Start Leben Ausbildungsreport: Jeder zweite Azubi fühlt sich psychisch belastet – Zufriedenheit sinkt

Ausbildungsreport: Jeder zweite Azubi fühlt sich psychisch belastet – Zufriedenheit sinkt

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BERLIN. Die psychische Belastung vieler Auszubildender ist hoch – und zugleich wächst die Unzufriedenheit mit der Ausbildung. Laut Ausbildungsreport 2026 der DGB-Jugend fühlt sich jeder zweite Azubi psychisch belastet; nur noch 65,7 Prozent sind mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden, so wenige wie noch nie seit Beginn der Erhebung. Dabei geht es nicht allein um Leistungs- und Zeitdruck im Betrieb: Viele junge Menschen sorgen sich um ihre finanzielle Situation, fast zwei Drittel können nach eigener Einschätzung von ihrer Ausbildungsvergütung nicht gut oder gar nicht selbstständig leben.

Belastet. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Jeder zweite junge Mensch in Ausbildung fühlt sich psychisch belastet. Das geht aus einer Umfrage unter mehr als 13.000 jungen Leuten für den Ausbildungsreport des Jugendverbandes des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB-Jugend) hervor. Gründe für die psychische Belastung sind demnach Leistungs-, Zeit- und Verantwortungsdruck sowie Personalmangel im Ausbildungsbetrieb.

Jeweils rund ein Fünftel der Befragten nennt einen dieser Faktoren. Hinzu kommen private Aspekte: Knapp die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt an, ihre finanzielle Situation belaste sie. 35 Prozent nennen ihre Wohnsituation. 65,3 Prozent sagen, sie könnten von ihrer Vergütung weniger gut oder gar nicht selbstständig leben. Fast ein Drittel bekommt Geld von den Eltern, etwa jeder Achte hat neben der Ausbildung noch einen Nebenjob.

Zufriedenheit geht zurück

Der Ausbildungsreport ist eine jährliche Erhebung der DGB-Jugend. Die 13.227 Auszubildenden aus 25 besonders häufigen Ausbildungsberufen wurden innerhalb von zwölf Monaten bis Mai 2026 befragt. Der Schwerpunkt der Befragung liegt in diesem Jahr auf der mentalen Gesundheit.

Daneben fragt der Report regelmäßig nach der Zufriedenheit der jungen Leute mit ihrer Lehrstelle. Das Ergebnis 2026: Die Werte seien eingebrochen, meldet der Gewerkschaftsbund. «Gegenüber dem Vorjahr ist der Anteil der Auszubildenden, die mit ihrer Ausbildung „zufrieden“ oder sogar „sehr zufrieden“ sind, um 5,9 Prozentpunkte zurückgegangen und erreicht mit 65,7 Prozent den niedrigsten jemals im Rahmen des Ausbildungsreports ermittelten Wert», heißt es in der Studie.

Am zufriedensten äußern sich Azubis bei Versicherungen, Industriemechanikern, Verwaltungsfachangestellten, Mechatronikern und Elektronikern für Betriebstechnik. Die geringste Zufriedenheit äußern Azubis bei Friseuren, Malern, Tischlern, Automobilkaufleuten und Hotelfachleuten.

Zweifel an der Ausbildungsqualität

Die DGB-Jugend sieht dahinter Mängel in der Ausbildungsqualität. 35,4 Prozent der Auszubildenden müssten regelmäßig Überstunden machen, 3,1 Prozentpunkte mehr als im Jahr vorher.

Auch sei der Anteil der Auszubildenden gestiegen, die nach eigenen Angaben immer oder häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten leisten müssen. Mit 16,3 Prozent sei ein neuer Höchststand erreicht – ein Plus von 1,6 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. 8,9 Prozent hätten keinen für sie zuständigen Ausbilder, weitere 11,6 Prozent gäben an, ihr Ausbilder sei selten oder nie für sie da.

Etwa ein Fünftel der jungen Leute lernt einen Beruf, der eigentlich nicht geplant war. 8,4 Prozent nennen ihren Lehrberuf eine «Notlösung», bei den Frauen sind es sogar 9,2 Prozent. Junge Leute im Wunschberuf sind zu 78,6 Prozent mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden – bei denen in einer «Notlösung» sind es hingegen nur 29 Prozent. Hier sei die Gefahr eines Abbruchs besonders groß, warnt die DGB-Jugend.

