Start Tagesthemen Verhaltensauffällig, weil Eltern psychisch krank sind: Wie Schulen Kindern Halt geben

Verhaltensauffällig, weil Eltern psychisch krank sind: Wie Schulen Kindern Halt geben

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ROSTOCK. Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt, kann das auch den Alltag eines Kindes in der Schule prägen: Manche ziehen sich zurück, andere fallen durch Aggressivität auf oder versuchen, möglichst keine Probleme zu machen. Umso wichtiger sind verlässliche Beziehungen und stabile Strukturen außerhalb der Familie. Fachleute sehen deshalb auch Kitas und Schulen als Orte, an denen betroffene Kinder Entlastung und Halt erfahren können. Doch woran lässt sich erkennen, dass ein Kind Unterstützung braucht – und was hilft ihm tatsächlich?

Aufgefangen. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Wenn ein Kind morgens das Klassenzimmer betritt, bleibt die psychische Erkrankung von Mutter oder Vater nicht automatisch zu Hause. Vielleicht macht es sich Sorgen, was dort geschieht. Vielleicht übernimmt es Verantwortung, die eigentlich Erwachsene tragen müssten. Vielleicht versucht es gerade deshalb, in der Schule möglichst unauffällig zu sein. Oder es reagiert aggressiv, zieht sich zurück und hat Schwierigkeiten, sich auf das zu konzentrieren, was im Unterricht geschieht.

Die Wissenschaftlerin Annika Schunke verweist in einem Beitrag des Deutschen Jugendinstituts (DJI) auf Studien, wonach rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil zusammenlebt. Damit betrifft das Thema keineswegs nur eine kleine Gruppe von Familien – statistisch gesehen dürften Kinder mit entsprechenden Erfahrungen zum Alltag vieler Schulen gehören.

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Zugleich tragen sie ein deutlich erhöhtes eigenes Erkrankungsrisiko. Schunke führt Studien an, nach denen Kinder psychisch kranker Eltern im Vergleich zu Kindern gesunder Eltern ein drei- bis siebenmal höheres Risiko haben, im Laufe ihres Lebens selbst psychisch zu erkranken. Dafür sei nicht allein eine genetische Disposition verantwortlich. Das Risiko werde insbesondere durch psychosoziale Belastungen verstärkt, die mit der Erkrankung eines Elternteils einhergehen können, darunter finanzielle Probleme und soziale Isolation. Die Erkrankung könne so zu einer dauerhaften Belastung für das Familienleben werden.

Wie stark ein einzelnes Kind tatsächlich betroffen ist, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Professor Michael Kölch, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter an der Universitätsmedizin Rostock, warnt vor einfachen Zuordnungen. Grundsätzlich könne jede psychische Erkrankung eines Elternteils Kinder belasten. Entscheidend sei aber: „Es kommt auf die Ausprägung an. Also darauf, wie stark und wie lange Eltern in ihren Beziehungskompetenzen eingeschränkt sind.“

Eine schwere, langjährige Suchterkrankung kann Kinder entsprechend anders belasten als eine milde und zeitlich begrenzte depressive Episode. Hinzu kommt, dass Kinder unterschiedlich auf schwierige Situationen reagieren. Ein eindeutiges Muster, an dem Lehrkräfte oder andere Erwachsene die Betroffenheit erkennen könnten, gibt es deshalb nicht.

„Für betroffene Kinder bedeutet das eine hochgradige Überforderung, unter der die kindliche Entwicklung leiden kann“

Dennoch können bestimmte Verhaltensweisen Hinweise darauf geben, dass ein Kind stark belastet ist. Sabine Wagenblass, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ und Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Bremen, nennt Kinder, die ständig versuchen, Probleme in ihrem Umfeld zu lösen oder als „Clown“ für gute Stimmung zu sorgen. Andere reagieren aggressiv. Wieder andere machen sich nahezu unsichtbar, sind besonders still und versuchen, niemals Schwierigkeiten zu bereiten.

Eine besondere Belastung ist die sogenannte Parentifizierung: Kinder übernehmen Aufgaben und Verantwortung, die eigentlich bei Erwachsenen liegen müssten. „Für betroffene Kinder bedeutet das eine hochgradige Überforderung, unter der die kindliche Entwicklung leiden kann“, sagt Wagenblass.

