„Hauptsache, die Kinder sind verräumt“: Was in unserer Gesellschaft schief läuft

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DÜSSELDORF. Haben sich Kinder verändert? Tun sie sich heute schwerer damit, Regeln zu akzeptieren? Und: Zeigt sich darin womöglich ein Grundübel unserer Gesellschaft, nämlich dass sich Eltern nicht mehr ausreichend um ihren Nachwuchs kümmern – und die Erziehungsarbeit zunehmend den Bildungseinrichtungen überlassen? Kita-Fachkraft und News4teachers-Leserin Marion hat mit einem Post im Diskussionsforum unserer Seite eine bundesweite Debatte angestoßen, die wir an dieser Stelle gerne fortführen möchten. Sie hat nämlich auf die Kritik reagiert, lediglich rückwärtsgewandt zu argumentieren und frühere Probleme zu sentimentalisieren. Wir dokumentieren ihre neuen Statements hier noch einmal prominent.

„Heute wird es jedoch schon als ‚bedenklich‘ eingestuft, Kindern überhaupt Grenzen aufzuzeigen.“ Illustration: Shutterstock

Aus Marions Antworten in der Diskussion um den Beitrag „‘Die Kinder haben sich verändert. Sie tun sich viel schwerer damit, Regeln zu akzeptieren‘: Eine Kita-Fachkraft berichtet“

Nein, früher war tatsächlich nicht alles besser. Früher wurden Menschen, die nicht der gängigen Norm entsprachen, ausgegrenzt, verurteilt und missachtet. Da sind wir heute, Gott sei Dank, schon viel weiter. Während man früher von Kindern einseitig Respekt und Gehorsam einforderte, nimmt man sie heute viel stärker als eigenständige, komplexe Persönlichkeiten wahr, deren Wünsche und Bedürfnisse selbstverständlich gehört und berücksichtigt werden müssen.

Das ist gut und richtig so. Ich wünsche mir auf keinen Fall Zeiten zurück, wo man glaubte Kindern mit Drill, Strenge und sogar körperlicher „Züchtigung“, sog. Benehmen einzutrichtern. Heute schlägt das Pendel aber völlig in die andere Richtung aus. Da „schrillen schon die Alarmglocken“, wenn man nur äußert, dass man das Einhalten selbstverständlicher Umgangsregeln im Kitaalltag für wichtig hält.

Das heißt aber doch nicht, dass wir unseren Kindern diese Regeln mit „dem Rohrstock einprügeln“. Natürlich werden Regeln mit den Kindern besprochen und ihnen auch erklärt. Und natürlich gab es schon immer Kinder, die sich damit schwer taten. Dann musste man Wege finden, diese Kinder ins Gruppen- und Alltagsgeschehen zu integrieren, was meistens auch gelang, weil es eben Einzelfälle waren.

Heute wird es jedoch schon als „bedenklich“ eingestuft, Kindern überhaupt Grenzen aufzuzeigen. Und wahrscheinlich schrillen jetzt bei dem einen oder anderen schon wieder die Alarmglocken, weil ich von „Grenzen aufzeigen“ spreche. Aber Grenzen haben wir doch alle.

Die Kinder vor 20 Jahren waren längst keine „gedrillten“ unterdrückten Wesen mehr. Wir lebten auch damals schon im 21. Jahrhundert

Sowohl die Kinder als auch wir Erwachsene. Ich glaube Kinder wollen auch wissen, wann unsere Grenze erreicht ist. Das testen sie immer wieder aus. Wenn ich ihnen nun niemals deutlich vermittelt habe, wo meine Grenze ist, werden sie sie auch nicht erkennen und deshalb immer wieder überschreiten. Das ist genau das, was ich heute im Umgang von Eltern und Kindern miteinander beobachte. Eltern werden als „blöde Mama o. blöder Papa“ beschimpft, und sie lächeln nur milde. Es ist normal, dass Kinder so etwas mal sagen, wenn sie wütend sind. Aber es muss doch auch erlaubt sein, ihnen klarzumachen, dass es nicht in Ordnung ist. Genauso wichtig finde ich es, dass Kinder Kritik an uns Erwachsenen üben dürfen und dass auch wir bereit sind, eigene Fehler einzugestehen und uns dafür zu entschuldigen. Ich halte das mit dem Respekt ja keineswegs für eine Einbahnstraße.

(…)

Was die Arbeit von vor 20 Jahren betrifft, möchte ich betonen, dass es selbstverständlich auch damals nicht einfach oder angenehm war, wenn man 25 Kinder alleine zu betreuen hatte. Und auch damals hätte man sich in solchen Situationen mehr Personal gewünscht. Aber es war über einen kurzen Zeitraum doch noch irgendwie zu bewältigen, während ich es heute strikt ablehnen würde, so zu arbeiten. Übrigens waren die Kinder vor 20 Jahren längst keine „gedrillten“ unterdrückten Wesen mehr. Wir lebten auch damals schon im 21. Jahrhundert. Die Zeit der „schwarzen Pädagogik“ war da schon lange vorbei. Selbst in meiner eigenen Kindheit (70er Jahre) war nicht mehr viel von Drill und Zwang zu absolutem Gehorsam zu spüren.

Ich mache auch nicht die Kinder für mehr Stress in meinem Beruf verantwortlich, und zum Essen wurde bei uns noch kein Kind gezwungen. Wir pflegen in unserer Einrichtung eine wertschätzende, freundliche und offene Haltung jedem Kind gegenüber.

Trotzdem gibt es in dem komplexen Gefüge einer Kita bestimmte Regeln und immer wiederkehrende Abläufe, an die sich alle im Großen und Ganzen halten müssen, um kein völliges Chaos aufkommen zu lassen. (Natürlich kann man auch immer wieder mal über Ausnahmen von der Regel verhandeln.) Ich finde nicht, dass das irgendetwas mit Drill oder einer negativen Haltung autonomen Kindern gegenüber zu tun hat. Im Gegenteil – ich finde, das hat etwas mit gegenseitigem Respekt zu tun.
Ich plädiere ja gerade für mehr Autonomie und Freiheit für Kinder, aber in unserem derzeitigen Erziehungs- und Bildungssystem, das fast ausschließlich auf institutionelle Betreuung setzt, ist dafür nur sehr wenig Platz.

(…)

Ich habe jetzt bereits in mehreren Antworten auf Kommentare zu meinem Text, versucht, meinen Standpunkt nochmal zu erklären. Hier der letzte:

Ich sehne weder frühere Zeiten herbei, noch erwarte ich von Frauen sich wieder in die Kittelschürze zu werfen und hinter dem Herd zu verschwinden. Ich erwarte von Kindern keinen bedingungslosen Gehorsam und ich versuche auch nicht, ihnen Regeln einzutrichtern indem ich rumbrülle oder den Rohrstock schwinge. Mein Text dreht sich um so viel mehr. Aber ich habe den Eindruck, hier wird sich nur auf ein Thema gestürzt: Kinder und Regeln.

Ja, ich finde, dass Kinder sich damit schwerer tun als noch vor 10 bis 20 Jahren. Ich sehe auch Unterschiede zwischen Stadt – und Landkindergärten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die hintlerwäldlerische Landbevölkerung ihre Kinder immer noch täglich mit dem Rohrstock verprügelt. (Achtung, Ironie!)

Warum, glauben sie, ist der Erzieherberuf für viele inzwischen so unattraktiv geworden?

Ich habe übrigens einen sehr guten Draht zu „meinen“ Kindern. Wir freuen uns gegenseitig immer sehr, wenn wir uns sehen. Die Arbeit mit ihnen macht mir auch immer noch Freude. Trotzdem nehme ich wahr, das viele kleine Alltäglichkeiten, die früher, (schon wieder dieses furchtbare Wort), ganz selbstverständlich funktioniert haben, heute wesentlich schwieriger zu bewältigen sind und mehr Zeit und Energie erfordern und das in einem Beruf, in dem eh schon viele am Leistungslimit angekommen sind. Dafür mache ich aber nicht allein die Eltern und schon gar nicht die Kinder verantwortlich. Es ist eine Entwicklung, die die ganze Gesellschaft betrifft.

Ich habe auch geschrieben, dass mir persönlich es so geht. Wenn Sie und andere Kommentierende hier das anders sehen, ist das völlig ok. Es ist aber kein Grund mir zu unterstellen, ich wäre rückständig und könnte nicht mit autonomen Kindern umgehen oder mir gleich komplett die nötige Kompetenz für meinen Beruf abzusprechen. Selbst Sie müssten doch inzwischen gemerkt haben, dass im öffentlichen Kita-Betreuungssystem die Hütte brennt. Es gibt nicht mehr genug Personal, um den Vollzeitbetreuungsanspruch für Kinder ab einem Jahr aufrechtzuerhalten. Warum, glauben sie, ist der Erzieherberuf für viele inzwischen so unattraktiv geworden? Nur wegen dem Geld? Das glaube ich nicht. Ich tausche mich durchaus auch mit Kolleginnen aus. Ich bin nicht die einzige, die Veränderungen im Verhalten der Kinder wahrnimmt.

Es brauchen ja auch immer mehr Kinder zusätzliche Fördermaßnahmen von außen in Form von Frühförderung, Logopädie, Ergotherapie etc., etc. oder die Eltern suchen verstärkt nach Unterstützung durch Erziehungsberatungsstellen u. Ä. Der Betreuungsaufwand in den Kitas ist jedenfalls enorm gestiegen. Dazu kommen natürlich auch noch vermehrt bürokratische Aufgaben, wie z.B . das Erstellen aufwendiger Entwicklungsbögen für jedes einzelne Kind.

Wenn es aber immer höheren Bedarf an öffentlichen Betreuungsplätzen gibt plus höhere Ansprüche in Bezug auf frühkindliche Bildung und Erziehung, gleichzeitig aber immer weniger Menschen, die diesen Beruf ausüben wollen, wie soll das dann genau funktionieren? Wer soll, verdammt noch mal, all die Kinder betreuen, bilden und bedürfnisorientiert erziehen, wenn nicht mehr genug Personal da ist? Kosten soll der Kindergarten am besten ja auch nichts mehr.