Lehrstellenmarkt angespannt

Hintergrund der Zahlen ist ein zunehmend angespannter Lehrstellenmarkt. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge lag 2025 laut Report bei rund 476.000 und damit 2,1 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor, während die Nachfrage junger Menschen um 0,7 Prozent stieg.

19,9 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber suchten erfolglos. Insgesamt hätten 2,76 Millionen junge Leute zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss, berichtet die DGB-Jugend weiter.

Verbände: Betriebe nicht mit Herausforderungen alleine lassen

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) begrüßte, dass die Studie in diesem Jahr die psychische Gesundheit von Auszubildenden in den Fokus rückt. «Denn psychische Belastungen bei jungen Menschen haben in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen – nicht zuletzt infolge der Corona-Pandemie und angesichts weltweiter Krisen», erklärte der DIHK-Bildungsexperte Nico Schönefeldt.

Diese Entwicklung mache auch vor der beruflichen Bildung nicht Halt. Die Ausbildungsbetriebe seien sich ihrer Verantwortung bewusst, dürften mit den Herausforderungen aber nicht alleine gelassen werden. «Psychische Gesundheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe», betonte Schönefeldt.

Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sprach von Herausforderungen. «Zunehmend kommen Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit erheblichen Lücken bei Grundkompetenzen und Sprachkenntnissen in die Ausbildung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen der Berufsbilder», berichtete der ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke.

Für viele junge Menschen entscheide sich zudem schon an der Frage, ob sie sich eine Wohnung am Ausbildungsort und den täglichen Weg zu Betrieb oder Berufsschule leisten könnten, ob sie eine Ausbildung antreten könnten. Deshalb brauche es bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen in der Ausbildung, etwa durch mehr Azubi-Wohnheime und gezielte Zuschüsse zu den Wohnkosten, forderte Schwannecke.

Handelsverband: Kritik an Ausbildungsqualität greift zu kurz

Trotz des Fachkräftemangels und der wirtschaftlichen Herausforderungen investiere auch der Handel kontinuierlich in die Qualifizierung junger Leute, betonte der Handelsverband Deutschland (HDE). Er wollte die Kritik an der Ausbildungsqualität so nicht stehen lassen. Eine pauschale Kritik greife zu kurz, die Ausbildung im Handel habe sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt, erklärte der Verband.

Für die große Mehrheit der Handelsunternehmen sei die Ausbildung nicht nur eine wirtschaftliche Investition, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung. «Unsere Unternehmen vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern eröffnen vielfältige Karrierewege und bieten langfristige berufliche Perspektiven», erklärte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zum vollständigen DGB-Ausbildungsreport.

Ausbildungsmarkt unter Druck: Warum Schulleitungen die Berufsorientierung jetzt in den Fokus rücken sollten

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11 Kommentare
Jerunda
22 Tage zuvor

Als großes Problem wird angegeben, dass die Vergütung zu gering ist. Bei den derzeitigen Mieten – okay. Aber die meisten wohnen noch bei den Eltern, einige in Wohnheimen der Betriebe, viele bekommen Zuschläge zu den Fahrtkosten u. ä. Zuwendungen … und die Azubi-Vergütung liegt immer noch über der Grundsicherung.und sicher auch über dem Taschengeld, das die Eltern bisher zahlten.
Ausbildungsvergütung 2026 – Was verdienen Azubis?
Es kann natürlich auch sein, dass Eltern etwas vom Azubi-Gehalt abhaben möchten, für Miete und Essen, wenn der Sprössling noch zu Hause wohnt. Solche Rabeneltern soll es geben. Ach ja und Studenten bekommen in der Regel gar keine Ausbildungsvergütung.

