Neue PISA-Ergebnisse: Jeder fünfte Schüler in Deutschland zu unkreativ

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MÜNCHEN. Kreatives Denken zählt zu den entscheidenden Zukunftskompetenzen, denn diese Fähigkeit gilt als Voraussetzung, um mit Veränderungen umgehen zu können. Die gute Nachricht vorweg: Eine aktuelle Auswertung der jüngsten PISA-Daten zeigt, dass Jugendliche in Deutschland genauso gut kreativ denken können wie der Durchschnitt der 15-Jährigen in den OECD-Staaten. Gleichzeitig ist jedoch mehr als ein Fünftel dazu kaum in der Lage. Kreatives Denken lasse sich allerdings in der Schule fördern, betont Professorin Doris Lewalter, Leiterin des deutschen Teils der PISA-Studie, – und zwar niedrigschwellig.

Gut ein Fünftel der 15-Jährigen in Deutschland hat Schwierigkeiten, Probleme kreativ zu lösen. Symbolfoto: Shutterstock/Antonio Guillem

Können Jugendliche Ideen entwickeln, um ein Problem zu lösen? Sind sie in der Lage, Neues zu schaffen? Kreatives Denken gilt als Voraussetzung, um mit Veränderungen umgehen zu können – im Beruf wie im privaten Alltag. Die jüngste PISA-Studie hat deshalb erstmals untersucht, wie ausgeprägt diese Kompetenz bei Schülerinnen und Schülern kurz vor dem Ende ihrer Pflichtschulzeit ist. Rund 5.900 15-Jährige bearbeiteten in Deutschland neben dem Test in Mathematik, im Lesen und in den Naturwissenschaften auch Aufgaben zum kreativen Denken.

Beispielsweise sollten sich die Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten überlegen, wie man das Bewusstsein für die Bedeutung von Bienen stärken kann. In einer anderen Aufgabe sollten sie sich einen Dialog für einen Comic ausdenken. „Der Fokus der Studie liegt auf der Frage, ob sich die Jugendlichen eine originelle Idee ausdenken, fremde Ideen weiterentwickeln und sich mehrere Ideen zur gleichen Frage einfallen lassen können. Es geht darum, soziale und naturwissenschaftliche Probleme zu lösen und sich schriftlich und visuell auszudrücken“, erklärt Professorin Doris Lewalter vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der Technischen Universität München (TUM), Leiterin des deutschen Teils der PISA-Studie, die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koordiniert wird.

Deutschland auf einer Stufe mit Frankreich und Spanien

Die durchschnittlichen Kompetenzen der Jugendlichen in Deutschland entsprechen dem Durchschnitt der Ergebnisse in den OECD-Staaten. Die größte Kompetenz in den OECD-Staaten haben die 15-Jährigen in Korea, Kanada, Australien und Neuseeland. Berücksichtigt man alle teilnehmenden Staaten, ist Singapur an der Spitze. Auf einer Stufe mit Deutschland stehen beispielsweise Spanien, Frankreich, die Niederlande und Israel.

Entsprechend der im Test erreichten Punktzahlen ordnet die Studie die Schülerinnen und Schüler verschiedenen Kompetenzstufen zu. Der Anteil der 15-Jährigen auf den Kompetenzstufen, die beim kreativen Denken besonders gute Voraussetzungen für die Berufswelt haben, liegt in Deutschland bei 27 Prozent. Dagegen sind 22 Prozent der Jugendlichen kaum in der Lage, Ideen für einfache visuelle Designs und schriftliche Darstellungen zu entwickeln oder Lösungen für Probleme zu finden.

