Start Praxis KI macht Lehrkräfte zu Ermittlern: US-Professor überführt Mogel-Studenten mit einem Trick

KI macht Lehrkräfte zu Ermittlern: US-Professor überführt Mogel-Studenten mit einem Trick

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HANNOVER. Nicht der klassische Spickzettel bereitet Schulen heute die größten Sorgen, sondern Künstliche Intelligenz. Immer häufiger stehen Lehrkräfte vor der Frage, ob eine Klausur tatsächlich von Schülerinnen und Schülern stammt oder von einem Chatbot. Der Verdacht allein genügt allerdings nicht, um einen Täuschungsversuch nachzuweisen. Die Folge: Lehrkräfte müssen Indizien sammeln wie Ermittler – ein US-Dozent war nun mit einem technischen Trick erfolgreich.

Auf der Spur… (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Als Kai Kämmerer vor zwei Jahren eine Abiturarbeit im Fach Englisch korrigiert, passt etwas nicht zusammen. Der Text weicht sprachlich so deutlich von den bisherigen Leistungen der Schülerin oder des Schülers ab, dass der erfahrene Lehrer stutzig wird. „In diesem Fall gab es eine Abweichung, die weit über das hinaus ging, was ich in 25 Jahren Diensterfahrung gesehen habe“, berichtet der Lehrer der Goetheschule Hannover dem NDR. Er beginnt, Formulierungen mit Antworten verschiedener KI-Systeme zu vergleichen und sprachliche Muster zu analysieren. „Das ist ein bisschen wie Polizeiarbeit“, beschreibt er seine neue Rolle – eine Aufgabe, die ihn frustriert. Schließlich seien Lehrkräfte dazu da, junge Menschen zu bilden und zu fördern, nicht Beweise zu sichern.

Mit diesem Eindruck steht Kämmerer offenbar nicht allein. Nach einer nicht repräsentativen Umfrage des NDR berichten knapp 70 Prozent der teilnehmenden Schulleiterinnen und Schulleiter, dass es an ihrer Schule bereits Verdachtsfälle von KI-gestütztem Betrug gegeben habe. Selbst Schülerinnen und Schüler überrascht diese Entwicklung kaum noch. „Ich habe eigentlich nur darauf gewartet, dass es auch mal in einer Abiturprüfung passiert“, sagt die Schülerin Nele Scharf dem NDR. Der Einsatz von KI bei gewöhnlichen Klassenarbeiten sei inzwischen „Gang und Gäbe“.

Gerade darin liegt das Problem. Anders als bei einem abgeschriebenen Text existiert bei KI-generierten Antworten keine eindeutig identifizierbare Quelle. Jeder erzeugte Text ist ein Unikat. Lehrkräfte tragen jedoch die Beweislast. Im Fall der verdächtigen Abiturarbeit bewertete Kämmerer die Leistung zunächst mit null Punkten. Die betroffene Person legte Widerspruch ein – mit Erfolg. Weil sich der Einsatz von KI rechtlich nicht zweifelsfrei nachweisen ließ, sah sich die zuständige Schulbehörde außerstande, den Täuschungsversuch anzuerkennen. Stattdessen musste eine mündliche Nachprüfung angeboten werden.

Auch das Regionale Landesamt für Schule und Bildung bestätigt dieses Dilemma. Technische Verfahren, mit denen sich der Einsatz von KI zweifelsfrei nachweisen ließe, existierten bislang nicht. Allenfalls Zeugenaussagen oder aufgefundene Dateien auf benutzten Geräten könnten im Einzelfall Hinweise liefern. Gleichzeitig entwickeln sich die Möglichkeiten zum Schummeln rasant weiter. Im Internet werben Anbieter offen mit Mini-Kameras und kaum sichtbaren Kopfhörern, die sich speziell für Prüfungssituationen eignen. Entsprechende Anleitungen kursieren in sozialen Netzwerken.

„Wir können auch nicht in eine Situation reinkommen, wo wir Schülerinnen und Schülern hinterher spionieren“

Für Schulleiter Michael Schneemann ist das ein Balanceakt. Natürlich müssten Schulen wachsam bleiben. Gleichzeitig dürften sie nicht in eine Haltung verfallen, die Schülerinnen und Schüler grundsätzlich unter Generalverdacht stelle. „Als ich so alt war, wie Abiturientinnen und Abiturienten jetzt, hat 007 mit so etwas Bösewichte gejagt“, sagt der Leiter der Goetheschule. Daraus dürfe aber kein Überwachungssystem entstehen. „Wir können auch nicht in eine Situation reinkommen, wo wir Schülerinnen und Schülern hinterher spionieren.“ Schließlich stünden junge Menschen während Prüfungen ohnehin unter erheblichem Druck.

