Start Tagesthemen Wie christlich muss Religionsunterricht heute (in einer bunten Gesellschaft) sein ?

Wie christlich muss Religionsunterricht heute (in einer bunten Gesellschaft) sein ?

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HANNOVER. Zwischen Bibel, Vielfalt und Lebenswelt: Niedersachsen führt ein bundesweit einmaliges Religionsfach ein. Dahinter steckt auch die grundsätzliche Frage, wie religiöse Bildung heute aussehen soll.

«Wer bin ich?» (Kruzifix in Schwäbisch Hall, Baden-Württemberg), Foto: Shutterstock

Es geht um Bibeltexte, Nächstenliebe und christliche Traditionen. Aber auch um Krieg, Armut, Antisemitismus, andere Religionen und die Frage: «Wer bin ich?» Niedersachsen führt an seinen Schulen ein neues Fach ein, das mehr sein soll als klassischer Religionsunterricht. Vom kommenden Schuljahr an werden evangelischer und katholischer Religionsunterricht schrittweise im neuen Fach Christliche Religion zusammengeführt, wie das Kultusministerium mitteilte.

Das Modell sei bundesweit einmalig. Evangelische und katholische Kirchen tragen den Unterricht künftig gemeinsam. Für Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) ist das «etwas Historisches». Die Kirchen hätten den Anstoß dafür gegeben.

Doch hinter der Reform steckt mehr als eine organisatorische Neuordnung zweier Schulfächer. Das neue Fach ist auch eine Reaktion auf eine Gesellschaft, in der immer weniger junge Menschen evangelisch oder katholisch sind – und Schulklassen zugleich religiös und weltanschaulich vielfältiger werden. Das Kultusministerium spricht von einer «wachsenden konfessionellen, religiösen und weltanschaulichen Vielfalt in den Schulen».

Weniger Kirchenbindung, mehr Vielfalt

Die Zahlen zeigen den Wandel deutlich: Im Schuljahr 2024/2025 gehörten nach Angaben des Landes nur noch rund 52 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen der evangelischen oder katholischen Kirche an. Gleichzeitig besuchten aber rund 65 Prozent evangelischen, katholischen oder konfessionell-kooperativen Religionsunterricht.

Genau darin sehen die Beteiligten eine Chance. Hamburg sagte, schon heute entschieden sich viele nichtchristliche oder konfessionslose Familien bewusst für Religionsunterricht. Das neue Fach könne deshalb womöglich noch attraktiver werden. Schülerinnen und Schüler sollten dort nicht nur die eigene Religion kennenlernen, sondern auch etwas über andere Glaubensrichtungen erfahren.

«Es konnte nicht so weitergehen»

Aus Sicht der evangelischen Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track ist es ein notwendiger Neuanfang. «Es konnte nicht so weitergehen, sondern wir brauchten wirklich einen Neuansatz», sagte sie. Schule habe sich verändert, der Religionsunterricht müsse darauf reagieren.

Nun wird aus zwei Fächern eines – mit gemeinsamen Bildungszielen und gemeinsamen Curricula. Dabei bleibt der Unterricht ausdrücklich christlich geprägt. Das neue Fach ist weiterhin bekenntnisgebundener Religionsunterricht im Sinne des Grundgesetzes. Grundlage bleiben biblische Quellen, christliche Traditionen sowie Fragen nach Verantwortung, Nächstenliebe und Menschenwürde.

Gerade dieser Punkt hatte zuletzt auch Kritik ausgelöst. Kritiker bemängelten, christliche Inhalte kämen zu kurz. Hamburg wies das zurück und sprach von einer «starken Missinterpretation des Kerncurriculums». Wer darin nur nach dem Wort «Jesus» suche, übersehe viele biblische Bezüge, argumentierte die Ministerin.

Was christlich bleibt – und was neu wird

Auch innerhalb der Kirchen gab es Diskussionen. Gäfgen-Track sagte, das Projekt sei «nicht unumstritten». Katholische und evangelische Kirchen hätten sich erst «zusammenraufen» müssen, sagte der Leiter des Katholischen Büros Niedersachsen, Felix Bernard. Es habe Debatten darüber gegeben, welche Unterschiede sichtbar bleiben müssten. Bernard nannte etwa Papsttum, Heiligenverehrung und Sakramente. Zugleich betonte er aber: «Die Gemeinsamkeiten sind viel größer als das Unterscheidende.»

Die Verantwortlichen halten daran fest, dass religiöse Bildung gerade in einer vielfältigen Gesellschaft wichtig bleibe. Gäfgen-Track warnte davor, dass immer mehr Wissen über christliche Kultur und Religion verloren gehe. «Fragen Sie mal die Leute, was Pfingsten ist», sagte sie. Religionsunterricht solle helfen, Religionen zu verstehen – und Fundamentalismus entgegenwirken. «Religion ist immer dann gut, wenn sie gebildete Religion ist.»

Das neue Fach soll deshalb stärker als bisher an der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler anknüpfen. In der ersten Klasse gehe es oft zunächst um Fragen wie «Wer bin ich?», um Familie, Gemeinschaft oder Krankheit, sagte Gäfgen-Track. Später würden Themen wie Krieg, Armut oder gesellschaftliche Konflikte behandelt und mit religiösen Perspektiven verknüpft. Hamburg sprach von einer «starken Schülerzentrierung».

Erwartungen an Schulen

Die Einführung des neuen Fachs wird Schulen und Lehrkräfte allerdings auch vor Herausforderungen stellen. Viele Lehrerinnen und Lehrer müssten sich stärker mit anderen Religionen und Weltanschauungen auseinandersetzen als bisher, hieß es. Deshalb sind Fortbildungen, Unterrichtsmaterialien und digitale Angebote geplant.

Die Ministerin sieht in dem gemeinsamen Religionsunterricht mehr als eine Reform. In einer Gesellschaft, «wo jeder sich immer weiter vereinzelt und verinselt», hätten die Kirchen den gegenteiligen Schritt gemacht, sagte Hamburg. «Wie kommen wir zusammen in der jeweiligen Unterschiedlichkeit?» Genau darin liege die Stärke des neuen Fachs. News4teachers / mit Material der dpa

Immer weniger Schüler im christlichen Religionsunterricht – wird er verzichtbar?

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