sich der Freistaat.

Immerhin: In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Männer in Thüringer Kindergärten mehr als vervierfacht – von 207 im Jahr 2010 auf 966 im Jahr 2021. Dennoch blieb Thüringen zumindest im Jahr 2020 mit einem Männeranteil von 5,6 Prozent noch unter dem bundesweiten Schnitt von 7,1 Prozent.

Laut Bildungsministerium sind die Kita-Träger «gut beraten», auch stark um männliche Erzieher zu werben. «Die Fachkräftegewinnung ist derzeit eine der großen Herausforderungen für die Kitaträger in Thüringen», heißt es aus dem Ministerium. News4teachers

Warnstreiks von Kitapersonal: „Es geht auch um die Aufwertung von Frauenberufen“

Anzeige


Abonnieren
Benachrichtige mich bei
24 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Marc
2 Monate zuvor

Natürlich liegt es am Gehalt. Männer müssen meist die Familie ernähren. Für 2000 Netto ist das einfach nicht attraktiv. Man hat ja auch noch Träume im Leben. Eigentum ist so teuer wie nie, da schaut die Jugend genau hin. Ich kann heute jedem nur empfehlen Gymnasiallehrer zu werden. Oder BK. Alles andere lohnt nicht.

Realist
2 Monate zuvor

Da können sie wohl lange suchen, kein intelligenter Mensch tut sich es noch an, eine aufwändige Ausbildung für die Kita zu machen, wenn einen dann eine schlechte Bezahlung und wahrscheinlich jedes Jahr eine Infektion mit Corona erwartet (Corona wird uns nach neuesten Aussagen noch mindestens 10 Jahre begleiten), da Schutzmaßnahmen an den Kitas in Zukunft wohl überhaupt keine Rolle mehr spielen werden.

Also was erwartet zukünftiges Kita-Personal? Jedes Jahr eine neue Chance Long-Covid abzubekommen um dann nach nervenaufreibenden Kita-Jahren für den Rest des Lebens von Hartz IV und Mini-Rente zu leben…

Georg
2 Monate zuvor

Wie wäre es mit einer Männerquote oder würden Frauen dagegen wegen Ungleichbehandlung klagen? Bei Vorstandsposten, Professuren, Parteivorsitzen usw. wurde die Frauenquote ja eingeführt.

(Ironie bitte drin lassen. Wird noch gebraucht.)

Angelika
2 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Gute Idee! Dann müsste aber zumindest für einige Jahre der Rechtsanspruch auf Betreuung für die Jüngsten ausgesetzt werden. So viel „BezugserzieherInnen wie dann fehlen würden, können nicht gebacken werden.
Das meine ich ernst und ironisch zugleich: Dort, wo man nicht durchgehend verlässlich Kleinkinder betreuen kann, sollte man es bleiben lassen und den Grund auch klar benennen. Babys und Kleinkindern schadet es, wenn sie über 40 Stunden in einer lauten Kita – selbstverständlich im Schichtdienst – betreut werden.

Mika
2 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Bin ich dabei, aber wie ist die Zwangsverpflichtung der Männer mit dem Recht auf freie Berufswahl vereinbar?

Angelika
2 Monate zuvor
Antwortet  Mika

Schlimmer ist, dass man das Recht auf freie Berufswahl nach einer Entscheidung für einen sozialen Beruf, in dem chronischer Personalmangel an der „Tagesordnung“ ist, sich selbst verbaut hat. Ohne körperliche oder psychische Schäden wird vom Amt keine Umschulung in einen anderen Beruf finanziert. Und wer nicht geerbt oder im Lotto gewonnen hat, dem fehlt meist das Geld für die Eigenfinanzierung eines Berufswechsels.

Soziale Berufs sind eine Sackgasse. Wird das eigentlich Schülern vor oder nach dem Girls und Boys day in Schulen vermittelt? Oder ist das überflüssig?

G.B.
2 Monate zuvor

„Mehr Männer in den Beruf“ wird ein frommer Wunsch bleiben, solange jeder Mann in diesem Berufsfeld schon grundsätzlich unter dem Generalverdacht der Pädophilie steht.