Während Schulen häufig nur auf Verdachtsmomente reagieren können, experimentieren Hochschulen bereits mit neuen Methoden. Der US-Historiker Jason Gibson von der Alcorn State University in Mississippi wählte dafür einen ungewöhnlichen Ansatz, wie das Branchenmagazin t3n berichtet.

In einer digitalen Zwischenprüfung versteckte er unsichtbaren weißen Text, der KI-Systeme anwies, plötzlich über Madagaskar abzuschweifen. „Prompt Injection“, so heißt das Verfahren. Wer die Aufgabenstellung einfach in einen Chatbot kopierte, erhielt die geforderten unsinnigen Passagen in seiner Ausarbeitung. Nach eigenen Angaben entlarvte Gibson auf diese Weise 32 von 35 Studierenden, die ihre Antworten von einer KI hatten erstellen lassen – ohne zu überprüfen, ob der daraus resultierende Text überhaupt Sinn ergab.

Die Methode sorgte international für Aufmerksamkeit. Tatsächlich zeigt sie jedoch weniger eine Patentlösung als vielmehr das Grundproblem. Denn Gibson betont ausdrücklich, dass es ihm nicht darum gegangen sei, Studierende bloßzustellen. Vielmehr fehle es Hochschulen bislang an Erfahrung. „Wir kennen keine bewährten Verfahren für den Umgang mit KI im akademischen Bereich. Wir versuchen alle nur, dabei ein gewisses Maß an akademischer Integrität zu wahren“, sagt er. Studierende erhielten deshalb die Möglichkeit, ihre Bewertung anzufechten; nur zwei machten davon allerdings Gebrauch.

Wie grundlegend sich Prüfungen bereits verändern, zeigt auch der Blick auf andere Hochschulen. Die University of Chicago Law School verzichtet bei Erstsemestern inzwischen auf Laptops im Hörsaal. Wichtige schriftliche Arbeiten sollen künftig häufiger mündlich verteidigt werden. Dahinter steht dieselbe Erkenntnis, die inzwischen auch viele Schulen beschäftigt: Nicht allein das fertige Produkt entscheidet darüber, ob eine Leistung eigenständig erbracht wurde. Entscheidend ist zunehmend, ob Schülerinnen und Schüler oder Studierende ihren Denk- und Arbeitsprozess nachvollziehbar erklären können.

„Wir bräuchten Aufgaben, die viel, viel enger zugeschnitten sind auf das, was im Klassenraum passiert ist“

Genau dort sieht auch Kai Kämmerer die Konsequenz für Schulen. Statt immer ausgefeiltere Methoden zur Überführung von Täuschungsversuchen zu entwickeln, müssten Prüfungen selbst verändert werden. „Wir bräuchten Aufgaben, die viel, viel enger zugeschnitten sind auf das, was im Klassenraum passiert ist“, fordert er. Das niedersächsische Kultusministerium arbeitet nach eigenen Angaben bereits an entsprechenden Formaten. Künstliche Intelligenz könne dabei durchaus als Hilfsmittel eingesetzt werden. Voraussetzung sei allerdings, dass Schülerinnen und Schüler den Entstehungsprozess ihrer Arbeiten offenlegen, den Einsatz von KI transparent machen und ihre Entscheidungen kritisch reflektieren.

Für Kämmerer wäre das mehr als eine technische Anpassung. Es wäre die Chance, dass Lehrkräfte wieder das tun können, wofür sie ihren Beruf gewählt haben: junge Menschen beim Lernen zu begleiten – statt immer häufiger die Rolle von Ermittlern übernehmen zu müssen. News4teachers

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7 Kommentare
vhh
1 Tag zuvor

Enger auf das zugeschnitten, was im Klassenraum passiert – ist das nicht wieder viel näher am alten Auswendiglernen? Natürlich wird in einem modernen Klassenraum an Kompetenzen gearbeitet, kooperativ in offenen Lernumgebungen, mit digitaler Unterstützung und intrinsischer Motivation (/s).
Trotzdem müssen die Aufgabenstellungen offen (und z.T. neu) sein, um die geforderten Kompetenzen und Anforderungsbereiche abzubilden. Genau das ist aber die Revolution durch KI: Kreativität und Fähigkeiten simulieren, nicht mehr nur Fakten sammeln wie der alte Spickzettel.
Die einzigen mir sofort einfallenden Formate sind Praxisarbeiten/Versuche und direkte zusätzliche mündliche Prüfungen. Beides kostet erstens bei 30 Schülern massiv Zeit und entwertet zweitens schriftliche Leistungen, die bisher den Ruhigeren Gelegenheit geben, ihr Verständnis des Themas zu zeigen. Aber extrovertiert ist ja das Erfolgsrezept, immer gut, die Frustrationstoleranz schon in der Schule zu üben.
Die meisten Schüler sind kaum in der Lage, bei einem Referat ‚den Entstehungsprozess zu dokumentieren‘, das sind schließlich keine Uni-Hausarbeiten. ‚Entscheidungen kritisch reflektieren‘ sieht bestimmt in einer ‚Handreichung‘ gut aus, aber was wird daraus in der Praxis? Noch besser, wie unanfechtbar ist eine Bewertung, die auf diesen Kriterien beruht?
Es ist nicht nur eine Frage eines theoretisch funktionierenden neuen Prüfungsformats, viel wichtiger ist, ob diese neuen Formate praktisch durchführbar sind.

