Start Schulträger Digitalpakt-Reihe: Schuldigitalisierung trotz knapper Kassen – mit klaren Strukturen!

Digitalpakt-Reihe: Schuldigitalisierung trotz knapper Kassen – mit klaren Strukturen!

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MÜLHEIM a.d.R. Der DigitalPakt hat vielerorts die technische Ausstattung der Schulen vorangebracht – doch vielerorts fehlen nun Mittel, um die Digitalisierung konsequent weiterzuentwickeln. Wie kann das trotzdem gelingen? Die Stadt Mülheim an der Ruhr zeigt, dass auch finanziell stark belastete Kommunen ihre Schulen erfolgreich digital aufstellen können. Im Interview mit News4teachers erklären Bildungsdezernent David Lüngen und Juliane Neubner, Leiterin des Amts für Digitalisierung und IT, warum sie zunächst ihre Verwaltungsstrukturen verändert haben, weshalb Kommunikation für sie fast genauso wichtig ist wie Technik – und warum der DigitalPakt 2.0 jetzt entscheidend für die nächsten Schritte ist.

Mülheims Bildungsdezernent David Lüngen und Juliane Neubner, Leiterin des Amts für Digitalisierung und IT. Illustration: News4teachers (auf Basis von Fotomaterial: Helena Grebe, Stadt Mülheim an der Ruhr)

News4teachers: Mülheim gilt als höchstverschuldete Großstadt Deutschlands. Warum investieren Sie trotzdem konsequent in die Digitalisierung der Schulen?

David Lüngen: Weil Bildung in Mülheim seit vielen Jahren eine hohe Priorität hat. Natürlich bewegen wir uns finanziell in engen Grenzen. Umso wichtiger ist es, die Mittel, die wir einsetzen dürfen, gezielt für Schule und Bildung zu nutzen. Förderprogramme von Bund, Land und EU waren lange Zeit praktisch unsere einzige Möglichkeit, überhaupt in die Schuldigitalisierung zu investieren. Dadurch sind wir im regionalen Vergleich zunächst etwas ins Hintertreffen geraten. Das wollten wir ändern.

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News4teachers: Was war dafür der entscheidende Schritt?

David Lüngen: Wir haben nicht zuerst neue Geräte gekauft, sondern unsere Strukturen verändert. Wir haben ein eigenes Amt für Digitalisierung geschaffen und dort eine eigene Abteilung für die Schuldigitalisierung aufgebaut. Das hat Zeit gebraucht, denn zunächst mussten die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen und die richtigen Fachleute gewonnen werden. Heute merken wir, dass sich diese Investition auszahlt. Noch vor wenigen Jahren bestanden unsere Gespräche mit den Schulleitungen häufig daraus, dass sie uns erklärt haben, was alles nicht funktioniert. Inzwischen hören wir immer öfter: „Die Zusammenarbeit läuft gut.“ Das bestätigt uns auf unserem Weg.

News4teachers: Viele Kommunen mussten während der Pandemie Geräte beschaffen, bevor überhaupt tragfähige Konzepte vorhanden waren. Wie sind Sie damit umgegangen?

Juliane Neubner: Das war tatsächlich eine große Herausforderung. Die Förderprogramme waren sehr konkret ausgestaltet. Die Endgeräte mussten angeschafft werden, häufig sogar für bereits festgelegte Schulen. Gleichzeitig befanden wir uns organisatorisch noch im Aufbau.

Relativ schnell war klar: Mit klassischer Vor-Ort-Betreuung lässt sich ein System unserer Größe nicht dauerhaft betreiben. Wir betreuen 38 Schulen an 46 Standorten mit rund 22.500 Schülerinnen und Schülern sowie etwa 1.800 Lehrkräften. Deshalb mussten wir Strukturen schaffen, die Support, Wartung und Gerätemanagement zentral ermöglichen.

News4teachers: Was bedeutet das konkret?

