Kulturkampf-Debatte um die Bundesjugendspiele: Reform der Reform? Kultusministerin dagegen

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HANNOVER. Es wäre eine Rolle rückwärts: Hessens CDU-Kultusminister möchte die (seinerzeit von der Union mitbeschlossene) Reform der Bundesjugendspiele rückgängig machen – und hat dafür die Argumente vom vergangenen Jahr wieder aus dem Archiv geholt. Niedersachsens grüne Kultusministerin überzeugt das nicht.

Kehrt, marsch? Illustration: Shutterstock

Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) hat sich gegen eine Reform der Reform bei den Bundesjugendspielen ausgesprochen. «Das Kultusministerium hat den Beschluss der Sportkommission letztes Jahr angenommen und umgesetzt und findet es sinnvoll, ihn erstmal wirken zu lassen, ehe wieder nach einer Änderung gerufen wird», sagte Hamburg auf Anfrage in Hannover. Sie sehe keinen Anlass, diese Einordnung zu ändern. «Wir kriegen zu den Möglichkeiten der Durchführung positives Feedback. Dies ist insbesondere deshalb gelungen, weil das Angebot der Bundesjugendspiele selbst mittlerweile breiter gefächert ist», betonte die Ministerin.

Rund ein Jahr nach der umstrittenen Reform der Bundesjugendspiele will Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) diese schon wieder rückgängig machen und den Leistungsaspekt mehr in den Blick nehmen. Dabei geht es ihm angeblich ums Grundsätzliche. «Das Rad muss jetzt ganz schnell wieder zurückgedreht werden. Es geht in die völlig falsche Richtung, wenn wir unseren Kindern vermitteln, dass Leistung nichts mit dem Leben zu tun hat», sagte er der «Bild»-Zeitung vor einem geplanten Treffen der Sportkommission der Kultusministerkonferenz (KMK) mit Vertretern des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Donnerstag in Frankfurt.

Und: «Wenn alles beliebig wird, gibt es keinen Ansporn mehr, besser zu werden. Das wäre bedenklich für unsere Gesellschaft. Wir müssen deshalb auch den Spaß am sportlichen Wettkampf viel mehr fördern, statt ihn zu bremsen.» Ein Argument, das mit der praktischen Umsetzung der Reform zu tun hätte und womöglich einen neuen Aspekt in die eigentlich bereits beendete Debatte bringen würde, führte Schwarz nicht an.

«Ich bin ein scharfer Gegner davon, dass wir dauernd solch banale Sachfragen zu Kulturkämpfen hochjazzen»

Wie dpa aus Teilnehmerkreisen erfuhr, handelte sich um ein reguläres Treffen, das einmal im Jahr stattfindet – und nicht, wie von «Bild» berichtet, um eine «geheime Krisensitzung». Entscheidungen seien nicht getroffen, aber das Thema erörtert worden, hieß es. Seit diesem Schuljahr werden die jährlich stattfindenden Spiele in der Sportart Leichtathletik für alle Grundschulkinder bis zur vierten Klasse nur noch als Wettbewerb und nicht mehr als Wettkampf organisiert. Bislang war das nur in den ersten beiden Klassen der Fall.

Der Leistungscharakter der Bundesjugendspiele tritt so in den Hintergrund und die Leistungen von Grundschülern werden nun anders und weniger starr bewertet. Mit dieser Neuerung sollten die Spiele kindgemäßer werden, wie der Ausschuss für die Bundesjugendspiele und die Kommission Sport der Kultusministerkonferenz (KMK) – mit den Stimmen der unionsgeführten Bundesländer (und auch der damaligen FDP-Schulministerin von Nordrhein-Westfalen) – bereits 2021 beschlossen hatten.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann erklärte bereits im vergangenen Jahr, dass er den zuletzt dann von CDU/CSU und der FDP aufgeworfenen Punkt, in der Reform der Bundesjugendspiele ein Symptom für die niedergehende Leistungsbereitschaft in Deutschland auszumachen, für überzogen hält. «Ich bin ein scharfer Gegner davon, dass wir dauernd solch banale Sachfragen zu Kulturkämpfen hochjazzen», sagte er.

