Start Tagesthemen Erfreulich: Jugendgewalt geht insgesamt zurück – an Schulen besonders deutlich

Erfreulich: Jugendgewalt geht insgesamt zurück – an Schulen besonders deutlich

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STEINFURT. Weniger Raub, weniger Körperverletzungen, deutlich weniger Straftaten im schulischen Kontext: Die Jugendkriminalität in Nordrhein-Westfalen ist 2025 erneut zurückgegangen – und gerade bei Gewaltdelikten zeigen die Daten des Landeskriminalamts eine Entspannung. Das gilt besonders für Schulen. Zugleich bleibt eine Entwicklung auffällig: Bei Kindern unter 14 Jahren ist der Trend weniger eindeutig, bei einzelnen Gewaltdelikten steigen ihre Zahlen sogar. Wie sehr schon eine kleine Gruppe das Sicherheitsgefühl einer Stadt verändern kann, zeigt das Beispiel der Stadt Steinfurt, wo NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) das neue Lagebild vorgestellt hat.

Herbert Reul. Foto: IM NRW

Für Oliver Tieck ist das, was sich seit Monaten in der Burgsteinfurter Innenstadt abspielt, keine „Kleinkriminalität“. Tieck betreibt dort eine Vinothek. Sachbeschädigungen, Diebstähle und Pöbeleien durch eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen hätten inzwischen solche Ausmaße angenommen, berichtete er im Juni den „Westfälischen Nachrichten“, dass er in sozialen Medien dazu aufrief, gemeinsam die Augen offenzuhalten. „Seit Monaten werden wir hier von Kindern und Jugendlichen terrorisiert“, schildert der Ladenbesitzer die Situation.

Die Polizei kennt die Gruppe. Seit mehreren Monaten stehen Kinder und Jugendliche im Verdacht, in Steinfurt – insbesondere im Stadtteil Burgsteinfurt – Diebstähle und Sachbeschädigungen, Beleidigungen und Bedrohungen, aber auch Gewaltdelikte wie körperliche Angriffe begangen zu haben. Einige der Verdächtigen sind noch keine 14 Jahre alt und damit strafunmündig. Die Kreispolizei bündelte Kräfte aus verschiedenen Direktionen, die Behörden richteten Runde Tische ein, der Landrat ordnete auf Antrag der Polizei eine strategische Fahndung an, die zeitweise auch verdachtsunabhängige Kontrollen ermöglicht.

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Dass NRW-Innenminister Herbert Reul nun nach Steinfurt gekommen ist, um die landesweiten Zahlen zur Kinder- und Jugendkriminalität vorzustellen, ist kein Zufall. „So etwas verändert das Gefühl in einer Stadt. Plötzlich fragen sich Menschen: Wer hat hier eigentlich das Sagen?“, sagt der CDU-Politiker laut WDR-Bericht zum aktuellen Geschehen in der Stadt.

„Die Richtung stimmt. Aber deshalb legen wir jetzt nicht die Hände in den Schoß“

Die Antwort, die das neue Lagebild für Nordrhein-Westfalen insgesamt gibt, fällt allerdings deutlich weniger dramatisch aus. Jugendkriminalität und Jugendgewalt haben 2025 nicht zugenommen, sondern sind zurückgegangen. 94.289 Kinder, Jugendliche und Heranwachsende unter 21 Jahren wurden im vergangenen Jahr als Tatverdächtige registriert, 5,7 Prozent weniger als 2024. „Die Richtung stimmt. Aber deshalb legen wir jetzt nicht die Hände in den Schoß“, sagt Reul bei der Vorstellung der Zahlen.

Vor allem bei Jugendlichen und Heranwachsenden zeigt die Statistik nach unten. Die Zahl tatverdächtiger 14- bis unter 18-Jähriger sank um 7,6 Prozent auf 40.601, die der 18- bis unter 21-Jährigen um 6,8 Prozent auf 32.338. Bei Kindern unter 14 Jahren blieb sie dagegen mit 21.350 nahezu unverändert.

Für die Debatte über Jugendgewalt ist allerdings entscheidender, welche Straftaten hinter diesen Gesamtzahlen stehen. Erfreulich: Bei den meisten schweren Delikten zeigt sich eine Entspannung. Auch Körperverletzungen gingen zurück. 26.852 Tatverdächtige unter 21 Jahren registrierte die Polizei, insgesamt 3,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung sank ihre Zahl um 6,2 Prozent auf 12.248.  Allerdings: Bei Kindern geht die Gewalt nicht zurück – im Gegenteil. 7.119 unter 14-Jährige wurden wegen Körperverletzung als Tatverdächtige erfasst. Das waren 437 Kinder beziehungsweise 6,5 Prozent mehr als 2024. Bei Jungen betrug der Anstieg sogar 9,5 Prozent. Bei Jugendlichen sank die Zahl dagegen um 7,3 Prozent, bei Heranwachsenden um 4,4 Prozent.