Juliane Neubner: Wir wollten weg vom Aktionismus und vom ständigen Reagieren auf äußere Einflüsse. Stattdessen haben wir ein Gesamtkonzept entwickelt, bei dem alle Bausteine ineinandergreifen.

Für jede Schule haben wir einen Schulsteckbrief erstellt. Darin wird sichtbar, welche Voraussetzungen bereits erfüllt sind und welche noch fehlen. Zunächst braucht eine Schule einen leistungsfähigen Glasfaseranschluss, dann eine strukturierte Gebäudeverkabelung, anschließend ein stabiles WLAN – und erst danach können digitale Endgeräte ihren Nutzen überhaupt entfalten. Diese Reihenfolge war früher häufig das eigentliche Problem.

News4teachers: Auffällig ist, wie transparent Sie arbeiten. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Juliane Neubner: Weil Transparenz unglaublich viel Druck herausnimmt. Unsere Schulsteckbriefe sind öffentlich einsehbar. Schulen und Eltern können jederzeit nachvollziehen, wo der jeweilige Standort steht.

Außerdem haben wir ein zentrales Ticketsystem eingeführt. Alle Anfragen laufen über eine Stelle, werden priorisiert und können von den Schulen jederzeit nachverfolgt werden. Auch wenn sich etwas verzögert, kommunizieren wir das offen.

Gerade beim Glasfaserausbau sind wir auf externe Partner angewiesen. Wenn wir wissen, wann ein Anschluss voraussichtlich kommt, aktualisieren wir diese Informationen sofort. Dann wissen die Schulen auch, woran sie sind.

Gute Kommunikation ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Schulen akzeptieren auch, dass etwas Zeit braucht – wenn sie wissen, warum.

News4teachers: Sie setzen auf einen eigenen IT-Support und nicht auf externe Dienstleister. Warum?

Juliane Neubner: Wir haben verschiedene Modelle geprüft. Im Moment funktioniert unser eigener Support sehr gut.

Unsere Kolleginnen und Kollegen kennen die Schulen persönlich. Wenn jemand anruft, weiß der Mitarbeiter häufig sofort, um welchen Server oder welchen Standort es geht. Das schafft Vertrauen.

Bei einer externen Hotline ist man zunächst einfach irgendein Kunde. Diese Nähe zu den Schulen möchten wir erhalten.

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News4teachers: Gleichzeitig brauchen Sie aber Standards.

Juliane Neubner: Natürlich. Wir können nicht für jede Schule individuelle Lösungen entwickeln. Deshalb gibt es eine gemeinsame technische Basis.

Bei der konkreten Ausstattung orientieren wir uns aber an den Medienkonzepten der Schulen. Es bringt nichts, etwas zentral vorzugeben, wenn es später im Unterricht gar nicht sinnvoll genutzt wird.

Im Rahmen des DigitalPakts konnten wir inzwischen rund 90 Prozent der Unterrichtsräume mit interaktiven digitalen Tafeln ausstatten. Gleichzeitig bieten wir den Lehrkräften Einweisungen und Schulungen an. Wer möchte, kann die Technik außerdem an einer Testtafel ausprobieren.

Unser Ziel ist, dass Lehrkräfte sich nicht mit Technik beschäftigen müssen. Technik muss selbstverständlich funktionieren – genauso selbstverständlich wie früher Kreidetafel oder Overheadprojektor.

News4teachers: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihren Planungen?

Juliane Neubner: Technisch ist KI für uns derzeit noch kein vorrangiges Thema. Viel wichtiger ist zunächst die pädagogische Einbettung. Schulen müssen entscheiden, wofür sie KI einsetzen möchten und welche Regeln dafür gelten.

Wenn einzelne Schulen Pilotprojekte starten möchten und wir die personellen Kapazitäten haben, begleiten wir sie gern. Von diesen Erfahrungen profitieren später alle Schulen.