Starker Zusammenhang mit Kernkompetenzen

Weiterführende Auswertungen zeigen, womit diese Ergebnisse in Teilen erklärt werden können. Den stärksten Zusammenhang fand das Forschungsteam mit den in der PISA-Studie getesteten Kernkompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. „Wenn Schülerinnen und Schüler lernen, mathematisches und naturwissenschaftliches Wissen anzuwenden und Texte zu verstehen, dann prägen sie offenbar zugleich ein kreatives Denken aus“, sagt Doris Lewalter. „Dabei gehen wir davon aus, dass die Kompetenzen in Wechselwirkung stehen.“

Die Analysen zeigen außerdem, dass Mädchen deutlich besser im kreativen Denken abschneiden als Jungen. Berücksichtigt man in der statistischen Auswertung aber die größere Lesekompetenz der Mädchen, dann ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern im kreativen Denken nur noch gering. Ebenso ist es bei den Unterschieden zwischen Schulformen. Die deutlich besseren Ergebnisse an den Gymnasien erklären sich insbesondere durch die größeren Fähigkeiten der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in den drei Kernbereichen.

Möglichkeiten zur Förderung

„Kreatives Denken kann gefördert werden“, betont Lewalter. „Dafür brauchen wir nicht etwa ein Schulfach Kreativität. Im Gegenteil sollten die Schülerinnen und Schüler in jedem Unterrichtsfach die Möglichkeit und Anregung zum kreativen Denken erhalten. Wenn Lehrerinnen und Lehrer offen sind für unterschiedliche Ideen, wenn sie Antworten nicht sofort als richtig oder falsch abstempeln, sondern vermeintlich schiefe Lösungsansätze gemeinsam weiterentwickeln, dann erfahren Schülerinnen und Schüler Wertschätzung für ihre Ideen und lernen gleichzeitig kreatives Denken.“ News4teachers

Informationen zur Studie
Die achte Studie des Programme for International Student Assessment (PISA) wurde im Frühjahr 2022 durchgeführt und der erste Ergebnisbericht dazu Ende 2023 veröffentlicht (News4teachers berichtete). In den PISA-Studien wird neben den drei Kernkompetenzen – Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften – jeweils eine weitere Kompetenz getestet. In den vergangenen Studien waren dies verschiedene Arten des Problemlösens und „Global Competence“. Die Aufgaben zum kreativen Denken wurden in 63 Staaten bearbeitet, darunter in 28 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Schule bis 2030: Weniger Faktenwissen, mehr Kompetenzen, Hybridunterricht und selbstorganisiertes Lernen

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GriasDi
29 Tage zuvor

Kreativ kann ich nur dann sein, wenn ich viel weiß.

Einer
29 Tage zuvor
Antwortet  GriasDi

Wissen ist aber kein Unterrichtsziel mehr!
Wir vermitteln nur noch Kompetenzen. Bestimmt setzt sich jetzt gerade in Düsseldorf, München oder Berlin ein äußerst engagierter KuMi-Beamter an seinen Schreibtisch und entwirft einen Rahmenplan zur Entwicklung von Kreativitätskompetenz. Natürlich mit wunderschön formulierten Unterrichtszielen. „Die Schüler sind in der Lage auf neue und unbekannte Anforderungen zielgerichtet, adäquat und schnell zu reagieren. Dazu nutzen sie die gesamten ihnen zu Verfügung stehenden Kenntnisse aus verschiedenen Fachgebieten und kombinieren Informationen auf eine neue und bislang nicht dagewesene Art und Weise“ Einführung zur Probe im Schuljahr 25/26. Entsprechende Schulbücher kommen dann 27/28.

Katze
29 Tage zuvor
Antwortet  Einer

Wissen ist aber kein Unterrichtsziel mehr! Ja, so sinnfrei und bildungsfeindlich ist die moderne Didaktik und Unterrichtsmethodik mittlerweile.

„Wenn Schülerinnen und Schüler lernen, mathematisches und
naturwissenschaftliches Wissen anzuwenden und Texte zu verstehen, dann prägen sie offenbar zugleich ein kreatives Denken aus“.
Abrufbares gefestigtes Faktenwissen ist aber nicht vorhanden und angestrengtes Lernen zum Erwerb desselbigen absolut verpönt.