Ich fasse das mal zusammen: Kinder sollen ab dem ersten Lebensjahr möglichst flächendeckend Vollzeit in öffentlichen Betreuungseinrichtungen von hochqualifiziertem Personal betreut werden. Sie sollen bedürfnisorientiert erzogen und bestens gebildet werden, ein jedes nach seinen individuellen Interessen und Fähigkeiten.Die Einrichtungen sollen top ausgestattet und am besten nicht nur Kitas sondern Familienzentren sein. Das hochqualifizierte Personal muss natürlich entsprechend gut bezahlt werden und schön wäre es, wenn das alles beitragsfrei zu haben wäre.

Kann man sich alles wünschen, wird es aber nicht geben, weil das keiner mehr bezahlen kann.

Eher wird die Zukunft so aussehen: Immer mehr Kitas müssen den Betrieb einschränken, weil sie sonst nicht mehr ihrer Aufsichtspflicht gerecht werden können. Eltern werden immer öfter nach Betreuungsalternativen für ihre Kinder suchen müssen. Oder sie müssen den Job selbst übernehmen. Vielleicht werden aber auch einfach die Standards in den Kindergärten und Krippen gesenkt. Ein paar Kinder mehr in der Gruppe, dafür ein bisschen weniger Personal. Wollen wir mal sehen, wie bedürfnisorientiert es dann noch zugeht in unseren Kitas. Aber Hauptsache die Kinder sind verräumt. News4teachers

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„Die Kinder haben sich verändert. Sie tun sich viel schwerer damit, Regeln zu akzeptieren“: Eine Kita-Fachkraft berichtet

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kanndochnichtwahrsein
1 Monat zuvor

Man könnte all diese Äußerungen auf Schule übertragen. Auch dort nichts anderes als die Erkenntnis nach langen Berufsjahren:
Es wird schwieriger, schon lange.
Kinder werden immer mehr „Individualisten“ – leider nicht immer im positiven Sinne, der ihnen die Entwicklung einer starken Persönlichkeit ermöglichen würde, sondern zunehmend leider in eine „egoistische“ Falle navigierend und von den Eltern darin unterstützt, sodass sie am Ende weniger Persönlichkeiten als Personen mit den Zügen eines „Alleinherrschers“ sind.

Ja, man macht es irgendwie immer noch gern.
Ja, man hat irgendwie trotz allem immer noch eine gute Beziehung zu den einzelnen Kindern.
Ja, früher war nicht alles besser.

Aber wie wollen wir weitermachen?
Wohin geht die Entwicklung der letzten 30 Jahre, wenn sie weiter in die bisherige Richtung geht?
Wollen Eltern ihre Kinder wirklich nur bis zum Abi „verräumen“?
Man kann den Eindruck gewinnen.
Natürlich weiß man – und beruhigt sich selbst mit dieser Erkenntnis – dass Eltern ihre eigenen Probleme haben, Geld verdienen müssen, anderen Zwängen unterliegen, die es ihnen vielleicht nicht ermöglichen, so mit ihren Kindern zu leben, wie sie es sich (unterstellt) selbst wünschen würden.

DANN müsste man aber die Konsequenz ziehen und den Schluss:
Die gesellschaftliche Entwicklung hat dahin geführt, dass Familien nicht mehr selbst für den Nachwuchs da sein können – also müssen GUTE Strukturen entwickelt werden, um diese Beziehungen tragfähig zu ersetzen.
Genau das passiert aber nicht, denn es würde Kosten verursachen.
Das wiederum scheint es „der Gesellschaft“ nicht wert zu sein.

Na denn… wir werden sehen, wohin es uns führen wird.
Die Verhaltenskrativität der heutigen Kinder ist in vielen Bereichen schon kaum mehr zu überbeiten, die Zahl der Kinder, die unter den Gegebenheiten leiden ebenso.

Man kann es jetzt grad Corona in die Schuhe schieben. Wie praktisch.
Alle 10 Jahre eine Pandemie, dann muss man sich nicht über die wahren Ursachen der Missstände und Probleme Gedanken machen: Personalmangel, Mangel an Konzepten, unzureichende/nicht passgenaue Ausbildung der Fachleute, im Schulbereich Einstellung von „Quereinsteigern“, die nicht mal die Ausbildung haben, die offiziell als Voraussetzung für den Lehrerberuf gelten.

Warum will keiner die ernsthafte Auseinandersetzung mit den geschilderten Problemen in die Hand nehmen?
Es ist so wichtig, dass wenigstens hier offen diskutiert werden kann.
Eigentlich müsste diese Diskussion aber geanuso offen mit Familien- und Schulministerium und dem Ministerpräsidenten geführt werden (dürfen)!!!

Georg
1 Monat zuvor

Oder kurz: Alles geliefert wie bestellt.

Pit2020
1 Monat zuvor

@kanndochnichtwahrsein

„Warum will keiner die ernsthafte Auseinandersetzung mit den geschilderten Problemen in die Hand nehmen?“

Das ist eine gute Frage, die uns letztlich alle – also die Gesamtgesellschaft – betrifft und die Antwort ist unbequem.
Noch unbequemer wird es, wenn man Änderungen tatsächlich angehen müsste, denn mittlerweile wären ganze (extrem lukrative!!!) Wirtschaftsbereiche (Coaching-Branche, Lifestyle-Produkte in sämtlichen Preisklassen, von Relax-Duschgel bis Power- oder Resilienz-Seminarwoche) davon betroffen!
(… und ich frage an dieser Stelle noch nicht, wie da die Geschäftsverbindungen sind – wahrscheinlich nicht wesentlich anders als bei Maskendeals oder anderen „Outsourcing-Projekten“, für die wahnsinnig viel Steuergeld „verbrannt“ wird …)

Ich zitiere nachfolgend aus meiner aktuellen Lektüre und füge an einigen Stellen den Fettdruck hinzu, der im Originaltext fehlt:
Wir haben die meisten Kämpfe nach innen verlagert. Probleme lösen wir heute zuallererst individuell in Thearapien und Coachings statt gesellschaftlich. Ihre Belastungsgrenze ist erreicht? Die meisten von uns würden eher an der eigenen Resilienz und Effizienz arbeiten, als auf das politische Ganze zu blicken. Wir kämpfen mit uns statt mit der Welt. Darum nennt Illouz diese Entwicklung auch den Siegeszug des Individuums über die Gemeinschaft.“
(Illouz, Eva (1997): Consuming the Romantic Utopia Love and the Cultural Contradictions of Capitalism, Berkeley)
zitiert nach der unten angegebenen Quelle, hier S. 61
Und weiter heißt es auf S.61:
Das Geniale daran: Wenn alles nur unsere Einstellung ist, warum sollte sich dann noch irgendjemand um bessere Schulen, Bezahlung oder Krankenversorgung bemühen? So wird dann auch der Kampf um bessere Lebensbedingungen oder gerechtere Einkommen von vornherein untergraben.
Scham spielt hierbei eine wichtige Rolle. Die anderen haben es doch auch geschafft, warum nicht Sie? Wer darauf hinweist, dass es ganz grundlegende Dinge sind, die falsch laufen und dass es anderen auch so geht, bekommt oft die Antwort: Ach, das sind alles nur Einzelfälle. Denn nur der verunsicherte, beschämte und isolierte Einzelne ist es, der im Coaching still und leise seine Belastbarkeit nach oben schraubt, obwohl er schon lange nicht mehr kann. Das Stigma des sozialen Abstiegs bekommt so eine gesellschaftliche und eine individuelle Seite, die von Scham und Selbstzweifeln dominiert wird.“

Quelle:
Schreiber, Juliane Marie: Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven. Piper, 2022, 5. Auflage
ISBN 978-3-492-06284-8

CHRISTINA
1 Monat zuvor

Danke für Ihren Kommentar! Genau das habe uch während der Lektüre azch gedacht!

Realist
1 Monat zuvor

„Warum will keiner die ernsthafte Auseinandersetzung mit den geschilderten Problemen in die Hand nehmen?“

Weil sich Deutschland in eine Sackgasse hineinmanövriert hat: Ein Wirtschaftsmodell, dass sich seit mehr als vierzig Jahren einseitig auf Exportorientierung fixiert hat, alles andere darüber hinaus vernachlässigt hat, kriegt jetzt seinen „Todesstoß“ aufgrund der Deglobalisierung und massiv steigender Energiepreise (LNG ist viermal so teuer wie Pipelinegas). Dazu kommt massiver Fachkräftemangel, zum Großteil demographisch bedingt. In so einer Situation will die Regierung einerseits die Steurenerhöhen (Habeck) als auch die Sozialleistungen ausweiten (damit es nicht zu gesellschaftlichen Unruhen kommt). So zieht man erst Recht keine dringend benötigten Fachkräfte an, jedenfalls keine, die netto zur Wertschöpfung beitragen. Dazu die massive und teure Aufrüstung.

In so einer Situation ist erst Recht kein Geld und Personal mehr da, um die genannten Probleme zu lösen. Was ist „guten Zeiten“ nicht finanzierbar war, wird es in „schlechten Zeiten“ erst Recht nicht sein. Gerade der öffentliche Dienst wird sich auf massive reale Einkommensverluste einstellen müssen (faktische Nullrunde bei 8% Inflation war da erst der Anfang). Und so zieht man erst Recht kein qualifiziertes Personal an.

Markus Webber
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Es gibt keinen Fachkräftemangel, nur die Fachkräftemangel.

Julia
29 Tage zuvor
Antwortet  Markus Webber

Köstlich!

Schattenläufer
1 Monat zuvor

Letztendlich lässt sich das Problem der in KiTa und Schule nur noch verwahrten Schüler auf den selben Auslöser zurück führen.
Die Wirtschaft ist das goldene Kalb.
Klar die Wirtschaft muss laufen um Arbeitsplätze zu sichern.
Wo steht aber geschrieben, dass 1% der Deutschen an der Wirtschaft jährlich so viel verdienen musss, dass diese Personen und ihre Kinder und Enkel den Verdienst eines Jahres bis an ihr Lebensende nicht ausgeben können.
Mehr noch, Ziel ist diesen Verdienst so sehr zu steigern, dass auch die Ur-Ur-Ur Enkel versorgt sind.
Trotzdem schafft dies Gruppe es durch Einflussnahme auf die Politik dieses Ziel ab zu sichern.

  • Steuerflucht und Steuerhinterziehung wird gar nicht, oder nur sehr schleppend verfolgt.
  • Spitzensteuersätze sind ein Witz.
  • Die Gesetzgebung strotzt vor Schlupflöchern.
  • Erbschaften im wirklich großen Stil sind oft fast steuerfrei.
  • Löhne und Arbeitszeiten sind so unangemessen, dass Normalbürger mehrere Jobs brauchen.