Ale
21 Tage zuvor
Antwortet  Jerunda

Mal aus Sicht eines AZUBIS, BW Ortenau, Bäckereifachverkäufer. Die beruflichen Schulen Kehl haben auf Grund der geringen Anmeldezahlen die Klassen verloren. Die Berufsschüler müssen somit nach Karlsruhe an die Berufsschule (geplantes Szenario). Ihr Ausbildungsbetrieb sitzt in Hausach (Oberharmesbach oder Oberkirch wären noch schlimmer), das sind dann 110km mit dem Auto einfach. Pro Berufsschultag sind das ca. 15€ Benzinkosten. Mit der Bahn müssen Sie den Zug um 5:48 ab Hausach nehmen. Wenn Sie das nicht machen kommen zu den 15€ Benzinkosten noch die Parkgebühren dazu.
Bei 2 Berufsschultagen pro Woche sind das 50€ pro Woche und im Monat umd die 225€ nur für die Fahrt zur Berufsschule. Reperatur und Verschleiß sind da noch nicht berücksichtigt. Da sie auf dem Land leben, und früh Arbeitsbeginn haben, kommen sie meist ohne Auto nicht aus. Das sind dann schon mal 500€ im Monat die dafür anfallen (Benzin, Steuer, Versicherung, Reperaturen, Verschleiß). Bei einem Mindestgehalt von 724€ im Monat (brutto) sind dann große Sprünge ohne Unterstützung der Eltern schwer. Und Kleidung, Essen, Handy usw. – was man von den AZUBIs auch verlangt – sind noch nicht bezahlt.

Drum, wenn Sie auf dem Land leben ist das Ganze nicht mehr viel. Und es entsteht ein Teufelskreis: weil weniger die Ausbildung machen (wegen fehlender finanzieller Anreize) verlieren die Schulen die Klassen und die AZUBis müssen noch weiter fahren. Es machen noch weniger die Ausbildung und später fehlt es an Fachkräften und die Betriebe schließen.

Jerunda
21 Tage zuvor
Antwortet  Ale

Das ist richtig. Trifft aber auch auf viele Studenten zu. Die einzige Lösung, die ich da sehe, bezahlbare Wohnheime für Studenten und Azubis.
Und noch ein „dummer Boomer-Spruch“: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ In dem Alter konnten auch wir Boomer keine großen Sprünge machen, aber vielleicht hatten wir auch nicht so hohe Ansprüche?

Ale
20 Tage zuvor
Antwortet  Jerunda

Sehe ich anders, sie müssen dem entgegensetzen, was die Gesellschaft von Ihnen erwartet und hier auch der Arbeitgeber und die Schule. Smartphone mit gutem Internet ist mittlerweile Standard, selbst wir Schulen arbeiten mit Apps und verlangen bei Projektarbeit auf Grund fehlender technischer Ausstattung die Nutzung des Handys. Arbeitgeber erst recht. Die Flexibilität (hier Auto) wird bei fehlen Betrieben auf dem Land auch als selbstverständlich gesehen. Ich habe aus diesem Grund in die obige Rechnung keinen nicht notwendigen „Luxus“ gesetzt. Miete zahlen ist das als AZUBI kaum möglich. Das Gefälle Land zur Stadt und noch mehr zu Großstadtregion (Bsp: Mannheim und Frankfurt) ist hier eben schon extrem.

Susanne M.
20 Tage zuvor
Antwortet  Jerunda

Aber Studenten studieren in der Regel etwas, was sie interessiert. Und je nach Studienfach haben sie eine Zukunft vor sich, bei der sie wissen, dass sie zu den Besserverdienenden gehören werden.

Ich_bin_neu_hier
22 Tage zuvor

«Zunehmend kommen Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit erheblichen Lücken bei Grundkompetenzen und Sprachkenntnissen in die Ausbildung.»

Tja… Wenn Gesellschaft und Politik endlich akzeptieren würden, dass Schule das nicht alleine wuppen kann, weil Schule nicht der einzige Einfluss nehmende Faktor ist (spontan fallen mir Familie, Freundeskreis, sonstiges Umfeld, gesellschaftliche Entwicklungen und die Persönlichkeitsstruktur der jeweiligen Person ein) und dass Schule ihren Teil umso besser beitragen kann, je mehr Ressourcen ihr zur Verfügung stehen (und dass zusätzliche Ressourcen eine gute Investition sind, weil besser ausgebildete Abgänger besser in den Beruf finden und dadurch höhere Steuereinnahmen generieren, was den anfänglichen Mehraufwand für zusätzlich zur Verfügung gestellte Ressourcen mehr als ausgleicht)…

…werden wir da nicht weiterkommen: So einfach ist das.

unfassbar
22 Tage zuvor

Könnte eine Folge sein, wenn bis zum Ende der Schulzeit jeglicher Druck von den Schülern ferngehalten wird, sei es durch die Eltern oder durch die Schule selbst. Die Vorgesetzten in der Firma erwarten zwar dieselben Dinge wie die Lehrer auch. Verstöße dagegen können (und dürfen) die Chefs im Gegensatz zu den Lehrern aber wirksam ahnden.