Sehr interessant hierzu der Beitrag von Miriam Stiehler (16.Juni 2024)

„Rechtschreibung? Nicht nötig, wir schreiben nach Gehör, denn Orthographie ist Gewalt. Mathematik? Pfui, wer will sich denn ewigen, unabänderlichen Gesetzmäßigkeiten fügen? Das Ideal heißt Pippi Langstrumpf, nicht Old Shatterhand! Wenn ich es so fühle, ist die 12 eine Primzahl, und wer mir widerspricht, muss zumindest eine Triggerwarnung vorausschicken und mir als alternative Leistungserbringung anbieten, die Subtraktion zu tanzen!
Ja, ich übertreibe. Aber wer heute Schulkinder hat, weiß, was ich meine. Nüchtern betrachtet zeigen sämtliche Studien und Forschungen zum Unterricht in Deutschland einen massiven Verlust an Substanz. Die sogenannte „Kompetenzorientierung“ kann nicht verschleiern, dass heutige Schüler sehr wenig Kompetenzen erwerben, wie auch immer man diese definiert.“

https://www.cicero.de/kultur/hausaufgaben-bildung-schule 

Ist das Fühlen von Primzahlen und das Vortanzen von Subtraktion vielleicht die gewünschte Kreativität? Man weis es nicht.

Sokrates
27 Tage zuvor
Antwortet  Katze

Polarisierung, Pauschalisierung und Übertreibung scheint auch eine Kompetenz zu sein, die sich leider ebenfalls hier auszubreiten scheint.

Hans Malz
26 Tage zuvor
Antwortet  Sokrates

Na ja, vieles von dem finde ich auch so vor. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, das Katze so stark übertreibt. Wenn ich mir die Lehrbücher von vor 20 Jahren anschaue, dann kommen mir die Tränen. Die Texte würde keiner mehr verstehen. Anstatt was zu ändern und wieder Leistung einzufordern, kommt von den „Bildungswissenschaftlern“ nur realitätsferner Unsinn.

Heuwägelchen
29 Tage zuvor
Antwortet  Einer

Unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden digitalen Endgeräten….. Seufz.

A.J. Wiedenhammer
28 Tage zuvor
Antwortet  Einer

Immerhin wird hier auf „ihnen zu Verfügung stehende Kenntnisse“ verwiesen. Das ist doch schon mal was.
Also, ganz tief unten schlummert tatsächlich noch die Ahnung, dass Wissen (na gut, nenne ich es „Kenntnisse“) manchmal etwas ist, aus den sich etwas machen lässt.

Besseranonym
29 Tage zuvor
Antwortet  GriasDi

…..oder wissen will, um eine Idee umsetzen zu können ? Oder neugierig bin, ob ich die Pflänzchen groß bringe ?
Kids werden zu früh mit fertigen Produkten überflutet oder eben medial ruhiggestellt, wo Ihnen influencer verklickern, was zu tun ist und was nicht.
Manchmal wünsch ich mir eine Fernbedienung mit reset-function ):

Indra Rupp
28 Tage zuvor
Antwortet  Besseranonym

Ich mir das Testbild zurück!

potschemutschka
26 Tage zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Ich dachte, Sie haben gar keinen Fernseher?

Alx
29 Tage zuvor

Es besteht ein enormer Mangel an Langeweile.

Kreativität braucht Freiraum und Zeit.
Welches Kind langweilte sich heute noch über einen längeren Zeitraum?

Kinder sind heute permanent Konsumenten. TV, Smartphone, Hörspiel, Konsole… Alles wird konsumiert, nichts wird produziert.

