Immer wieder Ärger ums Mathe-Abi: Niedersachsen wertet Prüfungen auf

15

Niedersachsens Abiturienten können sich über eine bessere Mathe-Note freuen: Die Bewertung der schriftlichen Prüfungen wird um einen Punkt angehoben, weil für die Bewältigung der Aufgaben zu wenig Zeit zur Verfügung stand. Das hat das Kultusministerium mitgeteilt. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es eine Debatte um den Umfang der Aufgaben.

Es geht aufwärts mit den Noten. Illustration: Shutterstock

«Die diesjährigen Mathematik-Klausuren waren zu bewältigen – aber von den meisten Prüflingen nicht in der dafür vorgesehenen Zeit», sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) am Freitag in Hannover. Nach Angaben des Ministeriums handelt es sich um einen in Niedersachsen bisher einmaligen Schritt. In anderen Bundesländern gab es solche Aufwertungen – meist nach Schülerprotesten – immer wieder. Aktuell wird die Debatte um zu umfangreiche Prüfungen auch in Nordrhein-Westfalen geführt.

Von den besseren Noten in Niedersachsen profitieren rund 16.300 Abiturienten, die die Prüfung Anfang Mai abgelegt hatten. Das Ministerium betonte, der Anhebung sei ein mehrstufiges Verfahren vorangegangen. So seien alle Erstkorrekturen mit den Ergebnissen früherer Klausuren verglichen worden – der Durchschnitt lag demnach bei 6,4 Punkten im Vergleich zu 7,5 vor einem Jahr und 7,0 in den Vorabi-Klausuren. 6 Punkte entsprechen in der Oberstufe einer 4+. Außerdem seien mehrere Fachexperten in die Bewertung einbezogen worden.

Kultusminister Tonne kündigte auch Konsequenzen für künftige Mathe-Abiprüfungen an. Unter anderem sollen die Prüflinge im kommenden Jahr eine halbe Stunde mehr Zeit bekommen und der Umfang der erwarteten Leistungen reduziert werden.

«Daher werden wir uns dieses spannende Fach grundsätzlich vornehmen und jeden Stein umdrehen»

«Es muss neues Vertrauen in die Mathematik-Prüfungen entstehen», forderte der Minister. Schon jetzt habe das Fach bei vielen Schülern einen schlechten Stand und gelte als zu schwierig. Das werde der Bedeutung des Faches nicht gerecht. «Daher werden wir uns dieses spannende Fach grundsätzlich vornehmen und jeden Stein umdrehen», sagte Tonne. Auch in der länderübergreifenden Kultusministerkonferenz brauche es eine Debatte über das Mathe-Abi.

Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es eine aktuelle Debatte um den Umfang der Prüfungsaufgaben. Der Philologenverband des Landes schlägt vor, dass in Mathe-Abiturklausuren in Zukunft weniger Textaufgaben vorkommen (oder im vorbereitenden Unterricht mehr geübt werden). „Das waren bis zu sieben oder acht Blätter, die durchgearbeitet werden mussten“, erklärte die Landesvorsitzende des Verbands, Sabine Mistler, unlängst gegenüber der „Rheinischen Post“ mit Blick auf die aktuellen Grundkursarbeiten.

Texte zunächst mal in Aufgaben zu übersetzen werde im Unterricht weniger trainiert, und es kostet in der Prüfung Zeit. „Es sorgt natürlich für Frustration, wenn man am Ende nur mit der Zeit nicht hinkommt, obwohl man imstande gewesen wäre, die Aufgaben zu lösen“, sagte Mistler dem Blatt zufolge. „Das ist ein wiederkehrendes Problem, das wir auf verschiedenen Ebenen angehen wollen“, kündigte die Philologen-Chefin an. Sowohl beim NRW-Schulministerium als auch auf Bundesebene werde man die Sache thematisieren. „Wir wollen eine grundsätzliche Klärung herbeiführen.“ News4teachers / mit Material der dpa

Wirrwarr ums Mathe-Abi: Hamburg vergibt bessere Noten, Nachbarländer nicht – Philologen stellen gemeinsamen Aufgabenpool infrage

Anzeige


Abonnieren
Benachrichtige mich bei
15 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Carsten60
23 Tage zuvor

Warum stand denn „zu wenig Zeit“ zur Verfügung? Wer ist denn dafür zuständig, wer regelt sowas?

Ausrufezeichen
23 Tage zuvor
Antwortet  Carsten60

Nun ja, vielleicht wäre es sinnvoll, die Fachexperten für das Abitur vielleicht vorneweg drüberschauen zu lassen?
Vielleicht muß man mal auch akzeptieren, das ein Jahrgang vom Schnitt her auch mal schlechter sein kann?