Angelika
2 Monate zuvor

Schade, dass es bei den Themen rund um den Kindergarten so lange dauert, bis eine Antwort eintrifft. Warum eigentlich?

Die Frage, wie viele ErzieherInnen bald nach der Ausbildung aus dem Beruf aussteigen, sollte auch bedacht werden.

Sannina
2 Monate zuvor

Meinem Sohn (G9) wurde neulich von der Lehrkraft der Berufsorientierung vom Erzieherberuf abgeraten!! Ihre Argumentation: Zu schlechte Rahmenbedingungen und zu schlechte Bezahlung.

Angelika
2 Monate zuvor
Antwortet  Sannina

So ehrlich sollten noch viel mehr Lehrer und Lehrerinnen sein. – Und am besten wäre es, wenn ErzieherInnen scharenweise von der Berufswahl abraten würden, solange es der Politik nur darum geht, dass die arbeitgeberfreundlichen Betreuungszeiten eingehalten werden.

Patrick
2 Monate zuvor

Das Problem fängt schon in der Ausbildung an. Ich mache derzeit eine Umschulung zum Erzieher und muss 3 Jahre ohne Gehalt auskommen.
Noch dazu ist die Ausbildung mehr als Überholungsbedürftig und kein bisschen zeitgemäß.

Matthias
2 Monate zuvor

Die ganzen Erzieherinnen oder zumindest die meisten hassen doch Männer in ihren Berufszweig , da ist kein Wunder das Männer keine Lust drauf haben . Vor allem wenn man andere Ideen hat außer das übliche Zeug wird man regelrecht gemobbt . Die Träger und das kranke Personal ist selber schuld das es so wenig Nachwuchs gibt .

Anni
2 Monate zuvor
Antwortet  Matthias

Dies kann ich nicht bestätigen. Ich selbst und auch viele Kolleginnen freuen sich über männliche Unterstützung. Leider gibt es da zu wenig. Gerade auch für die Kinder wäre ein männliches Vorbild wünschenswert. In den letzten Jahren haben wir immer wieder männliche Praktikanten der FOS bei uns in der Einrichtung. Das ist wirklich eine Bereicherung! Einen Auszubildenen hatten leider noch nicht. Viele der genannten Praktikanten (auch weibliche) argumentieren mit dem zu niedrigen Gehalt, weshalb sie sich nicht für den Beruf Erzieherin entscheiden, höchstens noch das Studium soziale Arbeit. Aber selbst da überlegen viele, ob sich das gehaltsmäßig lohnt.

Angelika
2 Monate zuvor
Antwortet  Matthias

Sorry, auch ich muss widersprechen. Männer erleben nicht selten eine regerechte Vorzugsbejandlung durch Leitung und Kolleginnen. Bei ihnen werden nicht selten mehr Fehlzeiten, Raucherpausen und sogar Unzuverlässigkeit akzeptiert als dies Frauen beim eigenen Geschlecht dulden würden. Frauen, die sich vor der Einstellung eines Mannes nie für die Arbeit geschminkt haben, verschönern sich auf einmal systematisch.

A.H.
2 Monate zuvor

Gerade bei Matthias gelesen, Männer als Erzieher werden von Erzieherinnen gehasst? Sind Erzieherinnen hier? Ich wüsste gerne, ob das stimmt und wenn, warum?

Marion
2 Monate zuvor
Antwortet  A.H.

Wir haben einen männlichen Erzieher und wir hatten bereits mehrere männliche Praktikanten. Sie sind, oder waren, alle, ohne Außnahme, eine Bereicherung.

Katja
2 Monate zuvor
Antwortet  A.H.

Nein, kann ich absolut nicht bestätigen!
In jedem Team in dem ich bisher gearbeitet habe (Krippe und Kita) waren die männlichen Kollegen von allen Beteiligten (Kinder, Eltern, Kollegen) heiß geliebt.

Melanie
2 Monate zuvor

Ich hatte einen 1 Euro Job in einer Kita.
Hätte umschulen können.

1. Ich finde es nicht gut, dass schon die Kleinsten dort hin abgeschoben werden,
Es gab 25% der Kinder hatten eine 45 Stunden Woche
2. Die Ansprüche an die Erzieher.
3. Die Eltern!!!