Was hat das jetzt mit Bildung und Erziehung zu tun?

Selbst mit dem besten Willen lässt sich nicht genug Geld aus den Normalverdienern quetschen um Geld für alle dringenden Investitionen zu haben.
Da muss eben gespart werden. Am Besten da wo es keiner Merkt. Erziehung, Verteidigung…. Selbst die besten Systeme verlieren ihre Funktionsfähigkeit, wenn man 30 Jahre an ihnen spart. Das kann man an den Schulen und Kitas wunderbar beobachten. Die Gebäude sind abrissreif, die Ausstattung ist Jahre hinter dem Standard zurück und das knappe Personal arbeitet am Anschlag. Wie soll man da angemessene und individuelle Erziehungs-und Bildungsarbeit leisten. Mehr als Lehrpläne und Verwahrung ist nicht drin.

Parallel dazu sind die Eltern als Arbeitnehmer durch ungünstige Arbeitszeiten und niedrig Löhne so sehr im Würgegriff der Wirtschaft, dass KiTa und Schule für die Verwahrung der Kinder alternativlos sind. Die Frage nach Qualität kann sich da niemand erlauben. Was muss, das muss. Das oft schlechte Gewissen und die Überarbeitung der Eltern führt zusätzlich noch zu einer extremen Vernachlässigung von echter Erziehung mit Grenzen, Regeln und so. Wenn man dann schon mal Zeit für die Kinder hat, dann will man nicht noch über Regeln diskutieren. Erstens ist es mühsam und zweitens will man die seltene Harmonie nicht mit Erziehungsmaßnahmen gefährden.

Insgesamt kann es da niemand überraschen, dass große Probleme entstehen. Kinder ohne konsequente Erziehung treffen auf überarbeitet Erzieher und Lehrer. Dazwischen stehen überforderte Eltern die selbst Mühe haben die immer höheren Erwartungen der Arbeitgeber zu erfüllen. Da ist es schon einfacher wenn die Kinder ADHS haben oder Hochbegabt sind. Da kann man nichts machen. Gott sei Dank.

Für die Verursacher mit der wirklich dicken Brieftasche alles kein Problem.
Die FDP sorgt für den ungestörten Geldfluss. Die Kinder schickt man nach Salem, Eton oder auf eine andere teure Privatschule. Das öffentliche Bildungssystem ist ja eben so schlecht, dass einem da der Appetit auf den Kaviar vergeht.

Angelika
1 Monat zuvor

Gut, dass nach einer Zusammenfassung von Marions Eindrücken und Ansichten weiterdiskutiert werden kann. Ich kann ihr ganz überwiegend zustimmen. Was ich vermisst habe, obwohl es nicht Marions Thema war, ist Kritik am Berufsstand der Erzieherinnen und Erzieher. Und auch bei der Lehrerschaft sollte die Zeit mal endlich reif sein für mehr Selbstkritik.

Nach dem, was ich alles schon in den Personalzimmern der Kitas zu hören bekommen habe, kann ich nur sagen, dass das Erkennen der Ursachen von Problemen eigentlich ganz gut klappt. Da ich auch schon länger in Lehrerzimmern gesessen habe, habe ich auch dort – zum Teil wesentlich bissiger bis hin zum Zynismus – Kommentare gehört, die ich als treffend empfand. Eltern werden sie auf Elternabenden nicht zu hören bekommen haben.

Früher hatten die Vorschulkinder den Ruf, besonders anstrengend zu sein. Das lag zum einen daran, dass sie schon so lange im KIndergarten waren, dass sich für sie vieles wiederholte. Manche langweilten sich im Kindergarten und konnten das auch begründen, denn sie hatten damals noch den Vergleich, wie es war, nachmittags mit Geschwistern oder Nachbarskindern daheim zu spielen. Mittlerweile hat sich die Zeit im Kindergarten enorm verlängert. Und damit das Ausmaß einer Dauerbeschallung!!!!!

Was den Ohren von Kindern, Jugendlichen und ihren Lehrern und Erziehern zugemutet wird, ist einfach zu viel. – Und unsere Politiker besülzen Kinderlärm als „Zukunftsmusik“. – Das war jetzt nur ein Aspekt. Aber nachdem Dauerlärm in totalitären Staaten als Foltermethode eingesetzt wird, möchte ich einmal eine profane Ursache für Veränderungen – und auch für ausbleibende Veränderungen nennen. Wer „zu viel um die Ohren hat“, kann irgendwann nicht mehr so reagieren, wie es unter besseren Umständen möglich wäre. Kinder werden entweder knatschig und wollen getragen werden – oder sie drehen auf…

TaMu
1 Monat zuvor

Marion, ich freue mich, dass die Redaktion Ihre sehr treffenden und gut formulierten Beiträge in einem eigenen Artikel zusammen gefasst hat. Ich habe jeden einzelnen geliked!

Mary-Ellen
1 Monat zuvor
Antwortet  TaMu

Da schließe ich mich nur allzu gern an!

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Mary-Ellen

@TaMu u. Mary-Ellen
Danke für ihren Zuspruch. Das freut mich sehr und baut mich auch auf.
Trotzdem fürchte ich, daß sich nichts grundlegend ändern wird, wenn dieses Thema nicht breiter in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
Solange darüber nur in einigen Fachforen berichtet wird, bleibt es dabei: Man schreibt sich den Frust von der Seele, diskutiert Für und Wider und geht zur Tagesordnung über – „aber schön daß wir mal darüber gesprochen haben.“
Ich finde, die ganze Thematik muß viel stärker auch ins Bewußtsein der Eltern und vor allem der Politiker gelangen.
Solange wir brav weiter funktionieren und alle paar Jahre ein bißchen streiken, wird man uns weiterhin mit ein paar Euro und Urlaubstagen mehr abspeisen und ansonsten nicht im Traum daran denken, daß hier etwas ganz Grundlegendes schief läuft, über daß man sich ERNSTHAFT! Gedanken machen müßte.

Uwe
1 Monat zuvor

Heute wird es jedoch schon als „bedenklich“ eingestuft, Kindern überhaupt Grenzen aufzuzeigen.“

Wird auch bei Wiederholung nicht richtiger.Ich kenne keinen, wirklich keinen der es als bedenklich einstuft Kindern überhaupt (?????) Grenzen aufzuzeigen, weder beruflich (Lehrer) noch als Vater eines Kleinkindes, der reichlich auf Spielplätzen mit anderen Eltern viel Zeit verbringt.
Gewalt zum Beispiel wird ganz einfach nicht toleriert, ich habe es in den 5 Jahren kein einziges mal erlebt das ein Kind das geschlagen hat (kommt nicht oft vor) damit durchkommt, es wird immer interveniert (=Grenzen gesetzt). Schon bei Förmchen klauen kann man sicher sein das Erwachsene auf der Matte stehen die eingreifen.
Und auch im Schullaltag bin ich sicher das z.B. Mobbing DEUTLICH schneller unterbunden wird als in der Zeit vor 25 jahren (die hier grade heftigst glorifiziert wird) in der Mobbing schlicht komplett ignoriert wurde (Mobber eben keine Grenzen gesetzt bekamen)
Über sexuelle Gewalt bei Kindern untereinander und von Erwachsenen gegen Kinder reden wir jetzt mal nicht, das ist BESSER geworden als vor 25/30 Jahren.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Uwe

Vielleicht lesen sie sich nochmal die Kommentare durch, die eingegangen sind, als ich von der Notwendigkeit des Einhaltens bestimmter Alltagsregeln (Grenzen) gesprochen habe und davon, daß das vielen Kindern immer schwerer fällt, bzw. daß es im Kita -Alltag schwieriger geworden ist, diese durchzusetzten.
Darauf bezieht sich mein Satz, den sie oben zitieren.
Ansonsten geht es in meinem ursprünglichen Text doch um weit mehr, als diesen einen Satz.

Cornelia
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Ja, das sehe ich auch so. Es geht in ihrem Text um weit mehr als um Regeln und Grenzen. Leider gibt es aber viele Kommentare, die Ihren Text unterstreichen und dabei gleichzeitig auf Regeln und Grenzen reduzieren. Schade.

laromir
1 Monat zuvor
Antwortet  Uwe

Wenn Sie das so sehen, prima. Es gibt genügend Eltern, die sich mit Händen und Füßen wehren, wenn ihr Kind von einer pädagogischen Maßnahme betroffen ist. Soviel zum Grenzen setzen. Und zum Thema Mobbing ist auch nicht alles rosig. Das verlagert sich jetzt in den digitalen Raum und verlangt ein Umfeld, das hier ein Auge drauf hat. Aber das wird schwer, wenn man Handys kaum einkassieren kann, wenn Eltern auch auf anraten es nicht zu tun, alles mögliche ohne Kontrolle auf den Smartphones installieren. Eine Auseinandersetzung in der Klasse ist da besser zu besprechen als alles was nachts und sonst wann in den Chatgruppen läuft. Eltern haben oft keine Lust oder Zeit für eine Auseinandersetzung mit den Kindern. Und ebenfalls keine Lust auf nervige Teenager, wenn ein Brief aus der Schule kommt. Also bekommt es der Lehrer ab. Schon oft genug erlebt.ich freu mich über alle Eltern, die unterstützen und die Kinder eben auch mal Konsequenzen ihres Tuns durchmachen lassen, Förderung annehmen oder eben generell auch zu Hause Grenzen setzen. Es ist nicht selbstverständlich!

Last edited 1 Monat zuvor by laromir
Bellabolli
1 Monat zuvor

…und dann bräuchten wir bitte dringend auch noch eine integrierte Krankenstation samt Pflegepersonal in allen Einrichtungen, damit man die Kids auch besser abschieben kann, wenn sie krank sind

Verkehrte Welt…

Angelika
1 Monat zuvor
Antwortet  Bellabolli

Das ist aber auch das Mindeste, nachdem die Vorstände der Verbände von Ärzten und Kinderärzten sich während der Pandemie dahingehend geäußert haben, dass Kinder mit Erkältungssymptomen selbstverständlich in Kitas betreut werden dürfen. – Ist doch wurscht, wenn die Erzieherinnen fast latent dauerkrank sind… Wer die Kitas als „immunologische Trainingslager“ verklärt, findet bestimmt Argumente dafür, dass die Kinderkrankenstatiönchen bald zu den Kindern kommen. Bringt bestimmt auch noch´n paar Sternchen für das Qualitätsmanagement…

Boah, und früher haben auf die Gesundheit aller bedachte Erzieherinnen sich gefreut, wenn zu Beginn des Kindergartenjahres ein Kinderarzt ehrenamtlich den Eltern in einem Vortrag erklärt hat, warum es besser ist, wenn sie dafür sorgen, dass sich ein krankes Kind richtig zu Hause auskurieren kann.