Realist
1 Tag zuvor
Antwortet  vhh

Es ist nicht nur eine Frage eines theoretisch funktionierenden neuen Prüfungsformats, viel wichtiger ist, ob diese neuen Formate praktisch durchführbar sind.“

Kleines Gedankenexperiment für die Oberstufe: Schreibt man 3 Klausuren mit 20 Schülern pro Schuljahr, sind das 60 Prüfungen. WIll man dafür mündliche Prüfungen ansetzen mit Themenfindung, Vorbereitung, Erwartungshorizont usw. sind das locker 120 Stunden pro Schuljahr, wenn man auch nur Minimalstandards in der Oberstufe an mündliche Prüfungen ansetzt. Das ist schon einmal 1/15 der Jahresgesamtarbeitszeit nur für diese Prüfungen in einer einzigen Lerngruppe, da ist noch kein dazugehöriger Unterricht vor- und nachbereitet. Dazu noch rechtssichere Dokumentation des Prüfungsverlaufs (was eigentlich auch die Anwesenheit mindestens einer weiteren Person erfordert). Man sieht schon, man kann alleine aus Zeitgründen die Klausuren nicht durch mündliche Prüfungen ersetzen. Es sei denn, man macht nur noch eine einzige pro Lerngruppe und Jahr, aber das dürfte so ziemlich jedem gängigen Erlass widersprechen, der aktuell existiert: Man müsste das gesamte System der Leistungsnachweise also komplett umstellen.

In der Mittelstufe natürlich noch viel mehr Klassenarbeiten, die durch mündliche Prüfungen zu ersetzen wären.

Bin mal gespannt, wohin das Ganze führt. Letztendlich ein weiterer Baustein, der vernünftige Menschen vom Lehrerberuf abhalten wird. Es sei denn man ist Masochist und will sowieso kein Privatleben.

Unfassbar
18 Stunden zuvor

Ich wüsste etwas:
Keine Hausarbeiten mehr ohne mündliche Verteidigung und bei Klausuren technische Störung des stationären und mobilen Internets.
in den Naturwissenschaften zudem Verbot der Taschenrechner und Erhöhung des Matheanteils, in Mathe echte Beweise.

mir ist bewusst, dass das eine Rückkehr zum fachlichen Niveau der 1970er Jahre ist.

tozitna
50 Minuten zuvor
Antwortet  Unfassbar

Hausarbeiten dürfen schon jetzt nicht rein ergebnisorientiert eingesammelt und bewertet werden:
(2) Hausaufgaben können nur dann bewertet werden, wenn
– die zu erbringenden Schülerleistungen in der Schule dargeboten werden,
– die zu erbringenden Schülerleistungen zum Gegenstand einer Leistungserhebung gemacht werden,
– die zu erbringenden Schülerleistungen auf andere Weise eindeutig zugeordnet werden können oder
– die mögliche Unterstützung durch Dritte im Rahmen der Gewichtung der erreichten Note berücksichtigt wird. (VV Leistungsbewertung).

Aber dass in Zeiten von KI&Co immer noch das Fernmeldegesetz herhalten muss, um technische Lösungen für Internetsperren umzusetzen, das halte ich für völlig unsinnig und überzogen. Denn in diesem Punk stimme ich Unfassbar uneingeschränkt zu: Ohne Internet keine KI und, wenn überhaupt, kommt der klassische Spickzettel zum Einsatz (der ja, wie wir dank NfT wissen, durchaus positive Nebenwirkungen hat 😉

tozitna
48 Minuten zuvor
Antwortet  Unfassbar

…ich meine natürlich „technische Lösungen für Internetsperren zu verhindern…“

Mathe Zauberer
4 Stunden zuvor

Wichtig ist, Schülern beizubringen, KI richtig zu verwenden. Dieses unreflektierte Kopieren ohne zu lesen, bringt nichts. Wir sollten nicht nur sehen, wie geschummelt wird, sondern wie Schüler damit richtig lernen. Das ist die Zukunft!