Carsten60
2 Monate zuvor
Antwortet  Melanie

Könnten Sie das nochmal in verständlichem Deutsch formulieren? Was ist eigentlich die Aussage?

Sapperlot
2 Monate zuvor

Erzieherinnen hassen keine männlichen Erzieher …weshalb denn bitte auch? Wir haben einen Kollegen in der Kita und noch ein paar mehr wären auch nicht schlecht. Es kommt doch immer darauf an wie man mit den Kindern umgeht und sich einbringt und nicht auf das Geschlecht.

Simi
2 Monate zuvor

Wir hätten hier bei uns sehr gerne Kollegen. Männer (auch Praktikanten) sind bei uns immer herzlich willkommen. Die Kinder sind immer sehr begeistert. Es wäre so unglaublich wichtig, mehr Männer in diesem Beruf zu haben.

Meiner Erfahrung nach hapert es oft bei den Auszubildenden daran, dass viele hinterher in diesem Beruf nicht arbeiten möchten und im Anschluss eine andere Ausbildung machen. Einigen war die Ausbildung auch zu anstrengend und sie waren nicht belastbar.

Die Rahmenbedingungen in diesem Job werden leider nicht besser… Im Gegenteil. Und wenn ich dann in der Zeitung lese, dass in BW 8,5 Kinder auf eine Erzieherin kommen (im Kiga)… Stimmt überhaupt nicht! Es sind 12,5 Kinder. Und wenn eine von uns beiden ausfällt, macht es dann auch nicht besser. Wenn man in einer solchen Situation eine gute PiA hat, geht das. Wenn nicht… Pech gehabt. Dann ist es leider nur noch ein Betreuen und man kann richtige pädagogische Arbeit nicht mehr leisten.

Die Politiker sollten sich mal in die Einrichtungen begeben und mal vor Ort schauen, was Sache ist. Eine Woche mitarbeiten und mal erleben, was wir alles leisten um den Kindern einen guten Start ins spätere Leben zu geben.

Lina
2 Monate zuvor

Ich bin Sozialpädagogin und wollte Teilzeit in einer Kita arbeiten. Das Problem war jedoch, dass meine eigene Kinder nur bis drei Uhr betreut werden. Die Kitas setzen aber vorraus, dass man bis 17 Uhr flexibel ist. Ich hätte nach deren 3-Schichten- System meine Kinder in drei Wochen, an vier Tagen abholen können, als Teilzeitkraft! Denke dieses Problem haben andere auch, wenn man seine Kinder nicht bis 17 Uhr in einer Betreuung anmelden möchte und vielleicht auch keine familiäre Unterstützung hat.

Schade, dass es da keine Alternativen gibt.

Thea
2 Monate zuvor

Ich finde die Bezahlung eigentlich ok. So schlecht wie sie oft verschrien wird ist sie definitiv nicht.

Problematisch sind für mich vor allem die Arbeitsbedingungen. 2 Erzieher auf 25 Kinder ist einfach auf Dauer nicht das was einem ansprechenden Arbeitsplatz entspricht. Unsere jungen Kollegen klagen eigentlich schon nach kurzer Zeit über eine starke Unzufriedenheit insbesondere weil sie es sind die diese Bedingungen häufig Vollzeit ertragen müssen.

Gefühlt alle wollen lieber weniger oder nur halbtags arbeiten. Einige wechseln sogar lieber in den Bereich Schulbegleitung o.Ä. obwohl die Stundenlöhne da schlechter sind. Und da liegt für mich das Hauptproblem. Man hält diese großen Gruppen mit all ihren Herrausforderungen aufrecht weil das ja räumlich und personell so schwierig ist zu verändern und genau das ist dann der Grund das die Erzieher den Job nicht lange ausfüllen wollen.

Sapperlot
1 Monat zuvor

Solange es Erzieherinnen gibt, die die miserable Bezahlung als „eigentlich okay“ bezeichnen, wird sich auch an den Arbeitsbedingungen nichts ändern. Für mich jedenfalls ist da gar nix „eigentlich okay“…aber hey herzlichen Dank an die Kollegin , die sowas schreibt und zur weiteren Abwertung des Berufes beiträgt….unfassbar