Carsten60
22 Tage zuvor
Antwortet  Ausrufezeichen

Die Klausuraufgaben sollen neuerdings aus dem IQB-Pool stammen (die Auswahl nehmen die Bürokraten aus dem Bundesland vor), und dort werden sie selbstverständlich von Fachleuten bearbeitet, auch hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Zeit. Weil aber in der Vergangenheit auch über zu leichte Aufgaben gemeckert wurde, neigen diese Leute jetzt offenbar dazu, die Quantität zu erhöhen. Dann ist es eben nicht so einfach, wirklich gute Noten zu erreichen, man muss dafür relativ schnell sein. NB: Mit 85 % der Punkte bekommt man noch 13 Notenpunkte, also eine „1 minus“ in traditioneller Bezeichnung. Früher stellte man quantitativ weniger Aufgaben, aber für eine „1“ musste dann schon alles richtig sein.

Georg
23 Tage zuvor

Texte zunächst mal in Aufgaben zu übersetzen werde im Unterricht weniger trainiert, und es kostet in der Prüfung Zeit.“

Kann mir ein Mathelehrer mit Abiturberechtigung bitte erklären, warum das im Unterricht und in Klausuren nicht gemacht wird?

MB aus NRW
23 Tage zuvor
Antwortet  Georg

Das wird schon gemacht, allerdings habe ich bei noch keinem meiner Kolleginnen und Kollegen (und würde mich da auch einschließen) so unfassbar schlecht formulierte Möchtegern-realitätsnahe Aufgaben gesehen wie im Zentralabitur.

Vielleicht müsste man üben, möglichst schlecht und unnötig kompliziert formulierte Aufgaben mit möglichst unklaren Operator (denn der entscheidet, wie viel oder ob überhaupt etwas selbst gerechnet werden muss) in den eigenen Aufgaben vor dem Abi zu stellen.

Also in Geometrie z.B. ein Wolkenkratzer in Form eines Prismas, aus dem aus irgendwelchen Gründen eine Pyramide herausgeschnitten werden muss und zu dem dann irgendwann ein Flugtaxi auf exakt gerader Bahn fliegt (habe ich mir leider gerade nicht ausgedacht, war wirklich so in diesem Jahr) etc. pp.

Mein eigener LK hat in Teilen sehr gut, in Teilen aber auch sehr schlecht abgeschnitten, zu schwer war das sicher nicht, aber wirklich mit Verlaub unglaublich schlecht gestellt und viel vollkommen unnötiger Text. Das entsprach bei mir aber im Schnitt der Vornote.

Ich habe vor Kurzem länger mit 2 Abiturienten gesprochen, die beide 15 Punkte geschrieben haben, die die Aufgabenstellungen auch sehr seltsam fanden.

Das mathematische Niveau kann man kaum noch niedriger drücken (also wer so halb noch in den Themen ist): keine Polynomdivision mehr, keine Integration durch Substitution, keine partielle Integration, in Stochastik wurden dieses Jahr noch stochastische Matrizen vollständig gestrichen, was will man denn nich alles streichen?

Ich habe in den letzten Wochen vor dem Abi nur noch „wie gebe ich was in den unnötig komplizierten GTR ein“ und „was zur Hölle soll ich hier eigentlich rechnen (oder eben nur eintippen und mir vom GTR lösen lassen)“ in alten Abiklausuren und „was muss ich bei welchem Operator (mit gefühlt 100.000 Ausnahmen) aufschreiben, um die volle Punktzahl zu bekommen, wenn der GTR alles für mich rechnet (vor allem in der Stochastik)“.

Spaß macht das nicht, mit Mathe hat das auch nur begrenzt etwas zu tun, aber sinnvoll ist es auf jeden Fall für’s Abi.

So geht es übrigens fast allen oder eigentlich wirklich allen Mathelehrern, die ich kenne. „Oben“ interessiert das aber keinen, da wird Stand jetzt alles in den nächsten Jahren nur noch „kompetenzorientierter“…

Last edited 23 Tage zuvor by MB aus NRW
Carsten60
23 Tage zuvor
Antwortet  Georg

Natürlich wird es gemacht, aber die Texte sind sperrig, lang und nicht immer ganz eindeutig, und wer sprachlich nicht besonders fit ist, der kann Schwierigkeiten bekommen, z.B. Leute mit DaZ. Man hält dieses „Übersetzen“ für den besonders kompetenzorientierten Teil der Sache, formales Rechnen dagegen ist „out“, das gab’s mal in Opas Gymnasium. Später an der Hochschule ist es dann eher umgekehrt, auch das führt zu Frust.

