DÜSSELDORF. Die meisten Schulleitungen in Deutschland gehen nach wie vor mit großer Freude ihrer Arbeit nach. Sie identifizieren sich stark mit ihrer Schule, empfinden ihre Tätigkeit als sinnstiftend und investieren weit überdurchschnittlich viel Zeit in ihren Beruf. Gleichzeitig dokumentiert der neue „Schulleitungsmonitor Deutschland“ eine gegenläufige Entwicklung: Die Arbeitsbelastung steigt seit Jahren, rund jede fünfte Schulleitung zeigt Burnout-Symptome, und immer mehr Schulleitungen denken über einen Ausstieg nach. Hinzu kommt ein wachsendes Misstrauen gegenüber den Institutionen, die Schulen unterstützen und steuern sollen. Wie lange kann ein System stabil bleiben, das seine Führungskräfte immer stärker an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt?

Der Beruf der Schulleitung gehört zu den Schlüsselpositionen im Bildungssystem. Wer eine Schule führt, entscheidet nicht nur über organisatorische Abläufe, sondern prägt Unterrichtsentwicklung, Personalführung und Schulklima. Umso bedeutsamer sind die Ergebnisse des neuen „Schulleitungsmonitor Deutschland“, einer repräsentativen Befragung von 1.357 Schulleitungen aller allgemeinbildenden Schulformen aus sämtlichen Bundesländern. Die Untersuchung wurde von einem Forschungsteam der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz gemeinsam mit der Leuphana Universität Lüneburg, der Universität Konstanz und der Pädagogischen Hochschule Thurgau durchgeführt. Auftraggeberin ist die Wübben Stiftung Bildung.
Die Ergebnisse zeichnen ein widersprüchliches Bild. Einerseits berichten Schulleitungen von hoher Arbeitszufriedenheit und starkem beruflichem Engagement. Andererseits steigt die Belastung seit Jahren kontinuierlich an, während die Unterstützung durch Schulbehörden und Ministerien deutlich schlechter bewertet wird als die Unterstützung im eigenen Kollegium.
Besonders auffällig ist zunächst der Blick auf die Arbeitszeit. Fast jede zweite Schulleitung (43,1 Prozent) kommt auf mehr als 50 Arbeitsstunden pro Woche. Im Durchschnitt arbeiten Schulleitungen sogar 52 Stunden wöchentlich. Damit liegt die Arbeitszeit deutlich über dem Durchschnitt vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland.
Die hohe Arbeitsbelastung spiegelt sich auch in den Antworten zur täglichen Arbeit wider. 86 Prozent der Befragten geben an, zu wenig Zeit für ihre Aufgaben zu haben. Fast ebenso viele, nämlich 85,2 Prozent, stimmen der Aussage zu, regelmäßig Arbeiten erledigen zu müssen, die ihnen unsinnig erscheinen. Knapp die Hälfte erklärt zudem, ihre Aufgaben trotz voller Anstrengung nur unzureichend erfüllen zu können.
Im Interview mit der Zeit beschreibt Studienleiter Pierre Tulowitzki die Situation als kritische Entwicklung. „Irgendwann wird die Arbeitsbelastung aber natürlich zu viel und potenziell sogar gesundheitsgefährdend. Auf diesen Punkt steuern wir zu: Jede fünfte befragte Schulleitung zeigt Burn-out-Symptome, fast ebenso viele denken über einen Berufsausstieg nach.“
Die Daten der Studie zeigen entsprechende Belastungsanzeichen. Rund ein Fünftel der Schulleitungen berichtet von Symptomen psychischer Überlastung. 23,6 Prozent geben Konzentrationsschwierigkeiten während der Arbeit an, 19,6 Prozent haben nach eigener Aussage Schwierigkeiten, Begeisterung für ihre Arbeit zu finden. Besonders auffällig ist, dass 45,5 Prozent angeben, sich bei der Arbeit geistig erschöpft zu fühlen.
„Viele Schulleitungen machen ihren Beruf aus Freude und Überzeugung, die Arbeitszufriedenheit ist seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau“
Dennoch bleibt die Bindung an den Beruf bemerkenswert stark. 81,6 Prozent der Befragten sagen, sie hätten „richtig Freude an ihrer Arbeit“. 78,4 Prozent geben an, völlig in ihrer Arbeit aufzugehen, und 74,7 Prozent fühlen sich durch ihre Tätigkeit inspiriert. Mehr als neun von zehn Schulleitungen erklären sogar, ausgesprochen froh zu sein, an ihrer aktuellen Schule tätig zu sein.
Tulowitzki sieht darin keinen Widerspruch. Gegenüber der Zeit erklärt er: „Viele Schulleitungen machen ihren Beruf aus Freude und Überzeugung, die Arbeitszufriedenheit ist seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau. Wir haben engagierte und motivierte Leute in diesen Positionen.“ Wer sich für eine Schulleitung entscheide, tue dies meist aus besonderer Motivation heraus und nehme dafür auch erhebliche Belastungen in Kauf.
Gerade deshalb sind die langfristigen Entwicklungen bemerkenswert. Die Studie vergleicht die aktuellen Daten mit früheren Erhebungen seit 2019. Das Ergebnis: Die wahrgenommene Arbeitsbelastung ist seitdem kontinuierlich gestiegen. Die Arbeitszufriedenheit hingegen ging zunächst zurück und hat sich bis heute nicht wieder auf das Niveau von 2019 erholt.