News4teachers: Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem DigitalPakt 2.0?

David Lüngen: Wir warten ehrlich gesagt täglich darauf. Bisher wissen wir weder, welche Mittel wir erhalten noch, wofür sie konkret eingesetzt werden dürfen.

Unser Wunsch ist vor allem Planungssicherheit und Flexibilität. Wir haben inzwischen einen Medienentwicklungsplan. Innerhalb dieses Rahmens möchten wir eigenverantwortlich entscheiden können, welche Schritte als Nächstes sinnvoll sind.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ausstattung der Lehrkräfte. Aus unserer Sicht ist dafür zunächst das Land als Dienstherr verantwortlich. Es wäre problematisch, wenn wir Lehrkräfte aus den Mitteln des DigitalPakts ausstatten müssten und dadurch weniger Geld für die Schülerinnen und Schüler zur Verfügung stünde.

News4teachers: Wenn Sie heute auf den bisherigen Weg blicken – woran merken Sie, dass sich die Investitionen gelohnt haben?

David Lüngen: Vor allem an den Rückmeldungen der Schulen. Das positive Feedback freut uns natürlich sehr. Es zeigt, dass sich der Aufbau klarer Strukturen und der enge Austausch mit den Schulen auszahlen.

Gleichzeitig wissen wir, dass wir noch nicht am Ziel sind. Schuldigitalisierung ist kein Projekt mit einem Enddatum, sondern ein dauerhafter Entwicklungsprozess. Die Grundlagen haben wir geschaffen. Jetzt kommt es darauf an, dass die Kommunen den eingeschlagenen Weg auch dauerhaft weitergehen können. Digitalisierung lässt sich nicht in Förderperioden denken. Dafür brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen und eine langfristige Anschlussfinanzierung.

News4teachers: Wie gelingt Ihnen die Zusammenarbeit mit den Schulen?

David Lüngen: Wir profitieren von kurzen Wegen. Trotz unserer Größe kennen wir uns untereinander gut.

Juliane Neubner: Dazu kommen regelmäßige Austauschformate zum Beispiel mit Grundschulen und weiterführenden Schulen sowie unser digitaler „Tech Talk“. Dort können Schulleitungen, Medienbeauftragte und Lehrkräfte ihre Fragen direkt mit uns besprechen. Gerade bei der Einführung der interaktiven Tafeln hat sich dieser enge Austausch bewährt.

David Lüngen:  Außerdem suchen wir bewusst den Austausch mit den Schülerinnen und Schülern. Das war beispielsweise bei der Ausstattung der Oberstufen mit Tablets sehr hilfreich. Dabei ging es nicht nur um technische Fragen, sondern auch um Chancengleichheit. Einheitlich verwaltete Endgeräte schaffen gleiche Voraussetzungen für alle und geben den Schulen gleichzeitig die Möglichkeit, den Einsatz von Anwendungen wie KI pädagogisch zu steuern.

News4teachers: Wo soll Mülheim in fünf Jahren stehen?

David Lüngen: Digitalisierung verändert sich unglaublich schnell. Heute halten viele Tablets für den Standard. Vielleicht arbeiten wir in einigen Jahren wieder ganz anders. Entscheidend ist, dass wir als Schulträger flexibel bleiben.

Juliane Neubner: Ich wünsche mir, dass wir dann aus dem Projektmodus heraus sind. In den vergangenen Jahren war praktisch alles neu.

In fünf Jahren sollte die technische Basis selbstverständlich funktionieren. Dann möchten wir nicht mehr darüber sprechen, wie Digitalisierung eingeführt wird – sondern nur noch darüber, wie gut sie genutzt wird. News4teachers / Sonja Mankowsky führte das Interview. 

Hier geht es zu einem weiteren Beitrag der Reihe zum Digitalpakt: 

Digitalisierung von Schulen: „Wir brauchen vor allem Stabilität und Verlässlichkeit“

 

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