Start Themenmonate Aus- und Fortbildung Referendariatsreform: Angehende Lehrkräfte laufen Sturm gegen mehr Pflichtunterricht

Referendariatsreform: Angehende Lehrkräfte laufen Sturm gegen mehr Pflichtunterricht

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BERLIN. Die geplante Reform des Berliner Referendariats stößt unter angehenden Lehrkräften auf breite Ablehnung. Das geht aus einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin und des Personalrats der Lehramtsanwärter*innen hervor. Vor allem die vorgesehene Erhöhung der eigenverantwortlichen Unterrichtsverpflichtung sowie Kürzungen bei den Fachseminaren sorgen für Kritik. Die Befragten befürchten, dass der Lehrkräftemangel in Berlin künftig stärker zulasten ihrer Ausbildung ausgeglichen werden soll.

Lasst mal. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Kern der zum August geplanten Reform ist eine stärkere Verlagerung der Ausbildung an die Schulen. Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter sollen künftig mehr eigenständigen Unterricht übernehmen, während die Zeiten für den Austausch in den Fachseminaren reduziert werden. Die Ausbildung soll stattdessen stärker durch sogenannte Qualifizierungslehrkräfte an den Schulen begleitet werden. Nach Auffassung von GEW und Personalrat droht damit jedoch eine Verschiebung des Schwerpunkts: weg von Anleitung, Hospitation und gemeinsamer Reflexion, hin zu einer stärkeren Einbindung der angehenden Lehrkräfte in den regulären Unterrichtsbetrieb.

Die Umfrage legt nahe, dass viele Referendarinnen und Referendare diese Entwicklung bereits heute beobachten. Nach ihren Angaben entfallen von den derzeit zehn Ausbildungsstunden durchschnittlich 8,6 Stunden auf vollständig selbstständigen Unterricht. Für Hospitationen bleiben im Schnitt lediglich 0,4 Stunden, für angeleiteten Unterricht 1,7 Stunden. Mehr als 90 Prozent der Befragten lehnen deshalb die geplante Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung auf zwölf Wochenstunden ab.

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Hinzu kommt nach Einschätzung der Befragten eine hohe Arbeitsbelastung. 97 Prozent gaben an, keinen oder höchstens einen Tag pro Woche vollständig frei zu haben. In der Kurzumfrage erklärten zudem 82 Prozent, regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche für das Referendariat zu arbeiten. Gleichzeitig berichteten 72 Prozent, von ihrer Vergütung kaum leben zu können. Fast zwei Drittel bezweifeln darüber hinaus, dass das Referendariat sie ausreichend auf den späteren Beruf vorbereitet.

„Eine gute Lehrerin werde ich nicht dadurch, dass ich einfach mehr unterrichte. Entscheidend sind Anleitung, Hospitation und Reflexion“

Besonders kritisch sehen viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer die geplanten Einschnitte bei den Fachseminaren. Rund 60 Prozent bezeichnen den kollegialen Austausch dort als den hilfreichsten Bestandteil ihrer Ausbildung. Eine Halbierung der Seminarzeiten werde deshalb als Gefahr für die Ausbildungsqualität wahrgenommen. Dass mehr Unterricht allein keine bessere Ausbildung bedeute, zeigt auch eine weitere Antwort: 77 Prozent lehnen die Vorstellung ab, stattdessen mehr eigenverantwortlich zu unterrichten.

An der Kurzumfrage beteiligten sich nach Angaben von GEW und Personalrat rund 500 Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter. An einer ausführlichen Befragung nahmen knapp 150 Personen aus unterschiedlichen Schulformen teil. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch auf einer Pressekonferenz vorgestellt.

Kritik richtet sich allerdings nicht nur gegen die Inhalte der Reform, sondern auch gegen deren geplanten Zeitplan. Nach Angaben der GEW soll die neue Verordnung erst Ende Juli vorliegen, obwohl sie bereits mit Beginn des neuen Ausbildungsgangs im August in Kraft treten soll.

„Auch wir sehen Reformbedarf, damit der Vorbereitungsdienst den sich verändernden und wachsenden Ansprüchen des Berufs Lehrkraft gerecht werden kann. Aber eine Reform, deren Verordnung erst Ende Juli vorliegen und die schon im August starten soll, ist nicht seriös vorbereitet. Gründlichkeit muss vor Schnelligkeit gehen. Sonst droht ein Experiment zulasten der Ausbildungsqualität“, erklärt Lilith Vollmerhaus, Vorsitzende des Personalrats der Lehramtsanwärter*innen.

Die GEW kritisiert darüber hinaus, dass die Bildungsverwaltung bislang keine verbindlichen Mindestvorgaben für Hospitationen und angeleiteten Unterricht vorgesehen habe. Aus Sicht der Gewerkschaft besteht die Gefahr, dass Referendarinnen und Referendare vor allem zur Sicherung der Unterrichtsversorgung eingesetzt werden.

„Eine gute Lehrerin werde ich nicht dadurch, dass ich einfach mehr unterrichte. Entscheidend sind Anleitung, Hospitation und Reflexion. Es muss eine klare, verpflichtende Begrenzung des Anteils selbstständigen Unterrichts für die gesamte Zeit der Ausbildung geben. Sonst droht die Ausbildung der Abdeckung des Unterrichtsbedarfs in den Schulen zum Opfer zu fallen“, erklärt Nele Hoffschildt, Leiterin des Vorstandsbereichs Lehrer*innenbildung der GEW Berlin.

Grundsätzlich spreche aus Sicht der Befragten nichts gegen eine stärkere Praxisorientierung des Referendariats. Voraussetzung sei jedoch, dass ausreichend Zeit für qualifizierte Anleitung, Hospitationen und den fachlichen Austausch erhalten bleibe. Genau diese Elemente würden durch die geplanten Änderungen geschwächt.

GEW Berlin und der Personalrat der Lehramtsanwärterinnen fordern Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) deshalb auf, die Reform nachzubessern. Sie fordern unter anderem den Verzicht auf die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung, verbindliche Grenzen für den selbstständigen Unterricht sowie feste Mindeststandards für Hospitation und Betreuung. Weitere Forderungen betreffen den Nachteilsausgleich für Lehramtsanwärterinnen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen, flexiblere Wechselmöglichkeiten der Ausbildungsschule und familienfreundlichere Veranstaltungszeiten. News4teachers

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats Aus- und Fortbildung. 

Warum gute Lehrkräfte zuerst sich selbst verstehen müssen – Margret Rasfeld über den blinden Fleck der Lehrerbildung

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