Fakten sind Hate
22 Tage zuvor
Antwortet  Georg

In meinem Unterricht wird es gemacht. Jedoch fehlt den Schülern neben sprachlichen Wissen auch Fähigkeiten in der Mathematik.
Beispielsweise können meine Schüler in Kontextaufgaben Hochpunkte (maximal Geschwindigkeit) nicht von Hochpunkten (maximal Beschleunigung) unterscheiden. Selbst die mathematischen Ansätze zur Bestimmung eben jener Hochpunkte werden trotz Besprechung in mehreren Kontexten nicht beherrscht.

CoronaLehren
23 Tage zuvor

Die KMK und sich Gedanken über das Mathematikabitur machen. Welch amüsanter Zusammenhang.

Die beste Lösung: Mathematik ab Klasse 1 freiwillig. Nur wer will, rechnet noch – oder derjenige, dessen Erziehungsberechtigten den Weitblick haben. Wo braucht man im Leben schon mal einen Dreisatz? Die Preisangabenverordnung hilft doch beim Vergleichen der Preise mit der Grundpreisangabe, Kochrezeptseite im Internet rechnen um. Und die Mathematik, die im Wischkasterl (Smartphone genannt) steckt, verstehen sowieso die wenigsten, nutzen sie aber täglich.

Abitur in Mathe macht nur noch derjenige, der es danach noch braucht. Das entlastet die Kultusminister und vor allem die Mathematiklehrer. Die könne sich dann auch mehr als zwei Stunden pro Woche um die IT kümmern, wie von Frau Lin-Klitzing beschrieben. *Ironie off*

Die Leistungsbereitschaft im Unterricht nimmt ebenso ab wie das Leistungsvermögen. Die KMK sollte über die Kompetenzorientierung nachdenken. Kompetent sind die heutigen Schüler auch nicht immer, abrufbares Wissen ist nur in Spuren vorhanden, sei es auch nur ein einfaches Rechengesetz. Wenn das Niveau gesenkt wird, dreht sich diese Spirale weiter eine Runde nach unten.

Was völlig daneben ist, sind die „Anwendungsaufgaben“, die an den Haaren herbeigezogen sind und eher als „verpackte Textaufgaben“ bezeichnet werden sollten. Am Hilfsmittel (WTR) orientiert, gerade noch so lösbar, völlig vereinfacht und fernab jeder Realität. Damit wird mehr Schaden angerichtet als die Nützlichkeit der Mathematik hervorgehoben.

Carsten60
23 Tage zuvor
Antwortet  CoronaLehren

„Die Leistungsbereitschaft nimmt … ab“
Warum eigentlich? Haben Sie eine Vermutung? Ich kann das nur so interpretieren, dass die Vorstellung vorherrscht, nach der Schulentlassung gehe es erst recht bequem weiter ohne Leistungsbereitschaft. Früher wurde allgemein angenommen, dass jedenfalls ein wissenschaftliches Studium schwieriger ist als das Bestehen des Abiturs und dass man auch scheitern kann. Aber wenn man es den Leuten zu bequem macht, dann rächt sich das halt. Beim Profifußball ist es bestimmt nicht so, dass die Trainings- und Leistungsbereitschaft abgenommen hat, im Gegenteil, die Konkurrenz sorgt dafür, und akrobatische Torschüsse belegen es. In der Schule aber soll es kein Konkurrenzstreben mehr geben, also ist alles – mehr oder weniger – egal geworden. Ein möglicher Gewinn an Sozialkompetenz macht das vermutlich nicht wett.

MeinSenf
23 Tage zuvor

Ach ja, das liebe Zentralabitur… In Deutsch gibt es zwar doch häufiger machbare Aufgaben allerdings sehen die Erwartungshorizonte meist aus, wie eine sprach- und/oder literaturwissenschaftliche Hausarbeit eines profilierungssüchtigen Doktoranden, also für den normal-durchschnittlichen Schüler einfach nicht zu schaffen. Da geht man dann den pragmatischen Weg und bricht ein solches Machwerk auf passendes Niveau runter, sonst würde es auch in Deutsch (wahrscheinlich sieht es in anderen Fächern ähnlich aus) jedes Jahr erneut einen solchen Aufschrei geben wie in Mathe.
Die vorgefertigten Aufgaben und und Erwartungshorizonte passen (genauso wie der Rest der politischen Vorgaben und Erwartungen) oft einfach nicht zur schulischen Realität, weil in den Entscheidungsgremien anscheinend Leute sitzen, die (warum auch immer) die an die Schüler gestellten Erwartungen nicht an eben dieser Realität ausrichten.