Riesenzwerg
1 Monat zuvor
Antwortet  Bellabolli

Ja, wir kriegen schneller als gedacht die Probleme der USA – man muss nicht alles importieren, aber irgendwie kriegen wir da als Gesellschaft den Rückdreh nicht.

Bei uns sind auch laufend kranke Kinder im Unterricht. Natürlich gibt es ein Krankenzimmer – und das verdient seinen Namen auch! Oftmals sammeln sich (ohne Corona bereits) gleich mehrere Schüler:innen. Erstaunlich oft auch Geschwister … man denke oder lasse es sein.

Die Eltern zu erreichen ist nicht immer möglich, die Gründe dafür stehen in den Sternen. Einige arbeiten, einige können nicht von der Arbeit weg, manche shoppen oder schlafen, einige sind hochgradig depressiv und können sich tatsächlich nicht um ihre Kinder kümmern. Bestimmt gibt es noch mehr Gründe, die meisten nachvollziehbar.

Doch was heißt das für das System „unterfinanzierte und personalmäßig schlechtausgestatte Schule“?

Die Kids können nicht alleine bleiben, sie sind ja krank. I.d.R. werden sie mehr oder minder die ganze Zeit über von unserer Sekretärin betreut. Dass sie nebenbei noch andere Aufgaben hat, die nicht erledigt werden können, fällt ja nicht so ins Gewicht (doch! Tut es!).

Aber da die Krankenhäuser schon unterbesetzt sind – was wird wohl im Sparprogramm Schule passieren? Ich mag gar nicht darüber nachdenken ….. KuMis und Gesundheitsminister:innen – alle Sparer für die Nation und gegen die Menschen – sollen gemeinsam (hust, röchel) hier Entscheidungen treffen?

Das kann nur in eine Richtung gehen – weiter in die Spar-Sack-Gasse with no return.

Anne
30 Tage zuvor
Antwortet  Bellabolli

„und dann bräuchten wir bitte dringend auch noch eine integrierte Krankenstation samt Pflegepersonal in allen Einrichtungen, damit man die Kids auch besser abschieben kann, wenn sie krank sind

Verkehrte Welt…“

Wenn ein Kind krank ist sollte es zu Hause beteut werden. Was mich an diese Aussage stört ist das Wort „auch besser abschieben kann“ das impliziert, dass man die Kinder generell anschiebt.

Bei einem Teil mag das so sein. Jedoch:
Nicht alle Eltern schieben ihre Kinder ab. Wie ein Kommentar im ersten Artikel schon sagte: nicht alle Eltern können es sich leisten zu Hause zu bleiben, denn dann kann der arbeitende Elternteil oftmals nicht Mal mehr die Miete alleine zahlen.

Und wie eine schrieb: dann muss man sich einschränken, das geht mit einem Gehalt.

Wo denn? Soll man sich entscheiden, entweder Wohnung bezahlen oder genug zu essen und haben. Beides geht oft nicht mehr zusammen. Sehe ich bei uns. Die Mietpreise selbst für eine kleine 2. Zimmer Wohnung sind Extrem. Mit Kindern braucht man mehr Platz. Und dann kommen Nebenkosten (ja hier kann man etwas sparen, muss ja nicht alle streaming Dienste sein. Ein günstiger Telefontarif, kein Fitnessstudio, aber trotz aller Sparmaßnahmen ist das Leben teuer) und Lebensmittel (und da will man den Kindern ja nicht immer Dosensuppe vorsetzen)

Egal ob mit 3 oder 1 Jahr in die Kita: es steht und fällt mit den Eltern, daß verhalten der Kinder.

Eine gute Freundin hatte keine Wahl. Der kleine musste in die Kita mit einem Jahr. Sie hatte keine Wahl, das Leben kostet nun Mal Geld.

Er wird 12. Ist ein toller, höflicher junger Mann. Er weiß sich zubenehmen, kennt regeln und Grenzen. Er ist aber auch selbständig und Rücksichtsvoll… Und ja auch da knallt es Mal zu Hause, er ist halt ein Kind.

Sie hat trotzt berufstätig einen tollen Job als Mutter hingelegt. Man sieht, es geht wenn die Eltern wollen.

Das Problem der heutigen Zeit ist aber ist oftmals:
Manche sind überfordert. Gut, sollen sie sich Hilfe suchen. Aber viele haben einfach keinen Bock drauf. Ist ihnen schlicht zu viel Arbeit, zu unbequem. Und das gibt dann die Generation Graf Rotz.

BeWa
1 Monat zuvor

@Marion
Danke! Gut geschrieben, gut getroffen!

Zum Thema „Regeln/Grenzsetzung“ kann ich aus meiner Sicht

(KitaLeitung, kleine Einrichtung, ländlich, weit überwiegend Kinder aus sicher- bis gutsituierter Mittelschicht)

sagen, dass von den Eltern „Grenzsetzung“ als wichtig erachtet wird, sie selbst aber schlicht Angst vor Konflikten mit den eigenenen Kindern haben und dem Streit dann ausweichen.
Also kennen die Kinder das nicht.

Unsere Kinder haben selten Förderbedarf im Sinne von Logo, Ergo u.ä.
Wir müssen sie aber bezogen auf Frustrationstoleranz, Selbstwirksamkeit und Problemlösungskompetenz geradezu „aufbauen“. Ansonsten würden wir eine passiv rumhängende Heulbrigade zur Schule schicken – allerdings mit allen nötigen Basisfähigkeiten. Die lernen unsere Kinder „wie früher“ nebenher.
Von mir haben sie sie jedenfalls nicht. 😉

Unseren Eltern würde ich den „Vorwurf“ machen, dass sie jedes noch so kleine Unbehagen des Kindes adressieren und schleunigst beseitigen wollen. Sie wünschen ihrem Kind nun einmal ein Optimum an Wohlgefühl.

Ich sehe übrigens die Krippe etwas kritisch. Dieses frühe Institutionalisieren bereitet mir Sorge.

Andererseits bin ich froh über jedes Kind, das wir vor dem 2. Geburtstag bekommen:
das kann sich bei uns schlicht freier entwickeln als im Mittelschichtszuhause. Ohne ständig im Windschatten von erwachsener Rundum-Betreuung und Dauerbespaßung zu stehen.

Aktuell ist für mich jedoch ein Punkt besonders interessant, den Marion kurz erwähnt:

die recht unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten in städtischen und ländlichen Kitas. (?)

Angelika
30 Tage zuvor
Antwortet  BeWa

„Ich sehe übrigens die Krippe etwas kritisch. Dieses frühe Institutionalisieren bereitet mir Sorge.
Andererseits bin ich froh über jedes Kind, das wir vor dem 2. Geburtstag bekommen:
das kann sich bei uns schlicht freier entwickeln als im Mittelschichtszuhause. Ohne ständig im Windschatten von erwachsener Rundum-Betreuung und Dauerbespaßung zu stehen.“

Diese Zeilen scheinen mir das Lebensgefühl vieler Erzieherinnen wiederzugeben. Ja, viele von uns sehen die Krippe mehr oder weniger kritisch und kindgerechtere Alternativen zu einem frühen Kitabesuch sind rar. Bevor der forcierte Betreuungsaufbau nach der Devise „Quantität vor Qualität“ zu den Problemen geführt hat, die das System der frühkindlichen institutionellen Betreuung nun kollabieren lassen, gab es gut besuchte „Mutter-Kind-Gruppen“ (an denen auch Väter und Kinderfrauen teilnahmen.) Sie fanden ein- bis zwei Mal pro Woche statt und sorgten dafür, dass Kleinkinder erste Kontakte zu anderen Kindern erleben konnten. Über gemeinsame Spielplatzbesuche und private Treffen konnten sich die Kinder immer besser kennenlernen.

Doch als die Fördergelder für den Krippenausbau zu ergattern waren, wurden viele der für Kurse genutzten Räume zu Krippen umgebaut. Sogar die Kirchen, die der frühen institutionellen Betreuung traditionell etwas skeptisch gegenüberstanden, haben das Geld nicht verschmäht. – Die Parole „Hurra, die Kleinen kommen!“ war angesagt. – Und dank staatlicher Lenkung – vielerorts musste eine bestimmte Anzahl an Zweijährigen in Regelgrippen aufgenommen werden – merkten Eltern bald, dass es noch schwieriger war, für ein Dreijähriges einen Betreuungsplatz zu bekommen als für ein jüngeres Kind! Es ist ein echtes Problem, dass Eltern, die ihr Kind länger als üblich daheim betreuen wollen, an manchen Orten keine Spielpartner für ihr Kind finden. – Haben Kleinkinder gute Möglichkeiten, im häuslichen Umfeld mit nur ein oder zwei Kindern spielen zu können, werden sie weniger von Infekten geplagt und können eine körperlich und seelisch gesündere Kindheit erleben.

Gestern berichtete mir eine Kindergartenleiterin, dass wieder Familien nur die Halbtagsbetreuung für ihr Kind gebucht haben. Zuvor wurde sie über Jahre nicht mehr gebucht. Corona bringt einige ins Grübeln…

BeWa
30 Tage zuvor
Antwortet  Angelika

Natürlich sehe ich auch den Wahnsinn der Kitapolitik, lese hier die teils bitteren Kommentare, verzweifle selbst oft an der Bürokratie …

Andererseits denke ich, dass die Ausformulierung des KitaG und die praktische Umsetzung auch darauf beruhen, dass die Sozialpartner vor Ort an einem Strang ziehen und vertrauensvoll miteinander im Sinne der Kinder arbeiten.

Wir sind von unserer (ehrenamtlich verwalteten) Gemeinde gebeten worden Krippenplätze zu schaffen. Nach Inkrafttreten des gesetzlichen Anspruchs befürchtete man Klagen seitens der Eltern.

Wir haben die „Notlage“ der Gemeinde gesehen und auch die wachsende Nachfrage. Wir nehmen jetzt ab 12 Monaten auf. Halbtags.