Mariechen
29 Tage zuvor
Antwortet  Alx

Sehe ich genauso. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Die Leute konsumieren nur noch. Es wird alles in sich hineingestopft ohne Nachzudenken. Die Medien, Insta, TikTok, die Industrie: es wird etwas vorgegeben und die Masse konsumiert es ohne Sinn und Verstand. Es wird sich krank gefressen, geshoppt bis die Kreditkarte glüht und von morgens bis abends werden sich Infos reingezogen. Produktivität und Kreativität braucht aber Ruhe und Stille. Man muss in sich gehen und dann kann etwas Eigenes und ganz Neues entstehen. Es gibt aber keine Stille mehr, ständig wird aufs Smartphone geschaut- ein großes Problem unserer modernen Zeit.

Unfassbar
29 Tage zuvor

Wie misst die Pisa-Studie Kreativität? Ein großer Kritikpunkt an der Pisa-Studie ist doch, dass sie eher den anglo-amerikanischen Prüfungsstil abbildet, der alles mögliche, aber nicht auf Kreativität testet.

Hans Malz
29 Tage zuvor

„Wenn Schüler lernen, mathematisches und naturwissenschaftliches Wissen anzuwenden und Texte zu verstehen, dann prägen sie offenbar zugleich ein kreatives Denken aus“

Sie haben das böse Wort gesagt: Wissen! Oh nein, aber das ist sowas von oldschool. Aber im nächsten Satz steht zum Glück wieder was von Kompetenzen … ich hatte schon Angst.

Philine
29 Tage zuvor

Ich finde, die Lehrerschaft sollte diese Herausforderung dynamisch engagiert und voll Schwung annehmen. Endlich mal aus den Puschen kommen und nicht immer auf die Uhr schauen, ob die Arbeitszeit bald abgesessen ist … (kleiner Scherz zur abendlichen Erheiterung).

Heuwägelchen
29 Tage zuvor

Die können nur noch TicToc.

Sich berieseln zu lassen und sich niemals auch nur fünf Minuten langweilen zu müssen (ich glaube ja erher, dass sie sich nicht langweilen d ü r f e n), setzt halt nichts frei.

Ich habe fertig.

Mika
28 Tage zuvor

Ich finde, dass das Lernen am Fehler eine der nachhaltigsten Methoden ist, die es gibt. Allerdings braucht man dafür Zeit, und die gewährt mir weder der Rahmenplan in Mathe noch der in Physik. Also findet Lernen am Fehler kaum statt.

RSDWeng
28 Tage zuvor

Ich widerspreche entschieden: Ich habe sehr viele extrem kreative Schüler kennengelernt, was besonders die Bereiche Rechtschreibung und Interpunktion betraf. Gleiches gilt auch bei die Findung von Ausreden und Rechtfertigungen.

A.J. Wiedenhammer
27 Tage zuvor
Antwortet  RSDWeng

Na bitte 🙂 , alles nur eine Frage der Studienausgestaltung.

Sokrates
27 Tage zuvor
Antwortet  RSDWeng

Dieselbe extreme Kreativität, die manche hier zeigen, wenn es darum geht, dass alles andere Schuld ist, nur nicht die eigene Einstellung zu Schülern und engagiertem Unterricht?

RSDWeng
26 Tage zuvor
Antwortet  Sokrates

Kein Widerspruch: Es kommt auf den Lehrer an, auf seine Einstellung, sein Engagement und seine Unterrichtsgestaltung. Das weiß jeder vernünftige Pädagoge und wurde doch auch durch die Hattie-Studie bestätigt.
Allerdings wird diese Grundeinstellung seit einigen Jahren von Erziehungsberechtigten, der Kultusbürokratie, den buckelnden Schulaufsichten und vielen Schülern, für die die falsche Schulart gewählt wurde, stark beeinträchtigt.

GriasDi
25 Tage zuvor
Antwortet  Sokrates

In welchem Job wird die Schuld nicht auf andere geschoben. Lehrkräfte sind eben keine Ausnahme. Aber stellen Sie sich mal vor, jemand geht zum Frisör, schüttelt die ganze Zeit den Kopf und erwartet einen top Haarschnitt. Engagierter Unterricht alleine genügt nicht – leider. Auch ein Schreiner braucht kein gut gelauntes Brett.