Nur so kann ich es mir erklären, warum z.B. für das Abitur 2023 nach zwei Pandemiejahren ein so umfangreiches und komplexes Werk wie ‚Der Untertan‘ durchgenommen werden muss. Während ich noch damit beschäftigt bin, meinem Kurs überhaupt die Grundlagen richtig beizubringen und Lücken zu schließen, soll ich in 3 Wochenstunden diesen Klopper fundiert, gründlich und niveauvoll mit ihnen erarbeiten. Das außerdem noch im zweiten Halbjahr, in dem alle naselang der Unterricht ausfällt. Ach, und dann auch bitte noch ein zweites Thema…

Wie das gehen soll, möchte ich gerne einmal von jemandem, der diese Vorgaben macht gezeigt bekommen. Das wäre ja schon ohne die eben teilweise lückenhafte Vorbereitung in den letzten Schuljahren eine Mammutaufgabe gewesen, aber unter diesen Voraussetzungen…

Ich freue mich schon aufs Abi im nächsten Jahr.

Maike, Niedersachsen, 37
22 Tage zuvor
Antwortet  MeinSenf

Da schließe ich mich an! Mein Highlight war in diesem Jahr die Analyse einer 4-seitigen Rede von Arno Geiger für einen Grundkurs, also nur 4 Stunden Zeit. Und das war nur die erste Aufgabe!!!
Und dabei war es scheinbar auch piepegal, dass Rhetorik oder Rhetorikanalyse gar kein Thema in Jg.12/13 war. Aber bestimmt hatten die das in Jg. 10 einmal, als die Schulen monatelang zu waren…

Tom
23 Tage zuvor

„… von den meisten Prüflingen…“, also einige oder mehrere oder gar ein paar mehr hatten hier offensichtlich keine Zeitprobleme. Ein Notenschnitt von 7,5 widerspiegelt keine Glanzleistungen.
Auch in der Vergangenheit erschien das Mathe-Abi vielen zu schwer.
Beim Abitur – egal in welcher Schulform – sollte wieder mehr Wert auf Leistungsorientierung gelegt werden. Ich befürchte nur, dass es nicht besser wird. Aus den Grundschulen rücken SuS in die Gymnasien nach, welche wiederholte Lockdowns und Unterrichtsausfälle erlebt haben.

Mehrzeller
22 Tage zuvor

Seit zwei bis drei Jahren haben die Abi-Aufgaben einen Uni-Stallgeruch, den ich von den Mathe-Diplomvorlesungen und -Übungen kenne. Nach zwei Semestern sind dann auch solche Aufgaben, wie die aus dem IQB-Pool, lustiger Denksport. Für SuS ist das allerdings einfach nur der Hammer, wenn man jedes Wort der Aufgabenstellung auf die Goldwaage legen muss, bevor man wirklich weiß, was von einem verlangt wird. Das kostet so viel Konzentration – man sieht es in den Klausuren, wie nach 2 Stunden mal für eine halbe bis ganze Seite das Hirn wegkippt…
Dazu kommt der Prüfungsstress, und dass es genug Aufgaben sind, um selbst dann die volle Zeit zu tun zu haben, wenn man alle Aufgabenstellungen sofort richtig verstanden hat.

Kann man als Leistungssport bezeichnen und Leistungsbereitschaft fordern, aber es ist ja schon auch das Bildende an der Mathematik, Schlüsse in der Diskussion zu überprüfen, und für SuS ist das damit verbunden, neue Denkformen kennen zu lernen, was Geduld und Zeit braucht und keinen Leistungsdruck.

Jedenfalls bin ich mit Herrn Tonne sehr zufrieden, wenn er der Aufgabekommission jetzt mal ordentlich an den Karren fährt.

Georg
22 Tage zuvor
Antwortet  Mehrzeller

Echt? Uniniveau und sei es nur die Formulierung? Das kann ich mir kaum vorstellen, weil bundesweit Kompetenzen geprüft werden und es den gemeinsamen Aufgabenpool gibt. Die sperrigen und künstlichen Kontexte, wie sie in anderen Kommentaren zu diesem Artikel kritisiert wurden, halte ich für viel wahrscheinlicher.

Friedrich
22 Tage zuvor
Antwortet  Mehrzeller

Der Vergleich mit dem Leistungssport ist gut. Die Abiturprüfung ist mit der Zeitdauer sehr lang. Das muss halt auch geübt werden. Viele Schüler sind gefühlt gar nicht mehr in der Lage, längere Zeit konzentriert zu arbeiten. Besonders in Mathematik fällt es vielen schwer, einfach mal über eine Stunde konzentriert zu arbeiten. U.a. auch Einstellungssache.

Es ist auch erstaunlich, wie viel bzw. wenig nach drei Stunden dann wirklich zu Papier gebracht wird.