Aber!
Wir haben gefordert, dass die Tagespflege in der Gemeinde gestärkt wird, dass wir Platzsharing bzw. Teilzeit machen dürfen, dass im Vertrag verankert wird, dass zukünftige Eltern mit Kind mindestens 10 Vormittage und 2 unserer Freitagsausflüge mitmachen – vor der Platzzusage! Und dass wir die Aufnahme ablehnen können, wenn das Kind mit der Situation überfordert ist. In letzterem Fall arbeiten wir mit einer der Tagespflegepersonen zusammen.

Allgemein nehmen wir uns für die Eingewöhnung mehrere Monate Zeit
=> kostenfrei, die Eltern zahlen erst, wenn das Kind bereits eingewöhnt ist.

Niemand drückt uns etwas auf, das wir mit unserem Gewissen nicht vereinbaren können.
Wir fühlen uns nicht ausgenutzt oder fremdbestimmt. Das erhöht die Arbeitszufriedenheit und folglich geht der Krankenstand gegen null.

Im kleinen Rahmen kann das also funktionieren. Ich weiß das auch von Kolleginnen, die in einem ähnlichen Umfeld arbeiten.

Und trotzdem haben sich in den letzten 20 Jahren auch bei uns die Kinder „verändert“.

Unsere Kinder sind nicht verwöhnt, verzogen oder auch nur überbehütet.

Die sind aufmerksamkeitsverfettet.

Immer ist da ein Erwachsener, der alles sieht, alles kontrolliert, immer unterstützt, immer ’ne unterhaltende Idee hat.
Der dokumentiert und so tut als würde er nicht bewerten.

Manchmal tun die Kids mir leid.

Meine Kindheit in den 70ern war gefährlicher, ungesünder und …
… freier.

Hauptsächlich besteht unsere Arbeit darin, den Kindern Raum zu geben.
Raum für Autonomie und Selbstbestimmung.

Ich guck mehr weg als hin. 😉

Angelika
30 Tage zuvor
Antwortet  BeWa

Danke für die ausführliche Rückmeldung! Solche Konditionen stärken die Zuversicht, dass es wesentlich besser geht als man es vielerorts antrifft. Wenn wir die Bedürfnisse von Kindern ernst nehmen, muss es wie bei euch auch anderswo möglich sein, Eltern dazu zu veranlassen, ein Kind aus der Krippe zu nehmen, wenn es sich dort wirklich nicht wohlfühlt. – Den Begriff „Krippenreife“ verwendet übrigens kein „Experte“, nachdem schon der Begriff „Kindergartenreife“ ungebräuchlich geworden ist. „Schulreife“ und „Hochschulreife“ werde jedoch vom Nachwuchs erwartet…

Meine Kindheit war auch durch viel Freiheit und kleine Abenteuer ohne Oberaufsicht geprägt. Statt ein „Bällchenbad“ zu genießen, bin ich mit meiner Schwester über einen Schrotthaufen mit spitzen Zinken balanciert. Wir haben immer aufgepasst, dass uns keine Jüngeren entdecken konnten.

BeWa
29 Tage zuvor
Antwortet  Angelika

„Materiell“ steht unsere Kita übrigens richtig schlecht da.

Kein Stauraum für nix.
Keine stabile Internetverbindung.
Ständiger Heizungsausfall.
Wir turnen im Gemeindesaal und müssen dafür 6 riesige Tische und 50 Stühle hin und her räumen.

Ich kann an der einen Stelle keine Barrierefreiheit herstellen lassen, ohne an anderer Stelle den Bestandschutz zu verlieren.

Trotzdem haben wir eine irrsinnig lange Anmeldeliste. Wir können noch nicht einmal alle Gemeindekinder bei uns unterbringen. Vor allen Dingen haben wir Nachfragen von Eltern, die einen Platz in einer der großen städtischen Einrichtungen haben könnten. Ganztagseinrichtungen mit Multifunktionsräumen, Krippenbussen, Hauswirtschafts- und Technikpersonal usw.

Das Kleine/Persönliche wird durchaus nachgefragt. Selbst wenn man sein Kind dann nur bis 14.00 verräumen kann. 😉

Letztes Jahr habe ich mein QM-Zertifikat in einem Kurs gemacht, der extra für Personal aus kleinen Einrichtungen angeboten wurde.

Diese Kolleginnen erleben das Gleiche! Und arbeiten auch mit einem ähnlichen Selbstverständnis.

Es gibt also die (zumeist) zufriedenen Erzieherinnen, die die Möglichkeiten haben, individuell und bedürfnisorientiert auch die ganz Kleinen sachte zu integrieren. Oder es zu lassen, wenn das das Richtige für’s Kind ist.

Wir haben nur weniger Anlass zur Klage.
Und wenn wir Probleme haben, sind diese meist lästig

(Kacheln fallen von der Wand)

und nicht gleich existentiell

(Planstellen nicht besetzt + hoher Krankenstand).

Ja, die ganzen gesellschaftlichen Probleme schlagen auf Kita und Schule durch!

Aber ich mag nicht alles nur schwarz sehen.

Angelika
29 Tage zuvor
Antwortet  BeWa

Alles schwarz sehen tue ich übrigens auch nicht, aber ich benehme mich lieber so, dass klar ist, dass in meinen Adern kein rosa Zuckerguss fließt. Es ist enorm wichtig, dass Fachkräfte sachlich und ausdauernd Kritik üben. Wer berufsbedingt eine große Geduld haben muss, dem fällt es oft gerade wegen dieser Fähigkeit schwer, in Verhandlungen ein Pokerface aufzusetzen und unnachgiebig zu sein. Erzieherinnen – ich meine speziell die Frauen – neigen zudem dazu, vieles durch den Weichspüler zu ziehen. Oder Entscheidungen zu treffen, zu denen ein reines Männerteam höchstwahrsceinlich nicht bereit wäre. So entsinne ich mich an die Situation der Fachkräfte einer eingruppigen Elterninitiativkita, die in NRW – nachdem das KiBiz Geltung erlangt hat – sich selbst die Gehälter reduziert haben, um ihre Kita nicht in die Insolvenz zu fahren.

Unsere Berufsgruppe sollte unbedingt Rhetorikkurse besuchen und nicht die soundsovielte Fortbildung in der so genannten „gewaltfreien Kommunikation“ absolvieren. (Das war mal wieder ein „Fettnäpfchen“…)

Aber es gibt natürlich viele verschiedene Ansätze, die sich ergänzen können. Dass sich während der Pandemie in kurzer Zeit so viele Kitafachkräfteverbände gegründet haben, zeigt, dass Erzieherinnen bereit sind, sich für Veränderungen einzusetzen.

Marion
29 Tage zuvor
Antwortet  BeWa

Ja, ich wäre auch lieber heitereren Gemüts. Hab’s auch immer wieder versucht. Aber langsam geht mir einfach die Puste und ein kleines bißchen der gute Wille aus. Im Kommentar zu einem anderen Artikel hier, wurde gesagt, daß sich gesellschaftliche Mißstände ganz leicht „beheben“ lassen, indem man Probleme individualisiert und dem Einzelnen suggeriert, er müsse nur ein bißchen mehr an sich arbeiten, er müsse seine Einstellung ändern, er müsse halt ein bißchen offener für Neues sein, sich fortbilden, sich coachen lassen, zum Psychologen gehen etc.pp.
Eine ganze Branche lebt inzwischen davon, daß sich immer mehr Menschen in den Burnout katapultieren.
Aber wahrscheinlich sind das lauter Weicheier, die nicht flexibel genug, nicht belastbar genug oder halt einfach irgendwie zu doof sind.
Ich freue mich für sie, daß das bei ihnen so ist, wie es ist.
Aber es scheint doch ganz offensichtlich gesamtgesellschaftliche Probleme zu geben, die sich nicht mit ein bißchen mehr Optimismus und Frohmut lösen lassen.
Warum sind Kliniken für psychosomatische Erkrankungen so voll, daß man mindestens ein halbes Jahr auf einen Platz warten muß?
Warum betragen die Wartezeiten auf einen Termin beim Psychologen mehrere Monate?
Warum brauchen überhaupt so viele Menschen psychoterapeutische Behandlung? Ich kenne mittlerweile so einige, die in an dem Punkt sind, wo sie sagen „ich kann nicht mehr, mir ist das alles zuviel.“ Und das sind durchweg „gestandene Leute“, völlig normal, die haben nicht irgendwo, ganz heimlich einen an der Klatsche.
Ich kann jetzt wieder nur für mich sprechen: Mir ist unsere Welt zu schnell, zu gehetzt, zu anspruchsvoll, regelrecht besessen von einem Perfektionierungs – Optimierungs – und Bildungswahn. Ich komm da nicht mehr mit und dazu stehe ich inzwischen auch und ich schäme mich nicht mehr dafür, das zuzugeben. Ich habe keine Lust mehr, strukturelle und gesamtgesellschaftliche Defizite wegzulächeln, brav weiter zu funktionieren und so zu tun, als wäre alles bestens. Wenn daß bedeutet, daß ich rückständig, altmodisch, miesepetrig, pessimistisch, überfordert, unfähig und inkompetent bin – Halleluja, dann ist es halt so.
Ist mir lieber, als mit der rosaroten Brille auf der Nase gegen die Wand zu rennen. Amen.

Mary-Ellen
28 Tage zuvor
Antwortet  Marion

Auf mich wirken Sie in Ihren Gedankengängen und mit Ihrer Einstellung zu den derzeitigen gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten sehr überlegt und gesund.
Und Ihr von Ihnen geschildertes Missempfinden ist meiner Ansicht nach eine gesunde Reaktion auf nicht sonderlich gesunde Umstände!
Mir sehr sympathisch. 🙂

Georg
28 Tage zuvor
Antwortet  Marion

Auch wenn ich mich wiederhole:

Geliefert wie bestellt.

Beachten Sie, worum Sie bitten. Es könnte Ihnen gewährt werden.

Diese Zustände haben Sie sich selbst an der Wahlurne zusammengestellt.