Der DOSB steht nach Angaben eines Sprechers weiter hinter der Reform. Er verwies auf eine Mitteilung des Verbands vom vergangenen Sommer, in der es unter anderem hieß: «Wettbewerb im Gegensatz zum Wettkampf bedeutet nicht, dass es sich um ein rein spielerisches Angebot handelt. Der Wettbewerb ist vielmehr als ein auf die Entwicklung der Kinder angepasstes sportliches Angebot zu verstehen News4teachers / mit Material der dpa

Kulturkampf: CDU-Kultusminister will Reform der Bundesjugendspiele zurückdrehen

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8 Kommentare
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Einer
20 Tage zuvor

Bevor wir irgendwas wichtiges für die Schulen angehen, machen wir erstmal den Mist, den kein Lehrer interessiert.

mama51
20 Tage zuvor

Der Hesse sagt:
Uff die Bäum, sie kumme! Werrer runner, sie woarns net…
Oder:
Rein in die Kartoffel, raus aus der Kartoffel!

Obwohl:
Es geht in die völlig falsche Richtung, wenn wir unseren Kindern vermitteln, dass Leistung nichts mit dem Leben zu tun hat», sagte er…
Und: «Wenn alles beliebig wird, gibt es keinen Ansporn mehr, besser zu werden. Das wäre bedenklich für unsere Gesellschaft. Wir müssen deshalb auch den Spaß am sportlichen Wettkampf viel mehr fördern, statt ihn zu bremsen.»

Da bin ich allerdings dabei, diese Ansichten teile ich uneingeschränkt.

OMG
20 Tage zuvor

Die Schwerpunktsetzung des neuen Ministers verwirrt mich. Es wurde ein Blockflötenoffensive angekündigt, die gibt es bis heute nicht. Jetzt wird das so wichtige zweite Brennpunktefeld in der hessischen Bildungsmisere forsch angegangen: Die Bundesjugendspiele. Es ist Satire oder pure Realitätsverweigerung, was an den Schulen gerade wirklich für Probleme sorgt

Katze
20 Tage zuvor

Wir werden seit Jahren von Bildungsideologen und Bildungspolitikern genötigt, unseren Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, dass Schule nur cool und „aushaltbar“ ist, wenn Fleiß, Anstrengung, Ausdauer, Selbstdisziplin und eigene Leistung kaum noch eine Rolle spielen.
Nie war vieles so beliebig und anspruchslos wie in unserem heutigen Schulsystem.
Hört man dem Geschwätz und leerem Geklapper aus Wolkenkuckucksheim zu, ist das Ende der Niveau-Rutschpartie noch nicht in Sicht, denn nach der letzten Reform ist vor der nächsten Reform.
Das „droht zu werden“ im folgenden Zitat ersetze ich daher durch „ist gegenwärtig bereits“.

„Das Schulsystem droht zur leistungsfeindlichen Komfortzone und zur Spielwiese für Bildungsideologen zu werden, in der Kinder nicht mehr wachsen und verzerrtes Feedback erhalten. Alle sind angeblich überall super! Tatsächlich behindert man die Besten an ihrer Entfaltung, damit alle gleich sind. Gleich klein.“  
Florian Becker

RainerZufall
19 Tage zuvor

Und bis letztes Jahr waren alle mit der Leistungsbereitschaft zufrieden? Scheint eher so, als hätte dieses jährliche Event keinen allzu großen Einfluss

vhh
19 Tage zuvor

Die Grundschulkinder werden den Unterschied zwischen Wettbewerb und Wettkampf sicherlich haargenau erkennen.
Aber wir sind ja im Sommerloch, Löwen im Wald wurden lange nicht gesehen, noch keine Schildkröte im Baggersee, was soll man machen als Politiker?
„Es muss jetzt ganz schnell…“ – wie war die Steigerung von egal, sch…egal?
Bei unseren Bundesjugendspielen gab es übrigens zu wenig Kugeln und Wurfbälle, aber was soll’s, Hauptsache die Erlasse bekommen eine Pressenotiz.

Hysterican
19 Tage zuvor

Keine Bange … wenn es sich um eine radikale Kehrtwende im Baerbock’schen Sinne handelt, dann wird die um 360° ausgeführt … da brauchen wir uns dann nicht sorgen.

Unsere intellektuelle Elite wird uns schon ans richtige Ziel führen.

Meine SL z.B. sagt immer wieder, „Sie müssen uns einfach mal vertrauen und loyaler sein … dann wird das schon!“

So – oder so ähnlich – sollten wir anstehende und getroffene Entscheidungen von Oben ansehen und einschätzen … dann wird das schon. 😉

sagenHAFT
17 Tage zuvor

Ich finde die Reform gut.