447
21 Tage zuvor
Antwortet  unfassbar

So ist es.

Dass der plötzliche und nicht nur NICHT vorbereitete Aufprall in der (vorher aktiv verfälschten) Realität dann zu starkem Unwohlsein und sicher auch zu psychischer Velastung führen kann – völlig nachvollziehbar.

Mr. Farmer
21 Tage zuvor
Antwortet  447

Dem stimme ich zu. Zuspätkommen, Materialien vergessen, Beleidigungen…was in der Schule leider eine geringere Konsequenz erfährt, kann in der Ausbildung zu negativen Überraschungen führen. Wundert mich überhaupt nicht, wir predigen das den Abschlussklassen jedes Jahr. Interessiert eben nur wenige.

Susanne M.
20 Tage zuvor
Antwortet  447

„Etwa ein Fünftel der jungen Leute lernt einen Beruf, der eigentlich nicht geplant war. 8,4 Prozent nennen ihren Lehrberuf eine «Notlösung», bei den Frauen sind es sogar 9,2 Prozent. Junge Leute im Wunschberuf sind zu 78,6 Prozent mit ihrer Ausbildung zufrieden oder sehr zufrieden – bei denen in einer «Notlösung» sind es hingegen nur 29 Prozent.“

Dieser Punkt scheint mir maßgeblich zu sein. Man hält nur durch, was man grundsätzlich gerne tut. Das ist für einen Azubi, der lernen musste, was übrig blieb im Gegensatz zu dem Jugendlichen, der seinen Wunschberuf ergattert hat, viel schwieriger.
Dieser Asoekt wird, wenn über Passung geredet wird, fast nie berücksichtigt.
Hier kommen nämlich die Ausbilder und die Firma, das Umfeld, ins Spiel. Kann der Ausbilder die Jugendlichen mitziehen? Kann er gar begeistern? Schafft die Firma eine Atmosphäre, in der sich der Azubi mit ihr identifizieren kann und meistens ( nicht jeder Tag ist gleich) gerne hingeht oder mit Bauchschmerzen?
Ich selbst habe einmal erlebt, dass eine ehemalige Schülerin mir erzählte: “ Der Job ist nicht so spannend. Aber meine Kolleginnen sind super, und wir haben auch Spaß. Unsere Chefin ist auch lieb. Das ist vielleicht besser als eine tolle Arbeit, in der sich aber alle gegenseitig mobben“

Laromir
21 Tage zuvor

wahrscheinlich tragen dazu wie immer mehrere Faktoren bei. Plötzlich steht man ungefiltert in der Realität und nicht mehr in dem doch relativ geschützten Raum der Schule. Vielleicht sind auch teilweise die Ansprüche sehr hoch, sowohl in Ausbildung wie auch im Studium, müssten viele damals schon rechnen und das Geld zusammen halten. die Wohnung war sehr klein, Urlaub war eher nicht drin und auch beim Einkaufen musste man schauen. und dann gibt es sicher noch regionale Probleme mit wenig Wohnraum oder schlechte Anbindung etc. allerdings teilweise auch Bequemlichkeit. Ich hatte auch eine Stunde Fahrzeit mit dem Zug einfache Strecke. Muss man sich organisieren, habe dann nicht am Handy gedaddelt, sondern gelernt. Und zweimal die Woche morgens und abends einen Stunde lernen, hat für alle Prüfungen prima gereicht. Bei den SuS beobachte ich oft, dass Freistunden eben nicht fürs Arbeiten genutzt werden, sondern gechillt wird. Nicht besonders effizient, sondern am Ende stressig. sind sicherlich viele Dinge, die zusammen kommen.