Klugscheisser
29 Tage zuvor
Antwortet  Angelika

Unbeobachtet.
So wichtig.
Wir hatten niemals eine Mutter oder Vater am Spielplatzrand sitzen, der wie Zeus auf dem Olymp alles beobachtet hat und bei Problemen herunterstieg und eingriff.
Wir haben gestritten, geschlagen, geweint, versöhnt. Manchmal mehr als einmal am Tag. Und jedesmal wurde dabei ohne die Hilfe eines Erwachsenen dabei soziale Interaktion gelernt. Wir stellten selbst Regeln auf, wie wir mit diesem oder jenem umgehen sollten. Wir mussten es ohne Zeus schaffen.
Unbeobachtet.

Kinder sind dafür aber zu wertvoll geworden. Man hat dauernd Angst um sie, ist besorgt, dass ihnen irgendetwas passiert. Ein Dauerfeuer aus den Medien, wie Kinder überall zu Schaden kommen können tut das Übrige dazu.
Häuser werden Kindersicher eingerichtet, alle möglichen Gefahren minimiert. Was macht das mit Kindern, die so aufwachsen?

Bedachtsamkeit und Vorsicht lernt man in Umgebungen, in denen solche Eigenschaften hilfreich sind. Fängt an mit einem Plastikbecher, aus dem Kinder trinken. Man könnte den Kindern was zumuten und mal eine Keramiktasse verwenden.

Last edited 29 Tage zuvor by Klugscheisser
BeWa
29 Tage zuvor
Antwortet  Klugscheisser

Wir bekommen diesen Geist nicht mehr in die Flasche zurück.

Gerne würde ich sagen, dass alle Einrichtungen den Kindern die Möglichkeit
der frei(er)en, unbeobachteten Interaktion miteinander einräumen sollen.
Aber dafür brauchen die Kinder natürlich schon so etwas wie eine „innere Struktur“, die idealerweise durch das Elternhaus vermittelt wird.

Wenn aber jede zweite Kitagruppe oder Grundschulklasse 3 oder 4 Kinder hat, denen es daran mangelt, dann kann man die Freiheit zur Entfaltung nur um den Preis des Rückzugs anderer Kinder haben.

Letzteres ist bei uns der am häufigsten angegebene Grund für Platznachfrage von Eltern, deren Kinder in einer großen (städtischen) Einrichtung sind.

Diese Eltern haben nicht nur Angst, dass ihre Kinder keine unbeschwerte Kindergartenzeit haben. Sie haben auch Angst, ihre Bedenken überhaupt zu äußern.

Als ich im QM-Kurs gesagt habe, dass ich Verständnis für diese Bedenken habe, bin ich von der Kursleiterin so abgebürstet worden, dass eine peinliche Stille entstand und danach niemand mehr etwas zum Thema sagen mochte.

Klugscheisser
28 Tage zuvor
Antwortet  BeWa

In der KiTa ist das Kind zwangsweise mit irgendwelchen Kindern zusammen. Da muss man ein Auge drauf halten.
In der Freizeit wird das Kind aber auch daueraufmerksamkeitsbefeuert.

Last edited 28 Tage zuvor by Klugscheisser
Angelika
29 Tage zuvor
Antwortet  Klugscheisser

In Elterninitiativkitas und in einem emanzipatorischen Mädchentreff habe ich es noch erlebt, dass die Kinder werken konnten. – Das ist etwas ganz anderes, als neben einer netten Erzieherin zu hocken und gemeinsam eine zweckmäßig-gepflegte nette Konversation zu führen, um die Bildungsdokumentation zu führen. – Vor allem in der Krippe ruinieren sich die Erzieherinnen den Rücken, wenn sie un Hexenschusshaltung mit den Kindern die „Ich-Bücher“ füllen und mit Feenstaub bvestäuben…

Um unseren Unmut über die Berteuungskonditionen zu zeigen, könnten wir eigentlich m,al dazu übergehen, den Eltern zu erklären, dass wir schon mal mehr Zeit für die KInder hätten, wenn Eltern kein Einverständnis zur Führung einer Bildungsdokumentation erteilen. – Allmählich könnte die Zeit dafür reif sein.

Was man als „Dokumenteuse“ so alles verschriftlichen soll, finde ich schlimmer als manche Bastelei nach Schablone. Kinder nach den Schablonen anderer selbstverständlich „wertschätzend“ zu beschreiben, ist mittlerweile jedoch eine willkommene Chance für gestresste Fachkräfte, um sich mal ein wenig aus dem Gruppenalltag zurückzuziehen.

Übrigens finde ich die Forderungen von Janusz Korczak –

  1. Das Recht des Kindes auf seinen Tod.
  2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.
  3. Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.

besser formuliert als die Kinderrechte, die eigens im Grundgesetz aufgenommen werden sollen.

Du!
28 Tage zuvor
Antwortet  Angelika

Das Recht des Kindes auf seinen Tod? Also, Entschuldigung, aber das klingt mir dann doch zu heftig. Aber Janusz Korczak wusste sicher, was er damit meinte..

Uwe
25 Tage zuvor
Antwortet  Du!

https://www.youtube.com/watch?v=4X9GevGLxTk

Er meinte damit: Kinder haben das Recht Risiken einzugehen. So wie auch Erwachsene.

Du!
19 Tage zuvor
Antwortet  Uwe

Meinen Sie wirklich, dass ich den Kinderarzt Korczak nicht kenne? Ich frage mich bloß, warum Sie den Tod hier so hervorheben. Korczak ist mit „seinen“ Waisenkindern in dem Tod gegangen. Weiss eigentlich jeder. Wenn Straßenkinder mich aber nun beinahe in den Tod befördern würden, z.B. über k.o.-Tropfen, dann würde ich dem Satz mit den Risiken nicht mehr zustimmen. Denn es geht ja um Risiken, die ich selbst eingehe. Übrigens bin ich der Meinung, dass Kinder sich selten täuschen in der Wahrnehmung von Gefahr und Risiken. Es gibt ein schönes Stichwort dafür: Vertrauen. Das kann verletzt werden, aber nur durch unempathische Mitmenschen.

Mary-Ellen
28 Tage zuvor
Antwortet  Klugscheisser

Ich möchte gern noch 5 Daumen dazupacken!
Ein Rahmen ist wichtig.
Innerhalb dessen brauchen Kinder je nach Altersklasse einen „eltern- bzw. kontrollfreien Raum“.

Mary-Ellen
28 Tage zuvor
Antwortet  Klugscheisser

Fällt mir noch ein:
Im Säuglingsalter meines Sohnes habe ich mich mit Beratungsbüchern „gefoltert“, welche mich letztendlich insofern verunsicherten, als dass ich das Gefühl hatte, ich wäre als Mutter nie „gut“ genug.
Nach einem Dreivierteljahr habe ich die gesamte Fürsorge-und Frühförderliteratur wütend entsorgt und mich auf mein Bauchgefühl verlassen.
Seitdem ging es uns beiden um Klassen besser.

Pit2020
28 Tage zuvor
Antwortet  Mary-Ellen

@Mary-Ellen

Liebe Mary-Ellen,
das war sicher eine sehr kluge Entscheidung und – wenn man es lässt – ist das Bauchgefühl oft ein guter Berater – manchmal der beste Berater, den man kriegen kann!

Abgesehen davon, dass in den letzten 20 Jahren die Probleme im Sozialverhalten massiv zugenommen haben, kommt eine Gruppe von SuS vergleichsweise „glatt“ durch die Pubertät und ihre „Irrungen und Wirrungen“ 😉 … und die waren auch zu „unserer Zeit“ nicht immer und unbedingt amüsant auszuhalten (für die Kinder/Jugendlichen selbst und ebenso für sämtliche Sozialkontakte), auch das gehört zur Wahrheit.

Die Gruppe von SuS, die recht „glatt“ durchkommt, sind oft mit Eltern bzw. Elternteilen (das betrifft sehr wohl auch alleinerziehende Elternteile!) „gesegnet“, die sich auf eben dieses Bauchgefühl verlassen und auch auf den eigenen Verstand.
Im Beratungsgespräch sagte mir mal eine Mutter: „Ich bekomme doch keine eigenen Kinder, um sie dann wie fremdgesteuert von Zeitschriften oder Erziehungsbüchern großzuziehen! Wenn ich nicht weiter weiß, dann höre ich mich lieber bei anderen Menschen um.“ Sie hat sich dabei keineswegs als unfähig betrachtet, sie hat sich so etwas auch nie einreden lassen – egal von welcher Seite! (Ich bin mir aber sehr darüber im Klaren, dass der Druck unter Eltern/Elternteilen teilweise groß sein kann.) … Sehr symphatisch! Sehr gefestigt. Auch bei „Gegenwind“ des Pubertiers 😉 blieb sie so gefestigt und die Wogen glätteten sich einigermaßen „schnell“, d.h. binnen eines (durchaus nervenzehrenden) Schuljahres. Genau diese Ruhe fand der Sproß richtig toll, schon wenige Monate nach seiner „Trotzphase, Teil 2“ (auch Pubertät genannt) konnte er das reflektieren. Es hat seiner Mutter viel Respekt gebracht, die beiden waren danach tief verbunden und besonders schön mitzuerleben: tief entspannt.
Aber beide hatten den Mut da durchzugehen.
(Das ist exemplarisch, weil mir diese beiden sofort einfielen. Ein Einzelfall ist es aber auch nicht. Nur leider ist es viel zu selten und viel seltener als es der Gesamtgesellschaft gut tun würde.)

Mel
28 Tage zuvor

Der ganze Blick auf Kinder, deren Bedürfnisse, der Stellenwert der Familie… da läuft so vieles schief. Und das wird uns alles irgendwann auf die Füße fallen.

Natürlich wollen Eltern das bisschen Zeit, das ihnen mit den Kindern bleibt schön gestalten. Sie wollen schöne Momente mit glücklichen, zufriedenen Kindern. Um des Familienfriedens gibt man schneller nach. Und sicher ist bei dem ein oder anderen auch ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber da, wenn sie von 7-17 Uhr fremdbetreut werden. Was keine Seltenheit mehr ist.

Familien müssten m.E. gestärkt werden. Es muss möglich sein in Teilzeit zu arbeiten, flexibel zu arbeiten. Das geht natürlich nicht alles in allen Berufen. Aber es ginge in vielen Berufen, wenn die AG das unterstützen würden (oder müssten). Ähnlich wie Homeoffice, was ja lange ein absolutes No-Go für AG war.
Familie ist für das Kind am wichtigsten. Gesehen werden, gehört werden, angenommen werden, wie man ist, Regeln in der Familie lernen, sich auch mal dran reiben…

Na ja… ist alles utopisch. Es wird sich auf lange, lange Sicht nichts zum Besseren ändern. Man kann nur hoffen, dass es nicht schlimmer wird.

