DÜSSELDORF. Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen künftig verpflichtend in sogenannte ABC-Klassen schicken. Die zusätzlichen Sprachkurse sollen noch vor der Einschulung stattfinden und laut Schulministerium mehr Chancengerechtigkeit schaffen. In einer Anhörung des Landtags unterstützten Sachverständige zwar grundsätzlich das Ziel, die Sprachförderung zu stärken. Am geplanten Konzept selbst entzündete sich jedoch massive Kritik – pädagogisch, organisatorisch und finanziell. Mehrere Fachleute warnten sogar vor negativen Folgen für die betroffenen Kinder.

DÜSSELDORF. Rund ein Drittel der Kinder in Nordrhein-Westfalen weist nach Angaben der Landesregierung bei den Schuleingangsuntersuchungen sprachliche Defizite auf. Um darauf zu reagieren, plant die schwarz-grüne Landesregierung verpflichtende schulische Vorkurse zur Förderung der Sprachkompetenz. Die sogenannten ABC-Klassen sollen ab 2028 eingeführt werden. Kinder mit Förderbedarf würden dann im letzten Jahr vor der Einschulung zusätzlich Sprachförderunterricht erhalten – zwei Mal pro Woche jeweils zwei Stunden lang.
Die Landesregierung verweist in ihrem Gesetzentwurf auf das Ziel, „ein höheres Maß an Chancengerechtigkeit bereits zum Schulstart zu erreichen“. Die Kurse könnten an Grundschulen, in Kindertageseinrichtungen oder an anderen Orten stattfinden. Für Transport und Fahrkostenerstattungen kalkuliert das Land jährlich rund 108 Millionen Euro. Hinzu kommen erhebliche Personalkosten: Nach Angaben des Schulministeriums werden etwa 1.650 zusätzliche Lehrerstellen benötigt. Insgesamt rechnet das Land laut WDR mit Kosten von rund 280 Millionen Euro jährlich.
In der gemeinsamen Anhörung der Ausschüsse für Schule und Bildung sowie für Familie, Kinder und Jugend überwog unter Sachverständigen die Kritik am Konzept. Zwar herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass die Förderung sprachlicher Kompetenzen früh beginnen müsse. Viele Expertinnen und Experten hielten jedoch gerade die geplante Form der ABC-Klassen für problematisch.
„Ich bin ja geradezu froh, dass ein so unsinniges Modell diskutiert wird“
Besonders deutlich äußerte sich die Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer von der Universität Osnabrück. In ihrer schriftlichen Stellungnahme erklärte sie, stabile Beziehungen, vertraute Bezugspersonen und verlässliche Alltagsstrukturen seien grundlegende Voraussetzungen für erfolgreichen Spracherwerb. ABC-Klassen widersprächen diesem Ansatz, „weil Kinder aus dem vertrauten Kita-Alltag herausgelöst und in neue Gruppen mit unbekannten Fachkräften gebracht werden“.
Auch in der Anhörung selbst formulierte Zimmer grundsätzliche Kritik. Die „Rheinische Post“ zitierte sie mit den Worten: „Ich bin ja geradezu froh, dass ein so unsinniges Modell diskutiert wird.“ Gerade die geplanten hohen Transportkosten seien „die Krone von allem“. Der Erwerb von Sprache beginne nicht erst im fünften Lebensjahr, sondern deutlich früher. Sprachförderung müsse deshalb vor allem in den Kitas stattfinden.
Ähnlich argumentierte Timm Albers, Professor für inklusive Pädagogik an der Universität Paderborn. Zwar sei es „aus wissenschaftlicher Sicht ausdrücklich zu begrüßen“, dass das Land zusätzliche Mittel in die Sprachförderung investiere. Wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprächen Angebote in Kindertageseinrichtungen jedoch „deutlich eher“ als Kurse in der Schule. Laut „Rheinischer Post“ warnte Albers zudem davor, dass die geplanten vier Wochenstunden kaum nachhaltige Effekte erzielen könnten: Die würden „im Hinblick auf die Kinder verpuffen“.
Mehrere Sachverständige kritisierten darüber hinaus mögliche Folgen für die betroffenen Kinder. Zimmer warnte von einer Negativauslese, die zu „Diskriminierung und Stigmatisierung“ führen könne. Der WDR berichtete unter Berufung auf Stellungnahmen verschiedener Verbände, Kinder könnten dauerhaft mit einem Etikett verbunden werden. Der Paritätische NRW warnte vor „Stigmatisierung und Separation“. Seyran Bostanci vom Berliner Zentrum für Integrationsforschung sprach laut „Rheinischer Post“ sogar von „segregierenden Maßnahmen“, die „für den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht förderlich“ seien.
