Start Tagesthemen Jede vierte Unterrichtsstunde fach- oder schulartfremd – GEW: Wird noch schlimmer

Jede vierte Unterrichtsstunde fach- oder schulartfremd – GEW: Wird noch schlimmer

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LEIPZIG. Jede vierte ausgewertete Unterrichtsstunde an Sachsens öffentlichen allgemeinbildenden Schulen wird von Lehrkräften fach- oder schulartfremd erteilt. An den Förderschulen sind es sogar fast zwei Drittel. Das geht aus bislang wenig beachteten Daten des Kultusministeriums hervor, die die Staatsregierung auf eine Kleine Anfrage im Sächsischen Landtag vorgelegt hat. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht darin wenige Tage vor Schuljahresbeginn zusätzlichen Sprengstoff: Im neuen Schuljahr sollen deutlich mehr als 5.000 Lehrkräfte abgeordnet werden. Die Gewerkschaft erwartet, dass dadurch der Anteil fach- und schulartfremden Unterrichts weiter steigen wird.

Lehrkräfte-Lotto. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Die Zahlen stammen aus der sächsischen Schulverwaltungssoftware SaxSVS für das Schuljahr 2025/26 und wurden mit Stand vom 26. Juni 2026 ausgewertet. Danach wurden über die vom Kultusministerium ausgewerteten Fächer und Schularten hinweg 25,04 Prozent der Unterrichtsstunden fach- oder schulartfremd erteilt. An Grundschulen waren es 26,98 Prozent, an Oberschulen 29,44 Prozent und an Gymnasien 10,61 Prozent. Besonders hoch fällt der Wert an Förderschulen aus: Dort waren es landesweit 61,62 Prozent.

Für den GEW-Landesvorsitzenden Burkhard Naumann zeigen die Zahlen, welche Risiken mit der geplanten weiteren Verschiebung von Personal zwischen Schulen und Schularten verbunden sind. „Im neuen Schuljahr soll es nun über 5.000 Abordnungen geben. Der Anteil von fach- und schulartfremdem Unterricht wird dabei weiter steigen“, erklärt er.

Damit verschärft sich wenige Tage vor dem Schuljahresstart die Auseinandersetzung über eine Personalstrategie, die Kultusminister Conrad Clemens (CDU) ausdrücklich als Mittel gegen Unterrichtsausfall verteidigt. Bereits im vergangenen Schuljahr setzte Sachsen in großem Umfang auf Abordnungen. Im neuen Schuljahr sollen es noch einmal deutlich mehr als 5.000 werden. Clemens hatte bei der Vorstellung des neuen Schuljahres die „gerechte Verteilung“ der vorhandenen Lehrerinnen und Lehrer über ganz Sachsen als größte Herausforderung bezeichnet.

Aus Sicht des Ministeriums spricht für diese Strategie vor allem die Entwicklung beim Unterrichtsausfall. An den Oberschulen sei dieser im vergangenen Schuljahr um 26 Prozent zurückgegangen. „Deshalb bleibt weiter das oberste Gebot, dass mehr Unterricht an unseren Schulen stattfindet, weniger Unterricht ausfällt“, erklärte Clemens.

Die neuen Zahlen zum fach- und schulartfremden Unterricht zeigen allerdings eine zweite Dimension der Unterrichtsversorgung. Denn eine Unterrichtsstunde gilt nicht als ausgefallen, wenn sie von einer Lehrkraft übernommen wird, die für das entsprechende Fach oder die betreffende Schulart nicht ausgebildet ist. Die Statistik über erteilte und ausgefallene Stunden sagt deshalb für sich genommen nichts darüber aus, wie häufig der Unterricht von entsprechend qualifizierten Fachlehrkräften gegeben wird.

„Abordnungen führen zu immens hohen Belastungen für die betroffenen Lehrkräfte“

Die GEW sieht genau darin ein Problem derAbordnungspraxis. „Abordnungen führen zu immens hohen Belastungen für die betroffenen Lehrkräfte. Während sie sich in andere Lehrpläne und Unterrichtsmaterialien selbstständig einarbeiten müssen, hinterlassen sie in der Stammschule neue Lücken, die geschlossen werden müssen“, kritisiert Naumann. In der Folge entstehe ein „Personalkarussell“, in dem Schülerinnen und Schüler wechselnde Fachlehrkräfte und Klassenleitungen erlebten.

Dabei ist eine Abordnung nicht automatisch mit fach- oder schulartfremdem Unterricht gleichzusetzen. Lehrkräfte können beispielsweise innerhalb derselben Schulart an eine andere Schule versetzt werden und dort weiterhin ihre eigenen Fächer unterrichten. Die GEW geht allerdings davon aus, dass die massive Ausweitung der Abordnungen den fach- und schulartfremden Einsatz weiter verstärken wird.

Wie groß der Druck auf die Personalsteuerung ist, zeigt eine Anlage der Antwort des Kultusministeriums. Sachsenweit beziffert das Ministerium die Differenz zwischen dem für die Abdeckung der vorgesehenen Stunden notwendigen und dem verfügbaren Arbeitsvermögen auf minus 1.171 Vollzeitäquivalente. Berechnet wurde dabei das notwendige Arbeitsvermögen für die tatsächliche Klassen-, Gruppen- und Kursbildung unter Berücksichtigung der einschlägigen Verwaltungsvorschriften.

Besonders deutlich zeigt sich das Defizit an den Oberschulen. Für sämtliche in der Tabelle aufgeführten Landkreise und kreisfreien Städte weist das Ministerium dort negative Differenzen aus. Im Landkreis Görlitz fehlen demnach rechnerisch 83 Vollzeitäquivalente, im Landkreis Bautzen 76, im Landkreis Zwickau 67 und im Vogtlandkreis 62. Auch an Grundschulen und vielen Gymnasien weist die Statistik Defizite aus.

Die GEW befürchtet durch die Abordnungspraxis nicht nur Auswirkungen auf die fachliche Qualität des Unterrichts, sondern auch auf die Personalbindung. Erfahrene Lehrkräfte könnten durch zusätzliche Belastungen früher aus dem Beruf ausscheiden; zugleich verliere Sachsen für Nachwuchslehrkräfte an Attraktivität, argumentiert die Gewerkschaft.

„Die Fehler der Vergangenheit dürfen nicht allein auf dem Rücken der Lehrkräfte bekämpft werden“

Statt der massiven Abordnungen fordert sie andere Instrumente, um Personal insbesondere für Regionen mit großem Bedarf zu gewinnen und erfahrene Lehrerinnen und Lehrer länger im Schuldienst zu halten. Dazu zählt sie attraktiv ausgestaltete Arbeitszeitkonten, Anreize für ältere Lehrkräfte zum Weiterarbeiten und Prämien für junge Lehrerinnen und Lehrer, die sich für Bedarfsregionen entscheiden.

„Wir fordern einen Stopp der massiven Abordnungspraxis und die Entwicklung von gemeinsamen und nachhaltigen Lösungen, wie beispielsweise attraktiven Arbeitszeitkonten, Anreize für ältere Lehrkräfte, weiter zu unterrichten und Prämien für junge Lehrkräfte, in Bedarfsregionen zu gehen“, erklärt Naumann. Seine Forderung verbindet er mit einem grundsätzlichen Vorwurf an die Personalpolitik des Freistaats: „Die Fehler der Vergangenheit dürfen nicht allein auf dem Rücken der Lehrkräfte bekämpft werden.“ News4teachers 

„Das Kultusministerium überspannt den Bogen deutlich“: Tausende von Abordnungen – Lehrerverbände schäumen vor Wut

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