Pit2020
28 Tage zuvor
Antwortet  Mel

@Mel

„Und das wird uns alles irgendwann auf die Füße fallen.“

Ich fürchte, das ist schon längst im freien Fall. 🙁

Mel
28 Tage zuvor
Antwortet  Pit2020

Das ist richtig. Aber es wird noch viel weiter gehen.

Michaela
26 Tage zuvor

Liebe Marion,

was Sie beschreiben kenne ich und ALLE Kolleg*innen, mit denen ich Kontakt habe (und das sind sehr viele, da ich gewerkschaftlich bedingt sehr viele Berufskontakte habe, zu den anderen Kitas meiner Gemeinde und aus verschiedenen pädagogischen Netzwerken) leider eins zu eins sehr gut:

– den Personalnotstand,
– kaum Fortbildungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten,
– die ständig steigenden Anforderungen, ohne entsprechender Fortbildung,
– bei sehr schlechter Bezahlung, die nicht den Verantwortungen und Anforderungen entspricht,
– bei wenig bis keiner Vor- und Nachbereitungszeit, wodurch die Arbeitsqualität leidet, deshalb die Frustration immer mehr steigt, und die Überlastung
– bei mangelhafter materieller und
– mangelhafter räumlicher Ausstattung der Einrichtungen,
– bei zu großen Kindergruppen,
– bei hoher Lärmbelastung, was auf Dauer die Gesundheit zerstört,
– bei permanentem Multitasking (was auf Dauer Gehirn-zerstörend wirkt),
– bei politisch geforderter, aber in der Realität nicht umsetzbarer Inklusion,
– bei dem gesellschaftlichen Wandel in Richtung immer mehr Materialismus, Leistungsdruck und Funktionalität,
– bei einem Menschenbild, das Kinder bereits ab einem Jahr oder jünger als eine Art Möbelstücke betrachtet, die hin- und her verschiebbar sind, die zu betreuen und unterzubringen sind, die aber keineswegs eigene Rechte haben, geschweige denn Bedürfnisse,
– bei immer mehr Kindern, die aus verschiedenen Gründen erhöhten Betreuungs- und Förderbedarf haben. (Um hier einmal Zahlen zu nennen: Es handelt sich um mindestens ein Drittel bis die Hälfte der Kinder, die in irgendeiner Wese auffällig sind!!!!!).

In all diesen Bereichen verschlechtern sich die Bedingungen seit ca. 15 bis 20 Jahren kontinuierlich! (Bei der Bezahlung gab es zwar Verbesserungen, aber sie sind minimal und keineswegs angemessen zu dem, was das pädagogische Fachpersonal leistet und leisten soll! Und keineswegs ausreichend für ein Familieneinkommen!)

Hier ist am Rande zu erwähnen, daß es aus Sozialministerien Anweisungen an die Fachschulen für Sozialpädagogik gibt, möglichst alle, die von den Arbeitsämtern in die Ausbildung hineingeschoben werden über neue Ausbildungsformen (auch Quereinsteiger*innen), durch die Ausbildung hindurchgebracht werden sollen, und dabei die Eignung für diesen Beruf NICHT BEACHTET WIRD, weil durch die Gesetzgebung in „schöner“ Regelmäßigkeit für immer mehr Kinder der Anspruch auf Ganztagsbetreuung von 7 bis 17 Uhr, demnächst auch für Grundschulkinder, geschaffen wird, und somit der Mangel an geeignetem Personal immer gravierender wird!!

Tatsächlich war ich als junge Frau und Studentin eine derjenigen, die genau diese Forderungen nach Ganztagsbetreuung von Kindern mit Vehemenz vertreten hat. Ich wollte in der Lage sein, eigenständig und „gleichwertig“ wie der Vater meiner Kinder, beruflich erfolgreich zu sein, usw.
Diese Forderungen sind hier ja mittlerweile einigermaßen gesellschaftlich anerkannt, werden aber auf Kosten von ALLEN, des menschlichen Miteinanders, der psychischen und physischen Gesundheit aller und besonders auf Kosten der Kleinsten umgesetzt!
(Es ist ein eigenes Thema, sich zu fragen, welche Änderungen wirklich im Sinne eines gleich-wertigen menschlichen Miteinanders in all der Diversität, für alle Geschlechter, für Kinder, Jugendliche und alte Menschen, aller kulturellen und religiösen Ausrichtungen, eben ALLER Menschen, und im Sinne unserer Lebensgrundlage, der Erde, deren Natur wir alle ein Teil sind, lebensförderlich und wirklich (über-)lebenstauglich wären!!)

Obwohl heute die Psychologie /Entwicklungspsychologie/Bindungsforschung genau erforscht hat, was (Klein- und Kleinst-) Kinder brauchen, um zu verantwortungs-fähigen und gesunden, im Sinne von: dem Leben positiv und vertrauensvoll-optimistisch gegenüberstehenden, mit sozialen, gemeinschaftsfähigen Eigenschaften ausgestatteten, Erwachsenen heranwachsen zu können, die in der Lage sein sollen, all die riesigen und auch bedrohlichen Probleme unserer Zeit bewältigen zu können, wird diesem Wissen diametral entgegengesetzt von den Entscheider*innen in der Politik und Wirtschaft gehandelt!
Die Rechte von Kindern, den Erwachsenen von Morgen, werden ignoriert…. Ihr Recht auf Bindung, Sicherheit, Geborgenheit, auf Halt und wertschätzenden Umgang, auf klare wertschätzende sozial-emotionale Regeln, die die Gemeinschaft fördern und schützen, was ja die Grundlage des Wohlergehens aller beinhaltet, werden ignoriert.
Schlimmer noch, es wird ein „Recht der Kinder auf Betreuung in Kitas und Grundschulen von 7 bis 17 Uhr“ gesetzlich verankert. Das ist Verhöhnung. Denn dies ist NICHT, was Kinder brauchen ….. Dies ist, was für ein Wirtschafts- und Kultursystem gebraucht wird, das auf materialistischen Werten basiert und letztendlich auch allen Erwachsenen schadet.
Der Bundestag war bisher nicht in der Lage, die bereits in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts geschaffene UN-Kinderrechtskonvention zu ratifizieren und die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen! 2021, nach 30 (!!!) Jahren, wurde bei der Diskussion über diese Ratifizierung im Bundestag bemängelt, daß dadurch die Rechte der Eltern eingeschränkt würden, deshalb wurden die Kinderrechte nicht eigenständig im Grundgesetz verankert!
Genau diese Haltung spiegelt sich in der Haltung von immer mehr Eltern(teilen). Es geht um IHRE Berufstätigkeit; um IHRE Wünsche, um IHRE Bedürfnisse, IHRE Ziele…. Vorgeschoben werden: der gesellschaftliche Druck, die Forderungen der Arbeitgeber*innen, der finanzielle Druck…

Wo bleiben die Kinder?
Ist es verwunderlich, wenn diese, nachdem sie, entgegen ihrer Bedürfnisse, so früh wie möglich, so lange wie möglich in Fremdbetreuung gegeben werden, in Einrichtungen, die zum größten Teil unterbesetzt, nicht angemessen ausgestattet, von überfordertem, ausgebranntem, frustriertem und oft am Rande der Verzweiflung stehendem Personal betreut, mit oft längeren „Arbeitstagen“ als ihre Eltern, wenn diese Kinder dann auffällig werden, Entwicklungsverzögerungen aufzeigen, erhöhten Förder- und Betreuungsbedarf haben???? Und daß dies die neue Normalität geworden ist?
Daß wir als pädagogisches Fachpersonal uns freuen müssen, wenn wir noch einige Kinder in unseren Gruppen haben, die doch noch in der Lage sind, altersgemäß zu spielen, eine altergemäße Selbständigkeit haben, in der Lage sind, altersgemäß respektvoll mit den anderen Kindern und Fachpersonal, ja den eigenen Eltern umzugehen, sich selbst zu beschäftigen, sich in die Gruppe einzufügen, sich an die Regeln des sozialen Miteinanders zu halten, die soziale Lernentwicklung zeigen usw. Mit diesen Kindern würden wir gerne die (eigentliche) pädagogische Bildungsarbeit machen, die unsere eigentliche Aufgabe ist. Aber genau das ist meistens nicht (mehr) möglich!
Immer mehr Kinder spiegeln die Haltung der Eltern eines materialistischen Leistungsdenkens einerseits (worunter ja auch die Erwachsenen leiden, eigentlich!), und andererseits der Hilflosigkeit und auch des offensichtlich schlechten Gewissen ihren Kindern gegenüber, da sie ja schon irgendwie spüren, daß es den Kindern nicht so gut geht, oder auch der Erschöpfung der Eltern, oft der Mütter, die all den internalisierten „gesellschaftlichen“ Ansprüchen (Kinder, Karriere UND „Küche“) versuchen, zu entsprechen …..

Eine weitere Merkwürdigkeit der heutigen Zeit, ist die sogenannte „Bedürfnis-orientierte Erziehung“, die sich erfahrungsgemäß meistens ÜBERHAUPT NICHT an den Bedürfnissen der Kleinkinder orientiert, sondern an den Bedürfnissen der Eltern (Eigener anscheinend nicht erfüllter Wünsche aus der eigenen Kindheit? Aus schlechtem Gewissen gegenüber den Kindern?). Sie führt zu orientierungslosen, Halt-losen, Grenzen-losen Kleinen, die mit manchmal extremen Verhaltensweisen Halt suchen, Orientierung, die nicht/kaum in der Lage sind, sich in Gruppen einzufügen, gemeinsam zu spielen, zu teilen, Konflikte zu lösen….