Auch organisatorisch sehen Kommunen erhebliche Probleme. Der Städtetag NRW verwies darauf, dass viele Schulen bereits durch den Ganztagsbetrieb stark ausgelastet seien. Zusätzliche Sprachfördergruppen ließen sich häufig räumlich kaum unterbringen. Daniela Schneckenburger vom Städtetag NRW machte laut „Rheinischer Post“ zudem auf die praktischen Konsequenzen der Teilnahmepflicht aufmerksam. Die Kommunen müssten Transporte organisieren und die Teilnahme durchsetzen. „Da haben Sie unmittelbar Bilder im Kopf, was es bedeutet, ein Kind der ABC-Klasse zuzuführen“, sagte sie.
Der Städte- und Gemeindebund kritisierte außerdem den hohen Verwaltungsaufwand sowie ungeklärte Versicherungsfragen beim Transport der Kinder. Nach Darstellung des WDR entfällt ein erheblicher Teil der Gesamtkosten gerade auf Fahrten und Begleitung der Vorschulkinder zwischen Kita, Elternhaus und Förderort.
Der Verband Bildung und Erziehung bezeichnete die ABC-Klassen zwar als „ersten notwendigen Schritt in Richtung von mehr Chancengerechtigkeit“, kritisierte jedoch, der Gesetzentwurf setze vor allem auf „strukturelle Steuerung, Verbindlichkeit und formale Zuständigkeiten“, ohne die pädagogische Praxis ausreichend zu berücksichtigen. Sprachförderung vor der Einschulung müsse gemeinsame Verantwortung von Kita und Schule sein.
„Ansonsten laufen wir in eine Bildungskatastrophe ungeahnten Ausmaßes hinein“
Mehrere Stellungnahmen verwiesen zudem auf den bestehenden Fachkräftemangel. Der Verband Bildung und Erziehung NRW erklärte laut WDR, es reiche nicht aus, zusätzliche Stellen einzuplanen; diese müssten auch besetzt werden können. Renate Zimmer sprach angesichts der angespannten Personallage in Schulen und Kitas von einem Konzept, das „an der Realität vorbei“ führe.
Auch die geplante Sprachstandserhebung stieß auf Kritik. Der Kinderschutzbund NRW bezweifelte laut WDR, dass bereits 16 Monate vor der Einschulung verlässliche Prognosen über die Sprachentwicklung von Kindern möglich seien. Der DGB NRW warnte davor, dass durch die frühe Feststellung noch weniger Entwicklungszeit bis zur Begutachtung verbleibe.
Viele Verbände forderten stattdessen eine stärkere Förderung der bestehenden Kita-Strukturen. Der DGB NRW verwies auf Fachkräftemangel, schlechte Personalschlüssel und hohe Krankenstände in den Einrichtungen. Die Landeselternkonferenz bescheinigte den pädagogischen Fachkräften in den Kitas eine „hohe Expertise in der frühkindlichen Sprachbildung“. Der Paritätische NRW forderte mehr Personal und bessere finanzielle Ausstattung der frühkindlichen Bildung statt eines neuen Fördersystems.
Unterstützung erhielt die Landesregierung allerdings ebenfalls. Die Bezirksregierung Arnsberg bezeichnete die geplanten ABC-Klassen als „bedeutsamen und sachgerechten Schritt zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit“. Der Landkreistag NRW verwies auf teils dramatische Befunde bei Schuleingangsuntersuchungen. Laut „Rheinischer Post“ sagte Kai Zentara vom Landkreistag: „Ansonsten laufen wir in eine Bildungskatastrophe ungeahnten Ausmaßes hinein.“
Schulministerin Dorothee Feller (CDU) verteidigte die Pläne nach der Anhörung. Man werde die Hinweise und Stellungnahmen sorgfältig prüfen, erklärte sie laut WDR. Zugleich betonte sie: „Die Zeit drängt. Wir brauchen den Mut für neue Schritte.“ Die alltagsintegrierte Sprachbildung in Kitas bleibe unverzichtbar. Gleichzeitig brauche es aber zusätzliche Förderung für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf. News4teachers