Noch deutlicher als bei der Jugendgewalt insgesamt ist der Rückgang dort, wo Lehrkräfte ihn unmittelbar erleben: in der Schule. 7.882 Tatverdächtige unter 21 Jahren erfasste die Polizei 2025 bei Straftaten mit unmittelbarem schulischem Bezug. Ein Jahr zuvor waren es noch 9.182 gewesen. Das entspricht einem Rückgang um 14,2 Prozent. Besonders stark sank die Zahl bei mehreren Delikten, die das Sicherheitsgefühl an Schulen besonders prägen: Beim Raub ging sie um 34,6 Prozent von 188 auf 123 zurück, bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung um 11,5 Prozent von 1.995 auf 1.766. Auch Verstöße gegen das Waffengesetz gingen im schulischen Kontext um 26 Prozent zurück.

Körperverletzung bleibt mit Abstand das größte Gewaltproblem in der schulischen Statistik. 4.753 unter 21-jährige Tatverdächtige wurden 2025 in diesem Bereich registriert – 8,8 Prozent weniger als im Vorjahr.

Der Rückgang ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Landesregierung ihre Gewaltprävention an Schulen erst im vergangenen Jahr ausgebaut hat. Gemeinsam stellten Schulministerin Dorothee Feller (CDU) und Reul im September 2025 das Programm „miteinander.stark.sicher – gemeinsam für eine gewaltfreie Schule“ vor (News4teachers berichtete). Es verbindet Deeskalationstrainings für Lehrkräfte und anderes schulisches Personal, gemeinsame Unterrichtseinheiten von Schule und Polizei sowie Gespräche mit Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten auf den Schulhöfen.

„Schule ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft – wir sind deshalb alle gefordert, uns mit dem Thema Gewalt auseinanderzusetzen“

Die Begründung Reuls klang damals noch erheblich alarmierter als die nun vorgelegten Zahlen. „Wir sehen bei der Kinder- und Jugendkriminalität Entwicklungen, die uns besorgen. Immer mehr junge Menschen neigen zu Gewalt“, erklärte er bei der Vorstellung des Präventionskonzepts. „Wir müssen frühzeitig ansetzen, um Schülerinnen und Schülern zu zeigen, wie sie Konflikte gewaltfrei lösen können. Nur so erreichen wir die nötige Wende in der Kinder- und Jugendkriminalität.“

Schulministerin Feller stellte stärker die Belastung der Schulen selbst heraus. „Schule ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft – wir sind deshalb alle gefordert, uns mit dem Thema Gewalt auseinanderzusetzen. Da dies ein soziales Problem ist, gibt es eben auch an den Schulen Vorfälle und Aggressionen, mit denen Lehrkräfte konfrontiert sind“, erklärte sie. Diesen Vorfällen müsse mit „gebündelten Kräften“ begegnet werden.

Die jetzt vorliegenden Zahlen erlauben noch keinen Schluss darauf, welchen Anteil das erst 2025 gestartete Programm am Rückgang hatte. Eine solche Wirkung weist das Lagebild nicht nach. Es zeigt aber, dass sich die Entwicklung, auf die das Präventionsprogramm reagiert, inzwischen verändert hat – durchaus zum Guten.

Dass Prävention trotz rückläufiger Gewaltzahlen nicht überflüssig wird, zeigt ein anderer Teil des Lagebildes. Konflikte junger Menschen verlagern sich teilweise ins Digitale. Während zahlreiche klassische Jugenddelikte zurückgingen, stieg die Zahl der unter 21-jährigen Tatverdächtigen bei Straftaten mit dem Tatmittel Internet um 2,5 Prozent auf 10.369. Reul verwies bei der Vorstellung des Lagebilds darauf, dass Auseinandersetzungen aus der Schule heute häufig über das Smartphone weitergeführt würden. „Das Netz ist kein rechtsfreier Raum. Wer bedroht, beleidigt, erpresst oder andere fertig macht, muss wissen: Die Polizei schaut hin und handelt“, sagt der Innenminister.

In Burgsteinfurt sitzen Kreisjugendamt, Ordnungsamt, Polizei, Staatsanwaltschaft und weitere Behörden mittlerweile gemeinsam am Tisch. Polizeiliche Ermittlungen und Kontrollen werden mit Jugendhilfe und Prävention verbunden. Nach Angaben der Kreispolizei zeigen die Maßnahmen inzwischen Wirkung. „Unsere bisher getroffenen Maßnahmen sind zielführend – jüngste Erhebungen zeigen, dass die Anzahl der Straftaten im Stadtgebiet Burgsteinfurt zurückgehen“, erklärte Uwe Marquardt, Abteilungsleiter der Polizei. News4teachers / mit Material der dpa

Studie zu Jugendgewalt: Brutalere Eltern – sinkender Respekt gegenüber Lehrkräften

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