Gerade für Schulen ergibt sich daraus eine Schwierigkeit: Nicht unbedingt das störende Kind ist das besonders belastete. Auch ein Schüler, der immer funktioniert, sich um andere kümmert und niemals Probleme bereitet, kann Verantwortung tragen, die seinem Alter nicht entspricht.

Hinzu kommen Ängste, die nach außen kaum sichtbar sein müssen. Kinder sorgen sich möglicherweise um das erkrankte Elternteil, um die Zukunft ihrer Familie oder darum, ob sie selbst ebenfalls psychisch erkranken könnten. „Viele Kinder haben aber auch Angst, weil sie sich fragen: Kann ich das auch kriegen?“, berichtet Wagenblass.

Manche Familien sprechen über die Erkrankung dennoch kaum. Scham und die Angst vor Stigmatisierung können dazu führen, dass Kinder mit ihren Erfahrungen weitgehend allein bleiben. Kölch beobachtet, dass Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil häufig isolierter aufwachsen, „weil vieles so anders ist als bei anderen“. Besonders ausgeprägt könne dies bei Suchterkrankungen sein.

Das Deutsche Jugendinstitut weist auf ein weiteres Problem hin: Selbst dort, wo eine erhebliche psychische Belastung der Kinder erkannt wird, kommt professionelle Unterstützung häufig nicht bei ihnen an. Zwar schätzen psychisch kranke Eltern ihre Kinder in Untersuchungen deutlich häufiger als klinisch auffällig und damit behandlungsbedürftig ein als Eltern in der Normalbevölkerung. Im Hilfesystem erreicht wird nach Darstellung des DJI dennoch nur ein kleiner Teil der betroffenen Eltern und Kinder.

Wie groß diese Lücke sein kann, zeigt eine Untersuchung von DJI-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern zur Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten. Ein Drittel der teilnehmenden psychisch belasteten Eltern befand sich demnach selbst in psychologischer Behandlung. Doch nur bei knapp acht Prozent dieser Eltern waren die ebenfalls auffälligen Kinder und Jugendlichen in Psychotherapie.

„Kinder haben so feine Antennen, sie merken sowieso, dass etwas nicht stimmt“

Die Gründe liegen nicht nur bei den Familien. Das DJI nennt fehlendes Wissen über geeignete Angebote, Angst vor Stigmatisierung, vor einer Trennung vom Kind oder einem möglichen Sorgerechtsentzug sowie Vorbehalte gegenüber dem Jugendamt. Zugleich können die Strukturen des Hilfesystems selbst zur Hürde werden. Leistungen verteilen sich auf unterschiedliche Zuständigkeiten und Sozialgesetzbücher; notwendige Abstimmungen und bürokratische Antragsverfahren können den Zugang erschweren.

Gerade deshalb bekommen Institutionen Bedeutung, die Kinder ohnehin täglich erreichen. Jörg Backes, Referatsleiter beim Nationalen Zentrum Frühe Hilfen im Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, nennt ausdrücklich eine gute Betreuung in Kitas und Schulen. Dort könnten betroffene Kinder Entlastung erfahren. Auch Freizeitangebote und der Kontakt zu Gleichaltrigen seien wichtig.

Was Schule leisten kann, liegt dabei zunächst weniger in Therapie als in etwas Elementarerem: Verlässlichkeit. Wenn diese in der Familie zeitweise nicht ausreichend vorhanden ist, gewinnen andere stabile Beziehungen und Strukturen an Bedeutung. Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Gleichaltrige können die elterliche Erkrankung nicht auffangen. Schule kann für ein Kind aber ein Lebensbereich sein, in dem Abläufe vorhersehbar sind, Beziehungen bestehen und es nicht für das Funktionieren einer Familie verantwortlich sein muss.

So beginnt Unterstützung oft deshalb mit etwas, das unspektakulär erscheint: einem Erwachsenen außerhalb der Familie, der aufmerksam bleibt, einem geregelten Schultag, Freundschaften und der Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, die nichts mit der Erkrankung zu Hause zu tun haben. „Aufwachsen lebt davon, dass wir Dinge erleben“, sagt Kölch.

Das gilt umso mehr, weil Kinder die Erkrankung eines Elternteils häufig sehr genau wahrnehmen, selbst wenn Erwachsene versuchen, sie davon fernzuhalten. „Kinder haben so feine Antennen, sie merken sowieso, dass etwas nicht stimmt“, sagt Kölch. News4teachers / mit Material der dpa

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