Erst, wenn ein Kind erleben kann, wo die Grenzen sind, spürt es Halt, Geborgenheit, Sicherheit. Dann erst kann es zur Ruhe kommen, sich selbst spüren, die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen „Ich“ und den anderen, entwickeln usw. und wird so zum sozialen, gruppenfähigen Wesen. Als Jugendliche und Erwachsene können Menschen sich dann davon abgrenzen, darüber hinauswachsen, eigene Grenzen entwickeln, ausdehnen usw. Es geht hier um liebevolle und „gute“ Grenzen, ohne Gewalt, aber klar, und manchmal eben nicht so angenehm, weil sie eventuell nicht dem Lustprinzip und dem Ego entsprechen. Je kleiner Kinder sind, desto mehr brauchen sie dabei die liebevolle und klare Begleitung einer vertrauten, verfügbaren und feinfühligen Bezugsperson. Das bedarf eines Elternteils, oder zumindest eines Erwachsenen, der/die permanent verfügbar und in den ersten Jahren möglichst gleichbleibend die gleiche Person ist. Hier wird auch die für ein friedliches und wertschätzendes gesellschaftliches Leben so enorm wichtige Empathiefähigkeit erworben. Es ist eine herausfordernde Zeit für Eltern, aber auch eine mit vielen sehr schönen Erfahrungen, die niemals wiederkehrt und nicht nachgeholt werden kann!!! Während Beruf und Karriere sehr wohl warten können und später wiederaufgenommen werden können mit einem sehr großen Schatz an in dieser Zeit erworbenen Erfahrungen Weisheit und emotionalem Reichtum!!

Wenn Kindern diese Erfahrungen fehlen sollen Einrichtungen dies ausgleichen, dort sollen Kinder dann „soziales Verhalten lernen“ (O-Ton mancher Eltern!). Solche Kinder, die immer mehr werden, nehmen dann enorm viel Raum ein bei den Fachkräften, sehr viel Energie, sie zu „erziehen“, nehmen sehr viel von den wenig bis gar nicht vorhandenen Vorbereitungszeiten für Elterngespräche, Teamgespräche, Anträge zur Integration, Entwicklungsberichte usw., ein. Dadurch haben wir wieder weniger Zeit für unsere eigentlichen Aufgabe! Diese ist eigentlich die frühkindliche Bildung und nur familienergänzend und nicht familienersetzend! So arbeiten wir mit immer mehr Kindern daran, überhaupt erst einmal die Grundlagen des sozialen Miteinanders zu erwerben, wie gemeinsames Essen ohne Chaos und Gebrüll, sich in angemessener Laustärke unterhalten, Tischsitten, Grundregeln des höflichen Umgangs miteinander, Respekt voreinander, nicht „das Recht des Stärkeren“ zu leben, sich zu begrüßen und zu verabschieden usw. Eine Sysiphos-Aufgabe und eigentlich: Elternaufgabe!!!!! Und meiner Erfahrung nach können wir NICHT diese Mängel ausgleichen, denn das Vorbild der Eltern und die Erfahrungen der ersten Jahre sind prägender als all unsere Bemühungen.
(Ein weiterer Trugschluß! Obwohl unsere Berufsbezeichnung „Erzieher*in“ ist, liegt die eigentliche Erziehungsaufgabe bei den ELTERN, und nichts und niemand kann das ausgleichen, was diese nicht an Verantwortung daran übernehmen! Erst recht keine Krippe, Kita oder gar Schule oder Schulbetreuung!!! Eine Einrichtung ist IMMER NUR EINE ERZIEHUNGSERGÄNZENDE Institution!)

Hier sind Eltern gefragt, die ihre wunderbare, aber eben auch fordernde Erziehungsaufgabe wertschätzen, die in der Gesellschaft, bei Arbeitgeber*innen, in den Familien, in der Paarbeziehung aushandeln, wie ihre Kinder wirklich ihren Bedürfnissen entsprechend erzogen, begleitet, gefordert und gefördert werden. Hier ist die gesellschaftliche und individuelle Wertschätzung von Erziehungs- und Beziehungsarbeit gefragt, die sich eben auch in den Gehältern spiegelt: Sogenannte „weibliche“ Arbeit wird immer noch besonders schlecht bezahlt!! Und es sind Eltern gefragt, die ihre Werte hinterfragen: Karriere? Geld? Haus? Teure Autos, Urlaube, Medien, Kleidung? Was ist wirklich wichtig????? Was ergibt Sinn und echte Zufriedenheit, auch auf die Zukunft hin betrachtet, ihrer eigenen und die ihrer Kinder!

Das gesamte Bündel an den oben genannten Bedingungen in der Arbeit pädagogischer Fachkräfte hat zur Folge, daß selbst die Teilzeitkräfte oft nach ihrer Arbeitszeit völlig ausgelaugt sind, daß immer mehr, und besonders in zunehmendem Alter, Burn-out erleben, ihre ganze Freizeit bräuchten, eigentlich, für ihre Regeneration, aber eben auch noch Familie haben und weitere Verpflichtungen!! Und das für ein minimales Gehalt, das auch gerade mal für die Grundbedürfnisse ausreicht, wenn überhaupt!! Die Abwanderung aus diesem eigentlich so wunderbaren Beruf ist enorm und nimmt zu…..
Und unter den momentanen Bedingungen kann auch niemandem geraten werden, diesen Beruf zu ergreifen. Denn momentan bedeutet es:
Sich mehr als komplett verausgaben gegen einem mickrigen finanziellen Ausgleich, kaum Entwicklungsmöglichkeiten, ständige Frustration, nicht die eigentliche Arbeit machen können, jeden Tag permanent Löcher zu flicken, die ohnehin nicht geflickt werden können, höchste Flexibilität, ständig am Limit arbeiten und die eigene Gesundheit dabei zu ruinieren…… und keine Aussicht auf Verbesserung.

Pit2020
25 Tage zuvor
Antwortet  Michaela

@Michaela

Liebe Michaela,
vielen Dank für die große Mühe!

Ihr Beitrag zeigt sehr deutlich, dass die Missstände in einer sehr frühen Entwicklungsphase der Kinder beginnen, sich entsprechend „einschleifen“ und mehren/potenzieren und auch welche Rolle Eltern(teile) und auch die Gesamtgesellschaft (!!! … bei allem Verständnis für finanzielle Zwänge schon bei der Grundsicherung/-bedarf) spielen.

Sie schreiben:
„Eine weitere Merkwürdigkeit der heutigen Zeit, ist die sogenannte „Bedürfnis-orientierte Erziehung“, die sich erfahrungsgemäß meistens ÜBERHAUPT NICHT an den Bedürfnissen der Kleinkinder orientiert, sondern an den Bedürfnissen der Eltern (Eigener anscheinend nicht erfüllter Wünsche aus der eigenen Kindheit? Aus schlechtem Gewissen gegenüber den Kindern?). Sie führt zu orientierungslosen, Halt-losen, Grenzen-losen Kleinen, die mit manchmal extremen Verhaltensweisen Halt suchen, Orientierung, die nicht/kaum in der Lage sind, sich in Gruppen einzufügen, gemeinsam zu spielen, zu teilen, Konflikte zu lösen….
…“
Mit diesem Absatz beginnend und auch im Weiteren klären Sie einiges, was hier in den letzten Wochen in mehreren Artikeln (auf Grund von Missverständnissen?) öfter und teilweise hitzig diskutiert wurde.
Ich bin mir sicher, Ihre klare und differenzierte Darstellung und der eingangs geschilderte Erfahrungsschatz dürfte als Grundlage auch eventuellen Kritikern genügen, um zu reflektieren anstatt voreilig in die Tasten zu hauen (vgl.: Missverständnisse?). … Hoffe ich wenigstens. 😉

Alle Menschen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, können diese Dinge auffallen und sie tun es tatsächlich auch, auch der Zeitraum dieser Entwicklung und ein immer schnelleres „Drehen des Karussels“ fallen immer mehr Menschen auf.
Auch außerhalb von Kitas und Schulen (und später in Berufsausbildung und Unis) fällt das mittlerweile durch massive Häufung der Eindrücke im Alltag auf.
Wenigstens fällt es allen Menschen auf, die stark genug sind hinzusehen und mutig genug (auch bei Anfeindungen) sind diese Beobachtungen zu äußern. Das meinte ich mit „Alle Menschen, die beruflich …“

Ich fürchte aber, wir werden ähnlich erfolgreich sein wie beim Klimawandel.
Da behaupten ja auch immer wieder bzw. immer noch einige Leute, das wäre alles übertrieben und ausgedacht.

@Redaktion
Vielleicht kann Michaelas Beitrag noch einmal als eigener Artikel erscheinen?

Mary-Ellen
24 Tage zuvor
Antwortet  Pit2020

Guter Vorschlag!
Auch ich halte Michaelas umfassenden Kommentar für sehr lesenswert!

Marion
24 Tage zuvor
Antwortet  Mary-Ellen

Dem schließe ich mich an.
Allen Eltern, Lehrern, Erziehern und sonstigen am Thema Interessierten empfehle ich zur Lektüre das Buch „Liebe Sophie“ von Henning Sußebach, Brief eines Vaters an seine Tochter.

Pit2020
24 Tage zuvor
Antwortet  Marion

@Marion

Danke für den Buchtipp, das klingt interessant!

Uwe
23 Tage zuvor
Antwortet  Michaela

Erst, wenn ein Kind erleben kann, wo die Grenzen sind, spürt es Halt, Geborgenheit, Sicherheit. Dann erst kann es zur Ruhe kommen, sich selbst spüren, die Fähigkeit zu unterscheiden zwischen „Ich“ und den anderen, entwickeln usw. und wird so zum sozialen, gruppenfähigen Wesen. „

Ein Kind das eine stabile Bindung zu (mindestens) einem anderen Menschen hat (das muss noch nicht mal ein Elternteil sein) hat Halt, Geborgenheit, Sicherheit. Mit Grenzen hat das Überhaupt nichts zu tun.

Ich hatte mal ein Geschwisterpärchen das extrem unterschiedlich war, einer war völlig chaotisch und destruktiv, der andere gut an das Leben angepasst. Beide aus einer dysfunktionalen Familie. Letzterer war früh bei einer (offensichtlich sehr Bindungsfähigen) Tagesmutter in Betreuung.

Und dieses Hohelied auf „liebevolle“ Grenzen und „Konsequenz“ ist nix weiter als ein Neuaufguss der schwarzen Pädagogik etwas freundlich angepinselt.

Kann als Dogma die Basis jeder guten Pädagogik zerstören (eben die Bindung)

https://tassilopeters.com/auf-keinen-fall-konsequent-sein/

Georg
23 Tage zuvor
Antwortet  Michaela

Toller Beitrag, danke dafür. Sie zeigen das Dilemma auf, dass Sie Alleinverdienerfamilien wie vor 30-40 Jahren in Wahrheit haben wollen, aber egal, ob Vater oder Mutter zuhause bleibt, gleichzeitig das Modell als rückständig verteufeln.