Ein zentraler Grund für die hohe Belastung liegt offenbar in der Struktur des Berufs selbst. Anders als in vielen anderen Ländern müssen deutsche Schulleitungen weiterhin regelmäßig unterrichten. Nur 3,6 Prozent der Befragten sind vollständig von Unterrichtsverpflichtungen befreit. Fast drei Viertel unterrichten sechs Stunden oder mehr pro Woche, knapp 13 Prozent sogar zwischen 16 und 22 Stunden.
Tulowitzki spricht im Interview ausdrücklich von einer „deutschen Eigenheit“. In vielen anderen Ländern werde Schulleitung als eigenständiger Beruf verstanden. Ohne Unterrichtsverpflichtung könnten sich Schulleitungen stärker auf Personalführung, Management und Schulentwicklung konzentrieren.
Wie stark Verwaltungstätigkeiten den Alltag prägen, zeigt ein weiterer Befund. 43,6 Prozent der Arbeitszeit entfallen auf verwaltungsbezogene Aufgaben. Allein reine Verwaltung nimmt durchschnittlich 21,4 Prozent der Arbeitszeit in Anspruch. Für Qualitätsmanagement und Schulentwicklung bleiben dagegen lediglich 7,5 Prozent der Arbeitszeit.
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass viele Schulleitungen einen Ausstieg erwägen. 38,7 Prozent denken zumindest teilweise darüber nach, das Amt aufzugeben. 17,5 Prozent stimmen der Aussage zu, den Beruf möglichst bald verlassen zu wollen. Fast jede zehnte Schulleitung sucht nach eigener Aussage aktiv nach beruflichen Alternativen.
Besonders aufschlussreich sind die von den Befragten selbst genannten Gründe. Mit Abstand am häufigsten wird die Arbeitsbelastung genannt. 65 Prozent der wechselwilligen Schulleitungen nennen eine zu hohe Arbeitsbelastung sowie Überforderung durch das große Arbeitsvolumen und die Vielzahl der Anforderungen. Dahinter folgen unbefriedigende Aufgaben und Bürokratie (44 Prozent), fehlende Unterstützung (34 Prozent), unzureichende Ressourcen (25 Prozent) sowie mangelnde Wertschätzung und Bezahlung (21 Prozent).
Gleichzeitig benennt die Studie einen weiteren Konflikt, der bildungspolitisch bedeutsam sein dürfte: das Verhältnis zu den zuständigen Behörden. Während 90,2 Prozent der Schulleitungen mit der Unterstützung ihres Kollegiums zufrieden sind, bewerten sie die Unterstützung durch Ministerien und Schulbehörden deutlich schlechter. Besonders drastisch fällt das Urteil über die oberste Ebene aus: 80,1 Prozent zeigen sich mit der Unterstützung durch Ministerium oder Schulbehörde unzufrieden.
Auch im Interview spricht Tulowitzki dieses Problem offen an. Ein Drittel der Schulleitungen gebe an, dass das Vertrauensverhältnis zu Behörden und zuständigen Institutionen gestört oder teilweise sogar kaputtgegangen sei. „Das birgt viel Potenzial für künftigen Frust“, sagt er.
Dabei unterscheiden sich die Erfahrungen je nach sozialer Lage der Schule. Jede fünfte Schule in der Studie wurde als Schule in herausfordernder Lage klassifiziert. Dort arbeiten Schulleitungen durchschnittlich 2,1 Stunden länger pro Woche als ihre Kolleginnen und Kollegen an anderen Schulen. Gleichzeitig kooperieren sie deutlich häufiger mit Jugendämtern, Polizei, Wohlfahrtsverbänden und weiteren sozialen Einrichtungen. Bemerkenswert ist jedoch, dass ihre Arbeitszufriedenheit trotz der zusätzlichen Belastungen nicht niedriger ausfällt als an anderen Schulen.
„Es ist ein gutes Signal, dass die Mehrheit der Schulleitungen in Deutschland bereits datengestützt arbeitet“
Neben den Belastungsbefunden enthält die Studie auch Ergebnisse zur Datennutzung an Schulen. Die Mehrheit der Schulleitungen arbeitet inzwischen datengestützt. 77,6 Prozent setzen sich intensiv mit Daten ihrer Schule auseinander, 75 Prozent nutzen sie zur Schulentwicklung. Gleichzeitig zeigt sich, dass etwa ein Viertel Daten nur eingeschränkt verwendet. Besonders auffällig ist, dass viele Schulleitungen zwar ihre Kompetenz bei der Interpretation von Daten hoch einschätzen, sich aber deutlich unsicherer fühlen, wenn es darum geht, aus Daten konkrete Veränderungen für die Schule abzuleiten.
Für Markus Warnke, Geschäftsführer der Wübben Stiftung Bildung, ist dies ein Hinweis auf weiteren Entwicklungsbedarf. In der Pressemitteilung erklärt er: „Es ist ein gutes Signal, dass die Mehrheit der Schulleitungen in Deutschland bereits datengestützt arbeitet. Gleichzeitig zeigt die Studie klar: An etwa jeder dritten Schule ist eine Kultur der Datennutzung noch nicht ausreichend verankert.“
Die Antworten auf die Frage, wie der Beruf attraktiver werden könnte, fallen dagegen erstaunlich eindeutig aus. 39 Prozent der Schulleitungen wünschen sich weniger Unterrichtsverpflichtungen. 35 Prozent fordern weniger Bürokratie und Verwaltungsaufgaben. 34 Prozent verlangen mehr Lehrkräfte und pädagogisches Personal. Jeder Vierte nennt zusätzliche Unterstützung durch nichtpädagogisches Personal, etwa in der Verwaltung.
Hier geht es zum vollständigen „Schulleitungsmonitor Deutschland“.








